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Angriff auf Adam?   

Zu einer absurden «Debatte» über die neue Einheitsübersetzung im «Blick»

Detlef Hecking, Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks, 13.12.2017

 

Link zum Blog auf zhkath.ch (mit einer Kurzfassung des Textes)

https://blog.zhkath.ch/wissen/angriff-auf-adam/


Lange Fassung

Freitag, 8. Dezember 2017, 13.00 Uhr: Auf dem Weg zu einem Wochenendkurs erreicht mich die Nachricht, eine Journalistin des «Blick» wolle dringend mit mir sprechen. Sie arbeitet an einem Artikel für die Samstagsausgabe. Was es damit auf sich habe, dass in der revidierten Einheitsübersetzung der «Adam» gestrichen worden sei?

Meine spontane Reaktion: Adam sei natürlich noch drin in der Bibel, nicht gestrichen. Aber das hebräische ha-adam bedeute zunächst und vor allem «Mensch» und habe mit adamah, Erde, zu tun. Der Mensch – ein «Erdling» also. Nach Genesis 1,27 habe Gott den Menschen (ha-adam) als sein (Ab)Bild, «als Mann und Frau» (Einheitsübersetzung 1980) bzw. «männlich und weiblich» geschaffen (revidierte Einheitsübersetzung 2016). Ein Gattungsbegriff also, ohne geschlechtliche Zuordnung, kein Mann. Als männlicher Personenname werde «Adam» in der Bibel nur selten verwendet. Man müsse an manchen Stellen entscheiden, ob «Mensch» oder «Adam» gemeint sei. Neu sei das ganz und gar nicht.

Warum der «Blick» das Thema jetzt – ein Jahr nach Erscheinen der revidierten Einheitsübersetzung – aufgreift, bleibt unklar. Erst später erfahre ich, dass ein FPÖ-Politiker in Österreich die Polemik um eine angeblich «gegenderte» Bibel losgetreten hatte, mit einer Facebook-Abstimmung. Das Ortsbistum Linz hat am 27.11.2017 den Politiker öffentlich gerüffelt und die Vorwürfe als unhaltbar zurückgewiesen.

Nun ist das Thema in die Schweiz hinübergeschwappt, mit Unterstützung aus dem Bistum Chur. Die Zitate des Kirchenrechtlers Niklaus Herzog, die später im «Blick» stehen werden, sind von keinerlei Sachkenntnis getrübt. Und Bischof Vitus Huonder bestreitet über seinen Mediensprecher Kenntnis vom Sachverhalt – obwohl er Mitherausgeber der Einheitsübersetzung ist und im mehr als zehnjährigen Revisionsprozess zahlreiche Einflussmöglichkeiten auf die Übersetzung hatte. Noch im Sommer 2016 lag ihm wie allen anderen deutschsprachigen Bischöfen der Text, der zuvor von den Bischofskonferenzen sowie den zuständigen Kommissionen in Rom jahrelang geprüft und genehmigt worden war, zur endgültigen Freigabe vor.

Für 14.30 Uhr vereinbare ich einen Telefontermin mit der Journalistin. Auf dem Schiff zum Kursort prüfe ich die Details: Weit über 500 Mal kommt das Wort adam in der hebräischen Bibel vor, fast ausschliesslich in der Bedeutung «Mensch/Menschheit». Erdling und Gattungsbegriff eben. Nur an 14 Stellen wurde es in der EÜ von 1980 mit «Adam» und damit als Eigenname des mythischen ersten (männlichen) Menschen wiedergegeben (Genesis 2,25; 3,8.9.12.17.20.21; 4,1.25; 5,1.3.4.5; 1 Chronik 1,1). Die EÜ von 2016 hat das an acht Stellen revidiert (Gen 2,25, Gen 3 und Gen 4,1) und dort neu mit «Mensch» übersetzt. Stehen geblieben ist «Adam» als Personenname an sechs Stellen (Gen 4,25, Gen 5,1.3.4.5 und 1 Chr 1,1).

Der Grund für diese Revision ist «recht simpel» (Dr. Veronika Bachmann, Dozentin für Altes Testament am Religionspädagogischen Institut der Uni Luzern, am Samstag auf Twitter – eine der wenigen sachkundigen Stimmen im späteren Social-Media-Theater, die aber kaum rezipiert wurden. Eine weitere kluge Stimme: Diakon Beat Züger, Pfäffikon SZ, der bei den Online-Kommentaren auf www.blick.ch mehrfach Klartext redete, dafür aber – nach anfänglicher Zustimmung – «Daumen runter» statt «Likes» im Verhältnis von ca. 4:1 kassierte). Die «Community» hat ihr Urteil gefällt: Kirche – nein, diesmal nicht von vorgestern, sondern einfach «jenseits» und «Gendergaga» (so nicht nur Niklaus Herzog im Blick und Online-KommentatorInnen, sondern auch ein Buchtitel von Birgit Kelle, die Bischof Vitus Huonder ausgerechnet zum Tag der Menschenrechte am 10.12.2017 auf den Schild gehoben hatte).

Eine unübersichtliche Gemengelage. Egal wofür – Hauptsache, «die Kirche» bekommt ihr Fett weg. Dass Mitarbeiter des Bistums Chur bei dieser jüngsten kirchenschädigenden Aktion mitmachten, macht die Sache pikant. Und dass konservative katholische Kreise Krokodilstränen über angebliche Frauenverachtung in der katholischen Bibelübersetzung vergiessen (wie Niklaus Herzog im «Blick»), dabei aber tatsächlich ihr obsessives Lieblingsthema eines angeblichen «Gender-Gaga» bespielen, gehört schon zur höheren Kunst kirchenpolitischer Intrige. Anstatt geist-voll Segel zu setzen, schlagen Bistumsvertreter das Kirchenschiff mutwillig leck. Diesmal, indem die offizielle römisch-katholische Bibelübersetzung ohne jeden Sachverstand lächerlich gemacht wird.

Zurück zum «recht simplen» Grund für die Revision im Buch Genesis: Wenn «Mensch/Menschheit/Erdling» gemeint ist, steht adam im Buch Genesis mit direktem Artikel (ha-adam oder le-adam). Das ist an allen Stellen der Fall, wo in der revidierten EÜ neu und zu Recht «Mensch» statt «Adam» übersetzt wurde. An den anderen Stellen steht das hebräische Wort ohne Artikel (adam) und wird folgerichtig weiterhin als Eigenname übersetzt.

Das ist nur dann irritierend, wenn der Erzählzusammenhang nicht beachtet und die entsprechenden Stellen aus dem Kontext gerissen werden. Solange es in der noch jungen Schöpfung nur das erste Menschenpaar gibt, heisst es z.B.: ha-adam (mit Artikel), also der Mensch, «erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain» (Gen 4,1). Am Ende des Kapitels – inzwischen wurde von zahlreichen Nachkommen des ersten Menschenpaares erzählt, deshalb ist Differenzierung und genauere Bezeichnung innerhalb der Menschheitsfamilie notwendig – heisst es: adam (ohne Artikel), also Adam, «erkannte noch einmal seine Frau» (4,25).

Dass Genesis 1-5 so zwischen «dem Menschen» und «Adam» unterscheidet, zeigt nicht zuletzt, dass die Verfasser der Schöpfungserzählungen keine naturwissenschaftlichen Sachverhalte darstellen wollten. Die Schöpfungserzählungen wollen grund-legend von der Herkunft und Bestimmung des Menschen erzählen (»männlich und weiblich», Gen 1,27!) und damit Identität und Glauben begründen. Neben den exegetischen Details notiere ich mir auf der Fahrt über den Vierwaldstättersee solche Gedanken, die ich im Interview unterbringen möchte, weil daran interessante Interpretationsansätze für die Urgeschichte sichtbar werden – mit und ohne «Adam».

Alles Weitere folgt den Gesetzen des Boulevard-Journalismus: Die Zitate, die mir die Journalistin zur Freigabe zustellt, sind zwar nur noch zum Teil meine Worte, doch nach Diskussionen über manche zugespitzte Formulierung und einzelne Änderungen gebe ich sie in einer Kurspause zur Veröffentlichung frei. Welche der Zitate schlussendlich ausgewählt werden, in welchem Kontext sie erscheinen, dass eine Titelgeschichte daraus wird und dass der Artikel als Ganzes eine groteske Empörung bespielt, sehe ich erst nach Erscheinen der Ausgabe. Von meinen Versuchen zur inhaltlichen Klärung der Sache, an der die Journalistin aufrichtig und mit vielen Rückfragen im Detail interessiert wirkte, bleibt im Artikel nichts übrig. So kann sich bei der Lektüre des Artikels auch niemand einen Reim auf die Auseinandersetzung machen, der sich mit der Bibel nicht schon gut auskennt. Das Ganze: Ein unnötiger Konflikt mit einer lächerlichen Fragestellung, ursprünglich aufgeworfen von einem oberösterreichischen FPÖ-Politiker. Schon das sagt alles.

Und jetzt?

Gefragt wären Bischöfe, die nicht nur ihre und unsere revidierte Einheitsübersetzung verteidigen, sondern auch ihre Verantwortung für einen aufgeklärten, erwachsenen Glauben wahrnehmen. Solche Bischöfe könnten dann beispielsweise sagen: Wir wissen, welchen unermesslichen Schatz wir in den biblischen Schöpfungserzählungen haben: Glaubens-Geschichten, die vom Ursprung, von der gottgewollten Bestimmung und auch von der Anfälligkeit des Menschen erzählen. Aber wir wissen auch, was wir darin nicht haben. Die biblischen Schöpfungserzählungen sind weder naturwissenschaftlich noch historisch zuverlässige Berichte, sondern narrative Theologie. Adam, Eva und Noah hat es – als historisch-individuelle Personen – nie gegeben. Trotzdem sind sie kostbare Identifikationsfiguren für einen modernen Glauben. In diesem Sinne bleiben ihre Geschichten wahr, denn sie sagen Zentrales über unsere Identität aus. Und das gilt nicht nur für die Schöpfungsgeschichte. Narrative Theologie prägt einen erheblichen Teil der biblischen Schriften.

Das alles weiss natürlich auch der promovierte Alttestamentler Dr. Vitus Huonder. Schade, dass er sich im «Blick» nicht inhaltlich äussern wollte. Hätte er es getan, wäre – entweder – der unsägliche Artikel gar nicht erst erschienen, denn der mutwillig provozierte Konflikt zwischen «Konservativen» und «Progressiven» in der Kirche wäre für einmal nicht zustande gekommen. Oder aber die Titelschlagzeile hätte gelautet: «Bischof Huonder schafft Adam ab».

Dann wäre es wirklich interessant geworden. Denn eine solche Blick-Schlagzeile hätte deutlich gemacht, dass die katholische Kirche von Chur über Basel bis Rom gemeinsam auf dem Boden einer zeitgemässen, modernen Bibelauslegung steht, die sich vor historisch-kritischen Rückfragen nicht scheut. So, wie es in der revidierten Einheitsübersetzung, offizielle römisch-katholische Bibelübersetzung für den ganzen deutschen Sprachraum, sichtbar wird. Mit und ohne Adam – so, wie es im hebräischen Urtext jeweils steht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 14. Dezember 2017, 17:20