Wir bringen die Bibel ins Gespräch

Aus für den Ökumenischen Bibelsonntag!   

Dieter Bauer in der Schweizer Kirchenzeitung 6-7/2011

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Seit nunmehr 20 Jahren propagieren das Schweizerische Katholische Bibelwerk und die Schweizerische Bibelgesellschaft gemeinsam einen Ökumenischen Bibelsonntag im November. In einer ökumenischen Arbeitsgruppe werden jährlich entsprechende Materialien erarbeitet und kostenlos an alle Pfarrämter verschickt. Verbunden ist dieser Ökumenische Bibelsonntag stets mit einem Spendenaufruf für biblische Projekte in ärmeren Ländern. Trotz dieser Bemühungen wurde der Ökumenische Bibelsonntag bisher weder offiziell von den Kirchen eingeführt, noch hat er bei den Pfarreien eine Resonanz gefunden, die diesen Aufwand für die Initiatoren weiter rechtfertigen würde.

Das Schweizerische Katholische Bibelwerk und die Schweizerische Bibelgesellschaft haben deshalb gemeinsam entschieden, ihre Bemühungen um die Einführung eines Ökumenischen Bibelsonntags in der Schweiz einzustellen.
Was ist der Ökumenische Bibelsonntag?

Der Bibelsonntag hat bereits eine längere Vorgeschichte in den protestantischen Kirchen. In Deutschland zum Beispiel, wo er jährlich am letzten Sonntag im Januar begangen wird, dient er der Bewusstseinsbildung für die Arbeit der Bibelgesellschaften bzw. der Weltbibelhilfe: Bibelübersetzung und -verbreitung. Im Zuge der ökumenischen Öffnung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden auch die katholischen Bibelwerke in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Partnern solcher biblischer Initiativen. Im «Ökumenischen Arbeitskreis für Bibellesen» wurde ein gemeinsamer Bibelleseplan erarbeitet; auch die Bibelwoche als Vorbereitung auf den Bibelsonntag wird in Deutschland ökumenisch propagiert.

In der Schweiz ist der BibeIsonntag im Bereich der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn am stärksten verankert, denn hier ist er offiziell jeweils für den letzten Sonntag im August vorgesehen. Handreichungen für diesen Bibelsonntag gibt es dort seit 1979, verschiedentlich auch in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Bibelgesellschaft. Seit 1984 wurden von der Bibelgesellschaft immer wieder Vorstösse in Richtung ökumenischer Bibelsonntag unternommen.

Als das Schweizerische Katholische Bibelwerk 1985 sein 50-jähriges Jubiläum begehen konnte, erarbeitete dessen Bibelpastorale Arbeitsstelle unter dem Motto «Damit sie Leben haben» eine Materialsammlung, mit der sie den katholischen Pfarreien der Deutschschweiz ebenfalls die Durchführung eines Bibelsonntags empfahl. Seither gab es jährlich weitere Materialien, im Jahr 1987 z. B. eine «Brot-Bibel» in Form einer Bibelhülle mit einem Brot darin. 1991 schliesslich war es dann so weit, dass der Bibelsonntag unter dem Motto «Gastfreundschaft bringt Segen» zusammen mit der Schweizerischen Bibelgesellschaft erstmals ökumenisch propagiert werden konnte.

Ziele eines solchen Ökumenischen Bibelsonntags sind:

  • das Bewusstsein zu fördern, dass die Bibel die gemeinsame Glaubensgrundlage aller Christinnen und Christen ist;
  • Gruppen zu unterstützen, die miteinander biblische Texte lesen und ihre Bedeutung für das tägliche Leben erkennen wollen;
  • einen lebendigen Gottesdienst fördern, der von der Gemeinschaft der Gläubigen mitgestaltet wird;
  • mit Hilfe der Bibelsonntagskollekte biblische Projekte unterstützen.

Das Thema des Ökumenischen Bibelsonntags wird jeweils gemeinsam festgelegt. Meist wechseln die zentralen Predigttexte zwischen Altem und Neuem Testament. 2010 war das Thema z. B. «Ein Segen sein. Wie? Geht das?» zur Berufung Abrahams in Genesis 12.
Zur Akzeptanz des Ökumenischen Bibelsonntags

Nach 20 Jahren war es nun an der Zeit, bei den Pfarreien eine Bestandsaufnahme zu machen: Die Schweizerische Bibelgesellschaft machte eine Telefonumfrage in den reformierten Kirchengemeinden Bern-Jura-Solothurn, das Schweizerische Katholische Bibelwerk machte eine Mailumfrage bei den katholischen Pfarreien der Deutschschweiz, um zu erfahren, ob der Ökumenische Bibelsonntag inzwischen eine Resonanz im Pfarreileben gefunden hat, die den nicht unerheblichen Aufwand Jahr für Jahr rechtfertigen würde.

Der Rücklauf auf die Mailumfrage von annähernd 20 Prozent lieferte nun verlässliche Daten für eine Entscheidung. Erfreulich daran war zunächst einmal, dass die Qualität der Unterlagen durchgehend gelobt wurde. In jeder fünften Pfarrei wurden die Unterlagen auch (immer wieder) für alle möglichen Anlässe verwendet. So gut wie niemand allerdings verwendet sie für die Durchführung eines Ökumenischen Bibelsonntags zum vorgesehenen Termin, was nicht ausschliesst, dass (katholische) Bibelsonntage zu anderen Terminen stattfinden.

Von den Befragten fänden es zwar viele schade, wenn es den Ökumenischen Bibelsonntag (und die dazu gehörigen Unterlagen) in Zukunft nicht mehr gäbe, viele betonten dabei auch den ökumenischen Aspekt. Demgegenüber gab es dann aber doch auch fast genau so viele Rückmeldungen, die teils ziemlich schroff anmerkten, sie könnten auf den Bibelsonntag verzichten.

Angesichts der Tatsache, dass sich nur gerade mal ein Viertel der Rückmeldungen (etwas mehr als 4 Prozent der Angefragten) dezidiert für eine Beibehaltung des Ökumenischen Bibelsonntags ausgesprochen hat, ist unseres Erachtens eine Weiterführung des Projekts in der bisherigen Form nicht zu verantworten.

Argumente gegen einen (Ökumenischen) Bibelsonntag

An Hauptargumenten gegen einen (Ökumenischen) Bibelsonntag oder als Begründungen dafür, dass er bei ihnen nicht Fuss fassen konnte, wurden von den Angefragten (absteigend geordnet nach Anzahl der Nennungen) vor allem die folgenden genannt:

  1. Wir haben schon zu viele «Themensonntage».
  2. Der Novembertermin ist schlecht (schon zu viel anderes).
  3. Jeder Sonntag ist ein Bibelsonntag.

Auf diese Argumente, die natürlich nicht neu sind, möchte ich nur kurz eingehen:

Ad 1.: Bei allem Verständnis dafür, dass es im Laufe eines Jahres (fast zu) viele Anlässe gibt, die an den sonntäglichen Gottesdiensten thematisiert werden sollten, kann man sich doch auch fragen, ob die Hervorhebung der Freude am «Wort Gottes», das Feiern des «Tisches des Wortes», auf derselben Ebene liegt wie andere «Anlässe». Auch der «Tisch des Brotes», die Eucharistie, wird ja in einem eigenen Fest, dem Fronleichnamsfest, einmal im Jahr eigens in den Mittelpunkt gestellt.

Ad 2.: Wer ein Direktorium in die Hand nimmt, sieht, dass eigentlich immer irgendetwas ist. Der Novembertermin wurde ursprünglich genau deshalb gewählt, weil vor dem Advent eine «ruhigere Zeit» ist.

Ad 3.: Immer wieder ist zu hören: «Wozu brauchen wir einen Bibelsonntag? Jeder Sonntag ist doch ein Bibelsonntag.» Grundsätzlich ist dem ja auch zuzustimmen. Zumindest wäre es schön, wenn es überall so wäre. Dann wäre unser Anliegen tatsächlich erreicht.
Wie geht es weiter?

Natürlich sind wir nach wie vor davon überzeugt, dass die Bewusstseinsbildung für den Reichtum der Heiligen Schrift wenigstens einmal im Jahr einen besonderen Ort haben müsste. Und auch im Hinblick auf die Ökumene «stirbt» ja leider ein Projekt, das mit der Bibel eine wichtige Brücke zwischen den Konfessionen ins Gespräch gebracht hat.

Trotzdem lassen wir uns nicht entmutigen und werden auch in Zukunft Wege suchen, diesem Anliegen einen entsprechenden Ort zu geben: Wir können uns z. B. vorstellen, zunächst einmal aus guten, bereits erschienenen Materialien des Bibelwerks etwas zur Gestaltung eines Bibelsonntags zusammenstellen, das sich immer wieder verwenden lässt. Oder wir nutzen unsere Energie nicht nur dafür, dass die Predigten biblischer werden, sondern dass auch die liturgischen Lesejahre bewusster erlebt werden können. Für weitere Ideen, Verbündete und Projektpartner sind wir ganz offen.

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