SKB-Perlen: Werkstattbibel
Die Einleitung des Bandes „Erinnern und erzählen – Das Markusevangelium in- und auswendig lernen“, herausgegeben von Peter Zürn im Rahmen der WerkstattBibel des SKB Zürich, formuliert einen methodischen Lektüreansatz, der theologisch und didaktisch weiterführt. Zentral ist die Unterscheidung zwischen einer ersten und einer mehrfachen Lektüre des Markusevangeliums. Dieser doppelte Zugang entspricht nicht nur dem Aufbau des Evangeliums selbst, sondern greift auch Überlegungen auf, wie sie gegenwärtig verstärkt in der Bibeldidaktik und der Exegese, insbesondere in der Narratologie, diskutiert werden.
Die Erstlektüre des Markusevangeliums nimmt den Text als eine Geschichte des Abbruchs wahr. Vom machtvollen Auftakt bis zum abrupten Ende in Mk 16,8 entfaltet sich eine Dynamik, die nicht auflösbar scheint. Die Jüngerinnen und Jünger verstehen nicht, Frauen verstummen, der Auferstandene erscheint nicht. Diese erste Lesebewegung bleibt an der Oberfläche der Erzählung und nimmt deren Brüche ernst. Sie ist nicht defizitär, sondern notwendig – auch als Spiegel historischer Erfahrungen von Krisen, Scheitern und Sprachlosigkeit in Glaubensgeschichten.
Erst in einer mehrfachen, wiederholenden Lektüre treten andere Spuren zutage. Das Evangelium verweist – am Ende wie am Anfang – auf Galiläa. Der Weg Jesu wird nicht linear, sondern kreisförmig erzählt. Der Text lädt dazu ein, neu zu beginnen, zurückzukehren,
weiterzulesen. In diesem Prozess verschiebt sich die Perspektive: Einzelne Episoden, Figuren und Aussagen gewinnen unter dem Vorzeichen der Auferstehung neue Konturen. Diese Lesebewegung setzt ein gewisses Maß an Vertrautheit mit dem Text voraus, zugleich aber auch die Bereitschaft, sich nicht mit einem abschließenden Verständnis zufrieden zu geben.
Zürn macht diesen Zugang methodisch fruchtbar durch die Verbindung mit dem Konzept des In- und Auswendiglernens. Gemeint ist keine mechanische Reproduktion, sondern eine Form
der Aneignung, die auf Verinnerlichung zielt – im doppelten Sinne: durch Wiederholung und durch Reflexion. Die Orientierung an der jüdischen Tradition des viermaligen Wiederholens, die benediktinische Praxis des memoriter bzw. ex corde, sowie die Rückbindung an biblische Erinnerungskulturen (Anamnesis, Memoria) bilden dafür den Rahmen. Die Verbindung von theologischer Lektüre und didaktischer Praxis ist in diesem Zugang konsequent durchdacht.
Die vorgeschlagene Struktur von Erst- und Mehrfachlektüre ist nicht nur ein didaktisches Modell, sondern auch eine theologische Haltung. Sie nimmt die Spannung zwischen Verstehen und Nicht-Verstehen ernst, ohne sie vorschnell aufzulösen. Gerade darin liegt ihre Stärke: Das Evangelium bleibt ein offener Text, es fordert zur Wiederholung und ständig neuen Fragen heraus.
Die Einleitung ist lesenswert, weil sie zentrale Fragen des Umgangs mit biblischen Texten in einer Weise artikuliert, die sowohl exegetisch reflektiert als auch praktisch anschlussfähig ist. Der Band eignet sich nicht nur für die Arbeit mit Gruppen, sondern auch für die persönliche Auseinandersetzung mit dem Markusevangelium – in der Bereitschaft, Texte tiefer verstehen zu wollen, sie mehrfach zu lesen und sich von ihnen herausfordern zu lassen.
von Franz Tóth

Erinnern und erzählen. Das Markus-Evangelium in- und auswendig lernen
Peter Zürn
WerkstattBibel Band 12
