»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Medienmitteilung zum neuen Heft „Bibel und Kirche“

Dieses Zitat aus Psalm 22 könnte wohl kaum aktueller sein als heute. In den Medien wird vom Iran-Krieg berichtet und schon gemutmasst, ob sich dieser Konflikt weiter ausbreiten wird. Psalm 22 kennt das Leid der einzelnen Menschen, die teils unbeteiligt, vom Krieg betroffen sind und die Klage an Gott ausdrücken, als letzten Halt und letzten Schrei um Hoffnung und Rettung.

Egbert Ballhorn verweist auf die christliche «Vereinnahmung» von Ps 22 als Wort Jesu am Kreuz und zeigt zugleich auf, welche Rolle dieser Text in der Tradition Israels spielt. Der rufende Beter fühlt sich von Gott verlassen und sucht doch die Nähe zu Gott, in der Hoffnung auf die Zuwendung Gottes und seine eigene Rettung. Zudem geht die Klage davon aus, dass der Beter nichts Verwerfliches getan hat und deshalb mit seinem Schicksal und damit mit Gott ringt. Im Fortgang des Psalms wird die Bitte erhört und der Beter errettet, so dass ein Danklied angestimmt werden kann.

Das Ps 22 in den Passionserzählungen nicht nur in den Mund Jesu gelegt wurde, sondern eine Art Drehbuch für die Passionserzählungen lieferte, beschreibt Michael Theobald. Sowohl in Ps 22 als auch in den Erzählungen über Jesus tritt das doppelte Motiv von Klage und Lob auf. Die Evangelien verwenden oft Psalm-Zitate, aber nur die Kreuzigungsszene ist ausschliesslich von Ps 22 geprägt. Das geht so weit, dass Ps 22 auf die Königsherrschaft Gottes in der Rede Jesu gedeutet werden kann.

Auf die jüdischen und christlichen Traditionen, in denen Ps 22 rezipiert wurden, gehen Marc Zvi Bretter und Amy-Jill Levine ein. Allein durch den Kontext der Interpretation des Psalms kann der Text anders gedeutet werden. So deuten Christ*innen Ps 22 auf Jesus hin, was sich bereits an der literarischen Aufnahme in den Evangelien zeigt. In der jüdischen Tradition spielt Ps 22 nicht so eine grosse Rolle und kann zumeist auf drei Arten gelesen werden: in Bezug auf Königin Ester, auf König David oder auf irgendeinen anderen Messias. Erschwerende kommen die verschiedenen Übersetzungen hinzu, die jeweils andere Akzente setzen.

Marianne Grohmann erkennt in Ps 22 eine Geburtsszene, in der Gott wie eine Hebamme wirkt. Dramatisch wird eine Geburtsszene vorgestellt, in der das Kind herausgezogen wird und doch Vertrauen und Geborgenheit findet. So zeigt sich von Beginn des Lebens an der je eigene Gottesbezug. In V. 30 könne auf eine Fehlgeburt verwiesen sein; und auch diese zu früh verstorbenen sollen ins Lob Gottes einstimmen und so Anteil am Leben haben.

Die Klage ist eine Art und Weise mit Traumata einen Umgang zu finden, worauf Nokolett Móricz verweist. So kann Ps 22 in einer traumasensiblen Lektüre genutzt werden, um traumatische Erfahrungen in Bezug auf das Selbst-, Menschen- und Gottesverhältnis auszuhalten und aufzufangen. Im Gebet eröffnet sich der Weg zum Warten auf die Antwort Gottes. In der Spannung von Verstummen und Aussprechen zeigt sich die Schwierigkeit im Verbalisieren von Traumata, die bestenfalls zu einer Selbstaussage und zum Dank führen kann.

Judith Gärtner knüpft an Krisenerfahrungen an, deren Bewältigung zu einer Resilienz führen kann. So kann das Lesen des Ps 22 zu einer Resilienzfähigkeit führen, da der Dreischritt von Klage, Bitte und Vertrauen gesehen und antrainiert wird. In Zeiten des Friedens schienen Klagepsalmen sehr fremd zu sein; in Kriegszeiten und konkreten Kriegssituationen können diese Psalmen wie auch Ps 22 zu einem Rettungsanker der Hoffnung werden. Deshalb geht Jelena Herasym auf konkrete Kriegserfahrungen unserer Zeit ein und verknüpft diese mit den Aussagen bzw. Klagen der Psalmen.

Jean-Pierre Sitzler

Die vielen Dimensionen von Psalm 22

CHF 11.00

Bibel und Kirche 1/2026