Wir beraten

Tomáš Halík, Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute   

Buch des Monats Februar 2012

 

«Geduld mit Gott» ist von der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie als das «Beste theologische Buch Europas 2011» ausgezeichnet worden. Deswegen gibt es bereits viele qualifizierte Besprechungen des Buches. Ich gebe am Ende meines Beitrages vier Links an. Und deswegen konzentriere ich mich hier auf eine Frage, die mit dem aktuellen Schwerpunkt des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks zu tun hat. Ich frage danach, was für Impulse das Buch von Tomáš Halík für die biblische Beseelung der Pastoral im Kontext der heutigen Gesellschaft beinhaltet. Das ist eine ganze Menge.

Zentral für die Ausführungen Haliks ist die biblische Figur des Zachäus in Lk 19,1-10. Halik charakterisiert ihn folgendermassen: «Zachäus kann uns als unverbesserlicher Individualist, als «nicht Einzuordnender» gelten – dort, wo die Menschen sich aus Begeisterung oder auch Erbostheit bereitillig in Reih und Glied stellen, sucht er instinktiv einen versteckten Platz in der Krone eins Feigenbaums. Er tut dies nicht aus Hochmut, wie es scheinen könnte, weiss er doch gut von seinem «kleinen Wuchs» und seinen grossen Schwächen, von seiner Schuld gegenüber den absoluten Anforderungen» (S. 23). Zachäus ist ein religiös Suchender am Rand der Glaubensgemeinschaft. Solche wie ihn dürfte es am Rand heutiger Pfarreien etliche geben.

Halik will mit den modernen Verkörperungen des Zachäus in Verbindung kommen, aber nicht, indem er sie missioniert oder in die Kirchengemeinschaft zu holen versucht. Er will mit ihnen in Verbindung kommen, weil er ihre Erfahrung kennt und teilt: die Erfahrung der Vorbehalte gegenüber allzu überzeugter und bruchloser Gläubigkeit, die Erfahrung des Zweifels an der Sinnhaftigkeit des Lebens, die Erfahrung der Distanz zu Gott und des Schweigens Gottes. Für Halik sind solche Erfahrungen wesentlicher Teil jedes gereiften, jedes erwachsen gewordenen, ja jedes im eigentlichen Sinne in der jüdisch-christlichen Tradition stehenden Glaubens. Denn der Gott dieser Tradition ist ein unauslotbares Geheimnis. «Rings um ihn her sind Wolken und Dunkel» zitiert Halik Psalm 97,2. Dieser Gott ist nicht einfach zu haben. Er ist ein Gott des immer neuen Aufbrechens auch aus zur Gewohnheit gewordenen Vorstellungen von ihm. Halik gebraucht hier verschiedene biblische Motive, Abram und Sarai, den Exodus, die Nachfolge …Es ist auch ein Gott der Abwesenheit, wie es sich in Jesu Schrei am Kreuz nach dem Markusevangelium zeigt: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Der Glaube, den Tomáš Halík entwirft, folgt dem Rhythmus des Aus- und Einatmens, kennt Nacht und Tag, ist manchmal Erfahrung der Gegenwart Gottes, manchmal Erfahrung der Abwesenheit. Halik will nicht die Zachäus-Menschen vom Rand in die Mitte der Glaubensgemeinschaft holen, wohl aber die Erfahrung, die sie verkörpern: die Erfahrung der Abwesenheit Gottes, des unerfüllten Suchens, des Unglaubens.  Es geht ihm «nicht darum, die Ungläubigen einfach ins Innere der Kirche zu führen, sondern dieses Innere um deren Erfahrung der Finsternis zu erweitern» (57).
Mit den Menschen am Rand, den Suchenden, will Halik solidarisch sein, will sie ansprechen und bei ihnen zu Gast sein. Darin folgt er Jesus in der Zachäusgeschichte. Jesus kann Zachäus mit Namen ansprechen, weil er ihn  – und seine Erfahrung der Gottverlasssenheit – kennt.
Halik folgt Jesus in seiner Vorliebe für die am Rand, für die Nichtgläubigen, für die Anderen. Und er erkennt in dieser Option eine Form der Befreiungstheologie. Sie befreit von den Sicherheiten im Bereich der Religion. Und: «Eine Stunde lang beobachten zu können, wie Gott in der Perspektive von Suchenden, Zweifelnden, Fragenden aussieht – ist das nicht eine neue, aufregende, notwendige und nützliche religiöse Erfahrung?» (38). Ich verstehe das als herausfordernde Einladung für eine biblische Beseelung der Pastoral, die gewohnte Wege verlässt und «heiligen Boden» an ganz unerwarteten Orten findet.
Auf dem Hintergrund des Projektes der biblischen Beseelung der Pastoral, die im Bibelwerk mit Maria von Magdala, der Patronin der Bibelpastoral verbunden ist, freut es mich sehr, dass Halik auch in Maria von Magdala, der Apostelin der Apostel, eine biblische Begleiterin erkennt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie geduldig am Grab aushält; sie sucht, aber sie findet nicht, aber sie hört nicht auf zu suchen. Maria von Magdala wird so für Halik zum Bild der suchenden Kirche, die Geduld mit Gott hat. Das ist der Hintergrund des Buchtitels. Halik kennt die Erfahrung der Abwesenheit Gottes, aber er schliesst deswegen nicht, dass es Gott gar nicht gibt. Er hat Geduld mit Gott, weil er Gott die Freiheit des Geheimnisses lässt.
Haliks pastoraler Ansatz ist biblisch geprägt und beseelt. Eine wichtige Rolle spielen die Gleichnisse Jesu, etwa das vom barmherzigen Samariter, dessen Quintessenz er knmapp und klar benennt: «Du selbst mach dich zum Nächsten» (132). Halik stellt sich aber auch in die Tradition des Paulus, der in Paradoxien zu denken gewohnt ist und der die Freiheit hat, sich immer neu zu inkulturieren ohne beliebig zu werden. Gerade Paulus bietet ihm einen Zugang zur Welt, die ambivalent ist und zur Schrift, die in angemessen paradoxen Aussagen über Gott und die Welt spricht. In den letzten beiden Kapiteln (»Der heilige Zachäus» und «Der ewige Zachäus») entwickelt Halik in guter jüdischer Tradition zwei Midraschim zur Zachäusgeschichte, auf die ich hier nur neugierig machen und deswegen über sie noch nichts verraten will.

Schliessen möchte ich mit einer Frage Haliks, die für die biblische Beseelung der Pastoral jenseits der Volkskirche fruchtbar gemacht werden kann. Sie lautet: «Ist nicht eine bestimmte Form des Glaubensverlustes in unserer Zeit eine Art «Vorgeschmack» des Reiches Gottes? … Lediglich der postmoderne Philosoph Gianni Vattimo behauptet, die gegenwärtige säkulare Gesellschaft sei die Erfüllung der kenosis Christi – der Selbst-Entäusserung im Sinne des paulinischen Hymnus – und dadurch auch die logische Vollendung der Geschichte des Christentums und die von Joachim von Fiore vorausgesagte «Zeit des Heiligen Geistes» (64f.).

Peter Zürn

Tomáš Halík, Geduld mit Gott. Die Geschichte von Zachäus heute, Herder Verlag 4. Auflage 2011, 260 S., ISBN 978-3-451-30382-1, CHF 21.90 Euro 14.95

Besprechung von Eva-Maria Faber, Chur:

http://www.thchur.ch/index.php?PHPSESSID=9j130lcpitmokb3j9sno13c0t3&na=12,0,0,0,d,129529,0,0,

Besprechung von Paul M. Zulehner:

http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/archiv/beitrag_details?k_beitrag=2746405

Besprechung von Johannes Röser:

http://www.christ-in-der-gegenwart.de/aktuell/extras/rezensionen_details?k_beitrag=2576708

Besprechung des Katholischen Medienhauses Sankt Michaelsbund:

http://www.st-michaelsbund.de/index.php?id=578&tx_ttproducts_pi1[backPID]=565&tx_ttproducts_pi1[product]=285&cHash=b3e69accfc

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