Bibel queer lesen

Passend zum sogenannten Pride-Monat Juni ist das neueste Heft Bibel und Kirche erschienen, das sich mit queeren Lesarten der Bibel befasst. In verschiedenen Artikeln wird Bezug genommen auf die queere Bibelauslesung an sich, Blicke auf das Alte und Neue Testament und darüber hinaus auch auf den Koran.

In Anknüpfung an Befreiungstheologie und feministische Theologie erweitert die queere Theologie die Hermeneutik und reflektiert kritisch die normativen Vorstellungen von Geschlecht, Körper, Begehren und Beziehungsrealitäten. Besonders der Blick auf die Entstehungsbedingungen und Wirkungen der biblischen Texte zeigt, dass das queere Lesen eine Perspektive ist, die öffnet und weitere Deutungen ermöglicht. Der Text soll neu entdeckt werden und der Deutungshorizont wird erweitert.

Bereits der Verweis darauf, dass die Queer Theorie sich mit Sexualität, Geschlecht und Identität befasst, zeigt, dass eine soziale Praxis und gesellschaftliche Vorstellungen nicht immer übereinstimmen. Mehrdeutigkeiten im Leben können erkannt und gestaltet werden.

Die revidierte Einheitsübersetzung von 2016 hat neue Akzente gesetzt, indem manche Textstellen anders übersetzt wurden. Bereits in Gen 1,27 zeigt sich, dass durch die Übersetzung «männlich und weiblich» statt «Mann und Frau» neue Interpretationen möglich sind. Zugleich eröffnet die Gegenüberstellung von männlich und weiblich eine Art Skala, die zwischen diesen beiden Polen noch anderes kennt oder kennen kann; schliesslich gibt es auch andere Erfahrungen neben den Extremen von Licht und Finsternis.

Eine weitere, offenere Textlektüre zeigt sich in Jakobs «Kampf am Jabbok» (Gen 32), der durch eine kritische Wortanalyse des hebräischen Textes schon eher zu einem Ringen oder gar Umarmen von zwei Menschen oder Wesen wird, die nicht näher bestimmt sind. Nun kann auch der Schlag auf die Hüfte eher als sanfte Berührung gelesen werden.

Was hast das Senfkorngleichnis (Mk 4,30-32) mit queerer Bibelauslegung zu tun? Wenn eine befreiende Leseperspektive eingenommen wird, werden Fragen zu beteiligten und unbeteiligten Menschen gestellt. Allein das Erzählen von Gleichnissen eröffnet verschiedene Interpretationen und das Senfkorn als kleines, unscheinbares Korn kann für zunächst schnell übersehene Menschen gedeutet werden. Das Reich Gottes, das mit einem Senfkorn verglichen wird, zeigt sich als offener Raum für Entfaltung und Vielfalt und nicht als exklusiver Ort für ein paar Wenige.

Die Hochzeit von Kana (Joh 2,1-12) erzählt von vielen Menschen, die feiern. Aber von einer Braut ist keine Rede. Entweder wurde die Braut wie selbstverständlich mitgedacht oder lädt ein, über diese Leerstelle im Text nachzudenken. Bereits in mittelalterlichen Auslegungen und Darstellungen können verschiedene Personen diese Leerstelle einnehmen und sogar geistlich gedeutet werden, so dass die Braut irgendeine Person sein kann. Die Fragen nach Herkunft, Status und Geschlecht der Braut werden dann relativiert und eine vielfältige Deutung möglich.

Auch in der Koraninterpretation lassen sich verschiedene Lesarten erkennen. In der zunächst früh-mekkanischen Phase liegt der Verständnisschwerpunkt eher auf dem Menschenpaar, das explizit männlich und weiblich qualifiziert wird. In der spät-mekkanischen Phase spielen vielmehr die Gleichrangigkeit und die Gerechtigkeit innerhalb der Schöpfungsordnung eine gewichtige Rolle.

Jean-Pierre Sitzler

Bibel queer lesen

CHF 11.00

Bibel und Kirche 2/2026

Kategorie: