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Ursula Sigg-Suter, Esther Straub, Angela Wäffler-Boveland, «… und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein.» Die neue Zürcher Bibel feministisch gelesen   

Buch des Monats August 2007

Zwei starke Gefühle löste die erste Lektüre dieses Buches bei mir aus: Eine riesige Hochachtung vor der Leistung der Autorinnen und eine tiefe Enttäuschung über die offenbar geringe Auswirkung dieser Arbeit auf die neue Zürcher Bibelübersetzung, die gerade erschienen ist. Acht Jahre lang arbeiteten die drei Autorinnen, als vierte war Katharina Schmocker in den ersten drei Jahren beteiligt, als offiziell eingesetzte Lesegruppe im Auftrag des Kirchenrats der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich. Das Ziel ihres Auftrags bestand in der «Vermeidung übersetzungsbedingter Diskriminierungen in der neuen Zürcher Bibelübersetzung». In ihrem Buch legen sie Rechenschaft ab über «acht Jahre intensiver Arbeit». Diese Intensität wird auf jeder der 160 Seiten sichtbar. Das Buch ist ein wahres Kompendium, wo und wie geschlechtergerechte Sprache in der Übersetzung der Bibel möglich und geboten ist. Die Bandbreite geht von der Auseinandersetzung mit inklusiver Sprache in Personenbezeichnungen und in Pronomina über das Sichtbarmachen von Frauenwelten und das Nicht-Überbewerten von Männerwelten, über hierarchische Beziehungen und die Sprache der Gewalt, über die Darstellung von Sexualmoral bis hin zu theologischen Fachbegriffen wie Gnade, Fleisch, Geist, Sünde und Versuchung. Nicht nur die reine Übersetzung von Bibeltexten kommt in den Blick, sondern auch die mindestens genauso prägende Formulierung von Überschriften und Zwischentiteln. Die Auseinandersetzung mit Hunderten einzelner Bibelstellen wird in übersichtlicher Weise dargestellt: Tabellen mit jeweils drei Spalten führen links die Bibelstelle an, in der Mitte die Übersetzung der Neuen Zürcher Bibel (NZB) und in der rechten Spalte den Alternativvorschlag der feministischen Lesegruppe. Die Tabelle hat nur zwei Spalten, wenn der Text der NZB mit dem Vorschlag der Lesegruppe übereinstimmt. Ein erstes Blättern zeigt den enttäuschenden Befund, wie selten sich zweispaltige Tabellen finden. Die Autorinnen selbst fassen zusammen: «Leider fanden nur sehr wenige unserer Vorschläge Eingang in die neue Zürcher Bibelübersetzung» (Vorwort S. 5). Selbst da, wo durchaus Übereinstimmung besteht, ist die geschlechtergerechte Übersetzung nicht an allen Stellen durchgeführt. So wird der Vorschlag der Lesegruppe den Ausdruck «Herr sein» oder «herrschen» mit «Macht haben» zu übersetzen, an drei Stellen im Römerbrief (6,9; 6,14; 7,1) aufgenommen – der Tod, die Sünde, das Gesetz herrschen nicht mehr, sondern haben keine Macht mehr – Christus bleibt aber der Herr über Lebende und Tote (Röm 14,9). Sicher lässt sich über jeden Übersetzungsvorschlag der Lesegruppe diskutieren und streiten. Die Autorinnen selbst «rechnen nicht damit, Seite für Seite die Zustimmung der Leserinnen und Leser zu gewinnen» (Vorwort S. 5). Sie verstehen ihr Buch als Anregung zur Diskussion über die feministischen Anliegen an eine Bibelübersetzung. Ihre herausragende Leistung besteht darin, dass sie es möglich machen, diese Diskussion in der grösstmöglichen Konkretion zu führen, direkt am genauen Wortlaut der Übersetzung und mit Blick auf eine Fülle von Möglichkeiten und Varianten: alle statt jeder, niemand statt keiner, Glanz statt Herrlichkeit, regieren statt herrschen, Lehrer statt Meister, Unzucht treiben statt zur Dirne gehen, in die Irre führen statt verführen, Lohn statt Sold und viele mehr. Die Vorschläge der Lesegruppe sollen Raum öffnen für weitere Lösungen und sprachschöpferische Ideen. So ist das Buch denn neben dem Rechenschaftsbericht der Lesegruppe auch ein Nachschlagewerk und eine Arbeitshilfe zur Auseinandersetzung mit der Bibel und ihrer Übersetzung im Blick auf Gottesdienste, Bibelgruppen oder das persönliche Studium. Dem dienen das Bibelstellen- und das Stichwortregister aufs Beste.
Leider umfasst die Darstellung nur das Neue Testament. Etwas unklar bleibt das Warum: «Aus verschiedenen Gründen ergab sich keine Zusammenarbeit mit der Übersetzungskommission AT» – trotz klarem Auftrag des Kirchenrates (S. 13). Da sich die Autorinnen aber vor allem am deutschen Sprachgebrauch orientieren, halten sie die Übertragung ihrer Beobachtungen und Resultate auf das Alte Testament für möglich.
Die Lesegruppe war nicht direkt am Übersetzungsprozess beteiligt. Ihre Arbeit ist also nicht direkt mit der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache vergleichbar. Die Vielfalt von Übersetzungsvorschlägen und Varianten wird aber auch die Auseinandersetzung mit der Bibel in gerechter Sprache bereichern. Überaus spannend liest sich der Streit um das, was «Texttreue» bei der Übersetzung bedeutet (S. 13f). Die Übersetzungskommissionen der Neuen Zürcher Bibel waren der Ansicht, eine feministische Übersetzung sei mit Texttreue nicht vereinbar. Die Autorinnen erkennen die Differenz eher im unterschiedlichen Verständnis, was textgetreu genau bedeutet. In der Einleitung verorten sie sich in der innerbiblischen Textauslegung, wie sie Paulus vornimmt, wenn er sich auf einen Satz aus 2 Sam 7,14 bezieht, den Gott an David richtet: «Ich werde ihm Vater sein und er wird mir Sohn sein». Bei Paulus wird daraus im Blick auf die Gemeinde in Korinth: «… und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein» (2Kor 6,18). Auf dem Hintergrund von Paulus’ Verständnis von Texttreue arbeitet die feministische Lesegruppe zur neuen Zürcher Bibelübersetzung daran, dass die Frauen in der biblischen Überlieferung nicht vergessen gehen.

Peter Zürn

Ursula Sigg-Suter, Esther Straub, Angela Wäffler-Boveland, «… und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein.» Die neue Zürcher Bibel feministisch gelesen, Theologischer Verlag Zürich 2007, 160 Seiten, 15 x 22,5 cm, Paperback, ISBN 978-3-290-17399-9 CHF 19,80 EUR 12,80

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