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Bernd Beuscher, Rock My Soul. Von der Kraft der Seelsorge   

Buch des Monats August 2012

«Bernd Beuscher hat ein eloquentes Buch über die Kraft der Seelsorge geschrieben, die den professionellen Verzicht auf das Beliebtsein übt. Und er entfaltet dafür eine lebensfreundliche Theologie der Sünde». So fasst die Zeitschrift reformierte presse (17/2012, S. 9) die Rezension von Bernd Beuschers Buch durch Ralph Kunz zusammen. Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie in Zürich, erkennt in dem Buch «ein Plädoyer für aufgeklärte Seelsorge», ist davon überaus angetan und lässt sich von dessen Stil inspirieren, wenn er schreibt: «Hier rockt einer quer durch die Seelsorge und bleibt doch «in the bossom of Abraham». Und am Ende der Rezension: «Beuscher fährt regelrecht auf Bilder ab und rauscht halt manchmal auf und davon. Das ist aber nicht weiter tragisch. man hat genug an dem, was man verstanden hat ... Let`s rock!»

Ich will hier die Rezension von Ralph Kunz nicht wiederholen, auch wenn ich weitgehend mit seiner positiven Wertung des Buches übereinstimme. Ich will sie ergänzen um die biblischen Hintergründe der «aufgeklärten Seelsorge». In ihnen entdecke ich viel Potential für unser Projekt der biblischen Beseelung der Pastoral. In Zentrum steht der Seelsorger Jesus, der nicht im Sprachspiel des Helfersyndroms fragt: «Wie kann ich helfen?», sondern herausfordernd: «Was willst du, dass ich dir tun soll?» (Mk 10,51). In der Sprache des seelsorgerlichen Beratungsgespräches: Jesus klärt zuerst die Frage nach dem Mandat in der Beziehung. Vor dem Behandeln kommt das Verhandeln.
Seelsorge beginnt mit einer Unterbrechung. Mit der Unterbrechung des Gewohnten, das den Ist-Zustand aufrecht erhält. Mag dieser Zustand auch noch so leidvoll sein, er ist eben auch die aktuelle Überlebens- und Lebensstrategie, die Vorteile mit sich bringt. Mindestens den Vorteil, gewohnt zu sein. Beuscher spielt das an einem biblischen Text exemplarisch durch, an der Erzählung von der Heilung am Teich Betesda aus dem Johannesevangelium (5,1-14), in dem der Kranke ja bereits 38 Jahre mit der Krankheit lebt und von Jesus gefragt wird: «Willst du gesund werden?» Also lautet ein seelsorgerlicher Grundsatz: «Ever change a running system» (S. 20). Dann erst können Such- und Veränderungsexeperimente starten. In solchen Experimenten erkennt Beuscher einen elementaren Bestandteil der Bibel. «Angefangen von einer der ältesten Zeilen (5. Mose 26,5: «Ein umherirrender Aramäer war mein Vater») über vielfachen Exodus, «Vater und Mutter verlassen» (Genesis 2,24), «Wie die Kinder werden» (Lk 18,17, Matthäus 18,2 und Johannes 1,12 sind keine Aufforderung zu Infantilität und zum kindisch-Werden, sondern Zumutung und Provokation für Erwachsene), Busse (Metanoia) (»Meta-noeite» heisst nicht «kehret um» im geographischen Sinne, sondern «erkennet um», – verrückte Perspektive ...), Taufe, Verwandlung und Wiedergeburt bis zum österlichen symbolfeld von Aufstehen, Auferstehung, Auferweckt und Aufgerichtetwerden geht es immer wieder um konstruktive Irritationen» (S. 92).
Ein weiteres Beispiel für Irritieirendes Handeln Jesu findet Beuscher in der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1-45). «Jesus überhörte, was gesagt wurde» heisst es in Vers 36 und «als Jesus hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er war». Ein Leitwort für diese Art seelsorgerliches Handeln ist «respektvolle Respektlosigkeit», die letztlich in der «Respektlosigkeit dem Tod gegenüber» (S. 99f.)gründet.
Worum es in den biblischen Heilungsgeschichten geht, ist nicht das Wecken individueller Selbstheilungskräfte, nicht das «Survival of the fittest believer» (102), sondern um den «(oftmals an und für sich schwachen, angefochtenen Glauben als beglückendes Begegnungs- und Beziehungsgeschehen einer Liebe in Wahrheit» (102). Die prästabiliserte (Dis-)Harmonie sozialer Systeme wird für einen Moment ausser Kraft gesetzt. Es entsteht ein Raum für neue Möglichkeiten.
Soziale Systeme produzieren Opfer, um sich zu stabilisieren.Wer neue (Beziehungs-)Möglichkeiten eröffnet, macht sich bei denen, die von den Alten profitieren oder sich zumindest an sie gewöhnt haben, nicht unbedingt beliebt. Aber: «Beliebtsein ist auch überschätzt» (103). Oder anders ausgedrückt: «Soll sich jedoch was tun und muss sich was ändern, gilt es darum bei entsprechenden Empfehlungen (»Das ist ein toller Arzt», «Das ist eine supernette Therapeutin») nachzufragen, wie weh es getan hat und wie bitter es war» (113).
Für ein derartiges seelsorgerliches Handeln sind je nach Situation ganz unterschiedliche Haltungen hilfreich und not-wendig. Beuscher nennt seinen Ansatz in einer Fussnote «parakletische Seelsorge» (S. 19) und sieht im Paraklet die Vielfalt seelsorgerlicher Haltungen, Handlungen und Wirkungen angelegt, «als Anwalt, Beistand, Tröster, Stellvertreter, Helfer, Stellvertreter und Mahner».
Nach vielem Grundsätzlichen schliesst das Buch mit einer breiten Palette ganz konkreter «Anregungen, Beispiele und Übungen» (S. 118-143), die eine aufgeklärte Seelsorge im (v.a. sprachlichen) Detail durchspielen. Das schafft viele Aha-Erlebnisse.
Wie anfangen? Wer unser Projekt der biblischen Beseelung kennt, wird nicht überrascht sein: Bei uns selbst. In diesem Fall bei den lesenden Seelsorgerinnen und Seelsorgern. In der anfänglichen «Gebrauchsanweisung» für das Buch (S. 7-11) wird die bevorstehende Leseerfahrung in ihrer irritierenden Kraft hervorgehoben (»Meiden Sie die Texte, wo sie alles verstehen»). Und ganz am Ende heisst es: «Haben Sie Verständnis für sich, stehen sie zu sich, vergeben sie sich und lassen sie sich. Ich bin überzeugt, dass das Gottes Absicht entspricht. Immerhin hat ihre Seele einigem Neuen, Fremden, Unheimlichen wenigstens schon im Denken Asyl gegeben. So klein und unscheinbar der Anfang auch ist: Weiss man das zu schätzen, wird es sich auswirken auf Leib und Seele» (144).

Peter Zürn

Bernd Beuscher, Rock My Soul. Von der Kraft der Seelsorge, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, 144 S., ISBN 978-3-525-63015-0, Euro 16.95, CHF 27.90. Unter www.buch.ch auch als Download lieferbar.

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