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Die lebendigste Jesuserzählung   
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Das Lukasevangelium kommentiert von Thomas P. Osborne und wörtlich übersetzt von Rudolf Pesch in Zusammenarbeit mit Ulrich Wilckens und Reinhard Kratz

Der Luxemburger Exeget Thomas P. Osborne, seit 1984 Professor für Exegese am dortigen Priesterseminar und am Katechetischen Institut ist der Autor des kurzen, prägnanten Kommentars zum Lukasevangelium. Man merkt es dem kleinen Werk an, dass sein Verfasser über langjährige Erfahrung in der Vermittlung der Exegese an Katechetinnen und Katecheten verfügt. Er liest das Dritte Evangelium «leserorientiert». Immer wieder findet man Bemerkungen wie «Der Leser bekommt den Eindruck...» oder «Der Leser erinnert sich...» Für den Prediger, der keine Zeit hat, einen ausführlichen Kommentar zu konsultieren, bietet Osborne eine kurze, kompetente Exegese jeder Perikope und dazu viele Anregungen für eine schriftgemässe Aktualisierung. Die zwar dichte, aber griffige und leicht verständliche Sprache bietet auch dem interessierten Laien solide Information und eine ansprechende Hinführung zum Lukasevangelium, der «lebendigsten Jesuserzählung», wie der Titel verheisst. Die Brauchbarkeit wird durch die praktische Anordnung des Buches noch gefördert: Es bietet auf jeder Doppelseite rechts einen Textabschnitt, dem links die Auslegung gegenüber steht, die meist nur wenig länger als der Text selber ist. In so wenigen Zeilen so viele Informationen und Anregungen zu verpacken und dazu in sehr leserlicher Sprache, ist ein Kunststück, das Osborne vortrefflich geglückt ist. Vor allem der Prediger mag es vielleicht bedauern, dass Osborne seiner Kommentierung nicht die in der Liturgie verwendete «Einheitsübersetzung», sondern die (sehr gute und textnahe) von Rudolf Pesch, Ulrich Wilckens und Reinhard Kratz erarbeitete Übersetzung zugrunde legt.

Vom exegetischen Standpunkt aus ist der vorliegende Kommentar nicht nur zuverlässig und kompetent, sondern auch eigenständig und anregend. Verdienstvoll ist vor allem die ganzheitliche Lesart. «Nur wenn man das Gesamtgefüge im Blick behält, kann man anfangen, die einzelnen Elemente zu deuten», formuliert Osborne (S. 246) als Prinzip. Er zeigt in seiner Auslegung auf, dass das Lukasevangelium keine Sammlung von Einzelperikopen, sondern ein ganzheitliches Werk ist, dessen einzelne Textteile auf vielfältige Weise auf einander zugeordnet und mit einander verschränkt und verbunden sind. Lukas «entfaltet progressiv, auf spannende Art und Weise seine Erzählung» (S. 7). Zu jeder Perikope weist der Kommentar kurz und gekonnt auf diese Zusammenhänge und Verweise und Verbindungen hin.

Was den Aufbau des Lukasevangeliums betrifft, verabschiedet Osborne die Fixierung der gängigen Forschung auf den sog. «lukanischen Reisebericht» (Lk 9,51 bis 19,28) und schlägt eine andere Ordnung vor, in deren Zentrum ein «Lernweg der Jünger und Jüngerinnen mit ihrem Meister» (Lk 8,1-19,10) steht. Insgesamt ist sein Aufbau des ganzen Evangeliums sehr anregend und erlaubt eine kompakte Kommentierung. Eine grosse Rolle spielt in seiner Sicht die konzentrische Strukturierung von Einzeltexten und auch grösserer Abschnitte in Chiasmen, die nicht in allen Fällen gleich einsichtig sind, vielleicht auch auf Grund der notwendigerweise sehr kurzen Begründungen.

Osbornes Kommentar zeichnet sich weiter aus durch kompakt dargebotene Informationen aus der Umwelt des NT, durch erhellende Hinweise auf die Traditionsgeschichte biblischer Bilder und Begriffe, durch zahlreiche Bezüge zum AT sowie durch zurückhaltende, aber treffende Hinweise auf aktuelle Bezüge der lukanischen Texte.

Franz Annen

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