Pilgern – Der Weg und das Ziel
Was haben Orte wie Lourdes, Rom, Jerusalem, Epidauros, Ephesos, Silifke, Galiläa, Tabgha, der Berg Nebo, Bet El und Mekka gemeinsam? Es sind allesamt bedeutende Pilgerorte der Vergangenheit – und teilweise bis heute. An ihnen orientieren sich die Beiträge im aktuellen Heft von WUB.
Spätestens seit Hape Kerkeling mit seinem Bestseller Ich bin dann mal weg sind Pilgerreisen auch bei Menschen populär geworden, die sich nicht unbedingt als religiös verstehen. Umso spannender ist es, dass WUB diesem Thema ein eigenes Heft widmet. Denn die zentrale Frage lautet: Seit wann pilgern Menschen eigentlich zu heiligen Orten, Flüssen, Bergen, Grabstätten, Tempeln oder Kirchen?
Oliver Krüger zeichnet die Geschichte des Pilgerns nach, die möglicherweise bereits um 9000 v. Chr. begann – auch wenn schriftliche Zeugnisse erst aus der altägyptischen und griechischen Kultur überliefert sind. Seit dem 8. Jh. v. Chr. entstehen im griechischen und römischen Raum bekannte Pilgerorte. Was früher mit grossem zeitlichem und körperlichem Aufwand verbunden war, ist heute deutlich einfacher geworden. Dennoch erfreut sich Pilgern weiterhin grosser Beliebtheit – nicht zuletzt, weil die äussere Bewegung oft mit einer inneren Entwicklung einhergeht.
Jürgen K. Zangenberg analysiert das Pilgern im alten Israel und im nachexilischen Judäa. Erst nach der Zerstörung des Nordreichs entwickelt sich Jerusalem zum zentralen Heiligtum. Zuvor spielte etwa Bet El eine wichtige Rolle. Nach dem Babylonischen Exil im 6. Jh. v. Chr. wird der Jerusalemer Tempel zum bedeutenden Pilgerort, insbesondere zu Festzeiten wie dem Passah. In der Zeit Jesu gewinnt der Tempel zudem an wirtschaftlicher Bedeutung.
Auch Jesus selbst pilgert nach Jerusalem, etwa zum Passahfest. Die Evangelien berichten von mehreren solchen Reisen. Markus Lau erweitert den Blick und zeigt, dass neben Orten auch Personen – etwa Johannes der Täufer – zu Anziehungspunkten werden konnten. Die Evangelien schildern, wie Menschen aus Judäa und Jerusalem an den Jordan strömten. Später entstehen weitere bedeutende Pilgerorte, insbesondere in Galiläa, auch wenn sich nicht alle eindeutig lokalisieren lassen.
Ein weiterer Fokus liegt auf Ephesos, einem bedeutenden Pilgerzentrum der Antike, das Andreas Müller vorstellt. Dort wurde die Göttin Artemis verehrt, insbesondere von Frauen. Der Bericht in der Apostelgeschichte zeigt, dass religiöse Entwicklungen auch wirtschaftliche Auswirkungen hatten – etwa auf den Devotionalienhandel.
Weitere Beiträge widmen sich unter anderem der Pilgerreise nach Mekka (dem «grossen Hadsch»), einem spätantiken Pilgerbericht der Egeria sowie der Entstehung christlicher Pilgerzentren in der Spätantike nach der Anerkennung des Christentums unter Kaiser Konstantin.
Zum Schluss hebt Georg Röwerkamp eine besondere Form des Pilgerns hervor: das «virtuelle Pilgern». Alte Pilgerberichte dienen nicht nur als historische Quellen, sondern laden dazu ein, sich innerlich auf den Weg zu machen und biblische Ereignisse auf persönliche Weise nachzuvollziehen.
Das Heft WUB 2/26 vermittelt somit nicht nur Einblicke in die Geschichte des Pilgerns, sondern eröffnet auch neue Perspektiven auf die geographischen und spirituellen Räume, die damit verbunden sind.
Besonders hervorzuheben sind die Beiträge von:
- Oliver Krüger zur Geschichte und Bedeutung des Pilgerns
- Markus Lau zur Entstehung christlicher Pilgerorte
- Georg Röwerkamp zum Konzept des virtuellen Pilgerns
Bernd Ruhe

