Haarpracht, Schmuck und prächtige Kleider
Das neue Heft der Zeitschrift «Welt und Umwelt der Bibel» beschäftigt sich mit der Bedeutung von Kleidern in der Bibel. Es geht dabei nicht nur darum, was Menschen auf der Haut tragen, sondern vor allem welche Symbolik, Metaphorik und gesellschaftliche Stellung eines Menschen durch Kleidung zum Ausdruck kommt.
«Kleidung ist Performanz», so Berenike Jochim-Buhl (S. 9). Kleidung zeigt, wie Menschen sich darstellen wollen, aber sie drücken auch berufliche und gesellschaftliche Rollen aus. In religiösen Kontexten kann sie auch Funktionen in Liturgie und Kirche bezeichnen. So sind Ordensgemeinschaften in der Regel an ihrer Kleidung erkennbar.
In ihrem Beitrag «Das bekleidete Zion im Jesajabuch» erläutert Shannon J. Parrot den metaphorischen Gebrauch von Kleidung, wie er etwa in einem Text wie in Jes 52,1 zum Ausdruck kommt: «Wach auf, wach auf, bekleide dich mit deiner Macht, Zion!» Für Parrot ist Kleidung in diesem Zusammenhang «Wahrnehmungsmanagement». Je nachdem wird an den Metaphern der Bekleidung Würde, Gottes Zuwendung oder auch Ablehnung sichtbar.
Im «Lied der Lieder» (Hoheslied) spielen Kleidung und Schmuck eine besondere Rolle, um den Geliebten / die Geliebte darzustellen, den Körper mit den Augen des Betrachters herauszustellen.
Sabine Bieberstein beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit anstössigen Frisuren, provozierenden Kleidern und übertriebenem Schmuck in den Paulus- und Pastoralbriefen. Hier rücken vor allem Frauen in ein kritisches Blickfeld. In 1 Kor 11 bemängelt Paulus das mutmasslich unpassende Auftreten von Frauen, aber auch Männern, im Gottesdienst. Frauen sollen demnach lange, Männer kurze Haare tragen, damit ihre traditionellen Rollen erkennbar bleiben. Hinter der Frisurfrage, so Bieberstein, stecken weiterhin bestimmte traditionelle Vorstellungen einer angeblich gottgegebenen Ordnung, an der Paulus mindestens nach aussen hin nicht rütteln wollte, auch wenn er im Galaterbrief die prinzipielle Gleichheit von Frauen und Männern aufgrund der gemeinsamen Taufe feststellte. Der Trend, an den traditionellen gesellschaftlichen Gepflogenheiten weiterhin festzuhalten, setzt sich in der späteren Briefliteratur fort und wird gefestigt. Für Frauen bedeutet dies, dass von ihnen weiterhin Bescheidenheit und Unterordnung unter die Ehemänner erwartet wird.
Veit Dinslaker und Berenike Jochim-Buhl erläutern schliesslich die Produktion und Herstellung von Kleidung in biblischen Zeiten. Was trugen die Menschen in der Levante in Frühzeit und Altertum wirklich? Archäologische Funde geben Auskunft darüber, welche Stoffe und Materialien verwendet wurden, welche Farben hergestellt werden konnten und welchen Bedürfnissen die Kleidung dienen und angepasst werden musste. Wer konnte sich dabei welchen Aufwand leisten? Ging es um Schönheit, Repräsentation oder einfach nur darum, funktionale, haltbare Kleidung zur Verfügung zu stellen?
Weitere Beiträge des Heftes beschäftigen sich mit den Spuren, die Kleidung und Schmuck zwischen Eisenzeit und Antike hinterlassen haben.
Das neue Heft von WUB ermöglicht einen sehr speziellen und für viele Leserinnen und Lesern ungewohnten Zugang zu einem Aspekt der Lebenswelt von Menschen in biblischer Zeit, der in unseren modebewussten Welt heute für viele eine wichtige Rolle spielt und dank liturgischen Kleidervorschriften auch einen kirchlichen Aktualitätsbezug hat
Bernd Ruhe

