Zusammenhalt
Wer als Gruppe zusammenhält, hat nicht nur eine Gemeinschaft geschaffen. Gleichzeitig passiert eine Abgrenzung nach aussen und zu anderen. Die neue Ausgabe von Bibel heute erzählt mit biblischen Texten von einem solidarischen „Wir“, von Geschwisterlichkeit als „Kampfruf“, vom Zusammenstehen gegen Hierarchien und Ungleichheiten und nimmt dabei sowohl biblische wie aktuelle gesellschaftliche Tendenzen zu Ausgrenzung und Polemik ernst.
Ein Blick auf die Headlines der aktuellen Tageszeitungen, in Social-Media-Posts oder in die Berichterstattung von Radio und Fernsehen zeigen ein vermeintlich klares Bild: Spaltung, Polarisierung und Konflikte dominieren die Welt. Feindschaft statt Gemeinschaft? Gegen gesellschaftliche Frustration ermutigt die Ärztin und Autorin Gilda Sahebi in ihrem Buch „Verbinden statt spalten“: „Die gespaltene Gesellschaft ist ein Mythos.“ Die Gegenerzählungen sind jedoch oft keine Titelmeldung wert, passieren eher im Privaten. „Verbinden statt spalten“: Diesem Motto geht die neue Ausgabe von „Bibel heute“ nach. Sie verfolgt Spuren durch Texte des Alten und Neuen Testaments, die Visionen einer alternativen, friedlichen und gemeinschaftlichen Gesellschaft entwerfen, und zwar nicht nur als Utopie, sondern als gelebter Anfang eines grossen Ganzen, bei dem alle mitmachen sollen.
Dabei sind die Anfänge oft gar nicht von Zusammenhalt oder Geschwisterlichkeit geprägt. Bäuerinnen und Bauern wehren sich in Nehemia 5,1 gegen drohende Schuldsklaverei ihrer Söhne und Töchter mit dem Kampfruf „Wir sind Geschwister!“. Ps 133 entwirft ein Bild von Gemeinschaft, das in der Vorstellung des Vereintseins in Gott selbst – und zwar in vollkommener Verschiedenheit aller – wurzelt. Diese Vorstellung ist auch ein (Wunsch-)Traum in Zeiten, in denen das Volk Israel sich nach Frieden und Versöhnung sehnt. Ein solches „Einssein“ in Gott wird bei Paulus „einer sein im Christus Jesus“ und setzt neue Massstäbe für Denken und Handeln vor. Die frühchristlichen Gemeinden probieren ein Miteinander aus, das verändern soll: Egal wo man herkommt, ob als Frau oder Mann, welche Rolle oder gesellschaftlichen Status man hat, „zu den Bürgerversammlungen Gottes [haben] alle Menschen [… ] gleichwürdigen und gleichwertigen Zugang, sie haben Stimme und Gestaltungsmöglichkeit“, führt Sabine Bieberstein aus. So weit, so gut. Doch wie realistisch ist ein solches Programm? Auch Hoffnungsbilder gehören kritisch hinterfragt, weiss die neue Ausgabe von „Bibel heute“. Transformationsprozesse hinterlassen Spuren. Der gleiche Paulus, der die Dynamik eines „Denkt neu!“ in Anerkennung der Würde aller fordert, teilt im 2. Korintherbrief gegen gegnerische Gruppierungen aus. Dabei stellten diese Gruppen offenbar weniger inhaltlich-theologisch ein Problem dar, sondern standen eher in der Rivalität um eine exklusive Beziehung mit der Gemeinde. Die neue Ausgabe von „Bibel heute“ regt mit vielen Impulsen zum Nachdenken an. Im besten Falle resultiert aus der Lektüre ein Schritt zu mehr Wir-Gefühl im Kleinen, der als ein Klebepunkt im Sinne der vorgestellten „BibleTapeArt“ den Anfang für Grösseres macht: um Zerbrochenes neu zu verkleben und Anreize zu schaffen, mehr Einheit in Vielfalt zu wagen!
Daniel Kosch

