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Guy Delisle, Aufzeichnungen aus Jerusalem.   

Buch bzw. Comic des Monats September 2012

Wer sich auf eine «biblische» Reise nach Israel/Palästina macht, hat Erinnerungen an biblische Geschichten und klangvolle Ortsnamen im Herzen, die oft auch mit persönlichen Lebens- und Glaubensfragen verknüpft sind. Unterwegs im Land kommt es dann aber meistens zu einer heftigen Konfrontation mit den politischen, sozialen und kulturellen Realitäten vor Ort. Die inneren Bilder einer «heilen Welt» passen nicht zu der äusserst komplexen, spannungsgeladenen Realität, die Reisende und Pilger im «Heiligen Land» vorfinden. Auf diese Diskrepanz zwischen Erwartungen zuhause und Erlebnissen vor Ort, die zu den zentralen Herausforderungen jeder «biblischen» Reise gehört, bereiten die meisten Reiseführer schlecht vor.

Guy Delisle, ein international renommierter kanadisch-französischer Comiczeichner, hat sich nun Israel/Palästina mit seinem präzis beobachtenden Blick genähert. Nach mehreren Werken u.a. über Shenzhen (China), Pjöngjang (Nordkorea) und Birma (Myanmar/Burma) hat er «Aufzeichnungen aus Jerusalem» veröffentlicht. Delisles Ausgangspunkt ist jedoch keine biblische Reise – er hat seine Frau Nadège 2008/09 als Hausmann und freischaffender Zeichner bei ihrer einjährigen Arbeit bei «Médecins sans Frontiers» (Ärzte ohne Grenzen) begleitet. Die Familie lebte während dieses Jahres in Bet Hanina im von Israel annektierten, arabischen Ostjerusalem. Während Nadège ihrer Arbeit bei der internationalen Hilfsorganisation nachging, kümmerte sich Guy um ihre gemeinsamen Kinder im Kindergartenalter, unternahm Streifzüge durch Jerusalem und das Land, gab Workshops an arabischen und israelischen Universitäten und hat seine Eindrücke von all dem in Zeichnungen festgehalten. Herausgekommen ist eine sehens- und lesenswerte Comic-Reportage, die beim wichtigsten einschlägigen Wettbewerb Europas, dem Internationalen Comicfestival von Angoulême, 2012 als bestes Album ausgezeichnet wurde. (Für Menschen, die seit den Mickey-Mouse-Heften ihrer Kindertage keine Comics mehr gelesen haben, sei angemerkt, dass es eine grosse Vielfalt hochstehender Comics gibt, die nicht auf Gags und Kinderpublikum abzielen, sondern die ganze künstlerisch-literarische Bandbreite von Autobiografien über Krimis und Romane bis hin eben zu Reisereportagen abdecken.)

Guy Delisle schildert in seinen chronologisch angeordneten, meist mehrseitigen Sequenzen Erfahrungen aus seinem Alltag zwischen Ost- und Westjerusalem, Kinderbetreuung und eigener Arbeit, Palästinensern und Israelis, Juden, Christen und Muslimen von August 2008 bis Juli 2009. Sein Blick ist subjektiv, aber nicht parteiisch. Delisle will keine Einführung in den Nahost-Konflikt geben, sondern von seinen persönlichen Erfahrungen erzählen. Zahlreiche Sequenzen lassen die Lesenden darüber hinaus am Alltag der internationalen Expat-»Gemeinde» aus Hilfswerk-MitarbeiterInnen und DiplomatInnen in Jerusalem teilhaben. Gerade darin liegt die Stärke seines Buches, die es zugleich zu einer guten Einführung in die verstörenden Realitäten in Israel/Palästina macht. Indem Delisle einen persönlich-autobiografischen Ansatz wählt und auch optisch in vielen seiner Sequenzen als beobachtendes, zeichnendes und erzählendes «ich» vorkommt, bleibt ständig präsent, dass sein Blick auf die Lebensrealitäten von Israelis und Palästinensern eben immer ein Blick von aussen bleibt. Die Erlebnisse und Eindrücke, die Delisle schildert, lassen sich nicht einfach verallgemeinern – aber es sind trotzdem typische Erfahrungen, wie sie Aussenstehende bei einer Reise oder bei einem Aufenthalt im Land häufig machen. Dazu gehören das Entsetzen über die Mauer, Checkpoints und die Verherrlichung palästinensischer Selbstmordattentäter genauso wie kleine Freuden, z.B. die Begeisterung des Autors über die breiten Bürgersteige und Strassencafés in Westjerusalem (die er in Ostjerusalem schmerzlich vermisst hatte). Zahlreiche alltäglich-politische Skurrilitäten lassen Delisle dabei an der Relevanz seiner angestrebten «politischen Korrektheit» zweifeln: Während er selbst, wohnhaft im palästinensischen Ostjerusalem (Bet Hanina), es sich standhaft verkneift, seine lange entbehrten Lieblings-Frühstücksflocken im gut sortierten Supermarkt der benachbarten jüdischen Siedlung (Pisgat Ze’ev) zu kaufen, um nicht die nach internationalem Recht illegale israelische Siedlungspolitik zu unterstützen, begegnet er am Ausgang desselben Supermarktes palästinensichen Muslimas, die gleich ihren ganzen Wocheneinkauf dort erledigen. Von seinem palästinensischen Garagisten im Ostjerusalemer Wadi Joz erfährt er wiederum, dass dieser auch Plastikscheiben im Angebot hat – für die vielen jüdischen Siedler, die ihre Autos dort billiger reparieren lassen als in ihren Siedlungen und zum Schutz vor palästinensischen Steinewerfern auf das stabilere Plastik statt Glas vertrauen. Auch christliche Pilgerorte beobachtet Delisle mit seinem aufmerksam-kritischen Blick: Die Grabeskirche beeindruckt ihn vor allem durch einen orthodoxen Priester, der die Pilger mit der Stoppuhr in der Hand aggressiv durch die Grabkapelle hetzt, sowie eine Prügelei zwischen Geistlichen verschiedener Kirchen. Und als Delisle am Jom ha-Shoah, dem Holocaust-Gedenktag, im Garten Gethsemane zeichnet, steht um 10 Uhr das gesamte Alltagsleben für zwei Minuten still, zum Gedenken an die Opfer der Shoah. Nur eine christliche Touristengruppe ignoriert das Innehalten und zieht lärmend weiter.

Delisles Zeichenstil ist einfach, überwiegend flächig in meist schwarz-weiss-grauen Farbtönen in vielen Schattierungen gehalten und zieht Betrachtende (und Lesende) gerade dadurch in seinen Bann. Da die Sequenzen immer aus der Perspektive der Hauptperson – Delisle selbst – gezeichnet und erzählt sind, sieht sich die Leserin, der Leser zudem mitten in das Geschehen hineinversetzt. Damit eignet sich das Buch hervorragend zur Vor- oder Nachbereitung der oftmals verstörenden Erfahrungen, die Reisende machen, wenn sie das «Land der Bibel» besuchen wollen und stattdessen auf «Länder von Israelis und Palästinensern» stossen, die obendrein von christlichen Pilgertouristen aus aller Welt bereist und dabei manchmal geradezu als ihr Privateigentum in Beschlag genommen werden. Damit ist zugleich gesagt, dass die Lektüre von Delisles «Aufzeichnungen aus Jerusalem», genauso wie eine Reise dorthin, alles andere als «leichte Kost» ist: In das Jahr seines Aufenthaltes dort fiel u.a. die israelische Invasion im Gazastreifen. Auch dies verarbeitet Delisles in seiner Comic-Reportage – aus der Sicht der unverzichtbaren, doch zugleich allzu hilflosen Hilfsorganisationen, die er über die Arbeit seiner Frau mitverfolgen konnte.

Fazit: Ein bemerkenswertes Buch, das tiefe Einblicke in den Alltag in Israel/Palästina bietet, aber auch betroffen und ratlos zurücklässt. Doch gerade das ist schon ein Gewinn – wenn nämlich die Vereinfachungen und klischeehaften Bilder, die wir uns von Israel/Palästina und dem Nahost-Konflikt machen, ins Wanken geraten.

 

Detlef Hecking

 

Guy Delisle, Aufzeichnungen aus Jerusalem. Farben Lucie Firoud & Guy Delisle. Reprodukt Verlag Berlin 2012, 336 S., ISBN 978-3-943143-04-1, Euro 29,-

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