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Richard Rohr, Der befreite Mann. Biblische Ermutigungen   

Buch des Monats Juli 2005

Richard Rohr, Der befreite Mann. Biblische Ermutigungen, Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2005, ISBN 3-460-32109-1, Fr. 18,20

Der Papst ist nackt! Und liebenswert!
Richard Rohr, in den achtziger Jahren bekannt geworden mit seinem Buch «Der nackte Gott», stellt in einem kleinen Büchlein 12 Männer aus der Bibel vor. Auf 70 Seiten finden sich 5 Männergestalten aus dem Alten Testament (Abraham, Mose, David, Jesaja und Elija), 6 aus dem Neuen Testament (Johannes der Täufer, Petrus, Paulus, Timotheus, der Evangelist Johannes und Jesus) und dazu Josef, der Mann mit Träumen, bei dem Rohr Verbindungslinien zwischen der alttestamentlichen und der neutestamentlichen Figur zieht. Das zeigt schon etwas Wesentliches über das Vorgehen Rohrs: er konzentriert sich nicht auf einen Text zu jeder Männergestalt – auch wenn er jeweils einen Bibeltext voranstellt -, sondern bewegt sich durch die gesamte biblische Überlieferung. Damit wird er sicherlich nicht jedem einzelnen Text gerecht, schafft aber immer wieder überraschende Perspektiven und Zusammenhänge innerhalb der ganzen christlichen Bibel. So sieht er zum Beispiel in Abrahams Diskussion mit Gott um das Schicksal der Stadt Sodom (Gen 18), in der Gott die Stadt «um der 10 Gerechten willen» verschont, den «Beginn der sich entfaltenden und Überraschungen bergenden Thematik vom Übriggebliebenen, vom Salz der Erde und von der Hefe im Teig» (Seite 14)Richard Rohr stellt 12 «wunderbar/schreckliche Männer» (7) vor. Er lädt ein, sich in den biblischen Männern wieder zu finden, ihre und unsere Seelen einander berühren zu lassen, in ihnen die eigenen positiven und negativen Eigenschaften zu erkennen, die bereits in der Bibel von Gott angenommen sind. Sein Buch ist eine Ermutigung, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind. Es richtet sich nicht nur an Männer, an Männer aber ganz besonders.Richard Rohrs Umgang mit der Bibel und ihrer Wirkungsgeschichte ist erfrischend und voller überraschender Perspektiven. Mich interessierte natürlich besonders mein Namenspatron, Petrus. Etwas ungewohnt setzt Rohr bei Joh 21, 3-7 – der Begegnung mit dem Auferstandenen am Kohlenfeuer ein. Für Petrus ist das eine Bibelstelle, «die den armen Kerl die Kleidung anlegen lässt, bevor er ins Wasser springt, während der Rest der Mannschaft die vernünftigere Bootsfahrt zum Strand vorzieht». Petrus wird an dieser und anderen Stellen «immer ein bisschen wie ein Clown gezeichnet – aber wie der Clown, der in uns allen steckt ... die Menschlichkeit in ihrer liebenswertendsten, aber auch entmutigendsten Form.» (40)Hier setzt Rohrs ermutigende Theologie an: Diesen Clown liebt Gott und diese Menschlichkeit spannt er für seine Absichten ein. Jesus macht ausgerechnet Petrus zum Sprecher und zum Symbol für das ganze neue, von ihm ins Lebens gerufene Unternehmen. Ich glaube mit Richard Rohr: «Es ist wirklich etwas gutes, wenn der eine, der «praktisch nackt ist», der Anführer werden kann.» (40) Wie das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern sagt die Bibel. Petrus ist nackt, er ist fehlbar, er ist wie er ist, nicht mehr und nicht weniger, und kommt so zu Gott. «Sobald ich begriffen hatte, dass fehlbare scheiternde Menschen wie Petrus die Norm sind, war ich in der Lage auf Liebe hoffen zu können – und ich fand Hoffnung für mich selbst» (44)Rohrs Buch ist ausdrücklich nicht nur für Männer und nicht nur für Christen gedacht. Es fordert aber mindestens die Bereitschaft und die Fähigkeiten sich innerhalb der Bibel bewegen zu können.

Peter Zürn

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