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Christoph Dohmen, Visionen von einem Neuanfang. Hinführungen zum Buch Ezechiel   

Buch des Monats August

Das Buch Ezechiel ist eine der unzugänglichsten und gleichzeitig faszinierendsten Prophetenschriften des Alten Testaments. Auf der einen Seite hat es fast biographische Züge, durch welche die Leserinnen und Leser mit hineingenommen werden in eine politisch und religiös höchst brisante Auseinandersetzung. Auf der anderen Seite wird man das Gefühl nicht los, es mit einem schwer kranken und gestörten Menschen zu tun zu haben, den wir nur durch seine Wahnvorstellungen kennen lernen.
Christoph Dohmen, Alttestamentler In Regensburg, hat die wichtigsten Texte des Ezechielbuches in einer Reihe für die Zeitschrift «Christ in der Gegenwart» kommentiert, und dem Österreichischen Katholischen Bibelwerk ist es zu verdanken, dass diese Kommentierung nun auch einer breiteren interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
So ist ein kleiner und gut lesbarer Ezechielkommentar entstanden, der die besprochenen Texte jeweils zusätzlich aus der Einheitsübersetzung abdruckt. Für den Autor ist es wichtig, diese Einzeltexte jeweils im Kontext des Ganzen zu lesen, weil das Ezechielbuch ein gut durchkomponiertes Buch ist. Er wählt dafür eine Methode, die es den Leserinnen und Lesern auf den ersten Blick nicht gerade einfach macht: Er gibt selbst die Reihenfolge vor, in der die Texte betrachtet werden, geht also nicht von Vers 1,1 konsequent bis zum letzten Kapitel des Buches, sondern «springt» relativ assoziativ durch das Buch. So sieht es jedenfalls aus. Als Leserin oder Leser muss man sich also erst einmal auf ein solches Verfahren einlassen.
Wenn man sich dieser Methode des Autors aber erst einmal anvertraut hat, spürt man, dass man in ihm einen sachkundigen Führer durch dieses Buch gefunden hat. Aus seiner Kenntnis des Buches wählt er die Themen, die er nach und nach abhandelt: die Person des Propheten, die Geschichte Israels, die Visionen, die Zeichenhandlungen, u.s.w.
Wofür sich das Büchlein – auf Grund der gewählten Methode – nicht eignet, ist das, wofür Kommentare (z. B. in der Predigtvorbereitung) sonst gerne genützt werden: als Nachschlagewerk. Es gibt nämlich kein Register, ja nicht einmal ein Stellenverzeichnis. Aber auch das hat Methode: So wird man quasi «gezwungen», das Büchlein am Stück zu lesen – das ist bei etwas mehr als 100 Seiten gut machbar – und so die verschiedenen Themen des Ezechielbuches nach und nach kennenzulernen. So wird auch verhindert, dass jemand vielleicht nur eine Kommentierung zu einem konkreten Text nachschlägt und meint, nun alles erfahren zu haben, was der Autor dazu zu sagen hat. Das hätte er nämlich nicht, denn die gesamte Kommentierung ist – wie der Ezechieltext selbst – ein dichtes Gewebe von Verweisen.
Wer das Ezechielbuch tatsächlich einmal näher kennenlernen will, aber nicht gleich einen dicken wissenschaftlichen Kommentar wälzen möchte, erhält hier einen guten Vorgeschmack auf das Buch. Und wenn der Aperitiv gemundet hat, kann man ja immer noch zum Hauptgang übergehen …

Dieter Bauer

Christoph Dohmen, Visionen von einem Neuanfang. Hinführungen zum Buch Ezechiel, (Österreichisches Katholisches Bibelwerk) Klosterneuburg 2010, 116 S., Pb., 9,90 € [D] / 9,90 € [A], 19.– SFr.,
ISBN 978-3-85396-134-6

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