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Klaas Huizing, Eva, Noah & der David-Clan. Scham, Schuld und Verbrechen in der Bibel   

Buch des Monats Mai 2012

Klaas Huizing erzählt Geschichten von der «buckligen Verwandtschaft». Für die schämt man sich, aber ohne die ist das Leben ärmer. «Und am spannendsten in der buckligen Verwandtschaft sind die, die gegen den Strom schwimmen. So wie Onkel Ernst». Von dem erzählt Klaas Huizing in der Einleitung des Buches. Und kommt ganz schnell von seiner leiblichen Verwandtschaft zu seiner/unseren biblischen Familie, deren Stammbaum «aufregend krumm und schief» ist. «Keine heile Welt, nirgends ... Es ist eine extrem bucklige Verwandtschaft». Die Gebrochenheit der biblischen Biografien macht die Geschichten aber gerade so lebenssatt und so verknüpfbar mit unseren eigenen Geschichten. Die biblischen Geschichten sind «gegenwartstauglich». Sie haben «menschliches Mass». Sie beschreiben Lebenskonflikte, die wir alle kennen und spielen uns exemplarisch typische Krisen, Krisenverschärfungen und Krisenlösungen vor. «Vielleicht ist die Bibel deshalb ein so überzeugendes Buch, weil es nicht am Beispiel des Idealen und Schönen Überzeugungen und Haltungen stiftet, sondern am Beispiel des Hässlichen, Krummen, Schiefen».
Huizing geht der Geschichte folgender buckliger biblischer Verwandte nach:
Adam und Eva. Peinlich nackte Ureltern
Kain. Das Drama des unverschämten Kindes
Noah. Der schamlose Betrunkene
Lots Töchter, Lea & Rahel, Tamar. Drei Schamgeschichten
Esau. Der späte Held der Scham
Simson. Zwischen Eifersucht und Scham
Der David-Clan. Scham-Stück in mehreren Akten
Jesaja & Hosea. Die Perfomer der Scham
Jesus. Der Meister der Scham.
Die Untertitel machen es deutlich. Huizings roter Faden durch die Geschichte ist die Scham. Er schreibt eine biblische Kulturgeschiche der Scham. Scham ist sozial, hat mit Beziehungen zu tun. Scham ist öffentlich, zeigt die Unstimmigkeit zwischen Eigen- und Fremdbewertung an. Scham dokumentiert eine Störung im Verhältnis zwischen Menschen und im religiösen Kontext zwischen Mitmensch und Gott. Scham ist für Huizing das Gefühl, das unterschwellig die biblischen Geschichten und auch viele unserer Handlungen lenkt. An den biblischen Geschichten können wir den Umgang mit Scham üben. «Indem ich mich in die Geschichen einlogge, kann ich stellvertretend üben, wie Leben im Horizont der Scham gelingt».
In der Ur-Geschichte von Adam und Eva betritt die Scham die Bühne, als horizontaler und vertikaler Riss, als Erfahrung von Gott getrennt und voneinander (geschlechtlich) unterschieden zu sein. Hintergrund der Scham ist die Angst, die Differenz nicht überbrücken zu können (und die Sehnsucht danach). Die Geschichte der Menschheit ist der Versuch, diesen Riss zu kitten, die Gemeinschaft zu reparieren, zu personalen und verantwortlichen Beziehungen zu finden.
Die folgenden Geschichten erzählen von solchen Versuchen. Immer wieder wählen Menschen (in der Mehrzahl Männer) dabei die Strategie, die Scham zu verschieben – hin zur Schuld. Kain z.B. konfrontiert mit seiner Scham, entscheidet sich zum Täter zu werden. Scham ist ein Widerfahrnis. Schuldigwerden ist aktiv. Huizing arbeitet hier in genauer Textarbeit heraus, dass die Bibel nicht von Schicksalsmächten und Verhängnissen erzählt, sondern immer von Handlungsalternativen und Entscheidungen. Die Alternativen im Umgang mit Scham werden in verschiedenen Geschichten durchgespielt: Rebekka sorgt für Abstand zwischen Esau und Jakob, die Jakobsgeschichte liest sich gar als «Coverversion der Kainsgeschichte»: Der hinkende Jakob, mit dem Mal versehen wie Kain, der demütige, verwundete, kann dem Bruder in Augenhöhe begegnen und als Gleichem ins Gesicht schauen. Esau wird zum eigentlichen Held der Geschichte und zum barmherzigen Bruder; auch Juda schafft es, aus der Erfahrung der Scham heraus, sich neu zu seiner Schuld zu verhalten; Jesus schliesslich – der mit seiner undurchsichtigen Herkunft auch zur buckligen Verwandfschaft zählt – setzt fort, was die Propheten, die «Performer der Scham» wie Huizing sie nennt, vor ihm entwickelt haben und engagiert sich intensiv für die «Entängstlichung». Neben dem Widerfahrnis der Scham soll immer mehr Raum werden für das Widerfahrnis, das Ergriffenwerden von der Liebe. «Das ist das Ziel», formuliert Huizing am Ende seines Buches, " das Gefühl der cham, das sich nicht gut anfühlt, durch das Gefühl zu ersetzen, das sich gut anfühlt», denn «Menschen sollen sich für die bedingungslos erfahrene Güte nicht schämen».

Huizings Ansatz ist überrschend und neu. Er entdeckt unbekannte Seiten in altbekannten Texten – für mich am anregensten in der Geschichte von Kain und Gott als erstem Priester bzw. erstem Kultkritiker. Huizings roter Faden bringt die Texte quer durch die Bibel produktiv miteinander ins Gespräch. Huizing liest die Texte genau. Das Druckbild (biblische Texte sind ausführlich zitiert, zweispaltig und mit einer anderen Schrift abgehoben) hilft dabei, mitzulesen. Überhaupt ist das Buch einfach schön gemacht – bis hin zu Anmerkungen und Literaturverzeichnis im Anhang. Huizing liest die Texte im biblischen Kontext und sucht nach innertextuellen Verbindungen. Er zieht ausführlich jüdische Auslegungen (und an einer Stelle auch koranische) mit hinzu. Huizing, der Theologe und Schriftsteller ist, liest auch immer wieder mit, wie andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller sich von den biblischen Texten zur Auseinandersetzung inspirieren lassen. Huizings Sprache ist leicht und humorvoll. Immer wieder finden sich Sprachperlen, so etwa über Juda, der bei seiner Begegnung mit vermeintlichen Prostituierten Tamar die Insignien seiner Macht, Siegelring und Stab, ablegt : «Bevor er sich auszieht, steht er bereits nackt da».
Das Personal seiner Geschichten, von Onkel Ernst über Kain und Esau, Simson und David, bis hin zu Jesus, legt den Schluss nahe, dass Huizing in erster Linie eine männliche Kulturgeschichte der Scham schreibt. Bei manchen Frauengestalten sind es denn auch eher die Männer an ihrer Seite, denen die Widerfahrnis der Scham zu schaffen macht (Adam neben Eva, Lot neben seinen Töchtern, Juda neben Tamar). Ein solcher genderbewusster Blick hätte durchaus noch etwas mehr Aufmerksamkeit verdient als ihm Huizing Raum gibt. Daran lässt sich aber anknüpfen...

 

Peter Zürn

Klaas Huizing, Eva, Noah & der David-Clan. Scham, Schuld und Verbrechen in der Bibel, edition chrismon Frankfurt a.M. 2012, 196 S. ISBN 978-3-86921-092-6

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