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Auf den zweiten Blick: Chagall und die Bibel   

Buch des Monats Mai 2008

Wer stand nicht auch schon einmal staunend vor den prächtigen biblischen Bildern Marc Chagalls, sei es in der sonnendurchfluteten Fraumünsterkirche in Zürich, den Chorfenstern von St. Stephan in Mainz oder gar im Musée national Message Biblique in Nizza? Die Bilder Chagalls sind ungemein beeindruckend. Und doch sind sie – selbst für langjährige Kenner – immer noch geheimnisvoll. Sehr vieles kann man ahnen, vieles aber muss man einfach wissen, sei es aus der Bibel oder aus dem Judentum. Oder aus dem Leben des Malers.
Inzwischen ist ja auch schon manch Hilfreiches zu diesen Bildern veröffentlicht worden, und vor allem die umfangreiche Dissertation von Christoph Goldmann (1989) hat manches Licht in den Dschungel der Interpretationen gebracht.
Was zeichnet nun das vorliegende Büchlein zu «Chagall und die Bibel» besonders aus?
Zum einen sind es die beiden Autorinnen selbst, die über viele Jahre in Schule, Erwachsenenbildung und Therapie tätig sind und einen reichen Erfahrungsschatz in der Vermittlung der Bildwelt Chagalls mitbringen. Sie haben eine gute Auswahl von 16 biblischen Bildern getroffen, die sie nicht nur sehr sensibel beschreiben, sondern deren Hintergründigkeit sie von der Bibel und der Geschichte des Judentums her zu erschliessen vermögen.
Zum anderen ist es aber auch die Machart des Buches selbst. Manche mögen vielleicht bedauern, dass durch die Kleinformatigkeit des Buches (10,50 x 13,20 cm) Chagalls querformatige Bilder doch immer wieder über den Falz gedruckt werden mussten. Aber der Schwerpunkt des Buches liegt nun einmal auf dem Text. Und dieser wird hervorragend unterstützt durch die eingestreuten Bildausschnitte, die das Auge des Betrachters immer wieder «heranzoomen». Klein und handlich haben die Leserinnen und Leser hier ein Büchlein vor sich, das nicht nur wichtiges Wissen zum Verständnis der Bilder vermittelt, sondern vor allem auch zur Meditation einlädt.
Das führt mich zum dritten Punkt, warum ich das Buch so empfehlenswert finde: Neben den biblischen Texten selbst haben die Autorinnen auch immer wieder Texte aus der Weltliteratur eingestreut, vor allem von Rainer Maria Rilke, aber auch von Nelly Sachs, Elisabeth Barrett Browning u. a. Diese Zusammenstellung eröffnet ein ausgesprochen spannendes Gespräch zwischen den Bildern, den biblischen Quellen und den Poetinnen und Poeten. So findet wirklich jede und jeder etwas, das anspricht und einlädt zur weiteren Betrachtung.
Marc Chagall hat einmal gesagt: «Türen öffnen, das ist gut – was versuche ich anderes.» Nichts anderes haben die beiden Autorinnen versucht. Und es ist ihnen hervorragend gelungen.

Dieter Bauer

Ilsetraud Köninger / Beatrix Moos, Auf den zweiten Blick. Chagall und die Bibel
(Katholisches Bibelwerk) Stuttgart 2007, 152 S., Geb., 16,90 € [D] / 17,40 € [A] / 30,60 CHF
ISBN: 978-3-460-27228-6

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