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gegenwärtig, noch nicht fertig. Haus der Religionen – Dialog der Kulturen   

Buch des Monats April 2013

Unser Buch des Monats April 2013 ist kein (ausschliesslich) biblisches, aber ein österliches Buch. «gegenwärtig, noch nicht fertig» erzählt von der Geschichte, Gegenwart und Zukunft eines nunmehr zwanzigjährigen Prozesses in der Stadt Bern, der 1993 mit einem «Runden Tisch der Religionen» begann und sich über unzählige Zwischen-, Rück- und Fortschritte sowie Provisorien zum weltweit bisher einzigartigen Projekt eines «Hauses der Religionen» weiterentwickelte. Im fertigen Haus – der erste Spatenstich am Berner Europaplatz war am 27. Juni 2012, die Grundsteinlegung ist für 21. Mai 2013 geplant – werden ab 2014 fünf Gemeinschaften aus den grossen Weltreligionen (Aleviten, Buddhisten, Christen, Hindus, Muslime) eigene religiöse Räume gestalten und nutzen. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Gruppen, die bisher nur Räume im Umfeld von Tiefgaragen und Kehrrichtverbrennungsanlagen oder gar keine eigenen Gebäude nutzen konnten. Am Dialogprozess selbst sind noch weitaus mehr religiöse Gemeinschaften beteiligt. Über die spezifisch religiösen Räume hinaus soll im Haus der Religionen ein separater Dialogbereich gemeinsam genutzt werden. Bei der Baubewilligung 2007 hat die damalige Regierungsstatthalterin Regula Mader das Haus der Religionen als «zweites Wunder von Bern» bezeichnet (nach dem «ersten Wunder von Bern», dem Sieg Deutschlands gegen Ungarn im Endspiel der Fussball-WM 1954) …

«gegenwärtig, noch nicht fertig» ist ein äusserst vielfältiges Buch: Beiträge über teils wenig bekannte religiöse Gemeinschaften in Bern stehen neben Berichten über Wanderungen zu höchst spannenden Brennpunkten der Geschichte interreligiöser Alltagsbegegnungen (und -ausgrenzungen) in der Schweiz. Interviews mit ProtagonistInnen des Hauses der Religionen werden von Rückblicken auf die Projektgeschichte ergänzt. Reflexionen über Religion, Kultur und Zuwanderung, Heimat und Fremde beleuchten theologische Implikationen und die gesellschaftspolitische Bedeutung des Projektes für die Schweiz und weit darüber hinaus.

Wichtige Marksteine des Begegnungsprozesses werden dabei nicht theoretisch-abstrakt, sondern handfest-praktisch dargestellt. Bei der nationalen Trauerfeier nach dem grossen Tsunami wurden die eindrucksvollen interreligiösen Akzente im Berner Münster am 5. Januar 2005 beispielsweise massgeblich durch die im Haus der Religionen bereits bestehenden Kontakte ermöglicht. In «gegenwärtig, noch nicht fertig» werden nicht die grossen Reden der Feier zitiert, sondern von kleinen, aber entscheidenden Details am Rande erzählt. Die Wirren um einen Tisch für die Lichtzeremonie der Hindugemeinschaft gehören ebenfalls dazu wie eine überraschende Geste des Berner Rabbiners Michael Leipziger: Gegen alle (wesentlich zurückhaltenderen) vorherigen Absprachen entzündete er ein gar nicht «eingeplantes» jüdisches Trauerlicht an der christlichen Osterkerze und stellte es zu den kultischen Gegenständen der Hindugemeinschaft.

Neben den Texten erzählen Hunderte von kleinen und grossformatigen Fotos in «gegenwärtig, noch nicht fertig» auf jeder Seite ihre ganz eigene Geschichte von der religiösen Vielfalt und interreligiösen Begegnung in Bern. Die Bilder zeigen religiöse Feste und Zeremonien, kulturelle Aktionen und Dialogveranstaltungen, Profanes und Sakrales. Wer will, kann das Buch ausschliesslich über diese Fotos «lesen», ohne ein einziges Wort zur Kenntnis zu nehmen. Und schon – gerade! – das löst ein enormes «Aha-Erlebnis» aus: Denn alles, was auf den Fotos zu sehen ist und oft genug wie eine Reisereportage aus fernen Ländern aussieht, ist gelebte religiöse und kulturelle Realität mitten in der Schweiz, an jedem einzelnen Tag im Jahr.

«gegenwärtig, noch nicht fertig» zeigt nachdrücklich, dass die Begegnung zwischen verschiedenen Welten, Kulturen und Religionen gelingen kann – in Bern schon seit 20 Jahren. Mit allen Fragen, Widersprüchen, Herausforderungen – und einem offenen Himmel für die Zukunft. Frohe Ostern!

 

Detlef Hecking

 

gegenwärtig, noch nicht fertig. Haus der Religionen – Dialog der Kulturen. Edition Haus der Religionen, Bern 2012, ISBN 978-3-033-03693-2. Ca. Fr. 38,- (Mitglieder und Gönner des Vereins Haus der Religionen Fr. 28,- bei Direktbestellung unter http://www.haus-der-religionen.ch/de/kontakte/bestellformular ).

                                                                                

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