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Yvonne Domhardt, Esther Orlow, Eva Pruschy (Hg.), Kol Ischa. Jüdische Frauen lesen die Tora   

Buch des Monats Dezember 2007

«Ein Buch in deutscher Sprache, in dem jüdische Frauen die Wochenabschnitte der Tora auslegen? Das gab es zu Beginn der Jahrtausendwende noch nicht, solch ein Buch müsste erst geschrieben werden.». So beginnen die Herausgeberinnen von Kol Ischa (hebräisch: Stimme der Frau) ihre «einleitenden Betrachtungen» und legen damit das bisher vermisste Buch vor. Alle 54 Wochenabschnitte der Tora, wie sie während eines Jahreszyklus im Schabbatgottesdienst in der Synagoge gelesen werden, sind enthalten und werden ausgelegt. Der entstandene Sammelband ist als Begleiter durch das jüdische Jahr sowie als Wegweiser für den Umgang mit weiblich-jüdischer Tora-Auslegung gedacht. Ziel des Buches ist es, den pluralistischen innerjüdischen Diskurs anhand verschiedener Interpretationsansätze einem grösseren Publikum zugänglich zu machen, sowie Frauen zur eigenständigen Auseinandersetzung mit religiösen Quellen zu ermutigen. Bei den Autorinnen handelt es sich um Rabbinerinnen, um universitäre Theologinnen, Religionswissenschaftlerinnen und Historikerinnen, um Schriftstellerinnen und Literaturwissenschaftlerinnen, um Erwachsenenbildnerinnen und Lehrerinnen, um Aktivistinnen für Frauenthemen, um Psychologinnen und Therapeutinnen, um Journalistinnen, Übersetzerinnen, Buchhändlerinnen und Lektorinnen, um Familienfrauen, Mütter und Töchter …. Die Vielfalt der verschiedenen lebensgeschichtlichen Zugänge zur Tora ist beeindruckend und faszinierend. Entsprechend sind die Beiträge inhaltlich und formal ganz unterschiedlich. Neben historisch-kritischen und rabbinischen Auslegungen finden sich auch literarische Texte. Jedem Beitrag liegt ein Wochenabschnitt aus der Tora zugrunde. Da die Wochenabschnitte jeweils mehrere Kapitel aus der Tora beinhalten, können die Beiträge, die zwischen 1 und 10 Seiten lang sind, keine umfassenden Kommentierungen des Gesamttextes sein. Sie eröffnen jeweils einen besonderen Zugang zu einem wesentlichen Thema des Toraabschnittes. Wer dann die Auslegung von Rabbinerin Eveline Goodman-Thau zum Wochenabschnitt Bereschit (Gen. 1.1-6:8) liest, die sich Zeit nimmt, einzelnen hebräischen Worten nachzugehen und sie in den weiten Horizont der rabbinischen Auslegung zu stellen, wird vielleicht Ähnliches für andere Abschnitte vermissen. Wer von dem Gedicht «Mirjams Tanz zum Lob Gottes» zum Wochenabschnitt Beschalach (Ex 13:17-17:16) fasziniert ist, wird ähnliche Auslegungen in literarischer Form zu anderen Stellen suchen. So füllt das Buch eine Leerstelle, lässt dort aber ausreichend Platz für weitere Publikationen dieser Art, die hoffentlich folgen werden. Der letzte Beitrag des Buches unter dem Titel «Frauen und Führung» zum Wochenabschnitt Wesot Habracha (Deut. 33:1-34.12) stellt zunächst den Mose des Deuteronomiums als «Führungspersönlichkeit par excellence» (S. 273) dar. Als Modell eines hierarchischen Führungsmodells wohlverstanden. Die Autorin, Alice Shavli, Dozentin an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Mitbegründerin des Israel Woman’s Network, stellt dem ein alternatives Führungsmodell gegenüber, das in den fünf Töchtern Zelophads, Machla, Noa, Chogla, Milka und Tirza (vgl. Num 27) verkörpert ist. Sie handeln kollektiv, durch eine Gruppe und für eine Gruppe, sie wählen Konfrontationen vermeidende und subtile Strategien, sie schaffen Präzedenzfälle und sind dadurch Rollenmodelle und Vorbilder für einen anderen Führungsstil. Die Werte dieses Führungsstils, «Mitleiden, Sorge, Hingabe, Verbindung, Zusammenarbeit, Kommunikation, Einigkeit» können durchaus auch als Leitmotive für das Verständnis der Toraauslegungen dieses Buches dienen. Mögen Sie «einflussreiche Inspiration» (S. 276) bei der Toraauslegung sein, für Frauen und Männer.

Peter Zürn

Yvonne Domhardt, Esther Orlow, Eva Pruschy (Hg.), Kol Ischa. Jüdische Frauen lesen die Tora, Chronos Verlag Zürich 2007, 277 S. ISBN 978-3-0340-0788-7, Euro 21.80, CHF 34.00

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