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Gregor Maria Hoff (Hg.), Auf Erkundung. Theologische Lesereisen durch fremde Bücherwelten   

Buch des Monats Oktober 2005

Gregor Maria Hoff (Hg.), Auf Erkundung. Theologische Lesereisen durch fremde Bücherwelten, Grünewaldverlag Mainz 2005, ISBN 3-7867-2565-9

«Sie werden lachen – die Bibel» So antwortete Bertolt Brecht auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch. Der erklärte Atheist und scharfe Religionskritiker Brecht liess sich von der Bibel, ihrer Sprache und ihren Themen immer wieder für seine Arbeit als Theaterschaffender anregen. Er reiste in vielen, auch theologischen Bücherwelten. Gregor Maria Hoff, selbst Theologe, fragte Kolleginnen und Kollegen: Welches nicht-theologische Buch aus dem letzten Jahrzehnt empfehlen Sie zur Lektüre? Welches nicht-theologische Buch sollte eine Theologin/ein Theologe gelesen haben? In seinem Buch gibt er 15 Antworten wieder. Die Bandbreite der gelesenen und empfohlenen Bücher ist gross. Sie reicht von den Harry-Potter-Romanen (empfohlen von Claudia Nothelle) bis zum Soziologiebuch von Niklas Luhmann (Franz Gruber), vom Schwarzbuch Kapitalismus (Thomas Ruster) bis zum Bestseller von Asfa-Wossen Asserate, Manieren (Florian Schuller), von Wolf Biermanns Poetik (Hans-Joachim Höhn) bis zu Robert Menasses Vertreibung aus der Hölle (Susanna Schmidt). Es sind etliche «jüngere» Theologinnen und Theologen (mit Geburtsjahren in den 60ern), die ich hier zu Wort kommen. Als roter Faden zieht sich durch das breite Spektrum die Frage, wie sie durch das Buch aus einer anderen, «fremden» Welt, in ihrer Tätigkeit, dem theologischen Denken und Reflektieren, angeregt und herausgefordert werden. Dabei spielt es in fast allen Beiträgen eine wesentliche Rolle wie da jeweilige «fremde» Buch den eigenen Umgang mit der Bibel kritisch anfragt, anregt und herausfordert und deswegen empfehle ich das Buch an dieser Stelle als bibelpastorales Buch des Monats. Claudia Nothelle listet z.B. eine Vielzahl von biblischen Bildern und Themen auf, die in den Harry-Potter-Romanen vorkommen und so auf eine unterhaltsame und spannende Weise ein breites Lesepublikum erreichen. Wunderschön finde ich ihr Fazit: «Biblisch ausgedrückt würde ich über alle Harry-Potter-Bücher eine einzige Zeile stellen: «Mit der Sehnsucht nach dem Heil ist es wie mit...». Dann nimmt das grosse Gleichnis vom Zauberlehrling seinen Lauf» (41). Die biblische Kunst der Rede in Gleichnissen hat sich in der Literatur stärker fortgesetzt als in der Theologie.Wolf Biermanns Überlegungen zur Poetik, insbesondere zur «Dolmetzscherey», skizzieren die Schlüsselqualifikationen eines Übersetzers und Auslegers, der auch ein Fürsprecher des Textes sein muss. Damit ist beinahe wortwörtlich eine der zentralen Aufgaben bei der Leitung eines Bibliodramas benannt, die darin besteht «Anwalt bzw. Anwältin des Textes» zu sein. Und auch das erste von Biermanns «10 Geboten zum gediegenen Dolmetschen», das da lautet: «Du sollst die Sprache lernen, die du schon kannst: die eigene» (19) lese ich auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit Bibliodrama als Glaubenskommunikation. Wir sind – gerade als Theologinnen und Theologen – herausgefordert, von unseren eigenen Glaubenserfahrungen authentisch sprechen zu lernen.Die Bibel spielt in der gegenwärtigen Literatur eine grosse Rolle. Theologinnen und Theologen können sich für den Umgang mit der Bibel aus der Gegenwartsliteratur wertvolle Anregungen holen. Beides wird durch die theologischen Lesereisen eindrucksvoll bestätigt. Hoffs Buch will die Leserinnen und Leser anstecken, zu eigenen Lesereisen in fremden Welten anregen. Ich möchte diese Anregung gerne erweitern: in der gesamten Gegenwartskultur, auch in Filmen, Theaterstücken, Ausstellungen ... gibt es Biblisches zu entdecken und lässt sich Wertvolles für den Umgang mit der Bibel lernen. Wir werden – mit Brecht gesprochen – lachen, wie viel sich da entdecken lässt.Eine letzte Bemerkung noch: mich haben die theologischen Lesereisen umso mehr angesprochen, je mehr ich etwas von der Person der Theologin oder des Theologen gelesen und gespürt habe, die von ihrer Leseerfahrungen schreibt. Je mehr ich wahrgenommen habe, was sie und ihn als Person, als Glaubende und Zweifelnder, die theologisch reflektiert, umtreibt. Das ist mir nicht bei allen Beiträgen gelungen, entsprechend mühsam waren sie für mich zu lesen. Auch solche abstrakten theologischen Abhandlungen sind in diesem Band zu finden. Sie sind aber deutlich in der Minderheit.

Peter Zürn

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