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Bärbel Wartenberg-Potter, Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Die Bergpredigt lesen. Mit dem Text der «Bibel in gerechter Sprache»   

Buch des Monats März 2007

«Es wird zu viel geglaubt und zu wenig erzählt», heisst es in «Lied Nummer 1 – Ein Stück vom Himmel» auf der aktuellen CD von Herbert Grönemeyer. Er hätte seine Freude am neuen Buch von Bärbel Wartenberg-Potter, der Bischöfin der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Sie lässt in Geschichten und Gedichten viele Menschen zu Wort kommen. Sie erzählt von Meike Schneider, einer jungen Frau, die an Leukämie erkrankt ist, von ihrem Weg durch die Krankheit, ihrem Lebenshunger, ihrem Tod und davon, dass ihr Tagebuch viele Menschen getröstet hat. Sie erzählt von ihren eigenen Erfahrungen an der Lübecker Tafel, einer Suppenküche, davon, dass sie hier erlebt, was das Hungern nach Brot und das Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit miteinander zu tun haben. Sie erzählt von ihrer Freunding Carmen, die in der Karibik lebt und wie Carmen ihr vorgemacht hat, dass es die Konsequenz der eigenen Barmherzigkeit ist, Barmherzigkeit zu empfangen, wie es die lateinische Übersetzung von Mt 5,7 ausdrückt: «Beati misericordes, quia ipsi misericoriam consequentur». Sie erzählt von ihren Begegnungen mit Mahatma Gandhi, Dietrich Bonhoeffer und Rosa Luxemburg und davon, wie sie ihr den Zugang zur Bergpredigt erschlossen haben. Und schliesslich erzählt sie von ihrem Lehrer des Alten Testamentes in Heidelberg, Gerhard von Rad, der ihr den Schlüssel zur Bergpredigt und zur gesamten Bibel in die Hand und in den Geist gegeben hat, den hebräischen Ausdruck sedaka, Gerechtigkeit. Die Bibel als Ganze und die Bergpredigt im Besonderen handeln von gerechten Beziehungen.

In 40 Schritten, in 40 kurzen Kapiteln liest Bärbel Wartenberg-Potter die Bergpredigt und erschliesst sie mit dem Schlüssel der gerechten Beziehungen. 40 Schritte zum Beispiel für den täglichen Gang durch die Fastenzeit. Ihre Lektüre folgt der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache. Ihr Buch ist aber keine detaillierte Auseinandersetzung mit dieser Bibelübersetzung. Explizit erwähnt sie, dass sie das Auslegungsverständnis teilt. Am deutlichsten erkennbar wird das darin, dass sie die Bergpredigt konsequent als Auslegung der Tora Israels liest. In den sogenannten Antithesen der Bergpredigt Mt 5,21-48) liest sie denn auch das griechische Wörtchen «de» mit der Bibel in gerechter Sprache nicht als «aber» («Ich aber sage euch»), sondern als «jetzt»/»nun»: «Ich aber lege euch das heute so aus». Die Weisungen der Tora nehmen denn auch einen grossen Raum ein (das Bibelstellenverzeichnis S. 156f nennt 32 alttestamentliche Stellen). Ansonsten soll die neue Übersetzung vor allem dazu dienen, «dass uns die vertrauten Texte auch in neuer Gestalt gegenübertreten» (8).
Bärbel Wartenberg-Potter liest die Bergpredigt existentiell und politisch und in der Überzeugung, dass sich die beiden Dimensionen nicht ohne Schaden trennen lassen. Sie liest die Texte Stück für Stück, mitunter Vers für Vers. Die Seligpreisungen versteht sie als Enthüllung des Wesens Gottes, als Lob derer, die den Weisungen Gottes folgen und als Hoffnungssätze für den Glauben: «So wie ihr sein könnt, ist Gott» (63). Sie liest das «Vater unser» als Ausdruck unserer Verbndung mit diesem Gott beziehungsweise als Ausdruck unserer Sehnsucht nach dieser Verbindung. Sie erkennt darin den Gott, der Brot ist und im Teilen von Brot erfahren werden kann. Darin wurzelt der Titel des Buches: Wes Brot ich ess, dess Lied ich sing.

Kaum zu glauben, dass das Buch nur 150 Seiten hat, so vieles lässt sich darin in dichter, sehr oft poetischer Sprache finden. Das Lied von Herbert Grönemeyer musste ich dreimal hören und dann noch im Booklet nachlesen, bevor ich den Text wirklich verstanden habe. Bärbel Wartenberg-Potters Sprache dagegen ist von einer bewundernswerten Klarheit und Verstehbarkeit. Grönemeyers Lied ist momentan fast täglich zu hören, Bärbel Wartenberg-Potters Buch ist eine sehr empfehlenswerte tägliche Lektüre durch die Fastenzeit und darüber hinaus.

Peter Zürn

Bärbel Wartenberg-Potter, Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Die Bergpredigt lesen. Mit dem Text der «Bibel in gerechter Sprache», Herder Verlag Freiburg im Breisgau 2007, 158 Seiten, ISBN- 978-3-451-29238-5, CHF 26,80 , Euro 14,90

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