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Hubert Frankemölle, Das Matthäusevangelium. Neu übersetzt und kommentiert   

Buch des Monats März 2011

Der Paderborner Neutestamentler Hubert Frankemölle hat von 1994-1997 ein umfangreiches zweibändiges Kommentarwerk vorgelegt, welches das Matthäusevangelium konsequent aus der Perspektive der ersten Leserinnen und Leser auslegt. Leider ist dieses – durchaus anspruchsvoll geschriebene – Kommentarwerk im Patmos-Verlag nicht wieder neu aufgelegt worden und inzwischen vergriffen.
Deshalb ist es dem Verlag Katholisches Bibelwerk besonders zu danken, dass er dem Autor die Gelegenheit gab, seine Überlegungen einer breiteren Leserschaft in kürzerer und allgemeinverständlicher Form vorzulegen.
Von der Machart her bietet das vorliegende Buch zunächst eine knappe Einleitung zur Gemeinde des Matthäus und anderen jüdischen Gruppen, zur Lebenswelt Jesu und der des Evangelisten sowie zu den Vorlagen des Evangelisten zusammen mit kurzen Hinweisen zur Komposition des Evangeliums (S. 5-18). Der Hauptteil besteht dann aus einer sehr wörtlichen Neuübersetzung des Evangeliums mit Kommentar. Im Anhang finden sich neben Hinweisen zur Übersetzung Literaturhinweise und ein kurzes Glossar, in dem die wichtigsten Begriffe aus Exegese und Judentum erläutert werden.
Bereits die Einleitung macht auf eine Besonderheit des Kommentars aufmerksam: Der Autor versucht konsequent die jüdische Verfasserschaft des Evangeliums ernst zu nehmen, die sich z. B. allein schon darin zeigt, dass er «» anders als Markus «» darauf verzichten kann, jüdische Bräuche und Einrichtungen zu erklären. Frankemölle schreibt geradezu gegen eine Jahrhunderte lange antijüdische Auslegungsgeschichte an, die vom Blutruf des Evangeliums (Mt 27,25) her eine Verdammung des Judentums postulierte und/oder Mt 21,43 als Beleg dafür nahm, dass die Kirche als wahres Gottesvolk an die Stelle Israels getreten sei. Dass das natürlich ein Unsinn mit den bekannten verheerenden Folgen war, muss leider immer noch und immer wieder betont werden.
Einen besonderen Glücksfall stellt bereits die Übersetzung dar, die Frankemölle bietet. Sie bleibt sehr eng am griechischen Text ohne dadurch holprig zu werden, bemüht sich dann aber doch, heutigen Leserinnen und Lesern gerecht zu werden. So werden in den «Seligpreisungen» die Menschen «glücklich» gepriesen und das «Licht» wird zur Lampe, die man nicht unter den Eimer (statt eines «Scheffels») stellt.
Auch werden in der Übersetzung die vielen Anspielungen und Zitate an das Alte Testament durch kursive Schreibweise markiert. Fragwürdig finde ich allenfalls, dass der Übersetzer die Namen nicht nach der ökumenischen Schreibweise der Einheitsübersetzung (wie im Kommentar) wiedergibt, sondern in griechischer Form, was bei den hebräischen Namen doch einige Verwirrung stiftet (Ozia=Usija; Jechonias=Jojachin; Salathiel=Schealtiël; Joseph=Josef …).
Frankemölles Programm eines jüdischen Evangeliums wird besonders in seiner Kommentierung deutlich. Dort liegt eindeutig der Akzent auf der Erinnerung an den alttestamentlichen Hintergrund, der vielen Christen kaum (noch) geläufig ist. Wo die Einheitsübersetzung in 1,18 übersetzt: «Mit der Geburt Jesu Christi war es so: …», macht Frankemölle darauf aufmerksam, dass nicht die «Geburt Jesu» gemeint sein kann, sondern dass das griechische «Genesis», das hier steht, die gesamte «Entstehungsgeschichte» umfasst und überhaupt alle biblischen Geburtsankündigungsgeschichten (nicht nur) des Buches Genesis einspielt. Leserinnen und Leser des Kommentars erfahren, dass auch jüdische Schriftgelehrte die Tora nicht einfach historisch auslegten, sondern jeweils auf die ständig neuen Lebenssituationen aktualisierten «» wie Jesus von Nazaret. Jesus erweist sich als jüdischer Lehrer, der ganz nah an den Menschen seiner Zeit den Willen Gottes nicht nur auslegt, sondern auch lebt. Und gegen die Jahrhunderte währende Tradition, «die Juden» hätten Jesus umgebracht, unterstreicht Frankemölle in seiner Auslegung der Passionsgeschichte immer wieder, wie selbst der Evangelist Matthäus zu differenzieren weiss: Verurteilung, Verspottung und Hinrichtung erfolgten durch die Römer! Und am Ende des Evangeliums endet auch der Bogen der «Entstehungsgeschichte Jesu Christi» (1,1), wenn der Immanuel, der «Gott ist mit uns» (1,23), verheisst: «Ich, ich bin mit euch» (28,20; vgl. Ex 3,14). Gerade solche Erzählbögen, wie Frankemölle sie immer wieder herausarbeitet, zeigen, was Matthäus vor allem sagen wollte: Jesus war die menschliche Daseinsweise JHWHs!
Der vorliegende kleine Kommentar bietet bei aller Knappheit eine Fülle von Einsichten in die jüdische Frühzeit des Christentums, die nicht nur Predigerinnen und Katecheten, sondern allen an der Bibel Interessierten nur wärmstens ans Herz gelegt werden kann.

Dieter Bauer

Hubert Frankemölle, Das Matthäusevangelium. Neu übersetzt und kommentiert, (Katholisches Bibelwerk) Stuttgart 2010, 268 S., Geb., 19,90 € [D] / 30,50 CHF UVP
ISBN 978-3-460-30025-5

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