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Matthias Krieg / Konrad Schmid (Hrsg.), bibel(plus) – erklärt. Der Kommentar zur Zürcher Bibel   

Buch des Monats Januar 2011

Nachdem bereits seit 2007 die Neuübersetzung der Zürcher Bibel zusammen mit den ersten drei Teilen des Begleitwerks «bibel(plus)» vorliegt, nämlich einem Reiseführer («besichtigt»), einem Bibelseminar («vertieft») und einer Hörbuchausgabe («mitgehört»), folgte nun unter dem Titel «erklärt» der dazugehörige Kommentar zur Zürcher Bibel. In drei gewichtigen Bänden liegt er vor: Bd. 1 und 2 zum Alten Testament, Band 3 zum Neuen Testament mit einem Glossar und verschiedenen Registern zum Gesamtwerk.

Die 41 Verfasser der Kommentare zu den einzelnen biblischen Büchern (Namensliste am Ende von Bd. 3) sind wie nicht anders zu erwarten in der grossen Mehrheit männlich und protestantisch; bei den immerhin 5 katholischen KommentatorInnen überwiegen wenigstens die Frauen.

Der Kommentar zu jedem biblischen Buch beginnt mit einem eine Buchseite umfassenden «Steckbrief» (Titel, Abfassungszeit, Entstehungsort, Verfasser, …), der aber neben diesen Ergebnissen der historisch-kritischen Exegese auch schon stichwortartig Hinweise gibt auf Schlüsselwörter im Text, theologische Inhalte und die Wirkungsgeschichte.

Darauf folgt jeweils eine doppelseitige Buchzusammenfassung, die eine erste Orientierung über den Inhalt geben möchte und durch ihre farbliche Hervorhebung auch als eine Art Buchregister dient. Die eigentliche Kommentierung besteht dann aus einem abschnittsweisen Abdruck des Bibeltextes mit einem Kommentar in etwa dem selben Umfang.

Das ganze Werk ist mit einem breiten Rand gesetzt, der weitere Informationen aufnimmt, z. B. am Beginn eines jeden biblischen Buches Hinweise auf weiterführende (meist) allgemeinverständliche Literatur sowie Querverweise auf die anderen Teile des Begleitwerks «bibel(plus)». Auf der Randspalte sind aber auch Querverweise auf ähnliche Bibelstellen, Auszüge aus dem Glossar zu theologischen Schlüsselworten und Hinweise auf die spezifisch reformierte Wirkungsgeschichte.

Die drei Bände sind vollkommen durchgestylt, sowohl was den einheitlichen Aufbau und die Kategorisierungen angeht, die sich nicht immer von selbst erschliessen, ja manchmal fast gezwungen wirken, als auch von der optisch ansprechenden Ästhetik der Typographie her. Das Problem dabei ist aber: Ich habe selten ein Buch in der Hand gehabt, bei dem die Ästhetik ein solches Übergewicht über die rein technische Lesbarkeit erhalten hat. Die sowieso schon kleinen Drucktypen des Haupttextes werden noch übertroffen von der kleinen Schrift der Randspalten, wo teilweise so viele Informationen untergebracht werden, dass das Lesen z. B. der schlauchartigen Essays geradezu eine Zumutung für die Augen darstellt. Auch über das quadratische Format und die Einteilung in drei schwergewichtige Bände liesse sich sicher streiten. Neben Fragen des Geschmacks hätten schon auf Fragen der Handhabbarkeit eine Rolle spielen sollen. Vergleichbare Kommentarwerke wie das Stuttgarter Alte und Neue Testament haben schon gezeigt, dass es auch anders geht.

Nun aber zum Inhalt: Es ist klar, dass 41 verschiedene KommentatorInnen auch sehr verschiedene Kommentare vorlegen werden. Leserinnen und Leser des Werkes erwartet also ein breites Spektrum von Bibelerklärungen, die durchweg auf der Höhe der Zeit sind. Auch die für ein reformiertes Werk bemerkenswerte Einbeziehung von Abbildungen ist ein absoluter Gewinn. Natürlich liesse sich immer das Eine oder Andere kritisieren. Und auch die Widersprüche zwischen den plakativen Steckbriefen und dem dann folgenden Kommentarteil sind nicht immer verständlich, so wenn z. B. für das Buch Genesis im Steckbrief eine grosszügige Entstehungszeit von 1000 – 200 v. Chr. angegeben wird, die dann aber im Kommentarteil «» wahrscheinlich korrekter «» wieder eingeschränkt wird auf das 9. – 4. Jahrhundert v. Chr. Überhaupt habe ich – ohne dies immer und überall nachgeprüft zu haben – den Eindruck gewonnen, dass die Steckbriefe eher konservative Positionen wiedergeben während die Kommentare dann Leserinnen und Leser argumentativ zu einem weiteren Verständnis einladen möchten.

Dass eine konsequente Vorgabe für die Umfänge der Kommentare bei so vielen AutorInnen wichtig ist, leuchtet ein, hat aber auch Nachteile. Gerade bei den biblischen Büchern mit kleinem Umfang ist dann natürlich auch der Raum für den Kommentar reichlich knapp und bleibt für Einleitungsfragen kaum mehr Raum. So wird z. B. der paulinische Philemonbrief auf 71 Zeilen abgehandelt, und die 9 Zeilen der Buchzusammenfassung lassen nicht einmal Raum sämtliche Adressatinnen des Briefes zu nennen. Er ist eben nicht nur an Philemon gerichtet, sondern u. a. auch an Apphia, was auch der Kommentar kaum reflektiert.

Diese Kompaktheit des Kommentars ist aber in gewisser Weise auch seine grosse Stärke. Welcher Bibellesende wird sich z. B. eine Kommentarreihe zu sämtlichen biblischen Büchern anschaffen, und sei es eine allgemeinverständliche? Da aber gerade protestantische Bibelausgaben im Allgemeinen unkommentiert sind, bleiben Bibellesende mit ihren Fragen oft allein. Hier haben sie nun auf drei Bänden zumindest eine erste Orientierung, ganz gleich um welches biblische Buch es sich handelt. Für Katholiken sei hier (wieder einmal) hinzugefügt, dass der Kommentar natürlich nicht alle biblischen Bücher kommentiert, sondern nur die des verkürzten reformierten Kanons.

Welche Erklärungshilfen erhalten Bibellesende nun wirklich? Hier einige Stichproben zum Kommentar besonders «heikler» Bibeltexte:

Bei der verhinderten «Opferung Isaaks» (Gen 22) wird den Lesenden zugemutet, sich auf ein ungewohntes Abrahambild einzulassen: auf das eines schwachen Mannes, der bereits seine Hauptfrau Sarai, seine Nebenfrau Hagar und seinen Erstgeborenen Ismael schutzlos preisgegeben («geopfert»?) hat und nun auch widerstandslos zur Opferung seines nunmehr «einzigen» Sohnes Isaak schreitet. Die bisher sehr geläufige Theorie einer religionsgeschichtlichen Ablösung von Menschenopfern durch Tieropfer wird mit Recht als haltlos erwiesen. Und ein religionshistorischer Essay zum Thema «Opfer» auf der Randspalte versucht zusätzlich zu diesem Thema zu informieren.

Mit der nicht verhinderten «Opferung von Jiftachs Tocher» (Ri 11) werden die Lesenden dann allerdings ziemlich allein gelassen. Weder der Hinweis auf die Tragik der Geschichte, noch der Vergleich mit der Opferung des Erstgeborenen des moabitischen Königs zur Abwehr einer Notlage (2 Kön 3,27) helfen wirklich weiter, ist die Notlage hier doch bereits bereinigt, ganz abgesehen davon, dass von einer Gleichstellung der Tochter Jiftachs mit dem moabitischen Kronprinzen keine Rede sein kann. Vollends Spekulation bleibt dann auch der Hinweis auf die Möglichkeit einer Kultlegende für eines rite de passage, der wirklich nirgends sonst belegt wäre. Mit der entscheidenden Frage, was sie mit einem solchen «text of terror» anfangen sollen, bleiben Bibellesende leider allein.

Die bemerkenswerte Tatsache, dass es eine Frau ist, nämlich die Prophetin Hulda, die den König Joschija zu seiner Kultreform ermutigt (2 Kön 22), ist dem Kommentator gerade drei Zeilen wert. Da hilft auch der Hinweis auf den «» übrigens ganz hervorragenden «» Essay «Frau» nicht viel weiter, der die ganze Last von Informationen über die Ergebnisse feministischer Arbeit am Bibeltext fast allein tragen muss.

Auch zur Frage der «Jungfrauengeburt» (Mt 1) erfahren die Lesenden wenig Erhellendes. Auf der Randspalte werden (komplizierte) reformatorische Traditionen referiert. Der Kommentar erwähnt zwar den Ausschluss Josefs von der Zeugung, erwähnt aber mit keinem Wort die mythische Redeweise solcher Texte, was m. E. für das Verständnis religiöser Sprache unabdingbar wäre. Der über einen Querverweis zu findende Kommentar zu Lk 1,34 informiert immerhin über «griechische Mythen von Götterzeugung». Inwiefern sich die göttliche Zeugung Jesu davon aber unterscheidet, wird nicht gesagt.

Es ist klar: Bei aller Gewichtigkeit dieses Werkes bleibt es ein Kurzkommentar. Er kann nicht alle Fragen beantworten und alle Erwartungen erfüllen. Die strikt gebotene Kürze der Erklärungen macht allerdings verschärft auf ein Problem heutiger Bibelauslegung aufmerksam. Die grosse Mehrheit der KommentatorInnen arbeitet im Universitätsbereich. Sie sind es gewohnt, ihre Forschungsergebnisse argumentativ und differenziert auszubreiten. Das geht bei einem Kurzkommentar aber nicht. Und: Die Fragen der Bibellesenden sind oft nicht dieselben wie diejenigen, die sich für die exegetische Forschung stellen. Die richtige Sprache für eine Vermittlung zwischen Hochschulforschung und Gemeinde wird auch in diesem Kommentar nicht immer gefunden.

Es ist diesem Kommentarwerk aber zu wünschen, dass ihm diese Brückenbaufunktion trotz allem gelingt und dass es dazu beiträgt, den immer tiefer werdenden Graben zwischen Hochschultheologie und Bibelgläubigkeit etwas einzuebnen.

Dieter Bauer

Matthias Krieg / Konrad Schmid (Hrsg.), bibel(plus) – erklärt. Der Kommentar zur Zürcher Bibel, (Theologischer Verlag) Zürich 2010, Halbleinen, 3 Bde. insges. 2716 S. mit vielen s/w-Abbildungen, Subskriptionspreis bis 31.01.2011: 78,00 Eur[D] / 80,20 Eur[A] / 120,00 CHF; ISBN 978-3-290-17425-5

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