Judit abseits der Klischees

Die neueste Ausgabe des Heftes «Bibel und Kirche» nimmt die facettenreiche Figur der Judit in den Blick. Mit dieser biblischen Erzählfigur sind viele verschiedene Bilder einer Frau verbunden: fromm, gottesfürchtig, stark, durchsetzungsfähig, siegreich. Wie können diese Facetten in ein Gesamtbild eingebettet werden oder sogar noch vervielfältig? Gerade im Blick auf Bedrängung, Konflikt und Krieg ist die Auseinandersetzung mit dieser Person für die Gegenwart wichtig und wegweisend.

Judit gilt als Retterin in der Bedrohung. Ihre Klugheit, theologische Einsicht und ihr Mut helfen ihr, sich dem grossen, mächtigen Herrscher Nebukadnezzar entgegenzustellen. Der selbsternannte Gott Nebukadnezzar scheitert in seinem Vorhaben und selbst seine militärische Stärke hilft nicht. Judit zeigt auf, dass der Gott Israels der einzige und wahre Herrscher der Geschichte ist. Die Juditerzählung konnte auf verschiedene Situationen in der Geschichte gedeutet werden und Judit wurde gedeutet als biblische Retterin, politische Heldin, femme fatale, feministische Ikone und patriarchale Projektion.

Marlen Bunzel nimmt Sie zunächst mit auf eine Erzählreise: Wie entstehen Geschichten, die nicht historisch sein können und doch viele Emotionen hervorrufen? Das Juditbuch versucht genau das. Es ist eine Fiktion in historisierendem Gewand als eine Art Gleichnis. Ein Lernen für die Gegenwart und die Zukunft ist das Ziel dieser Erzählung. Zudem zeigen sich Parallelen zu anderen biblischen Geschichten (Jaël, Debora, Mirjam, Hannah), so dass diese Erzählung einer Text-Collage gleicht. Diese wunderbare Erzählung kann sowohl als einfache Geschichte gelesen werden als auch mit vielen Parallelen, literarischer Tiefe in Dichtung und Ironie. Insgesamt bleibt es ein Werk, das auf das Gottvertrauen verweist.

Neben der Bibel liefert auch die griechische Geschichte ähnliche Erzählungen, auf die die Juditerzählung zurückgreifen konnte, wie Barbara Schmitz aufzeigt. Die Frage nach dem Tyrannenmord und seiner ethischen Begründung steht im Raum. Das Volk Israel wurde bedroht und Judit hat das Volk befreit. So geht es in der Erzählung zwar um Gewalt, aber zugleich sei das Kriegsende angezielt.

Besonders in der feministischen Bibelauslegung wurde Judit als starke Frau ins Zentrum gestellt. Durchaus hat Judit starke, wehrhafte, selbstbestimmte Züge. Zugleich nimmt Mathias Winkler eine männliche Perspektive auf Judit ein und versucht Judit als Erzählfigur zu deuten. Zum einen könnte Judit als Personifikation für das Volk Israel an sich stehen, weshalb sie wie jede andere Personifizierung weiblich dargestellt wird, und zum anderen zeigt sich diese Frau als dem Mann gefährlich werdende, «nicht kontrollierte» Frau, die als Bedrohung für Männer gesehen werden kann. Die letztgültige Deutung muss offenbleiben, wobei verschiedene Perspektiven nachvollziehbar aufgezeigt werden.

Lucas Brum Teixeira nimmt die mittelalterliche, jüdische Juditrezeption in den Blick. Lange Zeit galt das Juditbuch in jüdischen Kreisen weniger wichtig. Besonders durch die Unterdrückungs- und Ausgrenzungserfahrungen jüdischer Gemeinden wurde die Juditerzählung bedeutsamer. In dieser Zeit wurde die Geschichte der Judit vielfach rezipiert und überarbeitet, wobei auf die Vulgata zurückgegriffen wurde.

Marc Wischnowsky und Michaela Veit-Engelmann greifen die Einstellung Martin Luthers zum Juditbuch auf und verweisen zugleich auf seine ambivalente Darstellung. So wurde das Buch Judith nicht in biblischen Kanon nach Luther aufgenommen, da keine hebräische Vorlage besteht. Zugleich reiht Luther das Buch Judit innerhalb der Apokryphen als erstes Buch ein, weshalb es eine besondere Stellung hat. Denn Judit zeigt sich als gottesfürchtige Frau im Vertrauen auf Gott. So wie Luther auf die nützliche Lektüre des Buches verweist, so kann für diese Ausgabe des Heftes Bibel und Kirche gleiches gesagt werden, das es zu lesen gilt.

Judit abseits der Klischees

CHF 11.00

Bibel und Kirche 3/2025