Die Pharisäer. Vorurteile, Fakten, Einsichten

Keine Gruppe taucht in den Evangelien als Gegenspieler Jesu öfter auf als die Pharisäer. Entsprechend sind die Vorstellungen über sie weitgehend negativ geprägt: Heuchler, Buchstabengelehrte, denen es allein um eine strenge Einhaltung der Tora und der Reinheitsvorschriften ginge. Das neue Heft von «Welt und Umwelt der Bibel» geht den gängigen Klischees, die bis heute christliche Vorstellungen über diese jüdische Laienbewegung prägen, kritisch nach. Nach dem jüdisch-römischen Krieg (66-70) sind die Pharisäer die massgebenden Tradenten der Tora, die schliesslich in der rabbinischen Bewegung aufgehen.

Zur Zeit Jesu konkurrieren sie vor allem mit den konservativen, den Tempel beherrschenden und mit den Römern kollaborierenden Sadduzäern und mit den antirömisch und gewalttätig agierenden Zeloten. Ihre Bedeutung auch für jüdische Diasporagemeinden ausserhalb Israels weist sie als kompetente Theologen und Toraexegeten aus, die sich darum bemühen, jüdischen Glauben und jüdisches Leben in einer oft antijüdisch geprägten Mehrheitsgesellschaft zu ermöglichen, nicht selten durch Abgrenzung von der torafremden Lebenspraxis der griechisch-römischen Kultur. Damit wurden sie im jüdischen Volk weitegehend akzeptiert und geschätzt. Darum ist das Pharisäerbild der Evangelien vom historischen Profil der Pharisäer zu unterscheiden. Wie nah Jesus wirklich den Pharisäern stand, lässt sich nach heutigem Kenntnisstand nicht eindeutig ermitteln. Eine pauschale Entgegensetzung von Gesetz und Evangelium wird der Problematik jedenfalls nicht gerecht.

Eine besondere Rolle bei der Frage nach der Bedeutung der Pharisäer zur Zeit Jesu spielt Paulus, der sich selbst als Pharisäer bezeichnet im Hinblick auf sein Toraverständnis. Wie Jesus geht es ihm um eine menschendienliche Auslegung der Tora, und zwar im Blick auf alle Menschen.

Das aktuelle Heft von WUB bietet neben historischen und theologischen Abklärungen über die Rolle der Pharisäer auch einen Einblick in die vielfach antisemitisch geprägte Rezeptionsgeschichte über die Rolle der Pharisäer im Neuen Testament und liefert u.a. an ausgewählten Beispieltexten Anregungen, diese Sichtweisen zu korrigieren.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Analyse von Kinderbibeln, die die feindliche Sicht der Pharisäer reproduzieren. Auch aktuelle Kinderbibelausgaben werden vor diesem Hintergrund gesichtet und besprochen.

Das neue Themenheft über Pharisäer wird abgerundet durch ein Interview mit dem Beauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland für den Kampf gegen Antisemitismus. U.a. erläutert er die antisemitischen Hintergründe jenes bekannten Kaffeegetränks, das als «Pharisäer» bezeichnet wird.

Wichtige Hinweise auf aktuelle und weiterführende Publikationen zum Heftthema wecken Geschmack an einer Vertiefung der angesprochenen historischen und aktuellen Probleme. Nach der Lektüre des Heftes wünsche ich mir im Blick auf die Defizite und Ungenauigkeiten in verschiedenen aktuellen theologischen Diskursen und Diskussionen mehr schriftgelehrte Pharisäerinnen und Pharisäer in unseren Kirchen.

Dr. Bernd Ruhe, Mörschwil, 20.10.2025

Die Pharisäer. Vorurteile, Fakten, Einsichten

CHF 21.50

Welt und Umwelt der Bibel 4/2025