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Bernhard Lang, Jesus der Hund. Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers   

Buch des Monats August 2011

«Jesus der Hund» – der Buchtitel ist natürlich eine Provokation für die meisten Christen. Doch wer Bernhard Lang kennt, den Paderborner Alttestamentler, weiss, dass er gerne provoziert und sich ebenso gerne auf Terrain an den Grenzen seiner Wissenschaft begibt. Der Untertitel des Buches bringt allerdings Aufklärung: Es geht im Buch um die These, Jesus sei ein jüdischer Philosoph gewesen aus der Richtung der Kyniker – nicht zu verwechseln mit Zynikern! Die Kyniker, die in Diogenes («in der Tonne») ihren «Gründer» gesehen haben, hatten sich den Spitznamen «Hunde» selber zugelegt, weil sie gesellschaftliche Normen zum grossen Teil ablehnten und lieber ein «Hundeleben» führten, das ihnen Zeit zum Nachdenken sowie für Lehre und Seelsorge gab.

Wie kommt Bernhard Lang zu seiner These, auch Jesus sei ein solcher Kyniker gewesen? Zunächst einmal vorab: die These ist nicht ganz neu, sondern wurde bereits vor dem zweiten Weltkrieg in der v. a. religionsgeschichtlich orientierten Forschung vertreten. Nach dem Krieg wurde – v. a. in der deutschsprachigen Forschung – «Jesus der Jude» entdeckt und für viele zum Hauptmuster der Erklärung. Obwohl Einzelne wie Martin Hengel immer wieder auf die Parallelen von Jesu Lehre mit der hellenistischen Popularphilosophie hingewiesen hatten, setzte sich diese Betrachtungsweise kaum durch. Erst in der amerikanischsprachigen Forschung gewann die These «Jesus als Kyniker» mehr Raum und wurde vor allem durch John Dominic Crossan («The Historical Jesus» 1991; übers. 1996) auch im deutschsprachigen Raum populärer.

Was Bernhard Lang nun im ersten Teil seines Buches unternimmt, ist eine Sammlung all der Bezüge und Traditionen, mit denen sich Jesus im hellenistischen Judentum seiner Zeit verorten lässt. Da sind zum einen die prophetischen Traditionen des Judentums, deren bedeutendste Gestalt Elija in hellenistischer Zeit schon ein ganz besonderes Profil erhalten hat. Keiner der Propheten wird im Neuen Testament so häufig erwähnt wie er (29x). Und Jesus wie Johannes der Täufer werden immer wieder mit Elija in Verbindung gebracht, ja teilweise sogar identifiziert. Lang zeigt auf, wie aus Elija inzwischen eine religiöse Führergestalt geworden ist, die für viele Menschen immer noch so attraktiv ist, dass sie in seine Fussstapfen treten: «durch das Verlassen von Familie und Besitz, das Tragen besonderer Kleidung, die Bevorzugung besonderer Aufenthaltsorte, die Schaffung eines Schülerkreises sowie die Versorgung durch Frauen, die nicht selbst dem Kreis angehören, sondern diesen unterstützend begleiten» (40). Johannes der Täufer und Jesus stehen in eben dieser Tradition und reihen sich in die Nachfolge des Elija. Doch während dies in der Forschung Johannes dem Täufer immer schon zugestanden wurde, haben doch viele ein Problem damit, dasselbe von Jesus zu behaupten. Und natürlich reicht die Elija-Nachfolge auch nicht aus, Leben und Wirken des historischen Jesus vollständig zu erklären. Nach Lang bedarf es dazu zusätzlich der philosophischen Tradition des Kynismus.

Im zweiten Teil seines Buches unternimmt es Lang deshalb, Jesus als kynischen Philosophen plausibel zu machen. Er tut dies, indem er kurz in die Entstehung der kynischen Philosophie seit Sokrates einführt und als Besonderheit festhält, dass das besondere Anliegen dieser Philosophen die Popularisierung ihrer Anliegen gewesen sei. Sie entwickelten eine besondere Art des Vortrags (die sog. «Diatribe»), um dadurch ihre Zuhörerschaft auf den Strassen und Märkten besser erreichen zu können. Mit dieser Art des Philosophierens sei nun auch das hellenistische Judentum in Berührung gekommen, wie z. B. das popularphilosophische Buch Kohelet zeigt. Und gerade in Galiläa, der Heimat Jesu, habe es sehr lebendige kynische Philosophenschulen gegeben.

Lang kann aufzeigen, wie viel von Jesu Lehre und Verhalten parallel zu dem dieser kynischen Philosophen läuft. Das beginnt damit, dass Philosophie seit Sokrates zu einer Sache persönlicher Entscheidung und Bekehrung geworden ist, zu einer Sache des Glaubens und Bekennens, und nicht – wie viele vielleicht heute noch meinen – eine rein intellektuelle Spielerei. Keine philosophische Richtung hat das Leben ihrer Anhänger so sehr bestimmt wie die kynische: mit Bettelsack und (nur einem!) Mantel zogen sie umher, verzichteten auf Ehe und Arbeit – und sahen sich doch selbst als «Könige». Sie standen dem Opferkult kritisch gegenüber – was ihnen immer wieder den Vorwurf der Gotteslästerung einbrachte –, lehnten den Glauben an die vielen Götter ab, indem sie sich nur einem einzigen «Vater im Himmel» (Zeus) anvertrauten, und pflegten eine sehr persönliche und individuelle Frömmigkeit.

Es leuchtet ein, dass der Weg von so gelebter Philosophie zur frühen Jesusbewegung, die Gerd Theissen soziologisch als «Wanderradikalismus» beschrieben hat, nicht weit ist. Lang zeigt auf, wie viel in der frühen Jesusüberlieferung (Logienquelle, Thomasevangelium, …) z. T. wörtlich auch bei den Kynikern zu finden ist. Vor allem lässt sich Manches an Jesus, das sich von seiner jüdischen Herkunft her kaum erklären lässt (Ehelosigkeit, Opferkritik, Feindesliebe …), von der kynischen Philosophie her leichter plausibel machen. Gerade auch seine Lehre in Gleichnissen und Beispielerzählungen, durch die er Menschen gewinnen möchte, entspricht der philosophischen Seelsorge der Kyniker: «Es geht dem Philosophen nicht darum, andere anzuklagen und zu bestrafen. Arzt und Vater beurteilen menschliches Fehlverhalten nicht als Zorn verdienendes Vergehen oder gar zu bestrafendes Verbrechen, sondern als zu heilende Krankheit und zu korrigierenden Fehler. Der Kyniker inszeniert kein philosophisches Gericht, sondern übt väterliche Fürsorge und philosophische Therapie. Als Therapeut will er nicht verurteilen, sondern heilen.» (129) Und: «Was Jesus in der Bergpredigt über Versöhnung, Ehebruch, Ehescheidung, Schwören, Verzicht auf Vergeltung und Feindesliebe sagt, lässt sich als Kompendium einer kynisch-jüdischen Ethik verstehen.» (131)
Lang versucht sodann eine Art Lebensgeschichte des historischen Jesus zu rekonstruieren, was natürlicherweise mit vielen Unsicherheiten behaftet sein muss. Und er sagt selber, dass die Existenz Jesu sich natürlich «nicht in den von ihm erlernten Rollen des elijanischen Propheten und des kynischen Philosophen (erschöpft)». (135) Bei allen Fragezeichen, die bleiben müssen, ist Langs Entwurf aber nicht schlechter als andere.

Gegen Ende seines Buches kommt Lang dann noch auf die christliche Kirche zu sprechen. Ausgehend von seiner These, dass es sich bei der frühen Jesusbewegung weder um eine neue Religion, noch um eine jüdische Reformbewegung, sondern in erster Linie um eine philosophische Bewegung gehandelt habe, verfolgt er ihre Spuren durch die Geschichte der ersten vier Jahrhunderte. Seiner Meinung nach habe auch die Jesusbewegung unter der römischen Verfolgung der Kyniker im 1. Jahrhundert gelitten, was das Fehlen von direkten Bezugnahmen in den Evangelien erklären würde. Trotzdem gab es im Christentum auch später immer wieder Bewegungen, die sich jüdisch-kynisches Gedankengut zueigen machten und Konsequenzen für ihre Lebenspraxis daraus zogen, wie z. B. die Wüstenmönchen oder die franziskanische Armutsbewegung.

«Ist es möglich, sich ein Christentum zumindest vorzustellen, das sich auf ihr kynisches Erbe wieder besinnt?», fragt Lang zum Schluss (166). Er selber ist skeptisch, haben sich doch sowohl die kynischen Philosophen wie auch die frühe Jesusbewegung stets am Rande der Gesellschaft bewegt. Und doch bleibt er dabei: «Mit Diogenes und Jesus kommt eine alternative Existenzweise in den Blick, die für die Gesellschaft eine ständige Herausforderung darstellt.» Und er schliesst: «Es ist schwer, sich ihrer Faszination zu entziehen» (176).
Die Faszination des Büchleins von Lang liegt vor allem in diesem eher ungewohnten und für die meisten wohl noch immer unbekannten Zugang zu Jesus von der griechischen Popularphilosophie her. Obwohl mir selber vieles nicht ganz unbekannt war, war ich doch immer wieder erstaunt über frappierende kynische Belegstellen und das Gesamtbild, das dadurch vom hellenistischen Judentum und speziell der Zeit Jesu entsteht. Viele einzelne Bausteine hat Lang hier erstmals zusammengefügt. Ich meine, wenn man «Jesus den Juden» und «Jesus den Philosophen» nicht gegeneinander ausspielt, sondern als zwei wichtige Scheinwerfer auf diesen faszinierenden Menschen ernst nimmt, hat man schon ziemlich viel von Jesus verstanden.

Dieter Bauer

Bernhard Lang, Jesus der Hund. Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers, (Verlag C. H. Beck) München 2010, 240 S. m. 11 Abb., Ppb., 12,95 € [D] / 23,90 CHF UVP, ISBN 978-3-406-60629-8

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