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Ina Prätorius, Handeln aus der Fülle. Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition   

Buch des Monats Dezember 2005

Ina Prätorius, Handeln aus der Fülle. Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition, Gütersloher Verlagshaus 2005, ISBN 3-579-05216-8

Das Buch von Ina Prätorius ist ein wissenschaftliches Sachbuch aus dem Fachbereich Theologische Ethik. Es ist zugleich ein persönliches Glaubensbuch und erzählt von den gesellschaftlichen und kirchlichen Bewegungen, mit denen die Autorin verbunden ist, von den Quellen aus denen sie schöpft und den Hoffnungen, die sie bewegen. Es ist ein alltägliches Gebrauchsbuch für Menschen, die zusammen wohnen, es handelt vom Aufräumen und Tisch decken, vom Essen, Trinken und Spielen. Und es ist ein poetisches und mystisches Buch, in dem viele Erfahrungen einen sprachlich verdichteten und berührenden Ausdruck gefunden haben. Sie selbst schreit dazu: «Dieses Buch ist mindestens so sehr erlegen, erschwiegen und erwartet, wie erdacht und erarbeitet» (Vorwort, S. 7). Das diese Dimensionen nicht voneinander getrennt sind, sondern zu einer Einheit zusammenkommen, ist eines der wichtigsten Anliegen der neuen Art, über das gute Zusammenleben von Menschen nachzudenken, die Ina Prätorius in ihrem Buch vorstellt.

Für Ina Prätorius ist es an der Zeit, neu über das gute Zusammenleben der Menschen nachzudenken. Sie lädt uns dazu ins Haus der Ethik ein. Sie hat in diesem Haus aufgeräumt. Bisher stand in der Mitte des Zimmers das abstrakte, allgemeine Gesetz, an dem sich alles Handeln orientieren sollte Dieses Gesetz – egal ob es sich von Gott oder durch die Vernunft legitimiert, gab sich den Anschein Aussagen über den Menschen an sich zu machen und war doch geprägt von einer patriarchalen Sicht der Welt. Ina Prätorius schiebt dieses Gesetz aus der Mitte des Zimmers an die Wand. Es ist dann wie ein guter, solider Schrank, aus dessen Fächer und Schubladen die Weisung der Vorfahrinnen und Vorfahren jederzeit herausgeholt werden kann. In der Mitte des Hauses der Ethik steht neu der Tisch, um den sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses in all ihrer Verschiedenheit versammeln, um zu essen, zu arbeiten, zu spielen, lebensdienliche Lösungen für die jeweilige Gegenwart zu erfinden und Konflikte auszutragen.

Die neue Ethik ist geprägt von «nativem Denken», d.h. vom Bewusstsein, dass unserem Handeln eine Fülle vorausgeht, die uns geschenkt wird. Wir werden hineingeboren in einen staunenswerten Lebensraum, wir treten in die Welt ein als hilfsbedürftiger Säugling, abhängig vom Ja anderer zu uns und von deren vielfältigen uns zugewandten Tätigkeiten. Unsere wachsende Eigenständigkeit, die es uns ermöglicht in Freiheit zu entscheiden und zu handeln, bleibt immer eine Freiheit in Bezogenheit. In der patriarchal geprägten Gesellschaft ging das weitgehend vergessen bzw. wurde an den Rand (d.h. ins Private, Weibliche) abgedrängt.

Zu der Fülle, die uns als Geschenk vorausgeht, gehört für Ina Prätorius auch die biblische und kirchliche Tradition. Ihr Kirchenbild ist realitätsnah bescheiden. Die Kirche, verstanden als das durch die Jahrhunderte stolpernde, sündige Volk Gottes (S. 29), ist nicht vollkommener als andere Gemeinschaften, aber in ihr finden ungewohnte Gedanken zumindest bei einigen Gehör, in ihr wird noch über die Bedeutung von Wörtern wie Segen, Gnade, Schuld, Vergebung, Reich Gottes gestritten. Die Bibel ist für sie Ausdruck der Idee, dass menschliches Dasein und Handeln als Teil einer sinnvollen Geschichten verstanden werden können, «deren Beginn die gute Schöpfung und die gute Weisung Gottes ist, deren Ende der Friede Gottes mit den Menschen sein wird» (S. 17f.) Ein Modell für neues Nachdenken über das gute Zusammenleben von Menschen findet sie in der prophetischen Auslegung und Aktualisierung der biblischen Weisungen (Kapitel 6, S. 80ff.), in deren Tradition auch Jesus von Nazaret steht. In den alten, biblischen Texten findet sie zahlreiche Denkanstösse, die helfen, sich das gelingende Zusammenleben von Menschen vorzustellen: den Segen als A und O, Geschichtlichkeit, Götzenkritik und Sabbat und die Freiheit in Bezogenheit (8. Kapitel, S. 106ff.).

Das Buch endet «auf dem Rücken liegend in einem Andachtsraum». Dort verschmelzen die Zukunftsvision und die gegenwärtige Erfahrung «von Frauen und Männern, die nicht vergessen haben, dass sie Söhne und Töchter von Töchtern und Söhnen sind, Kinder Gottes aus lebendigem Leib ... Sie werden um einen Tisch sitzen, essen und trinken, sie werden staunen über den Himmel und die Erde und alles, was dazwischen ist, und sie werden einander von der Fülle austeilen, die sie als Geschöpfe Gottes sind und geschenkt bekommen haben ... Wenn ich wieder aufstehe, dann wünsche ich mir eine Gemeinschaft, in der ich zusammen mit anderen die Fähigkeit einüben kann, täglich neu geboren da zu sein und gut zu handeln. Das könnte die Kirche sein und manchmal ist sie es schon.» (S. 205)

Peter Zürn

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