Wir beraten

Barbara Schmitz, Geschichte Israels   

Buch des Monats März 2012

 

Unter einer «Geschichte Israels» stellt man sich im Allgemeinen einen chronologischen Abriss der historischen Abläufe rund um das jüdische Volk von seinen «Anfängen» bis in die hellenistisch-römische Zeit vor. Die von der Würzburger Alttestamentlerin Barbara Schmitz vorgelegte «Geschichte Israels» ist anders. Sie folgt nicht diesem «Zeitstrahl», der Geschichte als quasi «erklärbare» Aufeinanderfolge von Ereignissen (re)konstruiert, sondern sie beginnt am «Ende». Und «Ende» ist hier nicht nur zeitlich gemeint, indem ihre «Geschichte» mit dem 6.-4. Jahrhundert v. Chr. beginnt (noch jüngere Zeiten spielen im Buch so gut wie keine Rolle), sondern «Ende» meint auch das Ende des Königtums Juda 587 v. Chr., mit dem die sowieso kurze staatliche Geschichte Israels und Judas auch schon vorbei ist.

Diese aussergewöhnliche Abfolge des Buches hat damit zu tun, dass es sich hier um eine «Einführung in die Schriften Israels» für Studierende in den Bachelor-Studiengängen handelt. Nach dem neuen Konzept dieser Studiengänge soll nicht nur in die literarische Entstehungsgeschichte der alttestamentlichen Schriften eingeführt werden, sondern zugleich auch in die Geschichte Israels. Dies kann man tun, indem man die literarischen Werke in die Historie einordnet oder indem man die literarische Entstehungsgeschichte zum Ausgangspunkt nimmt und von da aus den Blick in die Geschichte wirft. Barbara Schmitz hat sich für Letzteres entschieden.

Sie beginnt «» nach einem Einleitungskapitel zu den hermeneutischen Grundfragen «» im 2. Kapitel mit den Jahren 597 bzw. 587 v. Chr., den Katastrophenjahren der Eroberung und Zerstörung Jerusalems, und einer Abhandlung über das Babylonische Exil und die Perserzeit (6.-4. Jh. v. Chr.). Genau diese Katastrophe und die darauf folgende Zeit der Besinnung weckte ein Interesse für die Geschichtsschreibung in zweierlei Richtung: zum einen als Analyse und Aufarbeitung der Königszeit, zum anderen «» daraus resultierend «» als Konzeption einer zukünftigen und idealen Staatsform, die in die «Anfänge Israels» rückprojiziert wird und von dort aus Wegweisung geben soll. Es ist heute Konsens der Forschung, dass die biblischen Texte, die von der Geschichte Israels erzählen, ihre vorliegende Form in der Zeit des Exils erhalten haben. Von dort aus blickt Barbara Schmitz zurück: in die Königszeit (10.-6. Jh. v. Chr.; 4. Kapitel) und die «Anfänge Israels» (Erzelternerzählungen, Exodusgeschichte, «Landnahme-» und Richterzeit sowie die ersten «Könige»: Saul, David und Salomo; 6. Kapitel).

Zwischen diese «Geschichtskapitel» hat die Autorin die jeweiligen Phasen der Textproduktion eingefügt: die Entstehung des Pentateuchs in der Exils- und Perserzeit (3. Kapitel), die Entstehung des «Jerusalemer Geschichtswerks» im 8.-7. Jh. v. Chr. (5. Kapitel) sowie die Entstehung erster Erzählkränze vor 700 v. Chr. (7. Kapitel).

Diese Buchabfolge fordert den Leserinnen und Lesern einiges an  Differenzierungsvermögen ab. Gerade Studienanfängern wird also einiges abverlangt. Andererseits wird hier aber ernst genommen, dass die in der Bibel erzählte Geschichte Israels selbst schon Konstruktion ist, «pur historisch» also nicht zu haben ist. Zu verstehen, warum in Israel in der jeweiligen Zeit so und nicht anders Geschichte geschrieben wurde, stellt einen erheblichen Erkenntnisgewinn dar. Von daher sei dieses Studienbuch nicht nur Studienanfängern empfohlen, sondern allen, die sich mit dem momentanen Stand exegetischer Forschung zu Geschichte und Literatur Israels vertraut machen möchten.

Dieter Bauer

Barbara Schmitz, Geschichte Israels (Grundwissen Theologie UTB 3547), (Schöningh) Paderborn 2011, 184 S., Paperback, 7 Karten, 1 Faltplan, 15,90 Eur[D] / 16,40 Eur[A] / 23,50 CHF, ISBN 978-3-8252-3547-5

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