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Anne Frank Haus Amsterdam (Hrsg.), «Alle Juden sind…» 50 Fragen zum Antisemitismus   

Buch des Monats März 2009

Zugegeben: Die Bibel spielt keine grosse Rolle in diesem Buch. Eigentlich kommt sie nur in zwei der 50 Fragen vor. «Ist das Neue Testament antisemitisch?» (Frage 24) und «Warum wurden Juden von vielen Christen als Gottesmörder angesehen?» (Frage 25). Das allerdings sind sehr zentrale bibelpastorale Fragen, gerade im Moment. Leider fehlt in der kurzen Passage über Paulus und das Judentum (Frage 24, S. 83) der ausdrückliche Hinweis darauf, dass Paulus Jude war und blieb, wie es zu recht natürlich bei Jesus betont wird. Aber das ist eine Ausnahme in der ansonsten sehr differenzierten Darstellung schwieriger Fragen und Antworten auf kleinem Raum. Jede der 50 Fragen wird auf maximal 3 Textseiten beantwortet. Alle Beiträge sind versehen mit hochwertigen aktuellen Fotografien und historischen Bilddokumenten. Die Antwort auf die Frage wird ergänzt durch rot gedruckte Informationen zu zentralen Begriffen und Personen. Die Sprache ist gut verständlich und alltagsnah. Das Buch löst seinen eigenen Anspruch für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet zu sein, voll und ganz ein. Es ist gleichzeitig ein Buch, das auch allen Erwachsenen zu empfehlen ist.
Die 50 Fragen sind eingeteilt in 7 Bereiche. Es beginnt mit allgemeinen Fragen zu Juden und Judentum («Wer ist jüdisch?», «Sind Juden eine Rasse?», «Kann man jüdisches Blut haben?»). Daran schliessen sich Fragen zur Geschichte des Antisemitismus an («Woher kommt die Vorstellung von der jüdischen Weltverschwörung?», «Sind alle Juden reich?»). Es folgen Fragen zu Juden, Christen und Muslimen (unter anderem die biblischen Fragen s.o., aber auch «Sind Katholiken judenfeindlicher als Protestanten?» und «Was sagt der Koran über Juden?»). Zwei Kapitel beschäftigen sich mit dem Antisemitismus im 20. Jahrhundert und dem Holocaust bzw. der Shoah («War die Schoah einzigartig?», «Ist eine Leugnung des Holocaust möglich?») und ein Kapitel dreht sich um den Staat Israel und den Mittleren Osten («Ist Zionismus eine Form von Rassismus?», «Macht Israel mit den Palästinensern dasselbe wie die Nationalsozialisten mit den Juden?»). das letzte Kapitel schliesslich fragt nach dem Antisemitismus heute. Leider liegt hier der Fokus sehr stark auf der deutschen Situation.
Das Buch «Juden sind…» ist Aufklärung im besten Sinne. Es bringt ins Wort und damit ans Licht, was in vielen Köpfen an Fragen vorhanden und mitunter tabuisiert ist. Es reagiert auf diese Fragen in sehr differenzierter Weise und ohne moralische Keulen. Es bringt vor allem zwei Phänomene zusammen, die oftmals nur getrennt betrachtet werden: Haltungen dem Judentum gegenüber im westlichen (christlich geprägten) und im islamischen Kontext. Besonders gelungen ist das Zusammenwirken der Texte mit den ausgewählten Bildern. So wird in die Beantwortung der Frage nach der Einzigartigkeit der Schoah ein Bild von einem riesigen Flüchtlingstreck von Tutsis aus Ruanda eingefügt und es heisst im Text: «Natürlich darf man die Schoah mit anderen Genoziden (Völkermord) vergleichen» (S. 138). Daneben wird aber über die Angst gesprochen, dass der Völkermord an 6 Millionen jüdischer Menschen in Europa vergessen oder bagatellisiert wird und ausgeführt, was an diesem Völkermord anders, also einzigartig war.
Das Buch des Monats März ist kein bibelpastorales Buch im engeren Sinn. Wer sich aber mit der Bibel und dem Volk der Bibel beschäftigt, wird auf jeden Fall auch mit den 50 Fragen konfrontiert, die in diesem Buch zusammengestellt sind. Sich auch damit auseinander zu setzen und das Niveau des vorgestellten Buches zu erreichen, ist auf jeden Fall lohnenswert.

Peter Zürn

Anne Frank Haus Amsterdam (Hrsg.), «Alle Juden sind…» 50 Fragen zum Antisemitismus, Verlag an der Ruhr 2008. 184 S. ISBN978-3-8346-0408-8, CHF 34,20 Euro 19,50

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