Wir beraten

Peter Schäfer, Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums   

Buch des Monats April 2012

Was war zuerst, Huhn oder Ei? Eine sprichwörtlich gewordene unlösbare Rätselfrage und ein spielerischer Zugang zur Erkenntnis, dass die Geschichte des Lebens nicht linear verläuft, sondern von Wechselwirkungen geprägt ist.
Was war zuerst, Judentum oder Christentum? Hier scheint die Antwort klar. Das Christentum hat sich aus dem Judentum heraus entwickelt, von einer innerjüdischen Bewegung zu einer jüdischen Sekte und dann zu einer eigenständigen Religion. Das Judentum blieb davon weitgehend unberührt. So dachte ich auch und empfand es als grosse Herausforderung, den ersten Schritt dieser Entwicklung genauer in den Blick zu nehmen: das frühe Christentum als innerjüdische Bewegung, die Schriften des Neuen Testamentes als Zeugnisse innerjüdischer Auseinandersetzungen im 1. und 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. So lesen wir in einer Projektgruppe des Bibelwerks seit mehr als einem Jahr die Sonntagsevangelien nach der Römisch-Katholischen Leseordnung und stellen unsere Auslegungen in der Schweizer Kirchenzeitung zur Diskussion und vor allem den Predigerinnen und Predigern zur Verfügung. Die Rückmeldungen sind positiv und ermutigend. Wir bleiben dran. Und merken, dass das Verhältnis von Judentum und Christentum viel komplexer ist, als wir dachten. Es ist – wie das Verhältnis von Huhn und Ei – geprägt von Wechselwirkung und gegenseitiger Beeinflussung. Peter Schäfer, der Autor unseres Buches des Monats, von 1998 bis 2008 Professor für Judaistik an der Freien Universität Berlin, seit 2008 in Princeton,  stellt die Situation so dar: «Dass die Entstehung des Christentums nicht ohne das antike Judentum erklärt werden kann, darf heute als Allgemeinplatz gelten; und auch die Tatsache, dass «Judentum» und «Christentum» nicht von Anfang an als zwei festumrissene «Religionen» neben- oder besser gegeneinander standen, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dass aber auch das rabbinische Judentum der ersten nachchristlichen Jahrhunderte sich erst langsam herausbildete und dass dieser Prozess der Selbstfindung nicht unabhängig von der Entstehung des Christentums gesehen werden kann – diese Einsicht hat erst in den letzten Jahren begonnen, sich in der Forschung durchzusetzen» (Vorwort S. VIII).
Was also später einmal zu den Kennzeichen des christlichen im Unterschied zum jüdischen Glauben und umgekehrt werden sollte, das war lange Zeit überaus umstritten. Und gar nicht selten, entwickelte die eine Seite eine Glaubensvorstellung nicht mehr weiter, weil die andere sie gleichsam besetzt hatte. Oder kämpfte darum, der anderen Seite das Erbe nicht allein zu überlassen. Peter Schäfer spricht aus der Sicht des rabbinischen Judentums von «Abstossung und Anziehung: der Ausscheidung von (ursprünglich im Judentum angelegten) Elementen, die das Christentum usurpieren und verabsolutieren sollte, sowie der stolzen und selbstbewussten Wiederaneignung solcher religiöser Traditionen, trotz oder auch gerade wegen ihrer christlichen Usurpation» (X).
Schäfer hat 2009 an der Universität Jena Vorlesungen zu diesem Themenkomplex gehalten, die jetzt als Buch vorliegen. In jeder Vorlesung geht er anhand eines rabbinischen Texte einem der umstrittenen Themen nach. Dabei liefert er auch eine wunderbare Einführung in das Lesen rabbinischer Texte. Er zitiert die rabbinischen Texte ausführlich, geht ihren oftmals überraschenden Wendungen nach und interpretiert sie detailliert in ihrem historischen Umfeld.  Eine echte Leseschulung.
Die umstrittenen Fragen sind das Messiasverständnis inklusive des stellvertretenden Sühneopferleidens, der Glaube an einen oder an mehrere Götter (inklusive der Vorstellungen von Gott Vater und Sohn und der Trinität) und die Bedeutung der biblischen Gestalt des Menschensohns. Der  erste Beitrag (»Warum verschwand das Messiasbaby?») zeigt, dass es wichtig ist, von welcher jüdischen Gemeinde wir sprechen, wenn es um das Verhältnis zum Christentum geht. Die beiden jüdischen Zentren Palästina und Babylon setzen ganz unterschiedliche Akzente. Die jüdischen Gemeinden Palästinas standen unter römischer und später byzantinischer Herrschaft, die Gemeinden Babylons unter persischer Herrschaft. Je mehr das Christentum im römischen Reich an Einfluss gewann, desto schwieriger war es für die Rabbinen offen und direkt in die Auseinandersetzung zu gehen. Sie argumentierten zum Teil indirekt und verschlüsselt. In Persien war das anders. Dort gingen die Rabbinen zum Teil gegen die christliche Aneignung der Tradition offen und massiv zum Angriff über. Im Text über das Messiasbaby, das aus dem Tempel verschwand, der aus dem palästinensischen Talmud stammt, erkennt Schäfer eine subversive Gegengeschichte, eine parodistische Verdrehung des Neuen Testamentes, das vom Messias-Kind Jesus erzählt. In dieser Geschichte wird der Messias zu früh geboren – am Tag, an dem der Tempel zerstört wird, nicht als Beginn des Reiches Gottes. Es gibt Kräfte in der eigenen (jüdischen) Familie (im Text ist es die Mutter), die das Baby töten wollen. Es wird aber von einem Wirbelsturm zu Gott gebracht, der den Messias im Himmel versteckt bis seine Zeit wirklich gekommen ist.
Die Beiträge 2-4 beschäftigen sich mit rabbinischen Debatten um die Frage, ob es einen oder mehrere Götter gibt. Sie setzen an der biblischen Gottesbezeichnung elohim an, die eine Pluralform ist bzw. an Bibelstellen, die von Gottes Manifestationen als Hochbetagter (Dan 7) oder als junger Krieger (Exodus) erzählen bzw. an Engelfiguren aus der jüdischen Auslegungstradition wie Metatron, die gottgleiche Züge annehmen. Hier bezieht Schäfer auch bildliche Darstellungen mit ein und interpretiert Fresken aus der Synagoge von Dura Europos aus dem 3. Jahrhundert.
Beitrag 5 widmet sich wieder der Messiasvorstellung und zeigt, dass das rabbinische Judentum neben dem Messias aus dem Haus David auch einen Messias aus dem Haus Josefs bzw. Efraims (Sohn des Josef) kennt. Während der Messias ben David als siegreicher Kämpfer erscheint, muss der Messias ben Josef leiden und wird schliesslich getötet. Er wird mit Sach 9,9 als «demütig und auf einem Esel reitend» bezeichnet. Mit seinem Leiden erwirbt er Verdienste, die Israel retten. Im Hintergrund stehen die Gottesknechtlieder aus dem Buch Jesaja. Hier treten also die rabbinischen Traditionen in direkte Konkurrenz zu den christlichen Aneignungen biblischer Texte. Schäfer liest die rabbinischen Texte so, dass sich das Judentum den leidenden Messias hier selbstbewusst aus dem Christentum zurückholt, aus einem Christentum, das sich immer mehr politisch und dogmatisch als herrschende Religion etabliert.
Unser Buch des Monats ist keine einfache Lektüre. Im Gegenteil. Aber die Lektüre lohnt sich, wenn Sie sich für Huhn und Ei, für Judentum und Christentum und ihre Geschichte gegenseitiger Beeinflussung interessieren.

Peter Zürn

 

Peter Schäfer, Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums. Fünf Vorlesungen zur Entstehung des rabbinischen Judentums, Tübingen 2010, 210 S., ISBN 978-3-16-150256-9, Euro 24.00 CHF 34.50

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