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Peter Zürn (Hg.), Ich sehe was, was du nicht siehst. Die Gleichnisse Jesu neu entdecken in Bildern der Kunst   

Buch des Monats November 2012

Peter Zürn (Hg.), Ich sehe was, was du nicht siehst. Die Gleichnisse Jesu neu entdecken in Bildern der Kunst, Stuttgart 2012.

 

Mit der Herausgeberschaft der ökumenischen Reihe «WerkstattBibel» leisten die Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Zürich, und wtb, Deutschschweizer Projekte Erwachsenenbildung, Zürich, seit vielen Jahren einen wesentlichen Beitrag zu einer bibeltheologisch kompetenten und methodisch abwechslungsreichen Erwachsenenbildung. Den hohen Erwartungen wird der von Peter Zürn, Theologe, Pädagoge und Mitarbeiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle in Zürich, herausgegebene 16. Band mit Leichtigkeit gerecht. Gekonnt und animierend verbindet schon der Titel «Ich sehe was, was du nicht siehst» zwei zentrale Anliegen: das genaue Hinsehen und sorgfältige Betrachten biblischer Texte einerseits sowie das verspielte Neu-Entdecken ganz persönlicher Sichtweisen andererseits. Konkret möchte der Band aufzeigen, wie die methodische Auseinandersetzung mit künstlerischen Darstellungen ungewohnte Einsichten in die neutestamentlichen Gleichniserzählungen eröffnet.

Der erste Teil des Buches bietet eine kurze bibeltheologische Einführung. Was hier über die Gleichnisse im Speziellen zu lesen ist, lässt sich von biblischen Texten im Allgemeinen aussagen. Gleichnisse sind ein Versuch in bildhafter Sprache von etwas zu berichten, das letztlich unaussprechlich ist. Dabei wollen diese Bildgeschichten nicht für wahr gehalten werden, sondern auffordern, sich auf den gemeinschaftlichen Weg der Gottessuche einzulassen. Gleichnisse dürfen deshalb nicht als Abkürzungen verstanden werden, die – nur richtig gedeutet – zum schnellen Verstehen des Reiches Gottes führen. Vielmehr sind es Landschaften, die allein oder gemeinsam immer wieder neu entdeckt und bewandert werden wollen.

Im zweiten Teil des Buches rückt der Fokus auf die Kunst als mögliche Spiel- und Weggefährtin. Kunst und Bibel sind sich in manchem ähnlich. Bei ihrer Betrachtung wird oft ungeduldig nach dem Sinn des Werkes gefragt, während dem eigentlichen Hinsehen und den dadurch ausgelösten Gedanken und Gefühlen wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Anders als bei biblischen Texten scheinen wir im Umgang mit Kunst leichter zu akzeptieren, dass das Du und das Ich ein und dasselbe Werk nie genau gleich sehen; dass wir je nach Blickwinkel, je nach biografischen Hintergründen unterschiedliche Positionen einnehmen. Diese Akzeptanz der eigenen Sichtweise von Bildern auf die Texte der Gleichnisse Jesu zu übertragen, ist eine der grossen Stärken des Bandes. Das Einführen in zentrale Grundbegriffe und -regeln der Bildkomposition verweist darauf, dass bei aller Subjektivität bildlicher – und biblischer – Wahrnehmung diese nicht einfach beliebig ist. Ein wichtiger Aspekt innerhalb einer methodisch auf Dialog ausgerichteten Bibelarbeit.

Der dritte Teil des Buches besteht aus sieben voll ausgearbeiteten Einheiten zur Gleichniserschliessung unter Einbezug künstlerischer Darstellungen. Allesamt gemeinschaftlich von den MitarbeiterInnen und Mitarbeitern der «WerkstattBibel» erarbeitet und in der Praxis erprobt. Bei den Texten handelt es sich um die Gleichnisse vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle (Mt 13,44-46), von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16), von den Lilien auf dem Feld (Lk 12,22-32), vom Sämann (Mk 4,3-9), von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1-13), vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) und vom grossen Gastmahl (Lk 14,16b-23). Eine dem Buch beiliegende CD-Rom liefert alle erforderlichen Bilder. Leider fehlt darauf die in der ersten Einheit zum Gleichnis vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle versprochene Anleitung der Körperübung. Das Dokument kann aber auf der Homepage des Bibelwerks (http://www.bibelwerk.ch/d/m86156) abgerufen werden. Die vorgeschlagenen zeitlichen Abläufe, die Angaben zu den vorzubereitenden Materialien und die Hinweise zur Raumgestaltung sind realistisch und ohne zu grossen Aufwand umsetzbar. Dass der Frage nach der geeigneten Bibeltextübersetzung für die einzelnen Gleichnisse viel Aufmerksamkeit gewidmet wird, fällt besonders positiv auf. Die Hinweise zu den Gleichnistexten sowie den verwendeten Kunstwerken zeugen von viel Gespür für das nötige Mass an Information. Methodisch sind die sieben Einheiten geprägt von viel Kreativität und Abwechslung. Sie fordern einerseits dazu heraus sich auf die Sichtweisen anderer einzulassen und eigene Lesarten preiszugeben, gewähren aber auch immer wieder intime Momente des Rückzugs.

Insgesamt überzeugt der 16. Band: Einmal mit dem Spielen angefangen freut man sich auf eine Fortsetzung mit anderen bildgewaltigen Texten der Bibel.

 

Melanie Wakefield, lic. theol.

Wissenschaftliche Assistentin an der Professur für Religionspädagogik/Katechetik der Universität Luzern.

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