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Hermann-Josef Venetz, Lob der Unverschämtheit. Gleichnisse Jesu für heute   

Buch des Monats Dezember 2010

Hermann-Josef Venetz beginnt sein Buch mit der Erinnerung an den Besuch einer Gemäldeausstellung, bei der er den Maler bittet, ihm eines seiner Bilder zu erklären. «Ich habe das Bild gemalt; anschauen und deuten müssen Sie es schon selbst» ist dessen Antwort. So ist es für Venetz mit den Gleichnissen. Ihre Bedeutung entwickelt sich in der Beziehung zu den Hörenden und Lesenden. Und das, wovon sie sprechen – Gott und sein Kommen – bleibt grundsätzlich unfassbar.
Das bringt mich dazu, ebenfalls mit einem Bild in einer Ausstellung zu beginnen und zwar mit einem Bild der Ausstellung «Max Rüedi liest die Bibel» in der Propstei Wisklikofen. Im obersten Stock der Propstei, dort wo die Bilder unter dem Leitwort «Erlösung, Befreiung» versammelt sind, hängt ein Bild, in dessen Mitte ein Baumstamm aus zwei menschlichen Leibern zu sehen ist. Der eine, ein männlicher Leib wurzelt unten, der andere, ein weiblicher verzweigt sich oben. Der Kopf in den Wurzeln trägt eine Dornenkrone, die Frau oben wirkt wie die auferstandene Mutter allen Lebens. Mir kommt beim Betrachten dieses Bildes in den Sinn, was Hermann-Josef Venetz zu den Gleichnissen schreibt: Sie sprechen von keiner heilen Welt, sondern von der ganz normalen, «weltlichen» Welt, in der sie wurzeln. Und in dieser Welt sehen sie «Möglichkeiten, die deutlich machen, dass nichts so sein muss, wie es ist, und dass diese unsere gnadenlose Welt mit ihren tödlichen Strukturen nicht die letzte Wirklichkeit ist» (S. 183). In dieser Spannung sieht Venetz die Gleichnisse Jesu und legt sie aus, indem er drei Menschengruppen in den Blick nimmt: die Menschen, die als erste die Gleichnisse Jesu hörten, die Leute in den ersten christlichen Gemeinden und uns heute. Dabei fragt er existentiell nach den Stimmungen, den Fragestellungen und Nöten dieser Menschen und bringt sie miteinander ins Gespräch. Insgesamt 14 Gleichnisse legt Venetz aus, darunter die bekanntesten: vom Senfkorn, vom Verlorenen und Gefundenen, von den Arbeitern im Weinberg, von den klugen und törichten Frauen, vom Säen und Ernten, vom Schatz und der Perle. Aber auch einige weniger bekannte Gleichnisworte Jesu kommen in den Blick, etwa die Frage nach dem Fasten bei der Hochzeit (Mk 2,18-22). Als Annäherung zu Beginn und als Schlusswort sowie als Zwischenspiel reflektiert Venetz dann grundsätzlich über die Gleichnisse. Er bezeichnet sie als Sprachform, die das Unfassbare – Gott und sein Kommen – erkennbar macht und zugleich in der Unfassbarkeit belässt; er macht deutlich, dass nicht einzelne Elemente, sondern die Erzählung als Ganze das Gleichnis bilden: es geht nicht darum, was der Schatz im Acker bedeutet, sondern das gesamte Geschehen ist entscheidend; er zeigt auf, dass die Gleichnisse nicht davon handeln, wie wir handeln sollen – das wissen wir meistens sowieso! – , sondern sie uns in ein Gespräch verwickeln wollen, das uns aus unseren alltäglichen, oft ängstlichen Fragen herausführt zu den wesentlichen Fragen.
All das geschieht in dem kleinen, feinen Buch von Hermann-Josef Venetz in einfühlsamer, gleichermassen schriftgelehrter und seelsorgender Sprache. Schade ist einzig, dass die gewählten Beispiele im Abschnitt über Metaphern – Achill als Löwe und Tante Sophie als Mimose – doch sehr in der «normalen» Welt der Geschlechterrollen verbleiben und wenig davon zeigen, dass das nicht die letzte Wirklichkeit ist.

Peter Zürn

Hermann-Josef Venetz, Lob der Unverschämtheit. Gleichnisse Jesu für heute, Paulusverlag Freiburg Schweiz 2010, 186 S., ISBN 978-3-7228-0792-8, Euro 19.00 CHF 29.00

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