Biblische Beiträge 1943
Ein theologisches Heft aus dem Jahr 1943 – unscheinbar im Format, entschieden im Inhalt. Die erste Ausgabe der Biblischen Beiträge widerspricht dem Antisemitismus der NS-Zeit und verteidigt die bleibende Bedeutung des Alten Testaments für den christlichen Glauben. Ein früher Beitrag der SKB – und ein bleibender Auftrag.
Ein Heft aus den Anfängen des SKB
Januar 1943. Der Krieg tobt in Europa, die Judenverfolgung erreicht ihren grausamen Höhepunkt, und in Deutschland versuchen Theologen, das Christentum von seinen jüdischen Wurzeln zu lösen.
Mitten in dieser Zeit veröffentlicht die Schweizerische Katholische Bibelbewegung (SKB) ein Heft einer neuen Reihe: Biblische Beiträge. Titel: „Ist das Alte Testament unchristlich?“, geschrieben von F. Zihler. Es ist eine Reaktion auf eine der gefährlichsten Ideen jener Zeit – die Behauptung, das Alte Testament sei eine fremde, gar „jüdische“ Last, die das Christentum hinter sich lassen müsse.
Heute, über 80 Jahre später, liegt dieses Heft vor uns wie ein leises, aber entschiedenes theologisches Zeugnis gegen einen Zeitgeist der Ausgrenzung.
1943 – Eine theologische Front im Krieg
Während sich Armeen in Stalingrad gegenüberstehen und Millionen von Menschen in Konzentrationslagern sterben, entfaltet sich ein anderer, kaum minder zerstörerischer Kampf: ein ideologischer Krieg gegen das Judentum – auch im Raum der Kirche.
In Deutschland arbeiten die sogenannten „Deutschen Christen“ daran, das Alte Testament aus der Kirche zu verdrängen. Sie erklären es zur „jüdischen Schrift“, unvereinbar mit einem angeblich „arischen Christentum“. Theologen wie Walter Grundmann arbeiten an einer „entjudeten Bibel“, in der Jesus von seinen jüdischen Wurzeln losgelöst werden soll.
Der Autor des Heftes erkennt diese Tendenzen klar – und widerspricht mit theologischer Deutlichkeit. Gleich zu Beginn heißt es: Diese Angriffe gegen das Alte Testament „fußen nicht primär auf theologischen Erwägungen, sondern auf der rassischen Verschiedenheit der Völker.“ (S. 1) Die Trennung zwischen Altem und Neuem Testament wird mit klaren Blick als „künstliche Konstruktion“ entlarvt – ein Versuch, die christliche Tradition von ihrer eigenen Herkunft abzuschneiden. Dagegen setzt Zihler eine pointierte theologische Argumentation:
- Das Alte Testament ist nicht die Schrift einer einzelnen Nation, sondern das Fundament des christlichen Glaubens.
- Wer das Alte Testament ablehnt, lehnt die Wurzeln der Kirche selbst ab.
- Jesus war Jude – seine Lehre ist ohne das jüdische Erbe nicht zu verstehen.
Zentral ist dabei die Einsicht: Das Alte Testament ist universale Offenbarung. Seine Wahrheit gilt nicht exklusiv für Israel, sondern für alle Menschen. Wer das verkennt, verfehlt das Wesen der biblischen Botschaft.
Ein mutiges Wort in den Anfängen des SKB
Wichtig ist, den historischen Kontext im Blick zu behalten: Der Autor schrieb nicht aus sicherem zeitlichen Abstand, sondern mitten im Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz war zwar neutral, aber auch dort gab es Sympathien für den Nationalsozialismus – auch in kirchlichen Kreisen. Die SKB hätte sich bequem zurückhalten können. Stattdessen aber veröffentlichte sie ein theologisches Wort gegen den Strom der Zeit.
Die Biblischen Beiträge stehen im Brennpunkt einer Zeit, in der die Nazis versuchten, Gott zum Diener ihrer Rassenideologie zu degradieren. Genau hier setzte die SKB an. Sie veröffentlichte dieses Heft, um öffentlich zu zeigen: Der Gott Israels ist nicht ein „Nationalgott der Juden“, sondern Schöpfer der ganzen Welt. Die Schrift des Alten Testaments als moralisch minderwertig abzuwerten, wäre nicht nur theologisch kurzsichtig – sondern auch geistlich zerstörerisch. In kraftvoller, klarer Sprache klagt der Verfasser die antisemitischen Tendenzen jener Jahre an und verteidigt leidenschaftlich das Alte Testament. Das Anliegen ist deutlich: Dieselbe Bibel, die Jesus Christus bezeugt, spricht auch zu uns durch die Geschichte Israels. Und wer sich davon lossagt, riskiert den Verlust essentieller Werte – Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, Gottesliebe.
Warum dieses Heft heute noch relevant ist
Man könnte meinen, die Diskussion um das Alte Testament sei ein historisches Relikt – ein Streit, den die Kirche im 20. Jahrhundert längst hinter sich gelassen hat. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich: Die Fragen, die 1943 zur Veröffentlichung des Hefts führten, sind auch heute noch überraschend aktuell.
Immer wieder gab und gibt es Versuche, das Alte Testament in seiner Bedeutung für den christlichen Glauben zu relativieren oder zu marginalisieren. In akademischen Debatten wurde vereinzelt infrage gestellt, ob es noch denselben Rang im Kanon beanspruchen könne wie das Neue Testament. Dabei schwingen – teils unbewusst – alte Muster mit: die Vorstellung, das Alte Testament sei „fremd“, „blutig“, „gesetzlich“, ein Gegenbild zur „reinen Liebe“ des Neuen Testaments.
Solche Denkfiguren wirken tief. Sie begegnen uns in Diskussionen über den Gottesbegriff, in Bibelstunden, in populären christlichen Publikationen – und sie prägen nicht selten das Bauchgefühl vieler Christinnen und Christen: „Mit dem Alten Testament kann ich nichts anfangen.“
Gerade deshalb ist das Heft von 1943 so bemerkenswert. Denn es stellt sich dieser Haltung entschieden entgegen – und das mit theologischer Schärfe, die bis heute an Gültigkeit nichts verloren hat.
Ein bleibender Auftrag – und eine bleibende Verantwortung
Das Heft von 1943 war mehr als ein theologischer Debattenbeitrag. Es war Ausdruck eines Grundanliegens, das die Schweizerische Katholische Bibelbewegung seit ihrer Gründung trägt: die Heilige Schrift in ihrer ganzen Fülle ernst zu nehmen – Altes und Neues Testament – als lebendiges Fundament des christlichen Glaubens.
Gerade in einer Zeit, in der viele Stimmen die Bibel nur noch selektiv wahrnehmen oder die Texte des Alten Testaments an den Rand drängen wollen, bleibt dieser Auftrag aktuell – ja, dringend.
Die SKB steht bis heute für diesen ganzheitlichen Blick. Sie setzt sich dafür ein, dass die Bibel als Ganzes erschlossen, verstanden und ins Leben übersetzt wird – im Alltag, in der Liturgie, im Gespräch mit der Welt. Denn nur wer beide Testamente zusammen liest, kann erkennen, wie Gottes Geschichte mit den Menschen von Anfang an eine Geschichte der Treue, Gerechtigkeit und Hoffnung ist.
Zugleich zeigt das Heft eine Haltung, die heute wieder an Bedeutung gewinnt: die klare Abgrenzung gegenüber Antijudaismus, Rassismus und religiöser Ausgrenzung. Was damals als Antwort auf den kirchlich-theologischen Antisemitismus notwendig war, ist auch heute eine aktuelle Herausforderung. Der wiedererstarkende Antijudaismus – in offenen und subtilen Formen – fordert die Kirchen und christlichen Gemeinschaften zur Stellungnahme und zum Handeln heraus. Die SKB steht mit ihrer Arbeit in einer Tradition des Widerspruchs gegen jede Form von Ausgrenzung.
von Franz Tóth
