Behindert?!
Jesus selbst hat geheilt und seine Jünger:innen sollen dies auch tun. Darin zeigt sich bereits, dass Krankheiten, Beeinträchtigungen und Behinderungen als etwas Defizitäres betrachtet werden, das es zu überwinden, ja zu heilen gilt. Was bedeutet das für Menschen, die nicht geheilt werden und für keine Heilung in Sicht ist? Wenn die Perspektive eines Menschen mit Behinderung eingenommen wird, kann Jesus als «behinderter» Gott verstanden werden, der Wundmale an sich trägt und damit auch «stigmatisiert» ist. Das schildert Uta Poplutz in ihrem Beitrag zu Disability Studies und dem Neuen Testament.
Julia Watts Belser verweist auf den Propheten Mose, der mit einer Behinderung vorgestellt wird. Er soll einen schweren Mund und eine schwere Zunge gehabt haben, was auf eine Sprachbehinderung oder ein Stottern schliessen lässt. Gott beruft also einen sprachlich eingeschränkten Menschen als Sprecher für das Volk und stellt ihm Aaron zur Seite. Zudem soll Mose durch Zeichen kommunizieren.
Körperlich sichtbare Beeinträchtigungen schlossen Männer vom priesterlichen Dienst aus, wie Levitikus 21,16-23 beschreibt. David Tabb Stewart schildert, dass moralische Verfehlungen zwar zum Ausschluss aus dem Kult insgesamt führten, nicht aber zum Ausschluss aus dem Priesteramt. Entscheidend war vielmehr, dass die Priester körperlich in der Lage waren, ihre Aufgaben zu erfüllen. Eine körperliche Beeinträchtigung hatte somit keinen Einfluss auf die Teilhabe am Kult.
Der Retter Ehud ist ein Held. Zugleich heisst es im Buch der Richter, dass er eine gehemmte rechte Hand hatte. Dies könne entweder auf eine Beeinträchtigung oder auf eine starke linke Hand gedeutet werden, wie Jochen Wagner schreibt. Die vermutete Beeinträchtigung hätte ihn als ungefährlich gelten lassen können, während ihm die starke Linke zum Sieg verhalf. Zugleich kann das Heilswirken Gottes durch einen eingeschränkten Menschen als besonders wirkmächtig erscheinen.
Lena Nogossek-Raithel stellt das hoheitliche Heilswirken Jesu zunächst infrage, da die Menschen selten gefragt werden, ob sie geheilt werden wollen, und da das Heilen wie ein «Normalisieren» erscheinen kann. Zugleich zeigt sich in den Evangelien, dass viele Menschen zu Jesus kommen und der Heilungsbedarf allgegenwärtig ist. Bei anderen, etwa beim blinden Bettler Bartimäus, fragt Jesus nach dem Wunsch des Menschen. Heilungen führen zudem zur Rückkehr in soziale Beziehungen, die durch Krankheit eingeschränkt oder unmöglich waren.
Das Lukasevangelium erscheint in der Auseinandersetzung mit Behinderung als Provokation, wie Markus Schieffer Ferrari schreibt. Denn das Einladen von Armen, Verkrüppelten, Lahmen und Blinden macht diese Menschen zu Objekten und schliesst sie indirekt vom Alltag aus. Als Gleichnis verstanden, verweist die Geschichte auf das Reich Gottes, das bekannte Werte umwertet und schon in der Gegenwart beginnt. Michael Tilly geht auf die Aussage des Paulus ein, dass er in der Schwachheit stark sei. Nicht das Aufheben von Leid steht im Zentrum, sondern die Beziehung zu Christus und die Berufung des Menschen durch Gott, die stark macht.
Jean-Pierre Sitzler
