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Klaas Huizing, Mein Süsskind. Ein Jesus-Roman   

Buch des Monats Dezember 2012

Das Video zum Buch: http://www.tagesanzeiger.ch/video/?channel_id=96&video_id=135314

Am 19.12. hat Michael Meier im Zürcher Tagesanzeiger die beiden aktuellen Bücher von Klaas Huizing, Mein Süsskind und Eva, Noah und der David-Clan (unser Buch des Monats Mai 2012) besprochen.

Wie Jesus glauben lernte: Das Buch von Wilhelm Bruners aus den 80er Jahren erschien in diesem Jahr in einer Neuauflage. Wie Jesus glauben lernte. Das liesse sich auch als Inhaltangabe des neuen Romans von Klaas Huizing angeben. Was Wilhelm Bruners in einem Sachbuch tut, das erzählt der Schriftsteller und Theologe Huizing in erzählender und poetischer Form. In seinem Jesus-Roman lässt er Johannes den Täufer zu Jeschua sagen: «Ich, den man Johannes den Täufer nennt, verstehe nur zu predigen, aber an deinen Lippen hängen die Menschen, Jeschua, wenn du ihnen ein Gleichnis erzählst. Vielleicht führen die Gleichnisse auf einem noch breiteren Weg zu den Taten der Liebe als meine aufrüttelnde Predigt es vermag. Nun denn, im Haus des Allmächtigen sind viele Wohnungen» (S. 226). Bruners Buch war und ist eine aufrüttelnde, bewegende «Predigt», bei Huizing werden Sie an den Lippen des Erzählers hängen. Zwei Wege zu den Taten der Liebe, zwei Wohnungen im Hause Gottes. Schön, dass wir im Jahr 2012 beide neu lesen können.
Huizing wird dabei selbst zum Erfinder und Erzähler von Gleichnissen im Namen Jeschuas, etwa dieses: «Ein Mann übergab seiner Frau einen Scheidebrief, weil ihr das Essen häufig missriet. Es begab sich aber, dass der Mann seine Schulden bei seinem Herrn nicht bezahlen konnte und er ins Gefängnis geworfen wurde. Seine Frau, der er den Scheidebrief ausgestellt hatte, brachte ihm jeden Tag das Essen ins Gefängnis. Und obgleich sie in der Kunst des Kochens nicht zugenommen hatte, schmeckte es ihm köstlich.» (228)
Huizing erzählt die Geschichte Jeschuas von der Heirat seiner Mutter Mirjam mit «dem Gesprenkelten», einem eigenbrötlerischen Aussenseiter im kleinen Dorf Nazaret, bis zum Beginn seines öffentlichen Wirkens nach der Taufe bei  Johannes. So endet das Buch: «So endete der eine Teil der Geschichte. Und so fing der andere Teil der Geschichte an.»  Es ist also die Geschichte des Galiläischen Frühlings Jesu. Der Teil der Geschichte, der erzählt wird, handelt davon, wie Jeschua aufwächst, beim Rabbiner die Tora und bei seinem Vater das Handwerk lernt. Sie handelt von Jeschua und seinem besten Freund Jonatan und ihren Spielen, seinen Geschwistern, seiner Ausbildung und Arbeit in Sepphoris und wie er dort das griechische Theater und eine
Schauspielerin entdeckt, von seinen Begegnungen mit Pharisäern, Sadduzäern, Zeloten, Fischern Frauen, immer wieder von der Auseinandersetzung mit seinen Eltern und wie er in all dem nach und nach seine Berufung findet, wie er lernt, an die übersprudelnde und alle Grenzen überspringende Liebe Gottes zu glauben und von ihr zu erzählen.
Dabei ziehen sich drei Lernformen wie rote Fäden durch den Roman. Zum einen nimmt Jeschua mit den Erfahrungen, die er macht, Wohnung in der Schrift und lässt seine Lebensgeschichte von den biblischen Geschichten berühren. Seine Liebe zu Jonatan lässt ihn in das Haus Davids eintreten. Eine abenteuerliche Begegnung mit einem Löwen lässt ihn zu Samson werden. Die Schrift kommt ihm durch den Unterricht des Rabbis und immer tiefer werdende Gespräche mit ihm nahe. Zum zweiten versenkt sich Jeschua immer wieder in mystische Momente, wo er sich berühren lässt von Begegnungen mit Steinen und Worten und Menschen und Gott. Und drittens lernt er von Anderen: Viele der Gleichnisse und Worte, die uns aus der Bibel als Geschichten und Worte Jesu bekannt sind, hört Jeschua im Roman von Anderen oder erlebt sie selbst, bevor sie zu dem werden, wovon er spricht. So wird er einmal auf dem Heimweg von Sepphoris nach Nazaret überfallen und bleibt verletzt am Wegrand liegen. Viele gehen achtlos an ihm vorbei. Ein Römer ist es dann, einer der fremden Besatzer, der ihn aufnimmt, in eine Herberge bringt und dem Wirt Geld gibt, um den Verletzten gesund zu pflegen. So werden altbekannte Worte und Geschichten erfahrungsgesättigt, so wird Jeschua verbunden mit den Menschen um ihn herum, von denen und mit denen er lernt zu glauben.
Ein weiterer roter Faden durch den Roman sind die Kapitel, in denen Huizing aus der Sicht Marias, der Mutter Jesu, erzählt. Sie ringt ebenfalls um die Berufung ihres Sohnes und leidet an seinem Weg. «Mater dolorosa» und «Mirjam hilf» sind denn diese Kapitel überschrieben. Überhaupt die Kapitelüberschriften. In ihnen setzt Huizing teils aktualisierende, teils Zeiten und Kulturen verbindende, teils ironisierende Akzente und spielt mit Worten. «Falsch gewickelt» ist das zweite Kapitel überschrieben, andere heissen «Höhlengleichnis», «Bewerbungsgespräch» oder «Jeschua hat den Blues».
Die Literaturliste, die Huizing anfügt, verrät, wie gut sich der Autor in die jüdische (und hellenistische) Lebenswelt Jeschuas eingearbeitet hat, Walter Homolka, David Flusser mit ihren Jesusbüchern kommen darin vor, aber auch Nahum N. Glatzer mit seinem Buch über Hillel. Ein Glossar erläutert die wichtigsten Begriffe aus der Lebenswelt Jesu, die im Roman vorkommen. Es sind vor allem Begriffe aus der jüdischen Kultur, aber auch die Kyniker kommen vor.
Ein wunderschönes Buch über das Süsskind Jesus, genau richtig zur vorweihnachtlichen Lektüre.

Peter Zürn

Klaas Huizing, Mein Süsskind. Ein Jesus-Roman, Gütersloh 2012, 240 S. ISBN 978-3-579-06579-3, Euro 19.99 CHF 28.40

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