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David van Reybrouck, Kongo. Eine Geschichte   

Buch des Monats

 

Die Lobeshymen auf dieses Buch sind reich orchestriert: «So etwas hat es noch nie gegeben», schreibt die Süddeutsche Zeitung. «Das Werk ist in seiner Erzählweise, seinem enormen Rechercheaufwand und seiner Dramaturgie unvergleichlich. Und von der ersten bis zu letzten Seite fesselnder als jeder Kriminalroman.» Die Zeitung Die Welt sieht in diesem Buch einen «Meilenstein der politisch-historischen Reportage», das Deutschlandradio bezeichnet es als «ein historisches Standardwerk» und der Spiegel nannte es ein «Jahrhundertbuch». Alles zu Recht. Aber: Ein Buch über den Kongo als bibelpastorales Buch des Monats? Was hat der Kongo mit der Bibel und der Bibelpastoral zu tun? Wo gibt es da Zusammenhänge? Gute Fragen! Vier Antworten:

1. Da ist zunächst einmal unser Solidaritätsprojekt 2013/2014 «Biblisch verwurzelte City-Pastoral in Kinshasa/Demokratische Republik Kongo». Die Erzdiözese Kinshasa setzt auf die Gründung von Basisgemeinden, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und den Glauben mit praktischem Handeln zu verbinden. Dabei werden Pastoralanimatorinnen und Pastoralanimatoren ausgebildet, die sich, zusammen mit den Mitgliedern der inzwischen ca. 2'000 Basisgemeinden, mit verschiedensten Themen des Alltags auseinander setzen. Dazu gehören beispielsweise Arbeit und Einkommen, eine langfristig wirksame Entwicklung, Familie, Krankheiten, HIV/AIDS oder Gendergleichheit. An der Wurzel der Basisgemeinden, die aus jeweils ca. 10-15 Familien bestehen, steht die Bibel. Die Mitglieder kommen zusammen, um sich von der Bibel inspirieren lassen und dann, mit durch die Bibellektüre und gemeinsames Gebet geschärftem Blick, persönliche und gesellschaftliche Fragen besprechen und Projekte zur Verbesserung ihrer Situation planen. Eine wöchentliche Zeitschrift namens «Lisanga» unterstützt die Basisgemeinden dabei. Ein wichtiges Element der praktischen Arbeit sind Solidaritätskassen, die den Mitgliedern in Notsituationen helfen, indem sie Geld und Nahrungsmittel zur Verfügung stellen. Durch die gemeinschaftlich verantwortete Vergabe von zinslosen Mikrokrediten durch die Solidaritätskassen können auch Projekte zur Verbesserung der Einkommenssituation wie z.B. die Gründung von kleinen Läden,  Handwerksbetrieben u.ä. angegangen werden. So wird ein Bibeltext aus der Anfangszeit des Christentums, den wir hier oft leicht irritiert zur Kenntnis nehmen, konkrete Realität: «Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam…» (Apg 4,32f). Mehr zum Solidaritätsprojekt

2. Dann ist da die Erkenntnis, die David van Reybrouck in seinem Buch auf eindrucksvolle Art vermittelt, dass die Geschichte des Kongo unsere Geschichte ist. Unsere Geschichte lässt sich anhand ihrer Verflechtung mit dem Kongo nachzeichnen und besser verstehen. Im Kongo fand sich immer das, was unsere Wirtschaft brauchte und gnadenlos ausbeutete. Sklavinnen und Sklaven, Kautschuk für die Automobilindustrie, Uran für die Atomindustrie und schliesslich Coltan für unsere Handys. Das Uran der Bombe, die auf Hiroshima fiel, kam aus dem Kongo. In jedem Handy in unserer Hand steckt ein Stück Kongo. Die Geschichte des Kongo ist ein Spiegel der Weltgeschichte. Manchmal ein Zerrspiegel. Aber oftmals einer, der die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit verzerrt. Er zeigt uns unsere Welt und uns selbst, wie wir es nicht gerne wahrhaben wollen. Dabei schreibt der Autor, David van Reybrouck ohne Larmoyanz, er geht sparsam mit Schuldzuweisungen und Opfermythen um. Und trotzdem ist sein Buch im biblischen Sinn Gericht über unsere Zeit.
David van Reybrouck lässt die Menschen im Kongo zu Wort kommen. Er schreibt: «Ich wollte also gewöhnliche Kongolesen interviewen über das gewöhnliche Leben, auch wenn ich das Wort «gewöhnlich» nicht mag, denn oft waren die Geschichten, die ich zu hören bekam, wirklich aussergewöhnlich. Die Zeit ist eine Maschine, die Leben zermahlt, das habe ich beim Schreiben dieses Buches gemerkt, aber hin und wieder gibt es auch Menschen, die die Zeit zermahlen.»  Grausamkeiten und grosse Gewalt habe er im Kongo gesehen, erzählt Van Reybrouck im Bayrischen Rundfunk, der auch mit Kindersoldaten und vergewaltigten Frauen gesprochen hat. Aber andererseits habe er auch menschliche Wärme und ein grosses Miteineinander erlebt. Für viele Europäer sei der Kongo einfach nur weit weg und mute exotisch an, sagt Van Reybrouck, und betont demgegenüber, dass der Kongo zu unserer Epoche, in unsere Welt gehört.

Wenn wir also die Bibel so lesen wollen, dass sie ihren Sinn in der heutigen Welt entfaltet, dann brauchen wir Bücher wie das von David van Reybrouck, um zu verstehen, wie die heutige Welt ist. Van Reybroucks Art die Geschichte des Kongo zu lesen, ist auch eine Anleitung die Bibel zu lesen: mit offenen Ohren und Augen für die Menschen – für die, die die Zeit zermahlt und für die, die die Zeit zermahlen.

3. Einen eminenten biblischen Bezug hat die Geschichte einer faszinierenden Jesusnachfolge im Kongo. Es geht um Simon Kimbangu und die Religion, die sich auf ihn als Gründungsgestalt bezieht, den sogenannten Kimbanguismus, die van Reybrouck «die kongolesischte aller Religionen» (174) nennt. Immerhin 10% aller gläubigen Menschen im Kongo bekennen sich heute dazu! Simon Kimbangu wurde 1889 in Nkamba geboren, von ihm werden Heilungen und Totenerweckungen berichtet. Er wurde zunächst als Prophet, später als göttliche Gestalt verehrt. Die Bewegung, die Simon Kimbangu in den 1910er Jahren auslöste, wurde von der belgischen Kolonialherrschaft massiv verfolgt und unterdrückt. Simon Kimbangu stellte sich 1921 den Behören und wurde in einem unfairen Schauprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb 1951 (!) im Gefängnis, war also länger inhaftiert als Nelson Mandela. Die Prozessunterlagen, die David van Reybrouck zitiert, erinnern auf Deutlichste an den Prozess Jesu vor Pontius Pilatus, von dem die Evangelien erzählen.

4. Und schliesslich ist da eine Erkenntnis, die Van Reybrouck auf Seite 554 formuliert, wo er über Kämpfe zwischen Milizarmeen verschiedener Ethnien im Osten des Kongo im Jahr 2003 schreibt. «Die ethnisch motivierte Gewalt in Ituri war kein Atavismus, mein primitiver Reflex, sondern die logische Folge von Bodenknappheit in einer Kriegsökonomie, die der Globalisierung diente – und in diesem Sinne eine Vorankündigung dessen, was einem überbevölkerten Planeten noch bevorsteht. Der Kongo ist nicht in der Geschichte zurückgeblieben – er ist der Geschichte voraus.»

Helfe uns Gott, dass das eine Aussage im Sinn der biblischen Propheten ist. Keine Aussage, die die Zukunft, die unausweichlich kommen wird, vorher-sagt, sondern eine, die die Wahrheit einer Zeit hervor-sagt, damit die Menschen, die sie hören, wir, umkehren und uns, unser Leben und dadurch die Zukunft verändern. Insofern ist «Kongo» ein ganz wesentliches bibelpastorales Buch.

Peter Zürn

David van Reybrouck, Kongo. Eine Geschichte. Suhrkamp Verlag Berlin 2012, Taschenbuch 783 S. ISBN 978-3-518-46445-8, Euro 14.00 CHF 22.90

Autor und Buch in der Sendung LeseZeichen des Bayrischen Rundfunks und im Nachrichtenmagazin Der Spiegel

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