Wir bringen die Bibel ins Gespräch

Nicht bös sein, sondern gut übersetzen!   

Thomas Markus Meier (Diözesanvorstand Basel des SKB) über Bemerkenswertes zur Bibel in gerechter Sprache – SKZ 38/2007

«. . . aber da hilft nichts bös zu sein, sondern gut übersetzen» – so schreibt der Komponist Janácek seinem Verleger über Max Brod und verlangt Korrekturen. Brod war der Übersetzer eines Operntextes, hatte sich aber zu grosse Freiheiten genommen, so dass die Musik nicht mehr zum Text passte. Janácek war sich wohl bewusst, dass das dem Übersetzer kaum passen würde, aber bös werden hülfe hier nichts, sondern gut übersetzen . . .

2007, Solothurner Literaturtage: Der Lausanner Germanist Peter Utz stellt sein Buch zum Thema Übersetzen vor («Anders gesagt – autrement dit»). Die These: Wer übersetzt, wirkt sinnstiftend. Treue zum Original heisst, seinen Sinn erweitern! Wer übersetzt, schaff t auch Mehrwert. Eine gute Übersetzung klebt nicht am Buchstaben, sondern weitet den Geist.

Was heisst gut übersetzen?

Was heisst gut übersetzen? Wo doch gilt: übersetzen heisst: üb´ ersetzen! Wird zu frei übersetzt, dass der Sinn nicht mehr gewahrt wird, kommt es zu Missklang. Es öffnet sich, wie im Beispiel aus der Opernwelt, eine Schere zwischen Wort und Ton. Wird andererseits absolute Texttreue verlangt, kann der Text zum Fetisch verkommen; die Übersetzung wird holprig, tönt falsch, wird unansehnlich, unverständlich.

Der Versuch beispielsweise, Genauigkeit und Texttreue durch «konkordantes» Übersetzen zu erreichen, also immer jedes Wort genau gleich zu übersetzen, vernachlässigt die Bedeutungsbreite von Begriffen, und kann manchmal den Textsinn entstellen. Es ginge eher um sinn- als wortgemässes Übersetzen. Bekanntlich ist es der Geist, nicht der Buchstabe, der lebendig macht. Und gleichwohl ist es nicht unwesentlich, welche Grundbegriff e, Leitworte, wann und wo im Text auftauchen. Gerade auch für die «Kanonische Schriftdeutung», die jüngst gewissermassen durch das Jesus-Buch von Papst Benedikt XVI geadelt wurde. Was tun, wie gut übersetzen?

Konkordanz im Übersetzungsprojekt der «Bibel in gerechter Sprache»

Eine praktikable Lösung bietet die «Bibel in gerechter Sprache» (nachfolgend BigS genannt): Wichtige Leitworte werden im Text markiert und am Rand in hebräischer oder griechischer Transkription angegeben, so wie im Glossar dann erklärt. Wer die Bibel liest, kann so die Übersetzungsentscheidungen nachprüfen und die Bedeutungsbreite der Begriffe nachvollziehen.

Gleichzeitig ist das Glossar ein hervorragender Bibelkurs auf engstem Raum. Bei der Markierung der Leitworte habe ich die grössten Wünsche an kommende Neuauflagen: So ist bei den Gottesnamen der Gattungsbegriff «el» für «Gott» nur höchst selten angegeben, etwa dann, wenn «Gottheit» für «Gott» steht (Bsp: Gen 14,18) oder «El» neben der Übersetzung stehen bleibt (Bsp: El Olam, Gen 21,23). Hilfreicher wäre es, wenn auch «el» konsequent angegeben würde – zumal nachgerade der Umgang der BigS mit dem/ den Gottesnamen am meisten zu Kritik geführt hat. Wahrscheinlich wurde der Übersichtlichkeit halber darauf verzichtet, wie auch bei anderen Leitwörtern, wenn sie gehäuft auftreten. Es wird dann nur beim ersten Auftreten markiert. Dies mindert aber den Gebrauchswert, vor allem wenn eine einzelne Stelle nachgeschlagen wird. Die dritte Auflage hat schon einige Druckfehler ausgemerzt; eine Fleissarbeit wird es sein, die Leitwortmarkierung zu vervollständigen, was zugegebenermassen penetrant wirken könnte – aber nur bei Bahnlesung ...

Kritik

Wenn in der Folge eine Würdigung der BigS versucht werden soll, so wird dies zwangsläufig auch subjektiv geprägt sein. Manches ist Geschmacks-, anderes Interpretationsfrage. Mit der Leitwortmarkierung und dem Sichtbarmachen des unaussprechlichen (und so auch schwer übersetzbaren) Gottesnamens aber macht das Übersetzungsprojekt der BigS den Urtext transparenter als übliche Übersetzungen. Andere Freiheiten des Übersetzens, so auch die vielbesprochene und stark umstrittene Geschlechterthematik, wird je nach Übersetzerin, je nach Übersetzer, anders gehandhabt. Pauschalurteile sind also schwierig und werden der Bibel in gerechter Sprache selten gerecht. So krankten meines Erachtens viele Verrisse nur schon daran, dass kaum nur das klärende Vorwort zur Kenntnis genommen wurde (was viele Vorwürfe entkräftet hätte!), geschweige denn die über 2000 Seiten starke Übersetzung. Wie auch, in dieser kurzen Zeit?!

Oftmals beschlich mich der Verdacht, dass die Rezensenten sich auf die Suche nach Stolpersteinen und schwierigen Stellen machten, um diese dann genüsslich zu zerpflücken. Hauptvorwurf: Die BigS übersetze allzu frei. Meine bisherige Leseerfahrung zeigt aber das Gegenteil: Im Vergleich etwa zur katholischen Einheitsübersetzung ist die BigS im Gros der Unterschiede urtexttreuer! Ich möchte dies an konkreten Beispielen exemplifizieren. Das soll nicht die anderen Übersetzungen abwerten, sondern unterstreichen, was Dieter Bauer zu Recht fordert: Es kann nie genügend Übersetzungen geben – und es wird auch nie eine Übersetzung allen Anforderungen genügen. Aufzupassen wäre ausserdem, wo durch ungewohnte weibliche Formulierungen (was ich oft als gelungen und bedenkenswert empfinde), Pronomenverdoppelungen Unklarheiten schaff en (Wer geht weg in Num 12,9?) . . .

Tour d’horizon durch die Tora

Luther noch übersetzte Gen 29,17: «Lea aber hatte ein blödes Gesicht» (Luther 1534). Die neue Zürcher Übersetzung (2007) schreibt wie die EÜ, die Augen Leas seien «matt» gewesen. Nun sind die Bedeutungsfelder von Worten nicht nur in der Ausgangssprache breit, sondern auch in der Zielsprache. Matt kann nicht nur glanzlos bedeuten (negativ), sondern (positiv): nicht grell. Im Hebräischen oszilliert Adjektiv «rakot» zwischen weich, milde, matt oder zart. Bislang übersetzten die meisten Bibeln so, als ob zwischen Lea und Rahel eine Schönheitskonkurrenz stattfand. Dabei musste die eine matt, gar blöde ausschauen, damit die andere, Rahel, umso strahlender daherkommen konnte. Ob sich dahinter der männliche Blick verbirgt, der zwischen zwei Frauen wählen muss?

Nun könnte der Text ja auch aus der Perspektive der Frau formuliert sein: Wenn offenbar ein Mann, Jakob, nicht zwei Frauen (gleich stark) lieben kann, so kann es doch durchaus sein, dass zwei Frauen den gleichen Mann lieben. Die BigS übersetzt deshalb durchaus urtext-kompatibel: «Die Augen Leas waren zärtlich.» Die Dramatik dieser Dreiecksgeschichte, wo ein Mann die eine Frau bevorzugt, wie später seinen Lieblingssohn, und dadurch seine Familie in Leid stürzt, wird so viel augenfälliger. Ob sich männliche Übersetzer nie in Lea hineingefühlt haben, sich nicht vorstellen konnten, dass auch eine nur Zweitgeliebte zärtliche Augen für den haben kann, der sie vernachlässigt?

Geschlechtergerechtigkeit ist nicht nur eine Frage von «political correctness», sondern viel mehr eine Frage auch von Empathie, von Einfühlungsvermögen. Die BigS übersetzt hier nicht nur näher am Urtext, sondern auch näher am Leben, spannungsvoller, dramatischer. Wer, wie ich, bei seiner täglichen Schriftmeditation meist in seiner eigenen Sprache, hier dem Deutschen, bleibt, ist auf Übersetzungen angewiesen, die einen neu hinschauen lehren. Wie oft las ich von Rahel und Lea, und war gleichsam auf den Gegensatz schön – hässlich konditioniert … Erst die geniale Kurzgeschichte von Stefan Zweig: «Rahel rechtet mit Gott» hatte mir einst die Augen für diese hochdramatische Schwesterngeschichte geöffnet – ansonsten wär ich jetzt durch das Studium der BigS heilsam darüber gestolpert.

Jüdisches . . .

Bei der weiteren tour d’horizon durch die fünf Bücher Mose scheint mir erwähnenswert, dass das Sprachkolorit den jüdischen Hintergrund der Bibel deutlich und kenntlich macht. Etwa, dass «schlachten» mit dem passenden Lehnwort «schächten» wiedergegeben wird. Ausserdem markiert (einzig) die BigS, mindestens im wichtigsten Fall, wo im hebräischen Original Buchstaben markiert oder hervorgehoben werden, nämlich die umgekehrten «Nunim» vor und nach Num 10,35.361 Diese bedeutungsvolle Finesse berücksichtigen nicht einmal die bedeutenden jüdischen Übersetzungen von Mendelssohn über Zunz, Buber/Rosenzweig bis zu Naftali Hertz Tur-Sinai.

. . . und Zeitgemässes

Bei Erwachsenenbildungsveranstaltungen zur BigS kommt diese bei Frauen und Männern vor allem deshalb gut an, weil sie alteingefahrene Worthülsen erfrischend neu übersetzt, und so die Schrift wieder unmittelbarer zu uns spricht. Hier bloss kursorisch Beispiele aus dem Römerbrief; in Klammer jeweils die EÜ-Übersetzung: intrigieren gegen andere, denunzieren (verleumden, treiben üble Nachrede); wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus (wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein); ohne Sauf- und Fressgelage, ohne sexuelle Ausschweifungen und Orgien (ohne massloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung); die Unsicheren aber essen nur Gemüse (der Schwache aber isst kein Fleisch); die für mein Leben ihren eigenen Hals hingehalten haben (die für mich ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben) – bei den wirkmächtigen Bildern vom Gemüseesser oder vom Hals hinhalten ist die BigS im übrigen einiges näher am Griechischen als die EÜ.

Ich denke, ein so aufwändiges Projekt wie die BigS verdient es, differenzierter angeschaut zu werden, als sie einfach aufgrund von (oft zu Recht) als problematisch kritisierten Formulierungen niederzumachen. Auch da hilft bös sein nichts, sondern, wenn schon, besser übersetzen.

Das Schibboleth «Herrlichkeit»

Ob noch «Herr» oder «Herrlichkeit» gebraucht wird, haben die Kritiker der BigS beinahe zur Glaubenssache hochstilisiert. Mit «Gloire» oder «Lord» kennen das Französische und Englische Begriff e, die es unnötig machen, auf «Herr» und «Herrlichkeit» zu beharren, weil sie diesbezüglich differenzierter formulieren. Im Deutschen braucht es da Alternativen.

Psalm 8 sagt über den Menschen, über uns: «Du hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.» So die EÜ. «Mit Würde und Glanz krönst du sie», überträgt die BigS. Mit Würde, Menschenwürde zumal, spürt der heutzeitige Mensch viel mehr, was eigentlich gemeint ist.

Im Hebräerbrief2 wird diese Stelle zitiert: «Mit Ausstrahlung und Ehre hast du sie gekrönt» (Hebr 2,7). Mich dünkt «Ausstrahlung» eine geniale Übersetzung. Ausstrahlung zeigt ja die Wirkung auf andere, ist ein Wort, das wir auch im Alltag brauchen. Wer will da partout dem «Herrlichkeit» der EÜ nachweinen?

Ausblick

Detailkritik ist Pauschalurteilen vorzuziehen. Und im Detail überzeugt die BigS sehr oft. Der Vorwurf von Textuntreue zielt dabei häufig daneben. Indes: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen: Dtn 15,1 zum Beispiel spricht die EÜ von «Ackerbrache». Im Hebräischen (und richtig in der BigS) aber heisst es eigentlich: «(Schulden-)Erlass». Das ist ein substantieller Unterschied. Es soll nicht nur die Ernte ausgelassen werden, Verzicht geleistet werden, sondern es geht um mehr: Nicht aus-gelassen soll werden, sondern er-lassen. Es geht nicht um Teil-Verzicht, sondern ums Ganze. Hinter sprachlichen Finessen geht es eben oft auch um Ganzheitliches, um die Herzmitte, um den Kern. Dass dabei dann leidenschaftlich gestritten wird, wundert nicht. Schwieriger wird es, wenn der Sprung vom Buch ins Lebengeschafft werden soll. Da hilft nix bös sein, sondern gut übersetzen – auch in die Lebenspraxis!

In Apg 16,18 ist Paulus «genervt» (so die BigS; EÜ: «ärgerlich), obwohl oder gerade weil ihm die Wahrheit nachgerufen wird. Auch was stimmt, wird durch ständiges Wiederholen nicht besser. Deshalb ist zu hoff en, dass der Medienrummel über die neuen Bibelübersetzung(en)3 nicht zu Ermüdung führt, sondern Lust macht, verschiedene Übersetzungen auszuprobieren; der Bibel Raum zu geben. Und zwar ihrer Botschaft, ihrem Anliegen – und nicht bloss akademischen Fragereien und Kritteleien. So dass vor allem die Übersetzung ins Leben den Mehrwert schafft, die Bedeutungsverbreiterung. Dass aus dem «Autrement dit» (Utz) alternatives Leben wird. Nah am Urtext übersetzt die BigS übrigens die genannte Stelle köstlich: Zuerst fährt der Wahrsagegeist aus, und dann die Hoffnung auf Gewinn. Bei der Bibel in gerechter Sprache hoffe ich, dass ihre geglückten oder anstössig-anstossenden Formulierungen den Lesenden im besten Sinn: gewinnbringend einfahren.

Thomas Markus Meier ist Leiter der kirchlichen Erwachsenenbildungsstelle im Dekanat Aarau mit Sitz in Aarau.

1 Freilich wäre dies nicht die einzige, wenn auch die bedeutendste Stelle. Wo es bis zum Tüpfelchen auf dem i auch auf die Buchstabengestalt ankäme, wären beispielsweise Gen 27,46; Gen 32,11; Gen 33,4 (wo drei Punkte aus küssen beissen machen!); Ex 34,14; Lev 1,1; Num 3,38 (in der BigS wieder angemerkt); Num 25,12; Dtn 6,4; Dtn 29,27. . . und wahrscheinlich andere, mir nicht bekannte, mehr. Eine «Rabbinische Bibelübersetzung» wäre demnach als nächstes auf der Wunschliste!
2 Im Hebräerbrief habe ich bis lang auch den «grössten Bock» gefunden, der in der vierten Auflage ausgemerzt werden wird: Hebr 5,7 wurde irrtümlich ein Kyrios-Herr ein gefügt, ausgerechnet!
3 Am 12. und 13. Dezember 2008 werden in der Propstei Wislikofen neuere Bibelübersetzungen, aber auch Klassiker von der Vulgata bis zu Septuaginta Deutsch, vor gestellt, verglichen und gewürdigt. Nähere Infos beim Autor.

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