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Andreas Merkt (Hrsg.), Fussballgott. Elf Einwürfe   

Buch des Monats Juni 2006

Wie könnte unser Buch des Monats Juni 2006, genau in der Zeit der Fussball-WM, ein anderes sein, als ein Buch über Fussball. Das Buch «Fussballgott» versammelt 10 Artikel von Theologieprofessoren und einen Artikel einer Theologieprofessorin, die sich jeweils aus ihrem theologischen Fach heraus mit Fussball beschäftigen. Alle lieben sie Fussball, hängen aber unterschiedlichen Vereinen an. Alle haben sich bei ihren Artikeln an der Fifa-Regel Nr. 15 über den «Einwurf» orientiert. So sind Texte vom Rand des Spielfeldes entstanden, die den Ball wieder ins Spiel bringen wobei die Spielerin und die Spieler dabei fest mit beiden Beinen auf dem Boden stehen zu bleiben versuchen. Die 11 einwürfe bewegen sich auf der Grenze der Spielfelder von Fussball und Theologie. «Einwürfe setzen … voraus, dass man das Spielfeld verlässt, seine Grenzen überschreitet und dann das Feld von aussen betrachtet « (S. 16). Diese Grenzüberschreitungen sind gelungen.

Bibel und Fussball
Drei der Autoren sind Bibliker. Der Alttestamentler Jürgen Werlitz untersucht die Bedeutung von Zahlen im Fussball, stellt fest, dass sie eine kaum zu überschätzende Bedeutung haben («Spielergebnisse, Tabellen, Statistiken, Spielfeldabmessungen, Rückennummern, Spielminuten, ja selbst das Fussballtoto – was wäre Fussball ohne Zahlen?» (S. 110)). Insbesondere aus den Rückennummern und ihrer Bedeutung für Spieler und Fans und dem kreativen Umgang damit, ergeben sich faszinierende Beziehungen zur Gematria, der Bibelauslegung mittels der Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben. Schliesslich macht er sich Gedanken über die zentrale Zahl des Fussballs, die «11» im Horizont der biblischen Zahlensymbolik und kommt zum Schluss, dass sich die «11» als «Komplettzahl seit Menschen Gedenken geradezu auf»drängt. (S. 123) Ein wenig schade ist es, dass Fussballer bzw. Sportreporter durch Zitate, die in den Text eingestreut sind, als von Zahlen überfordert dargestellt werden. Hier verliert der Artikel seine ansonsten durchaus respektvolle Haltung, dem beschriebenen Glauben und Aberglauben gegenüber.
Die Neutestamentler Thomas J. Krauss und Tobias Nicklas untersuchen einen Fussball-Mythos, den Mythos vom Titan Kahn. In diesem modernen Mythos wird am Beispiel des deutschen Fussballtorhüters Oliver Kahn erzählt «wie Fussballer zu Göttern und wieder zu Menschen werden» – so der Untertitel des Artikels. Das Zusammenspiel von Medien-Schlagzeilen und der Selbstinszenierung Kahns wird herausgearbeitet. Der moderne Mythos vom «Titan Kahn» wird auf dem Hintergrund antiker Mythen göttlicher Menschen gelesen, die Hybris und der Göttersturz wird mit der biblischen Götterkritik in Verbindung gebracht. Die Autoren lesen insgesamt Fussball als einen «Spiegel der Komplexität des Lebens» (S. 214) und im Mythos des besonderen, göttergleichen Fussballers «unsere Sehnsucht nach dem Aussergewöhnlichen», unsere Hoffnung danach «ein Fünkchen «Unsterblichkeit» gewinnen zu können» (ebd.). Sie erschliessen damit einen Zugang zum biblischen Verständnis wie Menschen tatsächlich göttlich werden können: «Der wirklich göttliche Mensch ist der Mensch gewordene Gott» (S. 218). Dieses «Modell Jesus Christus» finden sie ebenfalls im Fussball wieder, in mannschaftsdienlichen Spielertypen wie Ballack und Zidane.

Peter Zürn

Andreas Merkt, Fussball-Gott. Elf Einwürfe, Kiwi Paperback 2006, 220 S.

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