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Bernhard Dressler/Harald Schroeter-Wittke (Hg.), Religionspädagogischer Kommentar zur Bibel   

Buch des Monats

Ein «Wimmelbuch» zur Bibel:

Wer Kinder hat oder Bilderbuch-Fan ist, kennt vielleicht «Wimmelbücher»: Grossformatige Bilderbücher mit übervollen Seiten, auf denen es von unzähligen Figuren, kleinen Einzelszenen und oft witzig gestalteten Details nur so wimmelt. In diesen Wimmelbüchern kann man Personen oder Gegenstände im lustvollen Durcheinander suchen und finden, man kann die einzelnen Seiten aber auch aus Freude am Bild aus unzähligen Details anschauen.

Der «Religionspädagogische Kommentar zur Bibel» ist ein bisschen wie ein solches Wimmelbuch – und doch auch ganz anders. Es ist ja eigentlich ein vermessenes Unterfangen, gleich einen Kommentar zur ganzen Bibel herauszugeben, selbst wenn auf 664 Seiten insgesamt 68 Artikel von73 Autorinnen und Autoren Platz finden. Die meisten Beiträge sind zwischen 5 und 16 Seiten lang, im NT, v.a. zu den Evangelien, manchmal etwas länger. Das Buch ist als Festschrift zum 75. Geburtstag des Religionspädagogen Dietrich Zillessen entstanden, und die für Festschriften übliche Vielfalt der Artikel trägt hier zum inhaltlichen Programm des Buches bei. Denn die methodischen oder inhaltlichen Vorgaben durch die Herausgeber waren im Wesentlichen auf die Frage beschränkt, «wo und wie sich die religionspädagogische Wahrnehmung der Gegenwart durch das jeweilige biblische Buch angesprochen, herausgefordert, in Frage gestellt, angeregt fühlt – und umgekehrt» (S. 14).

 

Die Fokussierung auf einen religionspädagogischen Zugang hat dabei kreative Freiräume jenseits exegetischer Spezialdiskussionen eröffnet. Religionspädagogik als Leitmotiv zwingt zu Auswahl und Einschränkung, zu Elementarisierung und Korrelation, zu lebensweltlichen Zugängen zur Bibel. Dies ist in den Artikeln des Buches in methodisch wie inhaltlich höchst unterschiedlicher, aber fast immer persönlicher Form geschehen. Berichte und Reflexionen zu Unterrichtsreihen stehen neben kreativen inhaltlichen Zugängen zu biblischen Büchern (der Vergleich mit «Wimmelbüchern» stammt z.B. aus dem lesenswerten Artikel von Ulrike Sals zum Buch Numeri). Artikel mit explizit reflektierten Elementarisierungsschritten oder anderen religionspädagogischen Überlegungen werden von anderen ergänzt, die fast nur exegetisch ausgerichtet sind.

 

Wer Anregungen zur (im weitesten Sinne) religionspädagogischen Arbeit mit einem bestimmten biblischen Buch sucht, wird mit etwas Glück mit dem Fund einer «Perle» belohnt, die zu den eigenen inhaltlichen und methodischen Interessen, Kompetenzen und dem angestrebten religionspädagogischen Kontext passt. Falls nicht, so stolpert man beim Lesen im Buch doch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Anregendes, Unbekanntes, Inspirierendes, das den persönlichen Horizont erweitert und zu persönlichen inhaltlichen und methodischen Weiterentwicklungen anregt. In diesem Sinne ist der Religionspädagogische Kommentar zur Bibel ein Türöffner in die bunte, vielstimmige Landschaft kontextueller Bibellektüre und Religionspädagogik.

 

Und so finden sich Beiträge zu einem Literaturcafé zum Hohelied neben Ausführungen zur Kreuzestheologie von 1/2 Kor, Anregungen zu einem interdisziplinären Projekt zur Rezeption des Hiob-Buches in Kunst, Literatur und Musik neben der Josefserzählung als intertextuellem Gespräch, Beiträge international bekannter ExegetInnen neben solchen «nur» regional bekannter ReligionspädagogInnen.

 

Zu empfehlen ist das Buch deshalb nicht nur Religionslehrerinnen, Katecheten, Religionspädagoginnen und Jugendarbeitern, die es – hoffentlich – wegen des fachspezifischen Stichworts im Titel in die Hand nehmen. Zu empfehlen ist es allen, die sich dafür interessieren, wie biblische Texte und ganze biblische Bücher heute gelesen werden können: subjektiv, persönlich, mit Fragen, die heutigen Lebenswelten und Lektüreinteressen entspringen und nicht (nur) den historisch und religiös oft weit von unserer eigenen Welt entfernten Texten exegetisch möglichst exakt gerecht werden wollen. So wird die Bibel zu einem heutigen, lebendigen Buch, und viele Beiträge im Religionspädagogischen Kommentar regen dazu an, die Bibel ganz neu wahrzunehmen.

Detlef Hecking

Bernhard Dressler/Harald Schroeter-Wittke (Hg.), Religionspädagogischer Kommentar zur Bibel, Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) 2012, ISBN 978-3-374-03031-6, ca. Fr. 89.-

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