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Rudolf Hoppe, Jesus von Nazaret. Zwischen Macht und Ohnmacht   

Buch des Monats Juli 2012

An Jesusbüchern besteht zurzeit wahrlich kein Mangel. Doch während beispielsweise Joseph Ratzingers Jesusbücher versuchen, die päpstliche Dogmatik mit neutestamentlichen Textstellen zu belegen, geht das vorliegende Buch des emeritierten Bonner Neutestamentlers Rudolf Hoppe den entgegen gesetzten Weg. Dieser lässt sich als eine «Spurensuche» im besten Sinne beschreiben. Dabei möchte er den vielfach beschriebenen «historischen Graben» von 1900 Jahren keinesfalls überspringen. Aber er bleibt auch nicht bei den Ergebnissen von mehr als 200 Jahren historisch-kritischer Forschung stehen, obwohl er sich ganz auf den historischen Jesus von Nazaret konzentriert und das, was sich wissenschaftlich abgesichert von ihm sagen lässt.

Hoppe hat mit «Jesus – Von der Krippe an den Galgen» bereits 1996 ein Jesusbuch vorgelegt, das er hier stark überarbeitet und vor allem um ein Kapitel zur lebenspraktischen Weisheit Jesu ergänzt hat. Er zeigt Jesus im historischen Umfeld seiner Zeit, das er vielfach mit Quellentexten aus der zwischentestamentlichen Literatur wie auch des griechisch-römischen Raumes belegt. Immer führt er auch ein in den Verlauf der Jesusforschung zu den einzelnen Themen um seine eigenen Ergebnisse zu begründen. So widmet sich ein 1. Kapitel der Frage nach dem «authentischen» Jesus und ihren Implikationen, vor allem was die Geschichtlichkeit der neutestamentlichen Evangelienschriften und ihren Bezug zur Gattung der antiken «Biographie» betrifft. Im 2. Kapitel geht es um die Beziehung Jesu zu Johannes dem Täufer, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede und die Frage, welche Konsequenzen dies für Jesu eigene Verkündigung hatte. Hoppe ist davon überzeugt, dass Jesus vor seiner eigenen öffentlichen Tätigkeit selbst zum Kreis des Täufers gehört hat, dann aber in einer Art Berufungserlebnis, dessen Spuren sich noch in Lk 10,18 erhalten haben, seine eigene Rolle als charismatische Führungsfigur gefunden hat, durchaus in Abgrenzung zur Predigt des Täufers: «Jesus sah viel mehr Potential in der Geschichte und im Menschen. Das konnte er aber nur, weil die heilvolle Zuwendung Gottes zur Schöpfung und seinen Geschöpfen sein Gottesbild bestimmte und er diese Nähe mit seinem Wirken abzubilden suchte.» (S. 44) Wie ein roter Faden ziehen sich diese beiden Komponenten – am Schöpfungshandeln Gottes orientiertes Gottesbild Jesu und der Versuch Jesu, diese Nähe in seinem Reden und Handeln sichtbar zu machen – durch das Jesusbuch von Hoppe.

Wenn er im 4. Kapitel (Jesus und seine Bewegung) Jesus als Propheten beschreibt, der auf den ersten Blick durchaus verwechselbar gewesen sein muss mit den hellenistischen Wanderphilosophen seiner Zeit, so betont er doch im Gegensatz zu diesen die Radikalität Jesu, dem es nicht in erster Linie um die «innere Seelenruhe» geht, sondern darum, dass Menschen frei werden von allen Verstellungen und Blockierungen. Insofern sieht es Hoppe als logische Konsequenz, dass Jesus nicht nur Männer, sondern auch Frauen in seinen Nachfolgekreis aufgenommen hat und fragt mit Recht, inwiefern die (römisch-katholische) Kirche dieser Handlungsintention des Nazareners gerecht wird: «Auf fast allen Feldern kirchlichen Lebens lassen sich … Fragen stellen. Genannt seien hier nur das Verhältnis von kirchlichem Amt und der Kompetenz des Volkes Gottes sowie die Rolle der Frau in der Kirche. Hier liegen, biblisch gesehen, nicht zu verschweigende Defizite der geschichtlich gewachsenen Kirche, die auch nicht durch obrigkeitliche Anordnungen kaschiert werden können.» (S. 74)

Das mit Abstand umfangreichste Kapitel seines Buches widmet Hoppe Jesus und seiner Predigt von der Gottesherrschaft. Er ist sich bewusst, dass dieser Begriff der «Gottesherrschaft» für den heutigen Zeitgenossen ein wenig abstrakt erscheinen mag, und bemüht sich deshalb, diesen zentralen Punkt der Verkündigung Jesu aus der biblischen Tradition herzuleiten und vor allem als Geschehen zu beschreiben – und eben nicht einfach als «objektiven Gegenstand» oder theologischen Begriff. Auch hier wieder spielt das vom Schöpfungsglauben inspirierte Gottesbild Jesu eine wichtige Rolle, wenn er die Gottesherrschaft grundsätzlich allen anbietet, auch und gerade denen, die scheinbar ausserhalb stehen. Und es zeigt sich als fast notwendige Konsequenz aus dem Geschehenscharakter der Gottesreichsbotschaft, dass ihre Verkündigung erzählerisch geschehen muss und eben nicht in abstrakten theologischen Definitionen. Dass Jesu Verkündigung in Gleichnissen diesem Anspruch in geradezu idealer Weise entspricht, erschliesst Hoppe in einem Unterkapitel zur «Predigt von der Gottesherrschaft als Gleichnisrede» – für mich einer der Höhepunkte des Buches! Mit ausgewählten Gleichnisauslegungen zeigt Hoppe, wie Jesus im Gleichnis eine Welt konstruieren kann, die über die vorhandene reale Welt hinausgreift und die Hörerinnen und Hörer dadurch einlädt, sich diese neue Sichtweise selbst zu Eigen zu machen. Dass dies nicht einfach nur einen Perspektivenwechsel beinhaltet, sondern auch ein persönlich zu tragendes Risiko birgt, betont Hoppe immer wieder: «Diese Perspektive erfordert höchste Risikobereitschaft. Dahinter steht ein grosses Zutrauen Jesu an den Menschen. Gottesherrschaft bedeutet nicht ,Versorgung mit Heil’, sondern Provokation menschlichen Potentials, fordert risikoreichen Einsatz aller zur Verfügung stehenden Fähigkeiten.» (S. 107)

Das bereits oben erwähnte 6. Kapitel «Jesus und der Mensch in seinem Alltag» wirkt dann auf den ersten Blick fast als Fremdkörper. Hier begegnet uns der weisheitliche Jesus, der Lebenslehren in kurze einprägsame Sprüche kleidet und dadurch den Menschen Orientierungen für ihre Lebensgestaltung mit auf den Weg gibt. Hier kommt der Mensch als «Jäger und Sammler» in den Blick, hier begegnen die Ermutigungen zur Sorglosigkeit wie auch die Mahnungen zur rechten Selbsteinschätzung und zur Ehrlichkeit. Diese lebenskluge Seite Jesu gehört aber genauso zum Jesusbild des Neuen Testaments. Und sie zeigt ihn einmal mehr als einen Menschen, der in kein Schema passt.

Im Schlusskapitel «Jesu Weg ans Kreuz» fragt Hoppe nach dem, was sich gesichert über den Prozess Jesu und seine Hinrichtung sagen lässt. Dabei spielen die Fragen nach einer eventuellen Todeserwartung Jesu genauso eine Rolle wie die nach dem Verhaftungsgrund. Hoppe zeigt sich skeptisch, was die Todeserwartung Jesu angeht, weil sie seiner prinzipiell positiven Perspektive, die ihn nach Jerusalem ziehen liess, widersprechen würde. Und er zeigt, warum es auch mehr als unwahrscheinlich ist, dass Jesus selbst seinen Tod gedeutet hat: «Wenn Jesus von seinen Adressaten forderte, sich ohne Wenn und Aber mit allen Risiken auf Gott zu verlassen, dann gilt es zunächst für ihn selbst, dieses Gottesbild in seine eigene Praxis umzusetzen. Wenn er also während seiner irdischen Wirksamkeit eine in sich stimmige Begründung für sein gewaltsames Sterben gegeben hätte, hätte er im Grunde seine eigene Forderung, sich mit allem Risiko auf Gott einzulassen, schon im Ansatz aufgehoben.» (S. 158) Und, auch wenn es Hoppe nicht dezidiert ausspricht: Jede «vernünftige Erklärung», jedes Deutungsmodell, wie es sich dann in den neutestamentlichen Schriften und in der Tradition der Kirchen finden wird, nimmt etwas weg von der Provokation Jesu, sich vorbehaltlos und «unvernünftig» ganz auf diesen Gott zu verlassen, d. h. auf den Ruf und Anspruch Jesu auch existentiell bejahend zu antworten.

Hoppe beschliesst sein Buch mit einer lesenswerten «Schlussüberlegung» in der er Heinrich Heine zu Wort kommen lässt, der noch einmal zugespitzt auf den Skandal aufmerksam macht, dass es Fragen gibt, die nie beantwortbar sein werden. Noch einmal Rudolf Hoppe: «Es ist schon ein letztlich unergründliches Rätsel, dass die eigentliche Botschaft Jesu darin besteht, dass er von sich aus die Beziehung auch und gerade zu denen, die ihrerseits ihre Beziehung zu ihm abgebrochen hatten, aufgrund seiner eigenen nicht begründbar einzuholenden Gottesbeziehung aufrechterhielt und damit die ihm entgegengebrachte Verständnislosigkeit unterlief. Damit ist allerdings der Grundstein für eine neue Zukunft zwischen dem vordergründig gescheiterten Jesus und seinen zerbrochenen Anhängern gelegt. Aber es ist ein Neuanfang, ein notwendiger Neuanfang. Das zu sehen und einzusehen, hat der ,kantige’ Jesus seinen Anhängern und Skeptikern zugemutet. So verstanden darf das Paradoxon Jesus nicht geglättet werden, es sei denn um den Preis des Glaubens.»

Es ist ein sprachlich und denkerisch anspruchsvolles Jesusbuch, das Hoppe hier vorgelegt hat. Aber wer die Anstrengung auf sich nimmt, seine «Spurensuche» nachzuverfolgen und seine Denkbewegungen nachzuvollziehen, wird reich belohnt.

Dieter Bauer 

Rudolf Hoppe, Jesus von Nazaret. Zwischen Macht und Ohnmacht, (Verlag Katholisches Bibelwerk) Stuttgart 2012, ISBN 978-3-460-33087-0

 

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