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Der verlorene Otto – Das Buch von allen Dingen – «Wie sehe ich aus», fragte Gott   

Drei (Kinder-)Bücher des Monats September 2011

Die Bibel wirkt in der gegenwärtigen Kultur. Ihre Geschichten haben Potential für die kommenden Generationen. Das zeigen drei neu erschienene Kinderbücher, die sich ganz unterschiedlich auf die Bibel und biblische Traditionen beziehen.

Doris Dörrie und Jacky Gleich übersetzen das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn in die Erlebniswelt von Kindern heute. Eines Morgens reicht es Otto: das Meckern der Mutter, das Schimpfen des Vaters und dass seine Schwester, die doofe Streberin immer nur gelobt wird. «hundsblöd» findet Otto das – zeichnerisch wunderbar umgesetzt. Er packt sein Taschengeld und sein Schlaftier Puschl und zieht los. Jetzt kann er schreien, soviel er mag. Und in jeden Dreck springen, so oft er mag. Er verbringt einen wunderbaren Tag und erweitert seine Welt, immer begleitet von den Gesprächen mit Puschl, das die Verbindung nach Hause aufrecht erhält. Aber als die Nacht hereinbricht… Jedenfalls: Wieder zuhause kocht Ottos Vater Ottos Lieblingsessen – Schinkennudeln. Dörrie und Gleich erzählen die Geschichte ohne moralischen Zeigefinger. Ihr Fokus liegt auf dem Entwicklungspotential, das in Ottos Entscheidungen (abzuhauen und zurück zu kommen) liegt. Ottos Schwester Emilia übernimmt die Rolle des älteren Bruders im Gleichnis. «Wenn ich abhauen würde, würdet ihr euch nicht so grosse Sorgen machen», klagt sie. Aber sie sagt auch zu ihrem Bruder: «Es war doof ohne dich.» Ein nachgeschobenes Schlussbild zeigt Emilia, wie sie mit ärgerlicher Miene und gepackter Tasche wegläuft… Ottos Geschichte ist auch Emilias Geschichte. Insofern wird das biblische Gleichnis, das mit der eindringlichen Rede des Vaters an den daheimgebliebenen Sohn endet und die Reaktion des Sohnes offenlässt, in Andeutungen weiter erzählt. Der barmherzige Vater des Gleichnisses wird im Bilderbuch von einer barmherzigen Mutter ergänzt.
Die Sprache des Buches ist knapp, klar, oft hart, aber herzlich. «Entschuldigung» sagt Otto vor dem Schlafengehen. «Gute Nacht, Blödmann», sagt seine Schwester. «Gute Nacht, Blödfrau» reagiert Otto. Und Puschl bringt alles auf den Punkt: «Hauptsache, wir sind alle wieder da.» Die Bilder von Jacky Gleich sind durchgehend in Braun-, Grün- und Rottönen gehalten. Sie bringen die jeweiligen Gefühlslagen gut zum Ausdruck.

Guus Kuijers Buch spielt in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts im Haus eines bibeltreuen christlichen Patriarchen ohne jeden Humor. Als sein Sohn Thomas im Gottesdienst aus voller Brust mitsingt, was er als Liedtext verstanden hat (»Armer Ziegenherr, die Arme, die mach uns gesünder» – was wirklich gesungen wurde, wird im Buch erst später aufgelöst, erkennen Sie es?) setzt es fürchterliche Prügel – eine der schrecklichsten Szenen des Buches. Thomas überlebt sie, indem er schlimme Worte denkt: «Es – Klatsch! – gibt – Klatsch! – keinen – Klatsch! – Gott». Thomas ist ein Träumer. Er sieht Dinge, die andere nicht sehen können und schreibt sie in sein «Buch von allen Dingen». Nach und nach entsteht aus den Beziehungen zu einer als Hexe verschrienen Nachbarsfrau, zu Tante Pie und ihren Freundinnen, zu Elisa mit dem Lederbein und den fehlenden Fingern, in die sich Thomas verliebt, zu seiner Schwester, die Thomas völlig falsch eingeschätzt hat, sowie zu Jesus und den Engeln im Himmel, die alle in Thomas verliebt sind und nicht zuletzt zur Poesie, eine Gegenmacht gegen den Vater und seine Gewalttätigkeit. Beim abendlichen Ritual des Bibellesens in der Familie kommt es zur Konfrontation. Gelesen werden die 10 Plagen gegen den Pharao und Ägypten, die dem Exodus vorausgehen. Als die Macht des Familienpharaos gebrochen ist, trifft sich die ganze bunte Gemeinschaft starker und eigenwilliger Frauen – wahre Nachfahrinnen der Mirjam mit der Pauke – zu einem Abend mit Gedichten und Musik und viel Geschnatter. Die Schlussszene spielt im Himmel, mit Jesus und den verliebten Engeln. Jesus erklärt ihnen – einem jüdischen Midrasch über Engel und Menschen folgend – dass sie bei Thomas keine Chancen hätten, weil keiner ein Lederbein hat, das beim Gehen knirscht. Etwas, so der Midrasch, fehlt den Engeln: die Erfahrung von beschädigtem Leben.

Rafik Schami, der aus Syrien stammende und seit vielen Jahrzehnten in Deutschland lebende Geschichtenerfinder und Erzähler, hat ein Buch über Gottesbilder geschrieben. Gott selbst ist es, der nach den Bildern fragt, die seine Geschöpfe sich von ihm machen. «Und so kam Gott auf die Erde, unsichtbar wie ein Gedanke und neugierig wie ein Kind». Er begegnet nach und nach einer Wolke, einem Schmetterling, einem Fisch, einem Schneeglöckchen, einer Palme, einer Schildkröte, einem Atom, einer Jasminblüte (und gleich darauf, als er sie gerade zu seiner Lieblingsblüte erklären will, einer Orangenblüte), einem Distelfink und einem Esel, einer Maus, einer Spinne, einem Regenbogen, zwei murmelspielenden Kindern und einem alten, weisshaarigen Mann mit Bart, einem Maler. Alle fragt er: «»Wie sieht Gott aus?» Und alle haben etwas zu erzählen von Erfahrungen, die sie gemacht haben und die etwas mit ihrem eigenen Wesen zu tun hat. Das Atom zum Beispiel (wenn man da von Erfahrungen und Wesen sprechen kann…) lauscht der Musik Gottes im kreisenden Rhythmus des Universums. Und das murmelspielende Mädchen sieht Gott mit seinen Murmeln, den Planeten, spielen, die er manchmal auch vergisst und irgendwo liegen lässt. Nur der alte, weisshaarige Maler kommt auf die Idee, sich selbst zu malen und stolz zu sagen. «Das ist Gott.» Und so endet das Buch mit dem Zweifel Gottes, ob er nicht beim Menschen irgendetwas falsch gemacht hat. Die Geschichte wird ergänzt durch wunderschöne, feine Zeichnungen von Sandra Beer. Sie zeigen all die Wesen, die Gott begegnen und sie zeigen sie durchscheinend, durchlässig für ein Geheimnis. Nur vom Mann mit dem weissen Bart gibt es kein Bild. Aber von diesem Bild haben wir eh zu viel.
Rafik Schami bezieht sich nirgends direkt auf die Bibel. Aber natürlich fliesst das biblische Bilderverbot mit ein, dessen Sinn er in der letzten Begegnung deutlich sichtbar macht und mit dem er kreativ umgeht, indem er viele Gottesbilder zeichnet. Die vielen Gottesbilder atmen biblische Luft, weil sie Gott in seinen Wirkungen, in seinen Beziehungen zu allem, was ist, erkennbar machen.

Peter Zürn

Doris Dörrie, Jacky Gleich, Der verlorene Otto, edition chrismon Frankfurt a.M. 2011, 32 S. ISBN-10:3-86921-076-1, 14.90 Euro CHF 21.90

Guus Kuijer, Das Buch von allen Dingen. Oetinger Taschenbuch Verlag Hamburg 2011, 96 S. Euro 6.95 CHF 10.90

Rafik Schami, «Wie sehe ich aus», fragte Gott. Mit Illustrationen von Sandra Beer. edition chrismon Frankfurt a.M. 2011, 24 S., ISBN-10:3-86921-075-3Euro 14.90 CHF 21.90

 

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