Wir bringen die Bibel ins Gespräch

Wasser – Licht – Leben. Die Lesungen der Osternacht: Ein Glaubenskurs an der Seite Israels   

Detlef Hecking in der SKZ 14/2014

Die einzelnen Schriftlesungen

Wenn die vier heiligen Nächte als Notenschlüssel für das Verständnis und das Zusammenspiel der Schriftlesungen verstanden werden (wobei auch die «Nacht- Theologie» des Exsultet herangezogen werden kann), werden wegweisende Verbindungslinien zwischen den Lesungen der Osternacht deutlich:

Schöpfung (Gen 1): Gott tritt von allem Anfang an dem «Tohuwabohu» entgegen, schafft Licht und Leben gegen Tod und Finsternis. Diese Heil-volle, wohl geordnete Landschaft wird zum gottgeschenkten Lebensraum auch für die Menschen.

Bindung Isaaks: Gott bleibt treu (Gen 22): Gott bleibt seinem verheissungs- und Heil-vollen Weg mit den Menschen (hier konkret: Abraham und Sara) treu – durch alle Infragestellungen hindurch, die hier bis ins Unergründliche hinein auf Gott selbst zurückgeführt werden. Der nahezu identische Satzanfang verbindet Gen 22,1 dabei mit dem ursprünglichen Bundesschluss Gottes mit Abraham und Sara (Gen 15,1).

Rettung am Schilfmeer (Ex 14): Gott legt – wie schon bei der Schöpfung – Land frei, setzt den Todeswassern (und Todesarmeen) eine Grenze, rettet sein Volk und macht die Finsternis hell. In Jerusalem aus der Liebe Gottes leben (Jes 54): Gottes Heil wirkt konkret und beziehungshaft – hier in Jerusalem und an seinen BewohnerInnen, die neu aus der Liebe Gottes zu leben lernen. Wir dürfen die Verheissungen getrost auch auf Zürich und Bern, Chur und Genf hin lesen. Ein unbezahlbarer, ewiger Bund (Jes 55): Der ewige Bund Gottes mit seinem Volk sprengt alle Selbstverständlichkeiten, an die wir uns in unserer Gesellschaft von Geben und Nehmen, Kaufen und Verkaufen gewöhnt haben (zur Zeit Deuterojesajas trat die Geldwirtschaft ihren Siegeszug im ganzen Mittelmeerraum an).

Lebens-Weise (Bar 3f): Die Lesung zitiert und aktualisiert das «Sch’ma Jisrael», das zentrale Glaubensbekenntnis Israels aus Dtn 6,4, und besingt eine poeti- Die Feier der Osternacht ist der Höhepunkt des Kirchenjahres und wohl die vielfältigste Liturgie der Kirche. Sie ist von Ursymbolen menschlichen Lebens geprägt: Licht und Dunkel, Feuer und Wasser, Nacht und Tag. Die liturgische «Inszenierung» dieser Ursymbole mit Osterfeuer und Osterkerze, Einzug in die dunkle Kirche und Taufwasserweihe können die Ostervigil, die mehr und anderes ist als ein «Wortgottesdienst mit Überlänge», sinnlich-erfahrbar unterstützen. Das kann auch ein inneres Hören der Lesungen erleichtern – sofern es gelingt, die Liturgie im Allgemeinen und den Vortrag der Lesungen im Besonderen so zu gestalten, dass die Mitfeiernden nicht spätestens nach dem dritten Text das schnelle Ende herbeisehnen, sondern sich vielleicht sogar gespannt fragen, was für ein Text denn da wohl als Nächstes kommen mag. Die Chancen auf ein solches aktives Mitfeiern der Osternacht steigen, wenn den LiturgInnen und LektorInnen (!) die inneren Zusammenhänge der Lesungen bewusst sind. Denn die Reihe der sieben ausführlichen ersttestamentlichen Lesungen, die ja vielfach als Überforderung der Gemeinde empfunden wird, ist ein grossartiger Glaubenskurs an der Seite Israels: Wir sind als Christinnen und Christen eingeladen, existenzielle Grundfragen unseres Glaubens mit Hilfe unserer älteren jüdischen Schwestern und Brüder (Johannes Paul II.), im Hören auf ihre Bekenntnistexte aus dem Ersten Testament, die auch für uns zur Heiligen Schrift geworden sind, mit unserem eigenen Leben zu verbinden.


Vier heilige Nächte

Als die erneuerte Liturgie der Osternacht 1970 eingeführt wurde, haben sich die Vorarbeiten u. a. an einem bemerkenswerten Text orientiert (s. o.): Wohl im 1./2. Jh. n. C hr. entstand in der aramäischen Alltagssprache Palästinas ein jüdischer Bibelkommentar, der sog. «Targum Neophyti I». Dieser Bibelkommentar enthält u. a. ein «Gedicht der vier Nächte», das einen beeindruckenden Einblick in die biblisch-spirituelle Deutung des Pessachfestes im zeitgenössischen Judentum gibt. Das Gedicht geht von der Pessach- Nacht aus und stellt ihr drei andere heilige Nächte an die Seite, die auf je eigene Art Grunderfahrungen des Glaubens thematisieren: die Schöpfungsnacht (Gen 1), die Nacht, in der Gott die Verheissungen an Abraham erfüllt (Gen 15; 17; 22), sowie die Nacht, in der im Kommen des Messias die Welt vollendet wird.

Die Lesungen der Osternacht greifen diese Grundstruktur der vier heiligen Nächte auf und aktualisieren sie christologisch (vgl. Tabelle): Die ersten drei Lesungen (Gen 1, Gen 22 und Ex 14) entsprechen den ersten drei heiligen Nächten, die vierte bis siebte Lesung (und letztlich auch die Brieflesung aus Röm 6 sowie das Osterevangelium) entsprechen der vierten heiligen Nacht, die das Kommen des Messias sieht. Im jüdischen «Gedicht der vier Nächte» liegt diese vierte heilige Nacht noch in der Zukunft. Christlich-christologische Relektüre des Ersten Testaments geht hier einen Schritt weiter: Sie erinnert an die eschatologisch-messianischen Verheissungen für Israel und sieht einige dieser Verheissungen zugleich in der Auferweckung des Messias Jesus erfüllt. Gemeinsam ist beiden Lesarten des Ersten Testaments – der ursprünglichen jüdischen und der christlichaktualisierenden –, dass die Vollendung der messianischen Zeit noch aussteht. sche Schöpfungstheologie in Anspielung auf Gen 1 und Ps 104. Weisheit und Licht begleiten Israel auf seinem Weg. Reines Wasser und ein neues Herz (Ez 36): Gott erfrischt, reinigt, erneuert und sorgt durch das Schöpfungswasser einmal mehr dafür, dass Israel mit Gott leben kann.

Taufe durch den Tod hindurch (Röm 6): Bei Paulus klingt das todbringende Chaoswasser aus Gen 1 und Ex 14 wieder an. Doch in der Auferweckung Jesu hat Gott dem Tod eine endgültige Grenze gesetzt. Was ist daran eigentlich – im Lichte der bisherigen Lesungen betrachtet – altbekannt, was ist ganz neu?

Osterevangelium: Neues Leben im neu-alten Licht (Mt 28): Der erste Tag der neuen Woche beginnt mit neuem Licht, das neu zu sehen lehrt, was Leben heisst – und doch dasselbe uralte Schöpfungslicht ist, das Gott schon am ersten Tag der allerersten Woche von Finsternis und Tod geschieden hat. Die Schriftlesungen der Osternacht – ein Glaubenskurs, der uns an der Seite Israels zwischen Licht und Finsternis, Tod und Leben, Wasser des Lebens und Todesfluten zu unterscheiden lehrt. Wie kann der Vortrag der Lesungen so gestaltet werden, dass die Texte tatsächlich zu Lern-Orten des Glaubens werden?

Literatur:
Ralf Huning / Egbert Ballhorn / Bettina Eltrop: Wasser Licht Leben.
Die Lesungen der Osternacht (= Dem Wort auf der Spur. Das Lectio-Divina- Leseprojekt des Bibelwerks, Bd. 7). (Kath. Bibelwerk e. V.) Stuttgart 2012;
Ostern und Pessach. Feste der Befreiung (= Welt und Umwelt der Bibel Nr. 40, 2/2006).

Beide Hefte erhältlich bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Kath. Bibelwerks, www.bibelwerk.ch

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