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Der Nahe Osten – Von der Urgeschichte über Babylonien bis zum Aufstieg des Islam   

Buch des Monats

Dr. Stephan Bourke (Hrsg.), Der Nahe Osten. Von der Urgeschichte über Babylonien bis zum Aufstieg des Islam. Librero 2014, 386 S. ISBN. 978-90-8998-432-6

Stellen Sie sich vor, hierzulande würde das Fach Geschichte einzig als Schweizer-Geschichte gelehrt, vermittelt, wahrgenommen. Wie aus dem Nichts tauchte da Karl der Kühne in Murten auf – und verschwände bald darauf nach Nancy wieder aus dem Blickfeld. Die Burgunder wären nur eine kurze Episode der Schweizergeschichte, ihre kulturellen Highlights in Flandern nur ein schwacher Schatten, und die Fortsetzung in der spanischen Hofgeschichte bliebe gänzlich aussen vor (nur ein Spotlicht: Der Flamenco meint ja eigentlich der «Flämische» Tanz)…).

Nun, zusgespitzt gesagt, verhält es sich beinahe so mit der biblischen Geschichte. Ein kleines, eher unbedeutendes Volk und Land am Rande altorientalischer Geschichte erzählt diese Geschichte aus seiner Perspektive – «bedeutendste Randgruppenliteratur der Welt» hat mal wer formuliert. Wer die besprochene neuere Zusammenschau (auch bildlich gemeint – mit mehr als 500 prächtigen Fotographien, informativen Karten…) altorientalischer Geschichte liest, wird auch, aber doch eher selten, auf Biblisches stossen. Pointiert gesagt: Jetzt wird Jerusalem zur Episode, und nicht Nebukadnezzar zum Double eines Karl des Kühnen, der auftaucht und verschwindet (wenn auch mit umgekehrtem militärischem Erfog). Aber gerade für biblische Interessierte eine hilfreiche und wohltuende Lektüre mal aus dem andern Blickwinkel heraus.

Ein gutes Dutzend renommierter Fachleute (vornehmlich aus dem angelsächsischen Raum und Israel) präsentieren eine gute Zusammenschau – so dass das Buch auch als Nachschlagewerk nützlich ist (meist bildet immer eine Doppelseite eine abgeschlossen Einheit, selten sind es zwei). Etwas gewöhnungsbedürftig, dass sich ein Kapitel jeweils eine grobe Zusammenfassung bringt, und dann detaillierter Bescheibungen folgen – so stoplert der/die LeserIn hin und wieder auf scheinbare Wiederholungen. Und namentlich bei den «Hängenden Gärten der Semiramis» stehen, duch die verschiedene Autorschaft – über das Buch hin verteilt – verschiedene Theorien unvermittelt beieinander. Da hätt ich mir eine kleinere Debatte gewünscht.

Spannend, dass «Nichts neues unter der Sonne» auch für die Archäologie gilt: Nabonid, mit schlechter Presse bei Persern, Griechen und Bibel, könnte als «erster Ausgräber der Geschichte» gelten, und schon vor ihm war Nebukadnezzar II ein grosser Sammler und Kurator – in seinem «Museum» waren Objekte aus 2000 Jahren mesopotamischer Geschichte ausgestellt…

Eine Art Museum zwischen zwei Buchdeckeln dieser rund 350seitige Band – er lädt ein zu einem Neuentdecken oder Wiedersehen, je nachdem.

Eine Rezension von Dr. Thomas Markus Meier

 

Montag, 16. Oktober 2017, 09:36


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