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Andrea Günter, Geist schwebt über Wasser. Postmoderne und Schöpfungstheologie   

Buch des Monats Januar 2009

Suchen Sie am Anfang des neuen Jahres eine geistige Herausforderung? Ich erzähle Ihnen von der Herausforderung, der ich begegnet bin, dem Buch «Geist schwebt über Wasser. Postmoderne und Schöpfungstheologie». Es stammt von Andrea Günter, die in Freiburg im Breisgau Philosophie und Theologie lehrt. Das schmale Bändchen umfasst lediglich 110 Seiten, die es allerdings in sich haben.

Das postmoderne Denken ist nach Andrwa Günter von drei Leitbildern geprägt: Pluralität, Differenz und Vorrang von Beweglichem. Sie bezieht sich dabei vor allem auf Jaques Derrida als dem wichtigsten Philosophen der Postmoderne. Für Andrea Günter entstammen diese drei Leitbilder aus der jüdischen und christlichen theologischen Tradition. Sie macht den Zusammenhang zwischen postmodernem und jüdisch-christlichem Denken an drei Texten deutlich:
- an der Schöpfungserzählung von Genesis 1
- an den «Ich-bin-Worten» im Johannesevangelium
- an der Kosmologie von Hildegard von Bingen
Die Auseinandersetzung mit diesen drei Texten bildet die drei Kapitel des Buches, die von einer kurzen Einleitung (S. 11-16) und einem knappen Ausblick (99-100) gerahmt werden. Der Rahmen schliesst das Buch nicht ab, sondern lenkt den Blick weiter.
Das erste Kapitel zur Schöpfungserzählung ist geprägt von einer genauen Text-Lektüre. Sie nimmt zum Beispiel in Gen 1,26-27 das «auffällige Spiel mit Singular und Plural» wahr, von dem das Gottes- und Menschenbild geprägt ist. Pluralität, Einzigartigkeit und wechselseitige Bezogenheit als wesentliche Merkmale des biblischen Gottes-, Menschen- und Weltbildes werden erkennbar. In der Verhältnisbestimmung von Pluralität und Einzigartigkeit sieht Günter ein zentrales Leitmotiv des gesamten Buches Genesis und der Postmoderne. Es geht nicht darum in den vielfältigen Erscheinungen eine dahinterstehende letzte Einheit zu finden, sondern in der Pluralität Einzigartigkeiten zu erkennen.
Darüberhinaus zeigt die Textlektüre, dass die Tätigkeiten Gottes im Schöpfungshandeln darin bestehen, zu unterscheiden. Gott scheidet eben nicht das Licht von der Finsternis, sondern unterscheidet zwischen Licht und Finsternis. Die Finsternis wird dadurch nicht negativ bewertet, das Licht ist kein Fortschritt gegenüber der Finsternis. «Gut» in den Augen Gottes ist die Differenzierung zwischen ihnen. In diesem differenzierten Raum entwickelt sich das Leben. Schöpfung ist Unterscheiden und in Beziehung setzen. Gott differenziert die Schöpfung immer weiter aus, sie wird pluraler, bevölkert von immer mehr Einzigartigem, das unterschieden voneinander zugleich miteinander in Beziehung steht.
Auch hier berührt sich die biblische Weltsicht eng mit der postmodernen. Der zentrale Begriff in der Philosophie Jaques Derridas ist «différance». Eine différance ist eine Unterscheidung, die etwas markiert, festhält und von dort aus zu neuer Verbindung führt. Die différance Derridas entspricht dem Gewölbe des Himmels, das entsteht, wenn die Wasser oberhalb und unterhalb unterschieden werden. Die différance entspricht dem festen Land, das entsteht, wenn die unteren Wasser gesammelt werden. Die différance, das Feste, das Geformte ist ein Zwischenraum zwischen Flüssigem, Beweglichem, Veränderlichem. In ihm ist vielfältiges, plurales und einzigartiges Leben möglich. Die Unterscheidung dient der Hervorbringung solchen Lebens.

Andrea Günter bringt biblische Theologie mit moderner Philosophie ins Gespräch. Neben Jaques Derrida spielen Hannah Arendt und (im zweiten Kapitel) Hegel eine wesentliche Rolle. Diese Gespräche finden auf engem Raum statt, sie nehmen jeweils nur wenige Seiten ein. Das führt oftmals zu sehr verdichteten Passagen, die sich mitunter (wenn überhaupt) erst bei mehrmaligem Lesen erschliessen. Die Autorin macht es den Lesenden nicht einfach. Ihr Buch stellt eine echte intellektuelle Herausforderung dar. Im zweiten Kapitel über die «Ich-bin-Worte» im Johannesevangelium wird das noch verstärkt durch zum Teil sprachschöpferische Spiele mit den Ausdrücken «Ich» und «bin» («das Bin»). Eine besondere Qualität erhalten ihre Ausführungen aber auch hier durch eine Form der genauen Textlektüre. Sie liest die «Ich-bin-Worte» nämlich von den Erzählungen her, die ihnen vorausgehen bzw. in deren Kontext sie stehen. Das Wort «Ich bin das Licht das Welt» (Joh 8,12) wird so z.B. von der Auseinandersetzung um die Ehebrecherin her beleuchtet. Fast wie nebenbei erreicht sie am Ende des Kapitels noch die Jünger auf dem Weg nach Emmaus und liest die Erzählung gegen die Philosophie des Sokrates. Im letzten Kapitel bringt Günter die Kosmologie Hildegards von Bingen ins Gespräch mit Jaques Derridas. Sie erkennt in Hildegard eine mittlere Position zwischen Scholastik und Mystik, eine Vermittlung zwischen rationaler und sinnlicher Erkenntnis, die zugleich auch mitten in die Welt hinein führt. Die Mitte wird zu dem festen Ort, von dem aus Bindungen so zu erneuern sind, dass die Beweglichkeit bewahrt und wenn möglich vergrössert wird.

Andrea Günters Buch ist eine Herausforderung. Ihre Art die altbekannten biblischen Texte neu zu lesen, sind für mich ein grosser Gewinn. Ihre Brückenschläge zwischen Bibel und Philosophie sind in vielem allerdings auch eine Überforderung für mich, der in den philosophischen Diskursen nicht besonders bewandert ist. Auch wenn ich wie ich zugeben muss, einiges in diesem Buch nicht verstanden habe, so macht es mir doch grosse Lust, an den aufgeworfenen Fragen und Positionen dran zu bleiben und weiter zu denken. Dieses Denken ins grundlegend Offene hinein ist ja selbst ein Charakteristikum der Postmoderne.

Peter Zürn

Andrea Günter, Geist schwebt über Wasser. Postmoderne und Schöpfungstheologie, Passagen Verlag Wien 2008, 110 Seiten, ISBN 978-3»«85165-813-2, CHF 27,50 Euro

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