Wir beraten

Welt und Umwelt der Bibel 3/2008, Die Anfänge Israels. Die Diskussionen um die Landnahme   

Buch des Monat August 2008

Für einmal ist unser Buch des Monats kein Buch, sondern eine Zeitschrift: die neue Ausgabe von Welt und Umwelt der Bibel. Für unsere Wahl gibt es gute Gründe:
1. Die Aktualität des Themas, auf die im Vorwort verwiesen wird: «Am 14. Mai 2008 feierte der Staat Israel sein 60-jähriges Bestehen … Am 15. Mai 2008 beklagten die Palästinenser zum 60. Mal ihre Nakba, die «Katastrophe» … Bietet das «Gelobte Land» nicht Platz für beide Völker …? (S. 1). Der Bezug zu dieser brennend aktuellen Situation wird in den einzelnen Artikel immer wieder auf der Grundlage differenzierter historischer und bibeltheologischer Argumentationen hergestellt. Dabei beziehen die AutorInnen auch klare Positionen.
2. Die Fülle an Zugängen zum Thema, die jedem Buch zur Ehre gereichen würden: Welt und Umwelt der Bibel bietet Überblick über die archäologischen Ausgrabungen der letzten 150 Jahre am Beispiel Jerichos und über den aktuellen Stand der archäologischen Diskussion, über die Geschichte der verschiedenen Erklärungsmodelle für die sogenannte Landnahme, über Inschriftenzeugnisse, über die Geschichte Palästinas während der frühen Eisenzeit mit Blick auf Töpfereierzeugnisse und Hausbau, über die Beziehung Israels zu anderen Völkern am Beispiel der Philister, über die Entstehung der Texte von der Landnahme (durch Josua und durch Abraham), über ihre historischen Hintergründe und ihre theologischen Absichten, über die verschiedenen biblischen Modelle der Grenzen des verheissenen Landes, über die Herkunft der Gottesvorstellung, über den problematischen Begriff der Vernichtungsweihe (hebr. Cherem), über die Bedeutung des Landes in der jüdischen Bibelauslegung und Tradition sowie über die aktuelle Siedlungs- und Ausgrenzungspolitik des modernen Staates Israel. Alle diese Artikel setzen bewährte Traditionen von Welt und Umwelt der Bibel fort: Sie sind wissenschaftlich fundiert und differenziert, dabei gut lesbar und mit vielen Bildern, Tabellen und Grafiken versehen, die sich für die eigene Bildungsarbeit zum Thema aufs Beste brauchen lassen.
Drei Artikel aus dieser Fülle seien besonders hervorgehoben:
Estelle Villeneuve beschreibt unter dem Titel «Die Suche nach den Mauern von Jericho» die Ausgrabungsgeschichte Jerichos so spannend wie ein Krimi. Was gegenwärtig in Zürich im Rahmen der Ausstellung «Tutanchamun» möglich ist – sich von einem Archäologen zu «seinen» Ausgrabungen und sensationellen Funden mitnehmen zu lassen – liesse sich durchaus auch für die Ausgrabungen in Jericho gestalten.
Der Artikel von Detlef Jericke beginnt mit einer Frage im Titel: «Woher kam das Volk Israel?» Er antwortet darauf, indem er die verschiedenen Modelle für die Landnahme inklusive ihrer politischen Hintergründe und Konsequenzen vorstellt. In gesonderten Kästchen, die den Artikel durchziehen, werden präzise und dichte Antworten auf weitere wesentliche Fragen gegeben: Was und wen bezeichnet der Name «Israel»? «Wer war die Mosegruppe aus Ägypten?» Ist das Josuabuch eine historische Erzählung oder nicht?»
Klaus Bieberstein vergleicht zwei biblische Landnahmeerzählungen, die der Erzeltern und die unter Josua, miteinander und mit archäologischen und historischen Erkenntnissen. Beide sind «erfunden und wahr zugleich» (so der Titel seines Artikels). Indem er die Erzählungen von der Zeit her liest, in der sie ihre heutige Gestalt angenommen haben, entwirft er eine faszinierende Theologie biblischer Anfangsgeschichten. Danach geht es den Landnahmeerzählungen unter Josua, die nach 733 entstehen, nicht darum, Gewalt zu predigen. Sie sind im Kolorit der assyrischen Kriegspropaganda ihrer Zeit gemalt, wollen aber dem Volk, das sein Land gerade weitgehend verloren hat, erzählen, dass dieses Land Geschenk Gottes war und dieses Geschenk leichtfertig verspielt wurde. Ernst Axel Knauf bringt das im folgenden Artikel auf den Begriff, indem er schreibt, dass die Bibel gar nicht von der Landnahme, sondern von der Landgabe spricht. Die Landnahmeerzählung durch die Erzeltern wird schliesslich im späten 6. Jahrhundert so gestaltet, dass sie die nach Babylon deportierte Oberschicht, die das Leben im Exil viel behaglicher fand, dazu motivieren sollte, es Abraham gleichzutun und ins verheissene Land aufzubrechen (aus Ur in Chaldäa notabene). Die Zusammenfassung dieser These Biebersteins ist als Zitat der Woche 32/2008 unter www.bibelwerk.ch zu lesen.

Die Auseinandersetzung mit dem Heftthema wird wie immer bei Welt und Umwelt der Bibel ergänzt durch einen Serviceteil. Neben einer einführenden Beschreibung der aktuellen Babylon-Ausstellung in Berlin (S. 3-7) und dem Überblick über archäologische Aktualitäten und laufende Ausstellungen (S. 78-79) ist hier vor allem der Überblick über 60 Jahre Archäologie in Israel sowie die Darstellung von Kopfbedeckungen von Frauen im Alten und Neuen Testament aus der Reihe «Biblischer Alltag» (S. 74-77) hervorzuheben.

Ein rundum empfehlenswerter Band. Ich fühlte mich beim Lesen immer wieder an die beglückende Anfangszeit meines Theologiestudiums erinnert, als mir die historisch-kritische Exegese zahllose Aha-Erlebnisse und Augenöffner zur Bibel bescherte.
Zum Schluss noch die Stimme eines Religionslehrer aus dem Internet zum Heft:
«Heute war wieder mal der wunderschöne Nachmittag, an dem alle Notenkonferenzen stattfinden. 12er, 11a, 11b, 11c, 7a, 7b,… Dazwischen rumsitzen und warten, auf Abruf bereit sein, alle Lehrerinnen und Lehrer wissen, wie schön das sein kann Gut, wenn es interessante Lektüre gibt, die die Zwischenzeit füllen kann. Das Katholische Bibelwerk gibt u.a. die Zeitschrift Welt und Umwelt der Bibel heraus. Das aktuelle Heft ist so interessant, wie schon lange keines mehr (meine subjektiv geprägte Ansicht). Als Theologe finde ich die kritische Auseinandersetzung mit «»klassischen’ Ansichten (z.B. zur Landnahme, zur Existenz biblischer Personen wie David etc.) total interessant. Ich sehe darin nicht die Gefahr, den «»wahren Glauben’ zu verlieren. Wenn Glaubensinhalte starr, sklerotisch werden, verlieren sie ihre Tauglichkeit für das Leben. Wahre Aussagen können auch heute noch vermittelt werden, denn sie lassen sich auch unter veränderten Lebensverhältnissen erkennen.» Mehr über diesen Reli-Blog unter ru-blue.de/wp/?page_id=11

Peter Zürn

Welt und Umwelt der Bibel 3/2008, Die Anfänge Israels. Die Diskussionen um die Landnahme. 80 Seiten, CHF 19.00, Euro 9,80. Erhältlich bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle Zürich, Tel. 044 205 99 60, Mail: info@bibelwerk.ch
Die Zeitschrift gibt es ausserdem an Zeitungskiosken in grösseren Bahn- und Flughäfen.

Zum Weiterlesen eine weitere Zeitschriftenausgabe:
Concilium Nr. 2/Mai 2007 zum Thema «Landkonflikte – Landutopien», herausgegeben von Marie-Theres Wacker und Elaine Wainwright mit Beiträgen u.a. von Hannah Liron, Israel – Utopie und Wirklichkeit, Mitri Raheb, Land, Völker und Identitäten: ein palästinensischer Standpunkt, Matthias Morgenstern, «Fremde Mutter «Erez Israel» (über zeitgenössisches israelitisches Theater), Jean Bosco Tchapé, Die Landnahme Kanaans durch Israel im Buch Deuteronomium, N.C. Habel, «Das «Gelobte-Land-Syndrom». Josua, Gerechtigkeit und Ökogerechtigkeit» sowie Beiträgen zum Thema aus Simbabwe, den indigenen Kulturen Kanadas, den Fidschi-Inseln, Lateinamerika...

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