Aktuelles - Stand 26.04.2006
Unsere Materialien zur Passionszeit 2. Zum Thema „Antijudaismus“ im Neuen Testament bzw. in den Passionstexten Bibel heute, Heft 165: Judas
3. Zu den
Passionstexten der Evangelien Die vier biblischen Lese- und Arbeitsbücher:4. Zur theologischen Deutung des Todes Jesu Bibel heute, Heft 130: „Gestorben für unsere Sünden“ 5. Eine Übersicht über
Darstellungen der Passion Jesu in der Kunstgeschichte mit Bildlegenden
zu den unterschiedlichen Deutungsversuchen in den verschiedenen Epochen Welt und Umwelt der Bibel, Heft 14: Christus in der Kunst – Von den Anfängen bis ins 15. Jahrhundert 6. Zur Frage nach dem historischen Jesus/dem Leben Jesu Welt und Umwelt der Bibel, Heft 10: Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten. 7. Zum Thema „Auferstehung Jesu“ Bibel und Kirche, Heft 1, 1997: Auferstehung Jesu
Petrus, Paulus und die PäpsteSonderheft von „Welt und Umwelt der Bibel” erschienen
Nicht erst der Presserummel um den Tod Johannes Paul II. und die Wahl seines Nachfolgers haben deutlich gemacht, dass das Papstamt nicht nur für Katholiken von Interesse ist. Viele fragen sich: Welche biblischen Grundlagen besitzt das oberste Leitungsamt der katholischen Kirche überhaupt? Und: Wie wurde aus der Mission des Fischers Petrus eine Machtposition, die Jahrhunderte lang sogar über Königen und Kaisern stand? Bibelwissenschaftler verschiedener Konfessionen schildern in „Welt und Umwelt der Bibel“ die bewegte Diskussion um Leitungsgewalt und Autorität, die bereits zu Lebzeiten der Jünger Jesu begonnen hat. In den außerbiblischen Evangelien sind kritische Stimmen gegenüber der Monopolstellung eines Einzelnen sogar noch deutlicher. Und trotzdem entwickelte sich ungeheuer rasch eine Vorrangstellung der römischen Bischöfe, die bald auch politische Autorität erhielten. Im Mittelalter dann treten unter den Päpsten großartige Gestalten hervor, die das heutige Europa maßgeblich mitgeprägt haben. Daneben stehen aber auch Männer, die dem Ansehen der Kirche massiven Schaden zufügten – eine Auseinandersetzung, die in der Reformation ihren Höhepunkt erreichte. Kirchengeschichtler und Systematiker gehen diesen Fährten aus römisch-katholischer, evangelischer und orthodoxer Perspektive nach. Dabei zeigt sich, dass neben den Gegensätzen im Papstamt auch durchaus Verbindendes zu finden ist. Ein Ausdruck dafür sind die Beiträge des Katholiken Kardinal Karl Lehmann und des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Wolfgang Huber. „Welt und Umwelt der Bibel” ist erhältlich bei: Schweizerisches
Katholisches Bibelwerk, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Bibliodramaspieltage 2006Bibliodrama kennen lernen oder wieder einmal spielen, Impulse für die Seelsorge bekommen, Einkehr halten 17. März, 12. Juni, 22. September, 6. November 2006 Leitung: Claudia Mennen und Peter Zürn Ort: Propstei Wislikofen AG Anmeldung und weitere Informationen unter Tel. 056 201 40 40 Mail info@propstei.chProjektgruppe WerkstattBibel Band 12: Markus-EvangeliumHaben Sie Freude an der lebendigen, kreativen
Arbeit mit biblischen Texten? Dann nehmen Sie teil an der Projektgruppe zur WerkstattBibel. Sie beginnt im September 2006. Kleingruppen entwickeln Bibelarbeiten zu Texten aus dem Markusevangelium.An 6-7 ganztägigen Treffen bis Juni 2007 werden die Bibelarbeiten gemeinsam erprobt, analysiert und verbessert. Die Werkstattgruppe ist gleichzeitig Arbeitsgruppe, Weiterbildung und Intervision. Als Ergebnis der Werkstattarbeit erscheint (im Herbst 2008) der 12. Band der Reihe WerkstattBibel. Jeder Band der Reihe arbeitet mit einem methodischen Schwerpunkt. Diesmal werden wir mit Formen des Auswendig- /Inwendiglernens experimentieren. Damit knüpfen wir an alte Formen der mündlichen Überlieferung biblischer Texte an. Auch in der Gegenwart gibt es ein wachsendes Bewusstsein für die Bedeutung des apprendre a coeur. Starttag der Projektgruppe WerkstattBibel: Donnerstag, 21. September 2005, 10.00-16.00 UhrWeitere Termine werden an diesem Termin abgesprochen. Leitung: Dieter Bauer und Peter Zürn, BPA Ort: wtb Deutschschweizer Projekte Erwachsenenbildung, Hirschengraben 7, 8001 Zürich. Anmeldung und weitere Informationen bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, Tel. 044 205 99 60 Mail info@bibelwerk.ch Bibel heute plusIn jeder Ausgabe von Bibel heute finden Sie im Innenteil eine Bibelarbeit zum Thema des Heftes. Wir bieten Ihnen ab sofort einen neuen Service: Sie erhalten zusätzlich eine zweite Bibelarbeit zum gleichen Thema. Zur Vertiefung, zur Weiterarbeit, im gleichen Layout und in bewährter Qualität... Die zusätzliche Bibelarbeit wird Ihnen ca. 4 Wochen nach Erscheinen des Bibel-heute-Heftes zugeschickt. Ein echtes Bibel heute plus! Die erste Ausgabe von Bibel heute plus zum Thema „Judas“ schicken wir Ihnen vor Ostern zu. Das Abonnement für 4 zusätzliche Bibelarbeiten kostet 15 Franken pro Jahr. Bestellungen bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle Zürich, Tel. 044 205 99 6, Mail info@bibelwerk.ch Wenn die Bibel Schlagzeilen machtDan Browns Sakrileg / The da Vinci Code als Chance für die Bibelarbeit Wir haben zum Kinostart des Bestsellers (17. Mai 2006) ein Kursangebot für Sie entwickelt. Wir kommen damit gerne zu Ihnen. Der Kurs umfasst mindestens einen Halbtag und richtet sich an Verantwortliche für Oberstufenkatechese, Erwachsenenbildung, Bibelgruppen... Leitung: Peter Zürn, BPA Weitere Informationen unter 044 205 99 63 peter.zuern@bibelwerk.ch
Bibelprojekt: In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Bibel heute (1/2006) wird
ein Bibelprojekt von Peter Zürn zur Johannespassion vorgestellt.
Dabei geht es gleichermassen um die biblische Passionsgeschichte wie um
das musikalische Werk von Johann Sebastian Bach. Im Zentrum steht die
Frage, in welcher Situation einer christlichen Gemeinde die
Passionsgeschichte entsteht und wie sie im Lauf der Geschichte wirkt. So
kommt auch die Situation heutiger Gemeinden in den Blick. Hier der vollständige Text: „Der Held aus Juda siegt mit Macht und schliesst den Kampf- es ist vollbracht“ - dieser ungewöhnliche Titel für eine Karwochenpredigt ist entnommen aus dem Text der Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Direkt vor dem Tod Jesu am Kreuz heisst es in einer Arie: Es
ist vollbracht (Vorspielen der entsprechenden Arie aus der Johannespasssion) „Es ist vollbracht“ sind nach der Passionsgeschichte im Johannesevangelium die letzten Worte Jesu am Kreuz. Das Johannesevangelium unterscheidet sich deutlich von den drei anderen Evangelien. Das zeigt z.B. ein Vergleich der letzten Worten Jesu am Kreuz. Bei Markus und Mt schreit Jesus mit den Worten von Psalm 22: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ein Gebet und zugleich verzweifelte Klage der Gottverlassenheit. Bei
Lukas stirbt Jesus mit einem anderen Psalm auf den Lippen, Ps 31: Vater
in deine Hände lege ich meinen Geist. Ein Ausdruck des Gottvertrauens
noch im Moment des grausam erlittenen Todes. (Joh 19,28-30 lesen) Dreimal taucht das Wort „vollbringen, vollenden, erfüllen“ auf. Im Griechischen ist es dreimal das gleiche Wort. Im Tod am Kreuz bringt der Jesus des Johannesevangeliums sein Lebenswerk zur Vollendung. Und damit vollendet er den Willen Gottes. Sein Sterben ist Übergang zum Vater, Hinübergang in die Herrlichkeit Gottes. In der Passionsgeschichte des Johannes ist Jesus, der Gekreuzigte, der souverän und in grosser Würde Handelnde. Das Kreuz wird als Ort der Erhöhung und Verherrlichung Gottes gezeigt. Die Johannespassion von Bach nimmt diese Eigenart des Evangeliums auf im Bild vom Held aus Juda, der mit Macht siegt. Diese Vorstellung von Jesus als Held, das Bild vom souverän und in Würde Leidenden und Sterbenden ist uns heute vermutlich nicht so leicht zugänglich, wie die Art wie die anderen drei Evangelien das Sterben Jesu zeigen. Was Gott mit dem Tod Jesu am Kreuz zu tun hat, das ist heute heftig umstritten. Ist das Kreuz, ist Leiden notwendig für unser Heil? Zeigt sich am Kreuz Gottes Herrlichkeit? Die grossen Unterschiede in den Passionsgeschichten der vier Evangelien lassen die Frage aufkommen, wie es denn nun wirklich war, damals. Als vor einem Jahr der Passionsfilm von Mel Gibson in die Kinos kam, hiess es kurzzeitig er zeige, wie es wirklich war bei der Kreuzigung Jesu. Das Wort: „it is as it was“, machte die Runde. Es wurde aber sehr bald wieder zurückgenommen. Denn jeder Blick ins Neue Testament zeigt, dass wir in den vier Evangelien vier verschiedene Geschichten von der Passion Christi vorliegen haben. Und jede Nachfrage bei Bibelwissenschaftlerinnen und Bibelwissenschaftlern ergibt die Auskunft, dass die Evangelien keine historischen Reportagen sind und auch keine historischen Reportagen sein wollen. Sie sind in erster Linie Glaubenszeugnisse. Ausdruck des Glaubens von Menschen, die lange nach Jesus lebten; für die die Geschichte Jesu nicht mit seinem Tod zu Ende war, sondern ganz überraschend und lebendig weiterging. Die sich deswegen an sein Leben erinnern und sich fragen, wie sie ihr Leben – mindestens eine Generation später – an Jesus ausrichten können, die sich fragen, was der Glaube an einen Gekreuzigten und Auferstandenen heute, zu anderen Zeiten und unter anderen Lebensumständen bedeuten kann. Glaube inklusive aller Zweifel und offenen Fragen. Die Evangelien sind Zeugnisse der Fragen und der Überzeugungen von christlichen Gemeinden. Es gab nie eine einzige, einheitliche christliche Gemeinde, es gab immer Vielfalt und Unterschiede, auch Widersprüche. Die vier Evangelien zeigen diese Vielfalt. Was christlicher Glaube bedeuten kann, ist nicht ein für alle Mal klar. Es muss sich erweisen angesichts der Herausforderungen einer bestimmten Zeit. Auch das zeigen die vier Evangelien. Das zeigen aber auch die 2000 Jahre, in denen Menschen diese Evangelien lesen und versuchen, ihr Leben daran zu orientieren. Auch hier Vielfalt. Auch hier Widersprüche. Umgang mit Vielfalt und Widersprüchen ist etwas zutiefst Biblisches. Die Bibel ist zurecht als Lernschule für Pluralität bezeichnet worden. In den vier Evangelien wird das besonders deutlich, auch in ihren Passionsgeschichten. Heute Abend steht die Passionsgeschichte des Johannesevangeliums im Mittelpunkt. Ich möchte Ihnen etwas von der Eigenheit dieser Geschichte zeigen. Ich möchte erfahrbar machen, in welcher Art von Gemeinde diese Geschichte entstand, auf welche Fragen und Herausforderungen sie bezogen ist. Und ich möchte erfahrbar machen, wie diese Geschichte weiterwirkt. Wie sie in späteren Zeiten gelesen wird, hörbar gemacht wird, aktualisiert wird, welche Fragen sie aufwirft und welche Glaubenserfahrungen sie ermöglichen kann. Deswegen sind Menschen aus verschiedenen Zeiten zusammengekommen. Menschen von heute, Menschen aus der Zeit, in der das Johannesevangelium entstand und Menschen aus der Zeit, in der die Johannespassion von Johann Sebastian Bach entstand. Sie sind durch lange Zeiträume getrennt. Was sie verbindet, ist die Frage nach dem Glauben an einen Menschen, in dem Gott lebendig wurde, der erfahrbar machte, dass das Reich Gottes mitten unter uns und Leben in Fülle möglich ist, vor dem Tod und über den Tod hinaus. Was sie verbindet, ist, dass sie Teil einer Gemeinde sind, nicht nur als Einzelne fragen, sondern in Beziehung zu anderen stehen. Das Heil von dem die Bibel erzählt, ist nicht vereinzelt erfahrbar. Es ist auf Beziehung angewiesen und auf Beziehung ausgerichtet. Es will geteilt werden, mitgeteilt. Deswegen führen wir ein Gespräch miteinander. Wozu ich Sie heute abend einlade, hat den Charakter eines Spiels mit verschiedenen Rollen, einer Art Theater-Inszenierung. Das passt durchaus zum Johannesevangelium, das sich als Drama mit verschiedenen Akten, mit Prolog und Nachspiel beschreiben lässt. Auch die Passionsgeschichte selbst trägt Züge eines Dramas in mehreren Szenen. Und auch die Johannespassion Bachs beinhaltet verschiedene Rollen, einen Evangelisten, Jesus, das Volk, das im Chor singt. Es gibt auch heute Formen, sich biblischen Geschichten im Spiel annzunähern, Osterspiele, Krippenspiele, Sternsinger. Die Form heute abend ist inspiriert vom Bibliodrama. Bei uns sind heute zwei Menschen zu Gast. Hier sitzt Johanna von Bathyra. Sie gehört zu der Gemeinde, in der das Johannesevangelium entstand. Sie lebte am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus. Schön, dass sie den weiten Weg hierher gemacht hat. Auf der anderen Seite sitzt Rainer Maria Schwenkmann. Er ist Mitglied der Sankt Nikolai-Gemeinde in Leipzig und lebte im 18. Jahrhundert. In der Nikolaikirche wurde die Johannespassion von Bach am Karfreitag 1724 zum ersten Mal aufgeführt. Herr Schwenkmann hat die Aufführung miterlebt und auch die Reaktionen darauf in der Gemeinde mitbekommen. Und dann sitzen hier noch Sie. Menschen aus dem Jahr 2005. Sie haben sich zu einer Karwochenpredigt der katholischen Gemeinde Aarau eingefunden. Sie sind auf ihre Art irgendwie mit dieser Gemeinde verbunden. Sie interessieren sich für das Johannesevangelium und seine Passionsgeschichte. Ich möche zunächst Ihnen das Wort geben. Ich möchte Raum geben für Fragen an die Passionsgeschichte des Johannes. Ich sehe auch schon hier vorne zwei Wortmeldungen. Erste Person aus der heutigen Gemeinde: Ich habe eine Frage an Johanna von Bathyra aus der Gemeinde des Johannesevangeliums. Ich knüpfe an an das, was wir schon über das Bild von Jesus in der Passionsgeschichte gehört haben. Er ist der Souveräne, der Herr des Geschehens bleibt, auch während seines Leidens und Sterbens. Er ist derjenige, der damit den Willen Gottes vollendet und Gott verherrlicht. Mir ist dieser Jesus fremd. Er ist so anders. Er wirkt übermenschlich und abgehoben. Er ist auch irgendwie ein Fremdkörper in seiner Umwelt. In den letzten Jahren ist in unserer Kirche die Erkenntnis immer mehr gewachsen, dass Jesus ein Mensch seiner Zeit war und nur auf dem Hintergrund des Judentums seiner Zeit zu verstehen ist. Überhaupt wird immer klarer, wie stark unsere Religion, das Christentum, im Judentum wurzelt und ein jüdisches Erbe trägt. Von dieser engen Verwandtschaft zum Judentum spüre ich beim Jesus, von dem euer Evangelium erzählt, gar nichts. Im Gegenteil. Jesus scheint im grossen Gegensatz zu „den Juden“ zu leben. Immer wieder ist gerade in der Passionsgeschichte davon die Rede, wie „die Juden“ Jesus ablehnen und für seinen Tod mitverantwortlich sind. Der Prozess gegen Jesus nimmt ja in der Passionsgeschichte eures Evangeliums einen grossen Raum ein. Es wirkt beinahe so, als hätte der römische Statthalter Pilatus das Todesurteil gegen seine Überzeugung ausgesprochen, weil er von den Juden dazu gezwungen wurde. Ist die Passionserzählung des Johannes antijüdisch? Zweite Person von heute: Ich möchte das noch ergänzen. Auf mich wirkt das ganze Evangelium sehr dualistisch. Es gibt Schwarz und Weiss. Jesus wird als das Licht bezeichnet, das in die Finsternis der Welt kommt oder als Wahrheit, die in der Welt nicht erkannt wird. Immer wieder der Gegensatz zur Welt. Als ob es in der Welt gar nichts Helles gäbe, als ob es da gar keine Wahrheit gäbe. Mir gefällt dieser Dualismus nicht. Ich sehe die Welt, sehe andere Wahrheiten nicht so negativ. Ich finde, wir Christinnen und Christen sind ein Teil dieser Welt und eng mit ihr verbunden. Mir ist ein Dialog mit Andersdenken und Andersgläubigen wichtig. Dabei sind viele Aussagen des Johannesevangeliums aber eher hinderlich. Sie klingen so exklusiv, sie scheinen andere auszuschliessen, etwa wenn Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Was ist mit anderen Wegen und Wahrheiten? Johanna von Bathyra Was ihr da wahrnehmt, stimmt. Ich möchte es sogar noch weiterführen: Unser Evangelium erzählt von einem Jesus, der nicht einmal von allen seinen Jüngerinnen und Jüngern verstanden und akzeptiert wird. Judas verrät ihn und Petrus verleugnet ihn und in der sogenannten Brotrede, wo Jesus sagt: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (6,51f.) da kommt es zu einer Spaltung unter den Jüngern. Viele meinen: Was er sagt ist unerträglich. Sie murren und ziehen sich zurück. In all dem spiegelt sich die Erfahrung unserer Gemeinde. Wir sitzen zwischen allen Stühlen und erregen überall Anstoss. Die jüdischen Gemeinden haben uns aus der Synagoge ausgeschlossen. Das kann ich sogar ein Stück weit verstehen. Nach dem Krieg gegen die Römer und der katastrophalen Niederlage und der Zerstörung des Tempels haben sich die jüdischen Gemeinden auf das alltägliche Leben nach den Weisungen der Tora konzentriert und wollen auf gar keinen Fall mehr in den Verdacht geraten irgendwie antirömisch eingestellt zu sein. Und da wir uns auf einen Messias berufen, der auch sehr Torakritisches gesagt hat und der von den Römern als politischer Aufrührer gekreuzigt wurde, sind wir für die jüdischen Gemeinden eine Gefahr. Das spiegelt die Darstellung des Prozesses gegen Jesus. Immer wieder geht es darum, ob Jesus den Anspruch erhebt, der König der Juden zu sein. Das wäre ein direkter Angriff auf die römische Oberherrschaft gewesen. Und um selber nicht in diesen Verdacht zu geraten, opfern die Juden Jesus und sagen: „Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt.“ Das ist genau das Schicksal unserer Gemeinde. Wir sind aus der Synagoge ausgeschlossen worden, damit die Römer die jüdischen Gemeinden in Ruhe lassen. Dieser Ausschluss hatte schwerwiegende Folgen. Vor allem in Gegenden, in denen ein grosser Teil der Bevölkerung jüdisch ist. So wie es bei unserer Gemeinde der Fall ist. Wir wurden gesellschaftlich und wirtschaftlich an den Rand gedrängt und boykottiert. Entsprechend heftig haben wir auch reagiert. In unserem Evangelium werden die Juden einmal sogar als Kinder des Teufels bezeichnet (8,44). Wir waren dann auch in der Passionsgeschichte nicht mehr sehr differenziert und haben oft von „den Juden“ gesprochen, die die Hinrichtung Jesu betrieben haben. Wir wissen natürlich, dass es vor allem die mächtigen Kreise waren, vor allem die Hohenpriester und ihre Partei, die Sadduzäer, die gegen Jesus vorgingen. Aber die gab es ja zu unserer Zeit schon lange nicht mehr. Sie waren mit dem Tempel untergegangen. Manchmal schien es uns so, als ob alle Juden gegen uns waren und das haben wir dann auch in die Geschichte Jesu eingetragen. Der Besuch im Jahr 2005 hat mir gezeigt, welch schreckliche Wirkung das hatte; wie oft sich Christinnen und Christen auf unser Evangelium berufen haben, um jüdische Menschen zu diskriminieren und Gewalt gegen sie zu rechtfertigen. Dass so etwas passieren kann, konnten wir uns damals beim besten Willen nicht vorstellen. Wir wurden ausgegrenzt und das hat weh getan. Es war noch schwieriger auszuhalten, weil es uns nicht nur von Seiten der jüdischen Gemeinden so erging. Das habe ich ja schon angedeutet. Wir sassen wirklich zwischen allen Stühlen. Unsere Art zu leben und zu glauben, stand auch im klaren Widerspruch zur übrigen Gesellschaft im römischen Reich. In unserer Gemeinde gab es kein Oben und Unten. Wir erkannten nur Christus als Herrn an, sonst keinen. Wir waren ein Kreis von Gleichen, von Freundinnen und Freunden. Wir haben das römische System abgelehnt, in dem wenige Reiche und Mächtige auf Kosten Vieler leben, die sie ausbeuten. Wir haben das System abgelehnt, das auf Sklaverei beruhte und man nur etwas erreichen konnte, wenn man sich bei einem Mächtigen so sehr einschmeichelte, dass er einem half. Ein System, das der Kaiser als oberster Herr verkörperte, der sich anmasste Gott zu sein. Dieses System regierte damals die Welt, es war die Welt und in dieser Welt war für uns kein Licht und keine Wahrheit. Darin konnte man nicht in der Nachfolge Christi leben. Wir wollten eine andere Welt, ein anderes Leben und für uns hatte das in Christus begonnen und würde sich bald vollenden. Über diese Welt wurde Gericht gehalten. Da waren keine Kompromisse möglich. Ein letztes muss ich leider noch sagen: Mit unserer Art als christliche Gemeinde zu leben, in einem engen Kreis von Gleichberechtigten, ohne Ämter und Hierarchien, waren wir auch innerhalb der christlichen Bewegung immer mehr zu Aussenseitern geworden. Je mehr sich dort Ämter und Strukturen herausbildeten, desto fremder wurden wir. Davon erzählt unser Evangelium, wenn es von der Spaltung der Jüngerinnen und Jünger erzählt. Für uns blieben nur wenige dem treu, was Jesus Christus wirklich wollte und was er verkörperte. Die hierarchische Kirche, die immer mehr entstand, die berief sich stark auf Petrus. Für uns verleugnet diese Kirche Christus, so wie es Petrus im Evangelium tut. Wir erzählen in der Passionsgeschichte von einer anderen Kirche, von Menschen unter dem Kreuz, vier Frauen und der Jünger, den Jesus liebte. Sie verkörpern die zukünftige Gemeinde Christi. Wir erkennen darin unsere Gemeinde. Eine der vier Frauen ist Maria, die Mutter Jesu. Sie steht für den Teil des Volkes Israel, der sich der Botschaft Jesu nicht verschlossen hat, für die judenchristlichen Mitglieder unserer Gemeinde. Sie erinnert uns daran, dass wir aus dem Judentum stammen und wieviel wir ihm verdanken. Der Jünger, den Jesus liebte, steht für die neue christliche Gemeinde, die sich auch für die Heiden öffnet, die offen ist für alle wahrhaft Suchenden. So wie Jesus seiner Mutter einen neuen Sohn ans Herz legt und dem Jünger, den er liebte, seine Mutter, so sehen wir unsere Beziehungen untereinander als neue Familie, als Kreis von Freundinnen und Freunden. Das trägt uns in der Bedrängnis, die uns von allen Seiten widerfährt. Unser zentraler, ja unser einziger Bezugspunkt, unser Weg, unsere Wahrheit, unser Leben ist Jesus Christus. Er ist für uns das lebendige Wasser, das Brot des Lebens. Unser Evangelium ist für Insider aus unserer Gemeinde gedacht. Es setzt den Glauben an Christus, wie wir ihn pflegen, voraus. Es will nicht bei Aussenstehenden für diesen Jesus werben oder ihn verständlich machen. Es will unseren vorhandenen Glauben in der Bedrängnis bestärken. Wir meditieren über die Bedeutung Christi für unser Leben. Deswegen ist das Evangelium nicht wie die anderen und erzählt kurze anschauliche Geschichten und Worte Jesu. Es kreist in langen Reden und Gesprächen um die Bedeutung Christi für uns. Es meditiert Christus in Bildern und Symbolen. Wir betreiben eine radikale Christusmystik. Eine Mystik, die tief und innerlich ist, zugleich aber auch radikal politisch. Das ganze Evangelium und auch die Passionsgeschichte sind ein Zeugnis unseres Glaubens. Gesprächsleiter: Ich sehe schon die ganze Zeit, wie Rainer Maria Schwenkmann immer ungeduldiger auf seinem Stuhl hin und her rutscht. Ich würde jetzt gerne ihm einmal das Wort geben. Rainer Maria Schwenkmann Danke schön. Tatsächlich hat mich sehr viel von dem, was hier gesagt wurde, berührt und angesprochen und mir im Nachhinein deutlich gemacht, wieso die Aufführung der Johannespassion mich so tief bewegt hat. Mir ist deutlich geworden, wie sehr das Johannesevangelium in den Erfahrungen einer Gemeinde wurzelt. Diese Verbindung zum Gemeindeleben bringt auch Bachs Johannespassion zum Ausdruck. Sie ist ja durch 11 Gemeindechoräle gegliedert, von denen fast alle zum gebräuchlichen Liedgut evangelischer Gemeinden gehören. Es finden sich unter anderem Choräle von Martin Luther, von Paul Gerhart und Michael Weisse. Die Gemeindechoräle wechseln sich ab mit der Erzählung des Evangelisten und der Stimme Jesu. Die drei Stimmen führen ein Gespräch miteinander. Noch
mehr aber spricht mich an, dass das Johannesevangelium das Ziel hat, den
Glauben zu bestärken und zu bezeugen. Genau das habe ich beim Hören
der Johannespassion von Bach erlebt. Wir haben nach der Aufführung
lange in der Gemeinde über die Wirkung gesprochen. Später kam Bach
selber dazu. Bach hat seine Johannespassion als kirchliche Verkündigung
verstanden, als musikalische Predigt. Sie setzt etwas fort, was schon
der biblische Text will: nämlich den Glauben der Hörenden
herauszufordern. Insofern ist auch die Johannespassion von Bach ein Werk für Insider, für bereits Glaubende, bereits mit Christus Verbundene, genau wie das Johannes-Evangelium. Allerdings muss ich gestehen, dass wir in der Gemeinde auch Mühe hatten mit Bachs musikalischer Verkündigung. Einigen erschien es gar zu modern, was wir da hörten. Bach malte mit seiner Musik gleichsam Bilder aus der Passionsgeschichte. Die einzelnen Szenen wurden sichtbar, hörbar, erlebbar, kamen uns nahe und liessen niemanden kalt. Vor allem die Szene als die Soldaten Jesu Mantel zerteilen wollten und dann darum würfelten, wurde durch die musikalische Gestaltung mit Synkopen und Schüttelbewegungen erfahrbar. (Vorspielen des entsprechenden Stücks aus der Johannespassion) Johanna von Bathyra Darf ich mich da mal einmischen. Über diese Szene haben wir in der Gemeinde lange diskutiert. Im Markusevangelium, das wir kannten, wird bereits erwähnt, dass Soldaten die Gewänder Jesu unter sich verteilen. Damit spielt Markus auf ein Psalmwort an: „Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.“ Bei Markus ist Jesus eng verbunden mit den unschuldig Leidenden, von denen die Bibel schon früher erzählt hat. Johannes hat die Szene dann viel ausführlicher gestaltet. Zunächst hat er geschrieben, dass es sich um vier Soldaten handelte. Vier, das war die Zahl der „Welt“. In allen vier Himmelsrichtungen, auf der ganzen Welt gibt es Menschen, die Jesus ablehnen und damit gewissermassen ans Kreuz schlagen. Entsprechend hat Johannes nachher von den vier Frauen unter dem Kreuz erzählt, die genau das Gegenteil tun. Dann hat Johannes besonderen Wert darauf gelegt, dass die Soldaten um den Leibrock Jesu streiten, einen Leibrock ohne Naht von oben bis unten ganz durchgewebt. Dieser Leibrock hat eine symbolische Bedeutung. Er ist Jesus gleichsam auf den Leib geschnitten. Er symbolisiert Jesus, der von oben, vom Vater, ganz durchgewebt, ganz durchdrungen, ganz erfüllt ist. Im Leibrock gibt sich sich Jesus den Menschen hin, ganz, ungeteilt, ohne Vorbehalte. Er verschenkt das Geheimnis seines Leibes. Deswegen wurde der Leibrock in unserer Geschichte nicht zerstückelt. Die Erfahrung, dass sich Christus uns ganz geschenkt hat, ist für unsere Gemeinde sehr wichtig geworden. Rainer Maria Schwenkman Dann hat Bach die grosse Bedeutung dieser Szene in der Johannespassion also richtig erfasst. Deswegen hat er ihr viel Raum gegeben und sie besonders gestaltet. Ich glaube Bach hat auch noch etwas anderes Wesentliches erfasst: Wir haben am Anfang dieses Abends gehört, dass der Jesus des Johannespassion in seinem Tod am Kreuz sein Werk vollendet und damit die Herrlichkeit Gottes sichtbar macht. Wenn wir die Herrlichkeit Gottes sehen und erleben, drängt es uns Gott zu lobpreisen. Das hat Bach erfasst: seine Johannespassion endet mit dem Satz: Ich will dich preisen ewiglich. Wer die Johannespassion hört, soll einstimmen in das Lob Gottes, dessen Herrlichkeit jetzt vollends sichtbar geworden ist. Die Passion ist also bereits ein österliches Ereignis. Im irdischen Jesus spricht und handelt bereits der erhöhte Herr, der Gekreuzigte ist zugleich der zu Gott Erhöhte, die Erniedrigung ist zugleich Verherrlichung Gottes. In der Johannespassion, in der biblischen und der musikalischen, wird deutlich, dass Karfreitag, Ostern und Pfingsten im Grunde ein einiges Ereignis sind, das aber in zeitlichen Abläufen entfaltet wird, weil es so für Menschen besser zu erfassen ist. Erste Person von heute Jetzt bekomme ich einen Zugang zu diesem Jesus der Johannespassion, der auf mich so fremd und übermenschlich gewirkt hat. Bei Regula Strobel, einer feministischen Theologin aus der Schweiz habe ich vor kurzem einen merkwürdigen Satz gelesen, den ich jetzt besser verstehe. Er lautete: Auf Golgota wurde ein Auferstandener gekreuzigt. Hat das etwas mit dem zu tun, was die Johannespassion ausdrückt: dass die Passion schon ein österliches Ereignis ist? Ich denke ja. Allerdings hat der Satz in der feministischen Theologie noch einen anderen Hintergrund. Es geht um eine kritische Auseinandersetzung mit der Vorstellung, dass es allein der Tod Jesu war, der für uns Menschen Heil und Leben mit sich bringt. Dass das Kreuz und ein Opfer notwendig waren dafür. Dabei verliert das irdische Leben Jesu an Bedeutung. Der Satz vom Auferstandenen, der auf Golgotha gekreuzigt wurde, drückt für mich aus, dass bereits im Leben Jesu und in den heilsamen Erfahrungen, die Menschen mit ihm machten, Auferstehung geschehen ist. Dass uns nicht nur ein Leben nach dem Tod verheissen ist, sondern auch eines vor dem Tod, ein Leben in Fülle, in dem die Herrlichkeit Gottes sichtbar wird. Das entspricht auch der Botschaft des Johannesevangeliums denke ich. Johanna von Bathyra Ja, die Erfahrung vom Leben vor dem Tod, wie du es nennst, oder die Erfahrung, dass die Herrlichkeit Gottes in Jesus sichtbar wird, wie wir es ausgedrückt haben, meinen das Gleiche. Gottes Herrlichkeit hat für mich auch etwas mit der Würde von Menschen zu tun. Du hast in deiner ersten Frage an mich davon gesprochen, dass dir der Jesus, der auch in der Passion souverän bleibt, unverständlich und fremd ist. Für mich drückt das aus, dass Jesus auch im Sterben, selbst als Opfer brutaler Macht seine Würde nicht verliert. Diese Würde kommt ihm von Gott zu, sie kann ihm niemand rauben. Ich glaube, dass diese Würde allen Menschen von Gott zukommt. Auch und gerade den Opfern von Gewalt. Unsere Welt war voll von Opfern. Sie war geprägt von Gewalt. Ich weiss nicht, ob sich das heute geändert hat. Wir in unserer Gemeinde glauben, dass Gewalt nicht das letzte Wort hat. Schon in der Szene der Gefangennahme Jesu haben wir erzählt, dass die, die ihn gefangen nehmen wollen, zu Boden stürzen. Nicht Jesu Würde steht auf dem Spiel, die Gewalttäter berauben sich selbst ihrer Menschenwürde, indem sie sich an Unschuldigen vergreifen. Sie können Jesus im Grunde nichts tun, ihre Schande fällt auf sie zurück. In der Würde Jesu in der Passionsgeschichte drückt sich unsere grosse Hoffnung aus: wie Jesus hat jeder Mensch die eigene, unzerstörbar Würde, die keine irdische Macht jemals zerstören kann. Jetzt möchte ich aber auch gerne Fragen an die Christinnen und Christen von heute stellen: Mich interessiert, wo ihr in eurem Leben und in eurer Gemeinde die Erfahrung macht, dass die Herrlichkeit Gottes sichtbar wird. Mich interessiert, wie stark die Art unserer Gemeinde von Gleichgestellten und unsere Art der Christusmystik, eure Kirche geprägt hat. Mich interessiert, wie ihr in der Welt steht und ob ihr auch wenn es Not tut, gegen die Welt und ihre Gesetze steht. Mit diesen Anfragen an uns aus ferner und doch ganz naher Zeit beende ich dieses Gespräch und die Karwochenpredigt. Ich lade Sie ein diese Anfragen mit in die Kar- und Ostertage zu nehmen. Sie zu bedenken, im Herzen zu erwägen und ihre Antworten darauf mit anderen zu teilen. Wenn Sie mehr lesen wollen über das Johannesevangelium und die Passionsgeschichten der Bibel, habe ich Ihnen einige Materialien aus dem Katholischen Bibelwerk mitgebracht und hinten aufgelegt. Sie können sie dort anschauen und auf dem beigelegten Blatt bestellen. Gesegnete Ostern wünsche ich uns allen. Vielen Dank für Ihre Gegenwart bei diesem Gespräch. (Musik aus der Johannespassion von Bach)
Artikelserie in der Zeitschrift "Zeichen der Liebe"Bereits im 57. Jahrgang erscheint in Einsiedeln die
Zeitschrift Zeichen der Liebe und "vermittelt die
christliche Frohbotschaft als praktische Lebenshilfe". Nähere
Informationen zur Zeitschrift gibt es bei der Redakteurin Franziska
Notter-Keller, Birchlistrasse 3, 8840 Einsiedeln, Tel. 055 418 82 52,
Mail: franziska.notter@eadruck.ch 1/06 Kaleidoskop KaleidoskopLässt sich die Bibel mit einem Kaleidoskop vergleichen? Auf diese Frage möchte ich mit einem klaren Nein und einem genauso klaren Ja antworten. Und ich möchte meine Antworten mit Beispielen aus den Familiengeschichten im ersten Buch der Bibel begründen; den Geschichten von Abraham, Sara und Hagar, ihren Kindern und Enkeln (Genesis 12-36). Ein klares Nein Die Bibel lässt sich nicht mit einem Kaleidoskop vergleichen. Kaleidoskop bedeutet wörtlich übersetzt „Schönbildseher“. Es zeigt ständig neue, aber immer schöne Bilder. Das tut die Bibel nicht. Sie ist oft gnadenlos ehrlich und zeigt das, was wirklich ist. Dabei nimmt sie keine Rücksicht auf grosse Namen. Von Abraham, der als das grosse Vorbild im Glauben dargestellt wird, erzählt sie eben auch, dass er aus Angst vor mächtigen Männern seine Frau Sara verleugnet. Und das nicht nur einmal, sondern gleich zweimal (Gen 12 und 20). Und auch in der Dreiecksgeschichte zwischen Abraham, Sara und Hagar macht er keine gute Figur. Er drückt sich um jede Verantwortung herum. Die kinderlose Sara übergibt Abraham ihre Sklavin Hagar, damit sie so zu einem Kind kommen. Das war zur damaligen Zeit eine gebräuchliche Form der Leihmutterschaft. Nachdem Hagar schwanger wird, verschieben sich die Rollen innerhalb der Dreiecksbeziehung, Hagar beginnt auf Sara herabzuschauen. Abraham zieht sich aus dem Konflikt heraus, der eskaliert und Hagar sieht keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht in die Wüste (Gen 16). Die Bibel erzählt eine zweite, genauso unschöne Variante der Geschichte. Nachdem Abraham und Sara doch noch der langersehnte gemeinsame Sohn geboren wird, fordert Sara ihn auf, Hagar und ihren Sohn wegzuschicken. Abraham willigt ein und tut es (Gen 21). Beide Male braucht es das Eingreifen Gottes, um Hagar und ihren Sohn vor dem sicheren Tod zu retten. Die Bibel ist also keine Schönbildseherin, sie nennt Unrecht beim Namen und verschweigt auch die Schattenseiten und krummen Wege ihrer Heldinnen und Helden nicht. Aber so werden mir Abraham und Sara erst wirklich zum lebendigen Vorbild im Glauben. Ein klares Ja Die Bibel lässt sich mit einem Kaleidoskop vergleichen. Bibel und Kaleidoskop funktioneren gleich: In einem Kaleidoskop befindet sich eine Vielfalt von Gegenständen mit verschiedenen Formen und Farben, die mehrfach gespiegelt werden. In der Bibel ist es genauso. Die „Gegenstände“, von denen die biblischen Familiengeschichten handeln, sind vielfältig, es sind die alltäglichen Erfahrungen von Familien: von Paar- und Dreiecksbeziehungen, von erfüllten und unerfüllten (Kinder-)Wünschen, von Eltern mit ihren Kindern und von Kindern, die selbständig werden, vom Streit ums Erbe, von den Schwierigkeiten der Versöhnung und vom Umgang mit dem Alter. In diesen Familiengeschichten erzählt die Bibel davon wie Menschen Gott begegnen, wie sie ihr Leben im Licht ihres Glaubens deuten. Der Alltag von Familien ist der Spiegel, in dem sich Gott vielfältig zeigt. Und weil die Geschichten und die Menschen in den Geschichten so verschieden sind, gibt die Bibel das Bild Gottes mehrfach gespiegelt wieder. Wir erfahren nichts über Gott an sich, wir erfahren etwas über die vielfältigen Erfahrungen von Menschen mit Gott. Die Sklavin Hagar, die aus der Unterdrückung in die Wüste flieht, macht eine tiefe Erfahrung an einem Brunnen. Sie stellt sich der Wahrheit ihrer Lebensgeschichte. Die Bibel beschreibt das in einem Bild. Der Engel Gottes fragt Hagar: „Hagar, Sklavin Saras, woher kommst du und wohin gehst du?“ (Gen 16.8). Der Engel schickt sie zurück zu Abraham und Sara, zurück in die Unterdrückung. Sie erkennt, dass darin ihre einzige Überlebenschance liegt. Für sie ist die Begegnung am Brunnen die Begegnung mit einer lebensrettenden Kraft, die Begegnung mit „dem Lebendigen, der nach mir schaut“ (Gen 16,14). Die Bibel erzählt in dieser Geschichte eindeutig, dass Gott auf Seiten der geflohenen Sklavin steht. Die Geschichte wird in einer Gemeinschaft erzählt, für die Abraham und Sara die grossen Vorbilder im Glauben sind. Sie wirkt so als Mahnung, dass jeder Glaube, selbst der scheinbar vorbildlichste in die Irre gehen kann und sich jeder Glaube daran messen lassen muss, ob er zu Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit beiträgt. Die Bilder In einem Kaleidoskop zeigen durch ihre Spiegelung eine symmetrische Ordnung. Ist bei aller Vielfalt und Spiegelung auch in der Bibel eine Symmetrie, eine Ordnung erkennbar? Ich erkenne sie gerade darin, dass in allen Geschichten, bei allen Erfahrungen, bei beglückenden und bei leidvollen , auf krummen und geraden Wegen, die Begegnung mit Gott möglich ist. Die Bibel erzählt davon, dass Gott „da ist“, mit uns und bei uns ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht oder wenn die Erfahrung unserem bisherigen Bild von Gott nicht entspricht oder gar widerspricht. Und ich erkenne sie darin, dass in der Bibel erzählt wird, wie die Begegnung mit Gott dem Leben dient, wie sie neue Lebensmöglichkeiten eröffnet, unerwartete Wege erschliesst und Kräfte freisetzt. Peter Zürn Zu den Bibeltexten dieses Beitrags sind in der Bibelpastoralen Arbeitsstelle zwei aktuelle Materialien erschienen:
Bibelpastorale Arbeitsstelle (Hg.), Verheissung im Plural. Eine
Geschichte von Abraham, Sara, Hagar, Ismael und Isaak (Gen 21).
Unterlagen zum Bibelsonntag 2005, Fr. 10.00
Humor Papst Johannes XXIII. ‑ so erzählt man sich ‑ konnte einmal abends nicht einschlafen. Stunden lang hatte er sich (wieder einmal) Klagen von Bischöfen anhören müssen. Da kam ihm eine Eingebung: "Gott wird schon auch um diese Nöte wissen. Und Du, Johannes, nimm Dich nicht so wichtig." Ganz beruhigt konnte er schlafen, weil er die Nöte dieser Welt gut aufgehoben wusste. Für mich finden sich in dieser kleinen Geschichte zwei ganz massgebliche Kenzeichen dafür, was Humor ausmacht: 1. Johannes kann sich und sein schweres Amt relativieren. Er "nimmt sich nicht so wichtig", und vieles wird leichter. 2. Der "Heilige Vater“ tut dies mit der Souveränität dessen, der darum weiss, dass er nicht alles machen muss, weil es auch noch einen "Vater im Himmel" gibt. Woher nimmt Johannes XXIII. diesen (Glaubens)Humor? Wir müssen uns nicht unnötig sorgen Vieles von dieser Souveränität und dem festen Glauben an den Vater im Himmel, der um unsere Nöte weiss, finden wir auch bei Jesus von Nazaret. Den besorgten Zuhörerinnen und Zuhörern in der Bergpredigt ruft er zu: "Euer himmlischer Vater weiss, dass ihr das alles braucht." (Mt 6,32) Und er bringt Beispiele dafür, woran er diesen Glauben fest macht: "Seht euch die Vögel des Himmels an. Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!" (Mt 6,26‑30) Humorvoll vergleicht Jesus die Menschen mit den Vögeln oder den Feldblumen. Es wäre schlichtweg absurd, wenn sie sich solche Sorgen machen müssten. Aber ist das nicht naiv? Hat hier nicht jemand gut Lachen, weil er die Sorgen der Menschen nicht ernst nimmt? Woran mache ich diesen Glauben fest? Nun kann man von Jesus bestimmt nicht sagen, dass er nicht um die Not der Menschen gewusst oder selbst keine Not gelitten habe. Seine Lebensgeschichte war alles andere als eine Erfolgsgeschichte. In ärmlichen Verhältnissen ist er aufgewachsen. Seine Zeit war durch die Brutalität der römischen Besatzungsmacht geprägt, welche die jüdische Bevölkerung gnadenlos ausbeutete. Unter diesen Bedingungen versuchte er Anhängerinnen und Anhänger zu gewinnen für seine Botschaft. Doch schon sehr früh zeichnete sich ab, dass er keinen Erfolg haben würde. Und irgendwann einmal hatte er alle gegen sich, selbst die engsten Freunde. Sein einsamer Tod als Verbrecher spricht Bände. In einer solchen Situation Gelassenheit zu bewahren, das eigene Schicksal zu relativieren und fest auf den Vater im Himmel zu vertrauen, könnten wir von Jesus lernen. Sicher sind immer wieder Menschen auf ihn zugekommen und haben ihn gefragt, woher er seine Sicherheit nehme, dass seine Botschaft Erfolg haben werde. Ob er denn nicht sehe, dass das alles sinnlos sei. Dass sowieso nichts dabei heraus kommt. Jesus hat ihnen kleine Geschichten erzählt. Er hat z. B. gesagt: "Ich mache es wie ein Sämann. Ich säe die Saat auf meinen Acker und weiss ganz genau, dass viel daneben geht. Ich weiss, dass es aussieht, als ginge sogar das meiste daneben. Aber genau so sicher weiss ich, dass das wenige, das auf guten Boden fällt, die ganzen Misserfolge bei weitem aufwiegen wird." (vgl. Mk 4,1-9; Mt 13,1-9; Lk 8,4-8) Sehen Sie, verehrte Leserinnen und Leser, wie Jesus mit den Augen zwinkert? Oder er erzählt eine andere Geschichte: "Ein Bauer, der seinen Samen gesät hat, kann dann weiter auch nichts tun. Er muss warten. Und er kann eigentlich nur auf seine Erfahrung vertrauen und daran glauben, dass die Saat aufgeht. Dieses Vertrauen ist kein Nichtstun, sondern sehr viel, auch wenn es vielleicht ganz anders aussieht." (Mk 4,26-29) Wie Johannes XXIII. können Jesus und der Bauer im Gleichnis trotzdem schlafen. Humor in der Kirche Ich muss zugeben, dass ich trotzdem oft schlaflose Nächte habe. Und vieles, was mir schlaflose Nächte bereitet, hat mit dieser Nachfolgeorganisation Jesu zu tun, der Kirche. Es mag sein, dass mich manches mehr aufregt, weil ich dort seit jeher arbeite und „Insider“ bin. Aber andererseits müsste ich es besser wissen: Weder ich, noch die Pfarrer, Bischöfe und Päpste können das Reich Gottes herbeiführen. Und auch wenn wir alle dazu aufgerufen sind, an diesem Reich Gottes mitzuarbeiten, sind wir nicht verpflichtet, dies mit jener Verbissenheit zu tun, die so oft feststellbar ist. Da nehmen sich manche ‑ auch ich ‑ vielleicht doch manchmal zu wichtig. Und da könnte ein befreiendes Lachen ‑ auch wenn einem gerade zum Heulen zumute ist ‑ oft mehr bewegen, als zusammengebissene Zähne. Unsere Kirche ist genau so unvollkommen wie wir selber auch, nicht mehr und nicht weniger. Das ist eine Tatsache, die einfach nicht zu ändern ist. Bei unserer Arbeit den Humor nicht zu verlieren, wäre eine schöne Perspektive. In der Glaubensschule des Humors Dieser Humor des Glaubens, der um den Vater im Himmel weiss, ist eine gute Schule. Sie kann uns lehren, uns nicht so wichtig zu nehmen, weil wir nicht selber Gott sein müssen. Das erzeugt eine gewisse Leichtigkeit des Lebens. Sie bewahrt uns nicht vor Schaden und Misserfolg. Aber sie hilft uns, all die Misserfolge und Halbheiten einzuordnen in ein grösseres Ganzes. Und vielleicht können wir dann doch auch über manches schmunzeln oder gar lachen, das wir auf den ersten Blick als furchtbar bedrohlich oder niederdrückend empfunden haben. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Nehmen wir uns selber nicht so wichtig! Dieter Bauer EgoismusTu, was du willst„Papa, was machst du eigentlich bei der Arbeit?“ Wenn mein dreijähriger Sohn mich das fragt, dann antworte ich: ich lese mit Anderen zusammen in der Bibel. Diese Auskunft befriedigt ihn, denn wir lesen ja zuhause auch oft gemeinsam in einem (Bilder)Buch. Insofern habe ich es gut. Nicht bei allen Berufen ist es so einfach, den Kindern einen Einblick zu gewähren. Wenn Sie selber ausser Haus berufstätig sind und ihr Kind Sie auch schon gefragt hat, wissen Sie das vermutlich aus eigener Erfahrung. Tu, was du willst! Der spanische Philosoph Fernando Savater, der an der Universität Ethik lehrt, wurde ebenfalls einmal von seinem kleinen Sohn gefragt, was er in seinem Beruf eigentlich mache. Mit der Antwort, die ihm sein Vater damals gab, waren beide nicht recht zufrieden. Jahre später, der Sohn ist inzwischen 16, schreibt ihm der Vater einen langen Brief, in dem er noch einmal auf die Frage von damals antwortet. Fernando Savater erklärt seinem Sohn, was für ihn „Ethik“ bedeutet und gibt ihm Ratschläge fürs Leben. Im Mittelpunkt steht dabei der Satz: Tu, was du willst. Esau und Jakob Tu, was du willst: Ist das nicht eine Anweisung zum Egoismus? Um auf diese Frage zu antworten, erzählt Fernando Savater seinem Sohn aus der Bibel und zwar die Geschichte der Brüder Esau und Jakob. Jakob, der Jüngere, hat ein feines Essen gekocht, ein Gericht aus Linsen. Esau der müde von der Arbeit nach Hause kommt und grossen Hunger hat, möchte davon essen. Sein Bruder verlangt einen Preis dafür. Esau soll ihm sein Recht als Erstgeborener abtreten. Das Erstgeburtsrecht regelt in der damaligen Kultur lebenswichtige Fragen, es geht um das Erbe und damit auch um die Verantwortung für die Zukunft der Familie. Esau entscheidet sich für das, was er jetzt im Moment will, das Essen. Er verkauft sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht. Dieser Ausdruck ist sprichwörtlich geworden. Auch Jakob tut, was er will. Aber er denkt über sich und sein Leben in einer grösseren zeitlichen Perspektive nach. Und dazu möchte Fernando Savater seinen Sohn ebenfalls anregen. Tu, was du willst und prüfe dabei: Wie verhält sich das, was du jetzt im Moment willst zu dem, was du dir für dein späteres Leben wünschst? Was ist dir wichtiger? Ich und Du Esau denkt kurzfristig und er denkt allein an sich. Jakob dagegen hat auch seine Rolle und seine Verantwortung innerhalb der Familie im Blick. Familie bedeutete damals nicht einen privaten Raum innerhalb der Gesellschaft; die Familie oder Sippe war gleichbedeutend mit der gesamten Gesellschaft. Wenn also Jakob tut, was er will, dann ist er sich dabei bewusst, dass er ein soziales und politisches Wesen ist. Das ist das Zweite, was Fernando Savater seinem Sohn vermitteln will: Wir sind soziale Wesen. Einen Menschen allein gibt es nicht. Kein Mensch hat sich selbst hervorgebracht. Wir verdanken uns alle dem Ja anderer Menschen zu unserer Existenz. Von Anfang an sind wir abhängig von Anderen, die uns nähren, fördern und herausfordern. Kein Mensch lernt die Sprache des Lebens, wenn er oder sie nicht von anderen Menschen angesprochen wird. Es gibt kein „Ich“ ohne ein „Du“. Wer das vergisst, vergisst einen wesentlichen Teil des Menschseins. Wenn wir es nicht vergessen, erkennen wir, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, die gleiche Würde und gleichberechtigte Wünsche haben, in erster Linie den Wunsch zu leben und uns zu entfalten. Mein Wunsch zu tun, was ich will, meine Freiheit, endet an der Freiheit der Anderen. An dieser Grenze ist Beziehung in Augenhöhe, ist wahrhaft menschliche Beziehung möglich. An dieser Grenze ist alles möglich. Der Kirchenlehrer Augustinus hat das – schon im 5. Jahrhundert - auf die Formel gebracht: „Liebe und tu, was du willst.“ Eigenverantwortung Beziehungen in Augenhöhe fallen nicht vom Himmel. Sie zu ermöglichen und zu gestalten, ist ein lebenslanger, niemals abgeschlossener Prozess. Jede und jeder von uns trägt Verantwortung für das Zusammenleben mit Anderen. In der biblischen Geschichte ist sich Jakob –stärker als Esau – dieser Verantwortung bewusst. Aber handelt Jakob nicht trotzdem egoistisch? Er nutzt die Schwäche seines Bruders aus, überlistet ihn später nochmals und geht auch sonst einige krumme Wege. All das erzählt die Bibel im Buch Genesis ab Kapitel 25. Aber Jakob übernimmt eben auch Verantwortung für sein Leben. Das ist immer ein Risiko. Konflikte sind nicht vermeidbar, sie gehören notwendig dazu. Wer in Freiheit handelt und Verantwortung fürs eigene Leben übernimmt, macht auch Fehler, lernt dazu und ist auf Vergebung und Versöhnung angewiesen. Alle diese Erfahrung macht Jakob. Als die Konflikte mit seinem Bruder zu heftig werden, flüchtet er und geht er weg von zuhause. Viele Jahre später kehrt er zurück und stellt sich – voller Angst und Unsicherheit, aber auch kämpferisch – dem Bruder und den Konsequenzen seines Handelns. Gottes Vorlieben Die Botschaft der Bibel in diesen Geschichten ist klar: Jakob ist gesegnet, sein Leben, sein Handeln, steht in Beziehung zu Gott. Der biblische Gott hat eine Vorliebe für Menschen, die Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Er hat eine Vorliebe für Menschen, die tun, was sie wollen. Am Ende ruht der Segen, ruht das Wohlwollen Gottes (Gen 33,11) auch auf der Beziehung zwischen Jakob und Esau. Ihre Begegnung wird zu einer Begegnung in Augenhöhe. Aus dem Brief Fernando Savaters an seinen Sohn ist ein Buch geworden. Es trägt den Titel „Tu, was du willst. Ethik für die Erwachsenen von morgen“ und ist beim Verlag Beltz&Gelberg als Taschenbuch erschienen. Ich empfehle es sehr für Erwachsene von heute und von morgen.
Peter Zürn Glaubenssache.
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1. Schweizer Bibliodrama Symposion
Donnerstag, 11.Mai, 10.00 bis Samstag, 13.Mai, 16.00
Propstei Wislikofen AG
Ein breites Netzwerk von Veranstalterinnen:
Interessengemeinschaft Bibliodrama Schweiz-Liechtenstein-Vorarlberg IGB in Zusammenarbeit mit der Bibelpastoralen Arbeitstelle BPA, der Reformierten Pfarrerweiterbildung, dem Institut für kirchliche Weiterbildung IFOK, , der wtb-deutschschweizer Projekte Erwachsenenbildung und der Kath. Erwachsenenbildung im Aargau
Die
Homepage der Interessengemeinschaft Bibliodrama www.bibliodrama.net/symposium.htm
bietet weitere Informationen zum Symposion und die Dokumentation
aller Fachartikel zu Bibliodrama, die begleitend zum Symposion
erschienen sind und weiter erscheinen!!!
Thema und Bibeltext:
Bibliodrama ist aus dem Anliegen entstanden, die Texte des Ersten und Zweiten Testaments für das Leben und den Glauben von Frauen und Männern lebendig werden zu lassen. Es geht um die Suche nach dem Lebendigen in der Verbindung zum eigenen Leben. Im Bibliodrama werden die „alten Texte“ auf ihre heilschaffende Botschaft für das Heute befragt. So verbindet sich die jüdisch-christliche Tradition mit der Gegenwart und ihrer Verheissung für das Leben.
Der Termin des Symposions legt die Auseinandersetzung mit einem Text nahe, der zwischen Auferstehung und Himmelfahrt angesiedelt ist: Joh 21 erzählt von Begegnungen mit dem Lebendigen. Dieser Text wird als Brennglas für die unterschiedlichen Perspektiven wirken, unter denen die Teilnehmenden Erfahrungen sammeln und reflektieren.
Das Symposion setzt sich aus Plenarveranstaltungen und Workshops zusammen.
In den Workshops erfahren und reflektieren wir die Wirkungen des Bibliodramas unter folgenden Perspektiven:
Vier gleich bleibende Gruppen durchlaufen während der Tage sämtliche Workshops.
In den Plenarveranstaltungen geht es in methodisch vielfältiger Weise um:
Frauen und Männer, die in ihrem Beruf mit der Bibel arbeiten; neu an Bibliodrama Interessierte und Erfahrene
Dorothee Dieterich, Bruno Fluder, Eli Naef, Claudia Mennen, Peter Zürn
400.- SFr. für Teilnehmende, denen der Kursbeitrag erstattet wird
400.- bis 250.- SFr. für Selbstzahlende nach finanzieller Selbsteinschätzung
235.- Fr. Übernachtung und VP im EZ
205.- Fr. Übernachtung und VP im DZ
Anmeldung bei:
Propstei Wislikofen, 5463 Wislikofen, Tel. 056 201 40 40, www.propstei.ch
Anmeldeschluss: 1. März 2006
Zur Rubrik "Neues aus der biblischen Welt":
Wir von der BPA halten die Augen offen, was sich in der
biblischen Welt Aktuelles tut: Veranstaltungen, Entdeckungen, Jubiläen,
Auseinandersetzungen...
Wir sehen aber natürlich längst nicht alles. Gerne nehmen wir auch
Hinweise und Anregungen entgegen. Melden Sie sich bei peter.zuern@bibelwerk.ch
Radiobeiträge von Peter Zürn in der Sendung "90 Sekunden" bei Radio Aargovia.
Gedankenanstösse zu dem zu geben, was uns
als Christin oder Christ bewegt. Das ist der Auftrag an die
Sprecherinnen und Sprecher der 90 Sekunden, die jeden Montag Morgen um
9.00 Uhr bei Radio Aargovia über den Sender gehen. Wer zuhört?
Menschen bei der Arbeit oder beim Zahnarzt, Menschen zuhause oder
unterwegs. Viermal im Jahr ist ein Beitrag von Peter Zürn, dem
Fachmitarbeiter der BPA, zu hören. Ihn interessiert die
Herausforderung in 90 Sekunden Aktuelles, Bewegendes und Biblisches zu
verbinden. Es ist ein Versuch, Menschen auch ausserhalb kirchlicher
Kreise zu erreichen. Das verstärkt zu versuchen ist ein Ergebnis aus
dem Rückblick auf das Jahr der Bibel. Alle Beiträge von Peter Zürn
können unter www.ref-ag.ch/oil angehört
und gelesen werden. Suchen Sie unter "Beiträge."
27.02.2005 Fasnacht und Reich Gottes
21.11.2005 Vieles merkt man erst, wenn es fehlt
05.09.2005: Nehmen Sie Religion nicht ganz ernst!
23.05.2005: Gewalt
07.03.2005: Es geht wieder aufwärts...
22.11.2004 Strassenmagazin Surprise
09.08.2004 Wohin sind Sie gereist?
07.06.2004 Leidenschaft Fussball
15.03.2004 Fastenzeit
Die 90 Sekunden sind ein Projekt von Oekumene im Lokalradio (OIL) der Aargauer Landeskirchen.
Visionen
gegen den Tod
Weltgebetstag 2006
Zum Weltgebetstag erschien im Katholischen Bibelwerk eine Broschüre von Ulrike Bechmann und Luzia Sutter Rehmann mit dem Titel „Visionen gegen den Tod. Bibelarbeiten zu Ezechiel 37 und Lukas 21“
Die Neuerscheinung greift die biblischen Texte auf, die Frauen aus Südafrika für die Liturgie des Weltgebetstages 2006 auswählten: die Auferstehungsvision des Propheten Ezechiel in 37,1-10 und die Ansage der Zeichen einer Endzeit in Lukas 21,5-14. Die beiden nicht ganz einfachen Texte behandeln sehr unterschiedlich die Frage nach der Endzeit und der Auferstehung.
Die Alttestamentlerin Ulrike Bechmann und die Neutestamentlerin Luzia Sutter Rehmann haben zeitgemäße Auslegungen und Praxisvorschläge für Bibelarbeiten zu diesen Texten verfasst. Sie werden durch eine Hinführung über die theologische Bedeutung der „Zeichen der Zeit“ für das Handeln von Kirche eingeleitet.
Die einzelnen Bibelarbeiten können unabhängig voneinander gelesen und verwendet werden. Auch ohne den thematischen Kontext des Weltgebetstages sind sie in Gemeinde und Schule gut verwendbar.
Ulrike Bechmann/Luzia Sutter Rehmann „Visionen gegen den Tod. Bibelarbeiten zu Ezechiel 37 und Lukas 21“. Katholisches Bibelwerk e.V., Stuttgart 2005, 88 S., Br., Fr 11.00, ISBN 3-932203-92-5
Bestellungen an: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Tel 044 205 99 60, Fax 044 201 43 07, mail info@bibelwerk.ch
März 2006
Butting, Klara / Minnaard, Gerard / Wacker,
Marie Theres (Hrsg.), Ester,
(Reihe: Die Bibel erzählt …), (Verlag Erev-Rav) Wittingen 2005, 100
S., Geb., 11,00 Eur[D] / 11,40 Eur[A] / 19,50 sFr
„Die Bibel erzählt...“ ist eine Bücherreihe für Menschen, die an einer engagierten, weltoffenen Auslegung der Bibel interessiert sind. In jedem Band dieser Reihe werden ausgewählte Texte eines biblischen Buches ausgelegt. Die Auslegung wird ergänzt durch Interpretationen aus Kunst und Literatur. Darüber hinaus werden Einblicke in die Auslegungsgeschichte geboten, die die biblischen Texte in christlichen und nicht-christlichen Traditionen erfahren haben. Die vielfältigen Zugänge zum biblischen Text, die auf diese Weise entstehen, wollen den Leserinnen und Lesern verschiedene Möglichkeiten bieten, der biblischen Botschaft zu begegnen.
Das vorliegende Bändchen zum Esterbuch legt den Schwerpunkt der Fragestellungen v. a. auf die Geschlechterthematik und das Thema der Gewalt im Esterbuch. „Vom Sexismus zum Antisemitismus“, „Von einer Theologie der Befreiung zu einer Liturgie des Widerstands“ und „Esters Widerstand“ sind die ersten drei grundlegenden Beiträge von Klara Butting überschrieben. Der heiklen Frage nach den „Blutbädern“ im Buch Ester geht Marie-Theres Wacker in ihrem Beitrag „Widerstand – Rache – verkehrte Welt“ nach und kann zeigen, dass sich nicht erst moderne und nicht erst christliche LeserInnen mit dem blutigen Schluss des Esterbuches kritisch auseinandergesetzt haben. Ohne das Problem einer endgültigen „Lösung“ zuführen zu wollen, zeigt sie doch einige Versuche auf, angemessen mit diesem heiklen Thema umgehen zu können. Vieles davon ist im übrigen durchaus übertragbar auf andere gewalthaltige biblische Überlieferungen.
Nach einer kurzen historischen Situierung des Esterbuches durch Rainer Kessler folgt ein ausführlicher und absolut faszinierender Überblick über die Auslegungsgeschichte des Buches Ester. Es reicht von der jüdischen Tradition und die Auslegung im Bild bis hin zu einem Beitrag „Starke Frauen in der islamischen Tradition“ von Halima Krausen. Besonders erhellend fand ich den kleinen Beitrag zu Psalm 22 im Esterbuch und der christlichen Passionstradition durch Bettina Wellmann, aber auch „Das Buch Ester und Emmanuel Levinas“, wo Gerard Minaard anhand der Talmudauslegungen von Levinas zeigt, wie dieser das Esterbuch als einzig Juden verständliches Buch reklamiert, weil es „in der Sprache der Opfer“ geschrieben ist und nur durch diese verstanden werden kann. „Das Esterbuch kann nicht wirklich übersetzt werden, ohne seine Heiligkeit zu verlieren!“ (72)
Das Büchlein ist reich bebildert und hochwertig gestaltet. Es eignet sich darum auch hervorragend als Geschenk für Menschen, denen Esters Geschichte Ermutigung sein könnte, sich nicht vor angemasster Macht zu beugen. Genau dazu nämlich leitet das Esterbuch an.
Dieter Bauer
Februar 2006
Kathy Reichs, Totgeglaubte leben länger,
(Karl
Blessing Verlag) München 2005,
ISBN 3-89667-288-6
Ein
Krimi als bibelpastorales Buch des Monats?
Noch dazu ein Thriller aus der Serie um die Gerichtsmedizinerin und
forensische Anthropologin Temperance Brennan, die im kanadischen
Montreal arbeitet und bei der ausführliche Schilderungen von
Obduktionen und Verwesungsprozessen an der Tagesordnung sind? Warum
nicht. Immerhin reist Tempe Brennan in diesem Roman von Montreal nach
Israel und immerhin spielt ein Skelett aus einer archäologischen
Grabung eine Rolle. Und schliesslich: wer sagt denn, dass Bücher, die
Lust auf die Bibel machen, nicht spannend sein dürfen? Die Bibel selber
ist es ja auch.
Ein Krimi im Krimi
Also, weil es sich um einen Krimi handelt, wird die Auflösung des
Falles hier nicht verraten, aber immerhin soviel: Im Zusammenhang mit
einem seltsamen Todesfall, zu dessen Aufklärung Tempe Brennan
beigezogen wird, taucht das Foto eines Skeletts auf, das aus Israel
stammen soll. Es handelt sich um einen Schnappschuss aus einer archäologischen
Grabung. Ein befreundeter Archäologe weist das Foto den Grabungen von
Yigael Yadin in Massada zu. An dieser Stelle informiert der Roman
spannend und sachkundig über den jüdischen Krieg, die Belagerung und
Eroberung Massadas durch die Römer und die Ausgrabungsgeschichte im
Spannungsfeld von Wissenschaft, Religion und Politik (S. 51ff.). Das ist
beinahe wie ein Krimi im Krimi.
Jesus in Massada?
Auf den Spuren des Skeletts aus Massada (für Kenner der
Ausgrabungsgeschichte: es stammt aus den sogenannten Loci 2001/2002) stösst
Tempe Brennan auf ungelöste Fragen und gewagte Theorien, so die des
australischen Journalisten Donovan Joyce, der in den 70er Jahren mit
seinem Buch „The Jesus Scroll“ für Aufsehen sorgte. Danach sei bei
den Ausgrabungen in Massada auch eine Schriftrolle mit dem Testament des
„Jesus, Sohn des Jakobus“ entdeckt worden. Dieser Jesus sei der
Jesus von Nazaret des Neuen Testamtes, der keineswegs am Kreuz, sondern
in Massada gestorben sei. Im Roman verdichten sich die Hinweise darauf,
dass das gefundene Skelett das von Jesus von Nazaret sein könnte.
Selbstverständlich, dass jetzt die religiöse Brisanz des Falles
deutlich wird - Jesus in
Massada, das wäre für Juden und Christen nur schwer zu akzeptieren.
Die Konsequenzen einer solchen Entdeckung auf dem Hintergrund der
aktuellen Situation des Judentums, des Christentums und des Islams
werden diskutiert (110ff.). Der Islam kommt dabei am schlechtesten weg,
auch wenn er überraschend differenziert dargestellt wird (etwa durch
die Unterscheidung des Wahhabismus als nur einer – wenn auch wirkmächtigen
Strömung im Islam).
Das Jakobus-Ossuar
Der seltsame Todesfall, den Tempe Brennan untersucht, erweist sich
schliesslich als Mord, das Mordopfer als Händler mit jüdischen und
nicht immer ganz echten Antiquitäten. Brennan reist zusammen mit ihrem
Kollegen von der Mordkommission, Detective Ryan, mit dem sie auch privat
liiert ist, zu weiteren Ermittlungen nach Israel. Jetzt kommt auch noch
das sogenannte Jakobus-Ossuar ins Spiel (171ff.), das 2002 für grosse
Aufregung sorgte. Dieser Gebeinkasten mit der Aufschrift „Jakobus,
Sohn des Josef, Bruder des Jesus“ wurde zunächst auch von
renommierten Archäologen der Israelischen Behörde für Altertümer und
Archäologie für echt gehalten, inzwischen ist die Inschrift aber als Fälschung
entlarvt (vgl. Welt und Umwelt der Bibel 1/2003 S. 47 und 4/2003 S.
59-60). Reichs Roman benennt die Kontroverse um das Jakobus-Ossuar, wägt
die Für und Wider seiner Echtheit differenziert und spannend ab und
spielt mit der Möglichkeit, es wäre wirklich ein Fund aus der Familie
des Jesus von Nazeret. Dabei beweist Reichs bei der Frage nach den Brüdern
und Schwestern Jesu gute Bibelkenntnisse (S. 191).
Die spektakuläre Szene eines Grabfundes im Kidron-Tal und die gewalttätige Begegnung mit ultra-orthodoxen Juden, die das Ausgraben von Knochen verhindern wollen ist vielleicht etwas zu dick aufgetragen (196ff.), genauso wie die Texte auf dem Umschlag: „ein abgründiges Geheimnis, das älter ist als die Bibel. Es könnte die Grundpfeiler der jüdischen und christlichen Glaubensgeschichte erschüttern“. Wohltuend dagegen die Selbstironie im Buch: „Du klingst wie eine Figur aus Sakrileg“ (191).
Fiktion oder Wahrheit?
Es stellt sich natürlich hier
wie bei anderen romanhaften Auseinandersetzungen mit biblischen Themen,
was historisch verbürgt ist und was Fiktion. Kathy Reichs führt im
Anhang ihres Buches die Tatsachen an (S. 409-412), hält die Frage nach
der Echtheit des Jakobus-Ossuars allerdings geschickt offen, indem sie
schreibt: „Die Experten sind weiterhin uneins“. Je besser ich mich
im Sachgebiet auskenne, desto leichter kann ich mir meine eigene Meinung
bilden. Der Krimi regt aber auf jeden Fall dazu an, mehr wissen zu
wollen und zum Beispiel in Welt und Umwelt der Bibel nachzulesen. Das
macht ihn für mich zum bibelpastoralen Buch des Monats.
Archäologie, Heiliges Land und Erotik
Die Auflösung des Kriminalfalls wird wie gesagt hier nicht verraten.
Lesen Sie selbst. Reichs Roman ist einiges mehr als ein spannender
Krimi. Er ist auch eine spannende Schilderung und Auseinandersetzung mit
Methoden der biblischen Archäologie (z.B. der Altersbestimmung von
Fundstücken), ihren Möglichkeiten und Grenzen. Er berichtet wunderschön
von den besonderen Gefühlen, die eine Reise nach Israel und Jerusalem
auslösen kann und ist nicht zuletzt eine herrlich witzige und erotische
Beziehungsgeschichte zwischen Temperance und Ryan.
Peter Zürn
Januar 2006
Hermann-Josef Venetz, Er geht euch voraus nach Galiläa.
Mit dem Markusevangelium auf dem Weg, Paulusverlag Fribourg 2005, Pb.,
230 S., 18.- Eur[D] / 28.- sFr,
ISBN 3-7228-0668-2
Wenn jemand einen guten Einstieg in das Neue Testament sucht, dann empfehle ich ihm oder ihr seit langem die Lektüre des Markusevangeliums - und zwar "am Stück". Mit dem Buch von Hermann-Josef Venetz ist jetzt ein genialer Begleiter dazu erschienen. Wie ein guter Reiseführer nimmt er die Leserinnen und Leser an der Hand, schafft Voraus- und Rückblicke, gibt vertiefende Erklärungen, macht Exkurse und bleibt doch immer ganz eng am Text des Markusevangeliums selbst.
Wenn sich jemand fragt, warum es neben all den vielen Büchern, die bereits zum Markusevangelium auf dem Markt sind, "noch ein Markusbuch" braucht, so sei ihm hier gesagt: ein solches Markusbuch gibt es noch nicht! Auf absolut allgemeinverständliche Art und Weise geschrieben und von einer tiefen Gläubigkeit getragen lässt der Autor die Leserinnen und Leser Entdeckungen machen, die nicht nur ihr Wissen, sondern auch ihr (Glaubens-)Leben bereichern. Er orientiert sich in seiner Exegese - v. a. was den Aufbau des Evangeliums betrifft - eng an dem Kommentar des Holländers Bas van Iersel, der unbegreiflicher Weise seit Jahren schon nicht mehr lieferbar ist. Damit ist der Schwerpunkt sehr konsequent auf die (theologische) "Geographie" des Markusevangeliums gelegt: Galiläa - Weg nach Jerusalem - Jerusalem - (voraus nach Galiläa). Die literarische Kunst des Evangelisten, der - wie Venetz - seine Leserinnen und Leser mit auf einen Weg nimmt, blitzt immer wieder auf, auch in der kunstvollen Rahmung des Mittelteils durch zwei Blindenheilungen (Mk 8,22-26 / 10,46-52): Die Blindheit der Jünger, die auf dem Weg nach Jerusalem belehrt werden müssen, wird gerahmt durch zwei ehemals Blinde, die Jesus nachfolgen. Oder: Die parallele Gestaltung der "Ouvertüre" in den Handlungssträngen Johannes der Täufer und Jesus von Nazaret mit der Themenabfolge "Taufe - Wüste - Verkündigung" wird im Buchdruck eigens hervorgehoben.
Innerhalb dieser kurzen Besprechung kann natürlich nicht auf alle "Highlights" des Buches von Venetz eingegangen werden. Deshalb möchte ich nur kurz und exemplarisch seine Auslegung der Markusapokalypse erwähnen. Den Verständnisschwierigkeiten heutiger Leserinnen und Leser angemessen widmet Venetz dem Kapitel Markus 13 ganze 28 Seiten. Auf pädagogisch äusserst geschickte Weise referiert er zunächst historisch die Endzeitstimmung um das Jahr 70, als das Evangelium entstand, führt dann ein in "Die Apokalyptik als Phänomen der Geschichte" auf dem Hintergrund von Texten aus den Makkabäerbüchern und vor allem dem Danielbuch, um damit die Grundlage für ein angemessenes Verständnis des "Menschensohnes" bei Markus zu schaffen ("Zurück zu Markus"). So schlägt er den Bogen zurück zur Endzeitstimmung der damaligen christlichen Gemeinden. Für Venetz ist Markus 13 "alles andere als ein ,Fremdkörper' im Markusevangelium" und vertritt eine absolut präsentische Eschatologie: "Nicht von einer fremden, fernen Endzeit berichtet dieses Kapitel, sondern von einer Verheißung, die jetzt schon in Erfüllung geht, wenn auch unter bedrängenden Umständen." (187) Mit einer Betrachtung "... jetzt in dieser Zeit" und einem Verweis auf Mk 10,28-31 schliesst er die Auslegung der Markusapokalypse.
Ich kann mich den Wünschen des Autors, die er für den
Klappentext des Buches formuliert hat, nur anschliessen: "Wie sehr
wünschte ich meinen Leserinnen und Lesern, dass sie sich einmal (oder
zweimal oder besser noch dreimal) einen Abend oder auch einen Morgen
Zeit nehmen, das ganze Markusevangelium zu lesen. Ich kann ihnen
versichern: Sie werden Entdeckungen machen, die sie sonst nie gemacht
haben, Entdeckungen, die ganz einfach umwerfend sind und das Buch, das
ich hier schreibe, schlicht überflüssig machen."
Dieter Bauer
Dezember 2005
Ina Prätorius,
Handeln aus der Fülle.
Postpatriarchale Ethik in biblischer
Tradition, Gütersloher Verlagshaus 2005,
ISBN 3-579-05216-8
Das Buch von Ina Prätorius ist ein wissenschaftliches Sachbuch aus dem Fachbereich Theologische Ethik. Es ist zugleich ein persönliches Glaubensbuch und erzählt von den gesellschaftlichen und kirchlichen Bewegungen, mit denen die Autorin verbunden ist, von den Quellen aus denen sie schöpft und den Hoffnungen, die sie bewegen. Es ist ein alltägliches Gebrauchsbuch für Menschen, die zusammen wohnen, es handelt vom Aufräumen und Tisch decken, vom Essen, Trinken und Spielen. Und es ist ein poetisches und mystisches Buch, in dem viele Erfahrungen einen sprachlich verdichteten und berührenden Ausdruck gefunden haben. Sie selbst schreit dazu: „Dieses Buch ist mindestens so sehr erlegen, erschwiegen und erwartet, wie erdacht und erarbeitet“ (Vorwort, S. 7). Das diese Dimensionen nicht voneinander getrennt sind, sondern zu einer Einheit zusammenkommen, ist eines der wichtigsten Anliegen der neuen Art, über das gute Zusammenleben von Menschen nachzudenken, die Ina Prätorius in ihrem Buch vorstellt.
Für Ina Prätorius ist es an der Zeit, neu über das gute Zusammenleben der Menschen nachzudenken. Sie lädt uns dazu ins Haus der Ethik ein. Sie hat in diesem Haus aufgeräumt. Bisher stand in der Mitte des Zimmers das abstrakte, allgemeine Gesetz, an dem sich alles Handeln orientieren sollte Dieses Gesetz – egal ob es sich von Gott oder durch die Vernunft legitimiert, gab sich den Anschein Aussagen über den Menschen an sich zu machen und war doch geprägt von einer patriarchalen Sicht der Welt. Ina Prätorius schiebt dieses Gesetz aus der Mitte des Zimmers an die Wand. Es ist dann wie ein guter, solider Schrank, aus dessen Fächer und Schubladen die Weisung der Vorfahrinnen und Vorfahren jederzeit herausgeholt werden kann. In der Mitte des Hauses der Ethik steht neu der Tisch, um den sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses in all ihrer Verschiedenheit versammeln, um zu essen, zu arbeiten, zu spielen, lebensdienliche Lösungen für die jeweilige Gegenwart zu erfinden und Konflikte auszutragen.
Die neue Ethik ist geprägt von „nativem Denken“, d.h. vom Bewusstsein, dass unserem Handeln eine Fülle vorausgeht, die uns geschenkt wird. Wir werden hineingeboren in einen staunenswerten Lebensraum, wir treten in die Welt ein als hilfsbedürftiger Säugling, abhängig vom Ja anderer zu uns und von deren vielfältigen uns zugewandten Tätigkeiten. Unsere wachsende Eigenständigkeit, die es uns ermöglicht in Freiheit zu entscheiden und zu handeln, bleibt immer eine Freiheit in Bezogenheit. In der patriarchal geprägten Gesellschaft ging das weitgehend vergessen bzw. wurde an den Rand (d.h. ins Private, Weibliche) abgedrängt.
Zu der Fülle, die uns als Geschenk vorausgeht, gehört für Ina Prätorius auch die biblische und kirchliche Tradition. Ihr Kirchenbild ist realitätsnah bescheiden. Die Kirche, verstanden als das durch die Jahrhunderte stolpernde, sündige Volk Gottes (S. 29), ist nicht vollkommener als andere Gemeinschaften, aber in ihr finden ungewohnte Gedanken zumindest bei einigen Gehör, in ihr wird noch über die Bedeutung von Wörtern wie Segen, Gnade, Schuld, Vergebung, Reich Gottes gestritten. Die Bibel ist für sie Ausdruck der Idee, dass menschliches Dasein und Handeln als Teil einer sinnvollen Geschichten verstanden werden können, „deren Beginn die gute Schöpfung und die gute Weisung Gottes ist, deren Ende der Friede Gottes mit den Menschen sein wird“ (S. 17f.) Ein Modell für neues Nachdenken über das gute Zusammenleben von Menschen findet sie in der prophetischen Auslegung und Aktualisierung der biblischen Weisungen (Kapitel 6, S. 80ff.), in deren Tradition auch Jesus von Nazaret steht. In den alten, biblischen Texten findet sie zahlreiche Denkanstösse, die helfen, sich das gelingende Zusammenleben von Menschen vorzustellen: den Segen als A und O, Geschichtlichkeit, Götzenkritik und Sabbat und die Freiheit in Bezogenheit (8. Kapitel, S. 106ff.).
Das Buch endet „auf dem Rücken liegend in einem Andachtsraum“. Dort verschmelzen die Zukunftsvision und die gegenwärtige Erfahrung „von Frauen und Männern, die nicht vergessen haben, dass sie Söhne und Töchter von Töchtern und Söhnen sind, Kinder Gottes aus lebendigem Leib ... Sie werden um einen Tisch sitzen, essen und trinken, sie werden staunen über den Himmel und die Erde und alles, was dazwischen ist, und sie werden einander von der Fülle austeilen, die sie als Geschöpfe Gottes sind und geschenkt bekommen haben ... Wenn ich wieder aufstehe, dann wünsche ich mir eine Gemeinschaft, in der ich zusammen mit anderen die Fähigkeit einüben kann, täglich neu geboren da zu sein und gut zu handeln. Das könnte die Kirche sein und manchmal ist sie es schon.“ (S. 205)
Peter Zürn
November 2005
Anneliese Hecht (Hg.), "Böse"
Frauen
(Reihe: FrauenBibelArbeit Bd. 15), Verlag Katholisches Bibelwerk
Stuttgart 2005, Kt., 96 S., 9,50 Eur[D] / 9,80 Eur[A] / 17,50 sFr,
ISBN 3-460-25295-2
Bereits die Abbildungen auf der Titelseite zeigen
schön, worum es im Buch geht: die "männermordende" Judit,
die "verführerische" Eva, eine "Hexe" auf dem
Scheiterhaufen und eine moderne "Femme fatale". Und der
Buchtitel macht durch die Anführungszeichen um das Wörtchen
"böse" darauf aufmerksam, dass Vorsicht geboten ist. Nein,
nicht vor diesen Frauen, wie man vielleicht meinen könnte, sondern vor
dem, was man aus den biblischen Geschichten und ihren Protagonistinnen
gemacht hat.
Kunstgeschichte, Literatur und kirchliche (Predigt-)Tradition haben sich
im Lauf der Geschichte durchweg abwertend mit diesen Frauengestalten
auseinandergesetzt. Am augenfälligsten ist es wahrscheinlich bei der
verruchten und dann büssenden Maria Magdalena, die in durchaus lasziver
Pose so manches katholische Schlafzimmer schmückte. Aber auch die
"Hexe" von En Dor, die Königinnen Isebel und Atalja, Gomer,
die hurerische Frau des Hosea, Herodias und ihre Tochter (Salome) und
die Hure Babylon sind in der Bibel zu finden, bei genauem Hinschauen
allerdings in ganz anderen Konnotationen.
Genau ums Hinschauen aber geht es den Autorinnen dieses Buches,
hinschauen auf die biblischen Texte selbst, aber auch hinschauen auf
eine Wirkungsgeschichte, die eigentlich immer nur mit Männeraugen auf
die Frauen geschaut hat. Sabine Bieberstein zeigt in ihrem einführenden
Artikel zum Thema: "Es kommt auf die Perspektive an!", wie
sich im Laufe der Zeit Opfer- und Täterinnenrolle geradezu vertauscht
haben, z. B. bei Batseba. Oder wie machtvolle Frauen wie die genannten
Königinnen oder starke Frauen in den Gemeinden der Pastoralbriefe
Ängste und Abwehrverhalten auslösen.
Sieben spannende Bibelarbeiten (nicht nur) für Frauen orientieren sich
an den Etiketten und Verdächtigungen, die den biblischen Frauen in der
Kirchengeschichte und bis heute von (überwiegend männlichen) Auslegern
übergestülpt wurden: Die Verführerin, die Hexe, die über Leichen
geht, die Hure, die skrupellose Drahtzieherin, die Verderberin, die
Sünderin. Jede Bibelarbeit bietet nach einer gut verständlichen
exegetischen Hinführung zum jeweiligen Text eine ausgearbeitete
Bibelarbeit nach dem klassischen Dreischritt erfahrungsbezogener
Erwachsenenbildung: Motivation - Textarbeit - Aneignung.
Abgeschlossen wird das Buch durch einen Methodenartikel von Agnes
Wuckelt zum Thema: "Provokation inszenieren".
Man merkt dem Buch an, dass die Erarbeitung den Autorinnen Freude
bereitet hat, nicht nur bei der herrlichen "Büttenrede" von
Anna Kiesow, die einen Streifzug durch die Bibel unternimmt und all die
"bösen Frauen" aufspürt. Sie beginnt ihre Abschnitte jeweils
mit einem kurzen Witz. Den ersten davon möchte ich den zukünftigen
LeserInnen, die ich dem Büchlein reichlich wünsche, nicht
vorenthalten:
"Was sagte Gott nach der Erschaffung des Mannes?" "Das
kann ich besser."
Dieter Bauer
Oktober 2005
Gregor Maria Hoff (Hg.),
Auf Erkundung.
Theologische Lesereisen durch fremde Bücherwelten, Grünewaldverlag
Mainz 2005, ISBN 3-7867-2565-9
„Sie werden lachen – die Bibel“
So antwortete Bertolt Brecht auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch. Der erklärte Atheist und scharfe Religionskritiker Brecht liess sich von der Bibel, ihrer Sprache und ihren Themen immer wieder für seine Arbeit als Theaterschaffender anregen. Er reiste in vielen, auch theologischen Bücherwelten. Gregor Maria Hoff, selbst Theologe, fragte Kolleginnen und Kollegen: Welches nicht-theologische Buch aus dem letzten Jahrzehnt empfehlen Sie zur Lektüre? Welches nicht-theologische Buch sollte eine Theologin/ein Theologe gelesen haben? In seinem Buch gibt er 15 Antworten wieder. Die Bandbreite der gelesenen und empfohlenen Bücher ist gross. Sie reicht von den Harry-Potter-Romanen (empfohlen von Claudia Nothelle) bis zum Soziologiebuch von Niklas Luhmann (Franz Gruber), vom Schwarzbuch Kapitalismus (Thomas Ruster) bis zum Bestseller von Asfa-Wossen Asserate, Manieren (Florian Schuller), von Wolf Biermanns Poetik (Hans-Joachim Höhn) bis zu Robert Menasses Vertreibung aus der Hölle (Susanna Schmidt). Es sind etliche „jüngere“ Theologinnen und Theologen (mit Geburtsjahren in den 60ern), die ich hier zu Wort kommen. Als roter Faden zieht sich durch das breite Spektrum die Frage, wie sie durch das Buch aus einer anderen, „fremden“ Welt, in ihrer Tätigkeit, dem theologischen Denken und Reflektieren, angeregt und herausgefordert werden. Dabei spielt es in fast allen Beiträgen eine wesentliche Rolle wie da jeweilige „fremde“ Buch den eigenen Umgang mit der Bibel kritisch anfragt, anregt und herausfordert und deswegen empfehle ich das Buch an dieser Stelle als bibelpastorales Buch des Monats. Claudia Nothelle listet z.B. eine Vielzahl von biblischen Bildern und Themen auf, die in den Harry-Potter-Romanen vorkommen und so auf eine unterhaltsame und spannende Weise ein breites Lesepublikum erreichen. Wunderschön finde ich ihr Fazit: „Biblisch ausgedrückt würde ich über alle Harry-Potter-Bücher eine einzige Zeile stellen: „Mit der Sehnsucht nach dem Heil ist es wie mit...“. Dann nimmt das grosse Gleichnis vom Zauberlehrling seinen Lauf“ (41). Die biblische Kunst der Rede in Gleichnissen hat sich in der Literatur stärker fortgesetzt als in der Theologie.
Wolf Biermanns Überlegungen zur Poetik, insbesondere zur „Dolmetzscherey“, skizzieren die Schlüsselqualifikationen eines Übersetzers und Auslegers, der auch ein Fürsprecher des Textes sein muss. Damit ist beinahe wortwörtlich eine der zentralen Aufgaben bei der Leitung eines Bibliodramas benannt, die darin besteht „Anwalt bzw. Anwältin des Textes“ zu sein. Und auch das erste von Biermanns „10 Geboten zum gediegenen Dolmetschen“, das da lautet: „Du sollst die Sprache lernen, die du schon kannst: die eigene“ (19) lese ich auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen mit Bibliodrama als Glaubenskommunikation. Wir sind – gerade als Theologinnen und Theologen – herausgefordert, von unseren eigenen Glaubenserfahrungen authentisch sprechen zu lernen.
Die Bibel spielt in der gegenwärtigen Literatur eine grosse Rolle. Theologinnen und Theologen können sich für den Umgang mit der Bibel aus der Gegenwartsliteratur wertvolle Anregungen holen. Beides wird durch die theologischen Lesereisen eindrucksvoll bestätigt. Hoffs Buch will die Leserinnen und Leser anstecken, zu eigenen Lesereisen in fremden Welten anregen. Ich möchte diese Anregung gerne erweitern: in der gesamten Gegenwartskultur, auch in Filmen, Theaterstücken, Ausstellungen ... gibt es Biblisches zu entdecken und lässt sich Wertvolles für den Umgang mit der Bibel lernen. Wir werden – mit Brecht gesprochen – lachen, wie viel sich da entdecken lässt.
Eine letzte Bemerkung noch: mich haben die theologischen Lesereisen umso mehr angesprochen, je mehr ich etwas von der Person der Theologin oder des Theologen gelesen und gespürt habe, die von ihrer Leseerfahrungen schreibt. Je mehr ich wahrgenommen habe, was sie und ihn als Person, als Glaubende und Zweifelnder, die theologisch reflektiert, umtreibt. Das ist mir nicht bei allen Beiträgen gelungen, entsprechend mühsam waren sie für mich zu lesen. Auch solche abstrakten theologischen Abhandlungen sind in diesem Band zu finden. Sie sind aber deutlich in der Minderheit.
Peter Zürn
Beachten Sie zu diesem Buch auch das Zitat der Woche
September 2005
Joachim Kügler / Werner H. Ritter Hrsg.),
Auf Leben oder Tod oder völlig egal.
Kritisches und Nachdenkliches zur Bedeutung der Bibel
(Reihe: Bayreuther Forum TRANSIT - Kulturwissenschaftliche
Religionsstudien Bd. 3), (LIT Verlag) Münster 2005,
208 S., Pb., 19,90 €
[D] / 20,50 €
[A] ISBN 3-8258-8476-7
Es ist die berühmte Zwickmühle, die im "Jahr der Bibel 2003"
wieder besonders deutlich geworden ist: So sehr es wünschenswert ist,
dass Menschen die Bibel lesen und die Ergebnisse dieser Lektüre auch
Einfluss auf unser individuelles und öffentliches Leben nehmen, so
machen wir doch auch die Erfahrung des Missbrauchs. Nur allzu leicht
kann die Bibel auch zur Totschlag-Waffe werden, wie zum Beispiel die
Auseinandersetzungen in Israel oder der Krieg gegen die "Achse des
Bösen" demonstrieren. Die Frage nach einem menschenfreundlichen
Umgang mit der Bibel jenseits von totalitären Lesarten ("auf Leben
und Tod") und liberalistischer Vergleichgültigung ("völlig
egal'') ist jedenfalls eine echte Herausforderung mit hoher Relevanz
für Kirchen, Politik und Gesellschaft. Diese Herausforderung nehmen die
Autorinnen des vorliegenden Buches in bewährt interdisziplinärer Weise
auf: Das Spektrum reicht von Analysen des Umgangs mit Ketzern, Muslimen
und Bibel im Mittelalter über die Frage nach einem angemessenen
Verständnis "gewalttätiger Texte" in der Bibel ("Opfert
ein liebender Gott seinen Sohn?", "Bibel und Gewalt") bis
hin zu wissenssoziologischen Beobachtungen zur Bibel in unserer pluralen
Gesellschaft. Die Beiträge sind hervorgegangen aus einer Ringvorlesung
"Religion am Donnerstag" im Wintersemester 2003/2004 in
Bayreuth. Die Beiträge sind deshalb durchweg verständlich geschrieben,
was angesichts der anspruchsvollen Themen nicht ganz selbstverständlich
ist.
Ich möchte hier nur zwei Beiträge besonders herausheben: In seinem
Beitrag
"Opfert ein liebender Gott seinen Sohn?" (S. 85ff) stellt
Werner H. Ritter die Frage, wie ein "Weihnachtschristentum" -
so sieht er die heutige Religiosität - wohl mit christlichen Essentials
wie Kreuz und Erlösung zurechtkomme. Da für ihn der Ausweg, die
Opfer(tod)vorstellung des christlichen Glaubens einfach für passé zu
erklären, nicht in Frage kommt, muss er nach heute angemessenen
Ausdrucksformen suchen. Er tut dies, indem er - durchaus überraschend -
moderne Opfermythen in Lebenswelt und Popularkultur aufspürt und - wie
bereits 1995 der Praktische Theologe Hans-Martin Gutmann - zu dem
Schluss kommt, dass der Opfermythos heute "einer der zwingendsten
Mythen des Alltags" sei. Er arbeitet dann im folgenden in
vorbildlicher Weise Missverständnisse auf, denen der Mythos-Begriff im
populären Verständnis meist ausgeliefert ist: "unklares,
unaufgeklärtes, naives Reden, das denkenden, aufgeklärten Menschen
nicht mehr ansteht und ihrer unwürdig ist, ... überholt und
antiquiert, unlogisch und unvernünftig." Dem gegenüber hält er
fest: "Der Mythos ist ... nicht alles - aber ohne Mythos ist in der
Religion und im Leben alles nichts. Im Mythos geht es um das, worüber
Menschen nicht exakt reden können, was sie aber gleichwohl nicht
einfach schweigen lässt." Oder um es mit Ludwig Wittgenstein zu
sagen: "Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen
wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch
gar nicht berührt sind." Auf diesem hermeneutischen Hintergrund
geht es dann die Fragen zu den mythischen Be-Deutungen des Kreuzestodes
Jesu und zu "Opfer und Leben" an. An ganz praktischen
Beispielen aus der Geschichte zeigt er, dass sich die in der
Artikelüberschrift gestellte Frage nicht einfach mit ja oder nein
beantworten lässt, weil dies jeweils sehr verengende theologische
Konsequenzen hätte, die diesem Lebensthema nicht angemessen
wären.
Ein anderer Beitrag trägt den provozierenden Titel "Warum man die
Bibel nicht lesen muss" (S. 123ff). Natürlich möchte der
Bayreuther Neutestamentler Joachim Kügler nicht ernsthaft vom
Bibellesen abraten, im Gegenteil. Aber für ihn gibt es tatsächlich
Gründe, die das Bibellesen erschweren: als "heiliger Text"
will die Bibel nicht in erster Linie gelesen werden - das Kirchenlatein
hat dies ja auch für die meisten lange genug verhindert -, sondern eben
verehrt. Und als "kanonischer Text" dient die jeweilige Bibel
- die Auseinandersetzung um die protestantische Anerkennung der
Einheitsübersetzung hat dies erst unlängst wieder gezeigt - in erster
Linie der Identität der Glaubensgemeinschaft, die sich darauf beruft
und stellt damit - ob man das will oder nicht - die Machtfrage.
"Die Sorge um die Auslegung der Bibel war (und ist) die Sorge um
die Macht in Kirche und Welt" (133). Und das bedeutet, dass die
Auslegung in die Hand von Experten gelegt wird, seien es die ExegetInnen
an den Lehrstühlen oder das Lehramt der Kirche. Für das Bibellesen
allerdings ist dies fatal: "Wenn der Textsinn vor allem mit der
kirchlichen Lehrbildung - affirmativ oder kritisch - zusammenhängt, ich
selbst aber mit dieser Lehrbildung nicht befasst bin, wozu muss ich mich
dann überhaupt mit der Bibel auseinandersetzen?" (134)
Abschliessend macht Kügler auf die positiven Chancen aufmerksam, die
die - sonst meist beklagte - Individualisierung des Religiösen bieten
könnte: Sie "stellt ... die, die zukünftig christlich glauben und
leben wollen, vor die Aufgabe, ihr ChristIn-Sein selbstbewusst zu
vertreten. Natürlich kann man sich auch weiterhin vom römischen
Lehramt (oder von jemand anderem) sagen lassen, was das Wesen des
Christlichen ist, aber auch diese Form des autoritätsbezogenen
ChristIn-Seins ist heute und erst recht in Zukunft eine Sache der
individuellen Entscheidung, die vertreten werden muss." (135) Eine
weitere Chance für das Bibellesen sieht der Autor auch dann, wenn mit
den Erkenntnissen der rezeptionsästhetisch orientierten Exegese ernst
gemacht wird, nämlich damit, dass der Prozess des Lesens selbst als
Prozess der Sinnbildung von entscheidender Bedeutung ist, das (selber)
Lesen also durch nichts (!) ersetzt werden kann.
Für alle, denen die Bibel nicht "völlig egal" ist, finden
sich in diesem Buch so viele spannende Anregungen zum Nachdenken, dass
ich es nur wärmstens empfehlen kann.
Dieter Bauer
August 2005
Christoph Dohmen (Hrsg.), Das grosse Sachbuch zur Welt und Umwelt der Bibel
Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart (vollständig überarbeitete Neuauflage) 2005 360 S., Geb., 300 meist farbige Abbildungen und Karten, durchgängig vierfarbig,29,90 € [D] / 30,80 € [A] / 52,20 sFr; ISBN 3-460-30208-9
Nicht immer kann man von einer Neuauflage sagen, dass
etwas wirklich Neues herausgekommen ist. Bei diesem Buch ist es anders.
Schon der erste Eindruck ist äußerst positiv: Aus dem großen
„Bibel-Bilder-Lexikon“ von 1995 ist ein handliches Sachbuch
geworden. Das Buchformat ist reduziert, das frühere dreispaltige Layout
ist einem sehr gut lesbaren Zweispalten-Satz gewichen, und trotz des
kleineren Formats ist das Buch von der Seitenzahl her zwar doppelt so
umfangreich, aber nur unmerklich dicker geworden.
Man sieht, dass das Lektorat einiges investiert hat: Es wurde weder an
der Papierqualität gespart, was den zahlreichen Abbildungen gut tut,
noch hat man sich mit einer bloßen Anpassung an die neue
Rechtschreibung begnügt. Der Herausgeber und seine MitarbeiterInnen
haben Fehler korrigiert und sämtliche Beiträge auf den neuesten Stand
gebracht. Zwölf übersichtliche Kapitel, die jeweils aus einer
thematischen Einleitung und einem lexikalischen Teil bestehen, führen
ein in Archäologie, Land, Land, Orte, Menschen, Völker, Religionen,
Geschichte, Lebenswelt, Glaubenswelt, Religiöse Praxis und Propheten
der Bibel sowie die Bibel als Buch. Jeder Beitrag ist großzügig
bebildert und lädt zum Schmökern geradezu ein. Und ein Register am
Ende des Buches hilft, die jeweiligen Stichworte auch am richtigen
Standort aufzufinden.
Es sind eigentlich nur Kleinigkeiten, die an diesem Buch zu bemäkeln
sind: So wurden manche der vormals großen dreidimensionalen Übersichtskarten
durch kleinere ausgetauscht. Etwas mehr Verweise auf behandelte Stichwörter
hätten gut getan (z. B. auf „Ätiologie“). Und über manche Details
innerhalb der Lexikonartikel wundert man sich noch immer, z. B. woher
die AutorInnen wissen, dass der Jesusknabe nach Matthäus von drei
Magiern besucht worden sei (Stichwort „Magier“). Doch all dies tut
dem Gesamteindruck keinen Abbruch: Es ist ein höchst kompetentes,
handliches und schönes Sachbuch entstanden, das sowohl der raschen
allgemeinverständlichen Information dient wie auch zum Blättern und
Selbststudium einlädt. Dem Herausgeber und seinen MitarbeiterInnen
sowie dem Verlagslektorat kann man nur gratulieren.
Dieter Bauer
Juli 2005
Richard Rohr, Der befreite Mann. Biblische Ermutigungen, Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2005, ISBN 3-460-32109-1, Fr. 18,20
Der Papst ist nackt! Und liebenswert!
Richard Rohr, in den achtziger Jahren bekannt geworden mit seinem Buch „Der nackte Gott“, stellt in einem kleinen Büchlein 12 Männer aus der Bibel vor. Auf 70 Seiten finden sich 5 Männergestalten aus dem Alten Testament (Abraham, Mose, David, Jesaja und Elija), 6 aus dem Neuen Testament (Johannes der Täufer, Petrus, Paulus, Timotheus, der Evangelist Johannes und Jesus) und dazu Josef, der Mann mit Träumen, bei dem Rohr Verbindungslinien zwischen der alttestamentlichen und der neutestamentlichen Figur zieht. Das zeigt schon etwas Wesentliches über das Vorgehen Rohrs: er konzentriert sich nicht auf einen Text zu jeder Männergestalt – auch wenn er jeweils einen Bibeltext voranstellt -, sondern bewegt sich durch die gesamte biblische Überlieferung. Damit wird er sicherlich nicht jedem einzelnen Text gerecht, schafft aber immer wieder überraschende Perspektiven und Zusammenhänge innerhalb der ganzen christlichen Bibel. So sieht er zum Beispiel in Abrahams Diskussion mit Gott um das Schicksal der Stadt Sodom (Gen 18), in der Gott die Stadt „um der 10 Gerechten willen“ verschont, den „Beginn der sich entfaltenden und Überraschungen bergenden Thematik vom Übriggebliebenen, vom Salz der Erde und von der Hefe im Teig“ (Seite 14)
Richard Rohr stellt 12 „wunderbar/schreckliche Männer“ (7) vor. Er lädt ein, sich in den biblischen Männern wieder zu finden, ihre und unsere Seelen einander berühren zu lassen, in ihnen die eigenen positiven und negativen Eigenschaften zu erkennen, die bereits in der Bibel von Gott angenommen sind. Sein Buch ist eine Ermutigung, uns selbst so anzunehmen, wie wir sind. Es richtet sich nicht nur an Männer, an Männer aber ganz besonders.
Richard Rohrs Umgang mit der Bibel und ihrer Wirkungsgeschichte ist erfrischend und voller überraschender Perspektiven. Mich interessierte natürlich besonders mein Namenspatron, Petrus. Etwas ungewohnt setzt Rohr bei Joh 21, 3-7 – der Begegnung mit dem Auferstandenen am Kohlenfeuer ein. Für Petrus ist das eine Bibelstelle, „die den armen Kerl die Kleidung anlegen lässt, bevor er ins Wasser springt, während der Rest der Mannschaft die vernünftigere Bootsfahrt zum Strand vorzieht“. Petrus wird an dieser und anderen Stellen „immer ein bisschen wie ein Clown gezeichnet – aber wie der Clown, der in uns allen steckt ... die Menschlichkeit in ihrer liebenswertendsten, aber auch entmutigendsten Form.“ (40)
Hier setzt Rohrs ermutigende Theologie an: Diesen Clown liebt Gott und diese Menschlichkeit spannt er für seine Absichten ein. Jesus macht ausgerechnet Petrus zum Sprecher und zum Symbol für das ganze neue, von ihm ins Lebens gerufene Unternehmen. Ich glaube mit Richard Rohr: „Es ist wirklich etwas gutes, wenn der eine, der „praktisch nackt ist“, der Anführer werden kann.“ (40) Wie das Kind im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern sagt die Bibel. Petrus ist nackt, er ist fehlbar, er ist wie er ist, nicht mehr und nicht weniger, und kommt so zu Gott. „Sobald ich begriffen hatte, dass fehlbare scheiternde Menschen wie Petrus die Norm sind, war ich in der Lage auf Liebe hoffen zu können – und ich fand Hoffnung für mich selbst“ (44)
Rohrs Buch ist ausdrücklich nicht nur für Männer und nicht nur für Christen gedacht. Es fordert aber mindestens die Bereitschaft und die Fähigkeiten sich innerhalb der Bibel bewegen zu können.
Peter Zürn
Juni 2005

Dorothee Sölle, Fulbert Steffensky, Löse die Fesseln der Ungerechtigkeit. Predigten, Kreuzverlag Stuttgart 2004, ISBN 3-7831-2522-7, CHF 36,10
Das Buch enthält 42 Predigten von Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky. Es bietet einen faszinierenden Einblick in die Predigtpraxis dieses Paares (eine Predigt über Hiob ist ein Dialog zwischen den beiden). Es sind Predigten in ganz verschiedenen Kontexten, bei Trauungen, in einem Trauergottesdienst, beim Seniorenkirchentag, im Gedenkgottesdienst für Oscar Romero, in einem AIDS-Gottesdienst, bei der Semestereröffnung... Das Buch zeigt beide in ihrer kritischen Auseinandersetzung mit biblischen Erzählungen und Texten, die sie in ihrer aktuellen politischen und existentiellen Bedeutung erschliessen: „Einen Bibeltext liest man am besten mit einer Brille, die aus den Nachrichten der Tageszeitung gemacht ist“ rät Dorothees Sölle in ihrer Predigt zu Jesaja 58. Ein Verzeichnis der Bibelstellen hilft bei der Suche nach bestimmten Texten, wenn es auch leider nicht sehr übersichtlich gestaltet ist. Das Buch bietet einen tiefen Zugang zu ihrem Ringen mit Gott, gerade mit dem dunklen Gott, dem Ringen um Gott in den Abgründen der menschlichen Existenz. Es ist ein kämpferisches Buch, klar in seinen Optionen, es ist zugleich ein poetisches Buch, ein Buch, das den Reichtum des Lebens, von dem die Bibel spricht, zu Gehör bringt. Es ist ein Gebets- und Segensbuch:
„Gib uns die Dreistigkeit mehr zu verlangen
mach uns hungrig nach dir
lehr uns beten: ich lass dich nicht
das kann doch nicht alles sein.
Auf uns wartet ein Segen.“
Die Predigten von Sölle und Steffensky sind eine grosse Herausforderung an alle, die selber predigen und sie sind zugleich eine reich gefüllte Schatztruhe. Peter Cornehl beschreibt im Vorwort eine Erfahrung mit Dorothee Sölles Predigten und sieht darin ein Vermächtnis, Vermächtnis im Sinne von Geschenk und Mahnung zugleich. „Gebt euch nicht mit weniger zufrieden!“ ruft er den Gemeinden zu.
En besonderer Schatz in Fulbert Steffenskys Predigten ist sein Humor. So lässt er uns einer alten Dame im Schwarzseidenen begegnen, die gerührt in alten Briefen und Papieren kramt und dabei auf ihre Geburtsurkunde stösst. Darin liest sie, wie sie angefangen hat und dass sie als junger, wilder Wein gedacht war. Sie liest, dass sie einmal so voll des Geistes war, dass man sie für betrunken gehalten hat. Steffensky fragt nach, was von der wilden Schönheit dieses Anfangs bei der alten Dame Kirche heute noch da ist und wer weiss: „Vielleicht wird der Geist sie ja noch einmal erwischen, dass die draussen denken: Die Alte ist schon wieder besoffen.“
Peter Zürn
Elisabeth Schüssler Fiorenza, WeisheitsWege. Eine Einführung in feministische Bibelinterpretation, aus dem Englischen übersetzt von Regula Grünenfelder, Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2005, 324 S., Kt., 24,90 € [D] / 43,70 sFr; ISBN 3-460-25275-8
Feministische theologische Literatur hat zur Zeit nicht
gerade Hochkonjunktur. Gründe dafür dürften sein, dass auch
feministische Theologinnen inzwischen ihr eigenes hoch spezialisiertes
Vokabular entwickelt haben, der Buchmarkt unüberschaubar geworden und
es vielen einfach zu mühsam geworden ist, sich in diese
"Spezialliteratur" einzulesen geschweige denn auf dem
Laufenden zu bleiben. Da ist Schüssler Fiorenzas Buch "WeisheitsWege"
gerade zur rechten Zeit auf dem Markt erschienen. Diese
"Einführung in feministische Bibelinterpretation" liegt in
den U.S.A. bereits seit 4 Jahren vor. Regula Grünenfelder, die das Buch
in kongenialer Weise übersetzt hat, und dem Verlag Katholisches
Bibelwerk ist es nun zu danken, dass sich auch deutschsprachige
LeserInnen mit den grundlegenden Einsichten der weltweit angesehenen
feministischen Exegetin vertraut machen können. Schüssler Fiorenza
lädt in diesem Buch ein, auf "WeisheitsWegen" zu gehen und
den "Tanzkreis" der Interpretation zu bilden, nicht allein,
sondern in radikal-demokratischen Gruppen. Der entscheidende Punkt,
damit es überhaupt zu der gewünschten existentiellen Begegnung mit der
Bibel kommen kann, ist nach Meinung der Autorin, eine radikal befreiende
Perspektive einzunehmen. Für mich als männlichen Leser war
interessant, dass in diesem feministischen Kontext der Begriff
"Frauen" inklusiv für alle Menschen stehen kann und eben
nicht nur Frauen meint. Der Begriff "Frauen" steht
stellvertretend für alle, die in Herrschaftsstrukturen eine sekundäre,
benachteiligte oder unterdrückte Rolle einnehmen. Solchen Menschen -
und das können auch Männer sein - ist bei der Textbetrachtung und in
der daraus resultierenden Praxis Vorrang einzuräumen. Obwohl das Buch
eine "Einführung in feministische Bibelinterpretation" geben
will, ist es nicht gerade einfach zu lesen. Es verlangt den LeserInnen
einiges ab und man merkt, dass es der Autorin fast wie eine
"Summa" geraten ist. Aber gerade das macht es auch
lesenswert.
Dieter Bauer
April 2005
Gerd Theissen, Vom wiedergefundenen Paradies.
Meditative Texte, 48 Seiten, Kreuzverlag 2005. ISBN 3-7831-2524-3
Die Liste der Veröffentlichungen des Heidelberger
Neutestamentlers Gerd ist beeindruckend. Auch beeindruckend vielfältig.
Zur Vielzahl der wissenschaftlichen Schriften kamen in den letzten
Jahren Predigten, Bibelarbeiten und Meditationen hinzu. Neu erschienen
ist jetzt ein kleiner, schöner Band mit meditativen Texten und Bildern.
Er fasziniert mich weniger wegen der Bilder, die sind doch eher
austauschbar mit der Vielzahl von Bildern in der Vielzahl von
Meditationsbüchern.
Faszinierend sind für mich aber die Texte und ihre Sprachbilder.
Theissen verknüpft uralte biblische Worte mit zeitlosen und modernen
menschlichen Erfahrungen: Schöpfung, Vertreibungen, der Baum der
Erkenntnis, von Angesicht zu Angesicht, Barmherzigkeit, Stellvertretung,
Paradiese und neue Wege werden sichtbar und nachspürbar in
alltäglichen Bedeutungen.
Die biblischen Worte und Sprachbilder sind nicht als biblische Zitate
gekennzeichnet, sie kommen leise und sacht daher, bieten sich an, weil
sie Erfahrungen und Sehnsüchte verdichten und anschaulich machen. Es
sind die Worte eines religiös Suchenden, Fragenden und oft auch
Zweifelnden. Besser als meine Worte über dieses Buch zu lesen, ist es
allemal, dessen eigene Worte zu Gehör zu bringen.
"Licht und Finsternis
Es hat keinen Zweck, scharf zwischen Licht und Finsternis zu trennen, zwischen Franz von Assisi und der Inquisition, zwischen der Reformation und den Religionskriegen, zwischen Nächstenliebe und Judenhass, zwischen einem Land, das die Kritik der reinen Vernunft hervorbrachte, und einem Land, das Konzentrationslager baute. Es sind dieselben Menschen. Es ist dasselbe Land. Es ist dieselbe Religion. Es ist dasselbe als Segen und als Fluch, als Hölle und als Paradies."
Peter Zürn
März 2005
Gärten in der Bibel

Brigitte Schäfer (Hrsg.), Gestaltete
Lebensräume.
Gärten als Orte der Verwandlung (Reihe: WerkstattBibel Bd. 8),
Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2005, 96 S., Kt., 11,80 € [D]
/ 12,20 € [A] / 21,10 sFr
"Die Bibel beginnt mit
Geschichten, die in einem Garten spielen. Dieser erste Garten wurde zum
Urbild eines dem Menschen zugedachten und angemessenen Lebensraums, in
dem auch Gott zuhause ist." So führt die Herausgeberin in den
neuen Band der Reihe WerkstattBibel ein.
Nun gehört die Paradiesesgeschichte sicher zu den bekanntesten
biblischen Geschichten, aber sonst? Tatsächlich gibt es durch die ganze Bibel hindurch
immer wieder Szenen, die sich in Gärten abspielen, und Texte, die
Gärten Bedeutungen zuschreiben. Und ganz am Ende der Bibel verwandelt
sich der Urgarten in eine Stadt, das neue Jerusalem. Sich der biblischen
Botschaft unter dem Stichwort "Garten" zu nähern ist also gar
nicht so abwegig, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheinen mag.
So führt eine bibeltheologische Einführung quer durch die
Gartengeschichten und Gartensymbolik der Bibel und kann aufzeigen, dass
immer wieder Gärten als Orte der Verwandlung auftauchen. Sie entstehen
dort, wo Menschen ein Stück Natur gestalten, dem zufällig Gewordenen
eine Form geben. Gärten sind der Schauplatz vielfältiger Erfahrungen
von Menschen miteinander und mit Gott. Sieben solcher Gartentexte aus
dem Alten und Neuen Testament wurden für das vorliegende Buch
ausgewählt und bearbeitet. Sie sind ganz unterschiedlich und stammen
aus sehr verschiedenen Entstehungszeiten und -kontexten.
Das Besondere
dieser Buchreihe ist ihre praktische Erprobung: Wie in anderen
"Werkstätten" zuvor hat sich auch dieses Mal eine
ökumenische Projektgruppe im Winter 2003/2004 regelmäßig in Zürich
getroffen, um die Verläufe auszuprobieren, kritisch zu analysieren und
zu verbessern. Als methodischer Schwerpunkt wurde eine eher meditative
Methode gewählt, die zum Thema "Garten" passend erschien: das
Gestalten mit Legematerial. Auch hierzu gibt es eine gut reflektierte
methodische Einführung. Es ist geradezu faszinierend nachzulesen, wie
die zunächst einfach scheinende Methode im Lauf der Erarbeitung ihr
Potential offenbart. "Die reichen Möglichkeiten der Gestaltungen
und die Tiefe der damit verbunden Erfahrungen überraschten uns selber
immer wieder", schreibt die Herausgeberin.
Wer sich also für
Bibelarbeiten etwas abseits der ausgetretenen Pfade interessiert oder
auch einfach nur das Thema "Gärten in der Bibel" faszinierend
findet, ist mit diesem Buch bestens bedient.
Dieter Bauer
Februar 2005
Nicht nur für Kinder

Beate Brielmaier, Bettina Eltrop (Hg.), Zahlreich wie die Sterne. Familiengeschichten aus dem Hause Abraham. Bibelarbeit für Kinder Band 4, Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart 2004
Ein kleines Bändchen (96 Seiten), das sehr viel bietet: 48 Bausteine für Bibelarbeiten zu den Familiengeschichten „aus dem Hause Abraham“ (Gen 12-25). Mit diesen Bausteinen lassen sich kleinere und grössere Gebäude erbauen. Dazu eine Ideenwerkstatt mit vier ausgearbeiteten Modellen (Familienbibeltag, Verklanglichung mit Orff-Instrumenten, Gottesdienst und Spiellied). Ausserdem eine dichte theologische Einführung in den gesamten Erzählkomplex. Darin besteht eine besondere Stärke des Buches: Die Erzählungen um Abraham und Sara und ihre Familie werden in ihrer Gesamtheit erkennbar, einzelne Texte werden in ihren Zusammenhang gestellt.
Das Buch beinhaltet
Bibelarbeiten zu folgenden Texten:
Aufbruch und Segen – Gen 11,27-12,9
Abraham und Lot – eine
Ent-scheidungsgeschichte -
Gen 13
Verheissungen (Gen 13,14-18; 15,1-6; 16; 21; 22,20-24; 25
Ismael – Gott hört –
Gen 16 und 21
Zum Lachen – Gen 18,1-15
Das Wunschkind – Gen 21,1-8
Es handelt sich um Bibelarbeiten mit Kindern, die auch für Erwachsene spannend sind. Die Themen und Methoden sind an den Interessen und Fähigkeiten von Kindern ausgerichtet, auch Schattenseiten des Lebens werden nicht ausgespart. Die Methoden sind nicht spektakulär und materialaufwändig, sondern vertraut und einfach zu realisieren. Sie bieten in der thematischen Zusammenstellen einen breiten Fundus von Ideen. Ein Beispiel dafür sind Bausteine aus der einführenden Bibelarbeit zu Gen 12,1-5 – Abraham zieht aus seiner Heimat weg und macht sich mit dem Segen Gottes auf in ein unbekanntes Land.
Baustein 2 – „Wenn einer eine Reise macht...“: Bilder mit
Reisemotiven auswählen, mit den Kindern besprechen, welche Gefühle und
Erlebnisse, Hoffnungen und Ängste damit verbunden sind.
Baustein 4 – Segensspuren im eigenen Leben entdecken Baustein
5 – Tonscherben mit Erfahrungen von zerbrochenem und ausgebliebenem
Segen
Baustein 8 – Vertrauenübung:
sich führen lassen
Baustein 10 – Segensgesten kennenlernen und ausprobieren
Die meisten Methoden sind auch in der Arbeit mit Erwachsenen einsetzbar. Viele Bibelarbeiten beziehen Erwachsene mit ein, zielen auf die Bildung von Gemeinde und Netzwerken ab, z.B. eine Gastfreundschaftsaktion in der Gemeinde als Baustein in der Bibelarbeit zu Gen 18. Immer wieder wird auch die interreligiöse Bedeutung der Geschichten für Judentum, Christentum und Islam betont und entfaltet, z.b. in der Bibelarbeit zu Ismael (Gen 16 und 21).
Die Einführung zum gesamten Erzählzyklus und zu den einzelnen Texten bildet eine dichte Weiterbildung für die Leiterinnen und Leiter. Unter der Überschrift „Nicht für Kinder – aber spannend“ finden sich Hintergründe zu folgenden Texten:
Abraham und Sara in Ägypten (Gen 12) und Gerar (Gen 21) oder: Abraham lügt
Beschneidung (Gen 17)
Sodom und Gomorrah, Lots Töchter (Gen 18 und 19)
Isaaks Opferung (Gen 22)
Inhaltlich
sind vor allem die „Irritationen“ zu erwähnen, um die das Buch sich
bemüht. So z.B. das differenzierte Bild von Abraham mit seinen
Schattenseiten („Abraham lügt“). Ausserdem wird ein besonderes
Augenmerk auf die Rolle der Frauen im Erzählzyklus gelegt.
Schliesslich sorgt die durchgehende Reflexion über die Bedeutung der
biblischen Familiengeschichten und vor allem von Abraham und Sara in der
Exilszeit für wichtige Erkenntnisse: Das Volk Israel hält sich in den
Geschichten einen Spiegel vors Gesicht und verarbeitet eigene
Erfahrungen im Erzählen der Geschichte von der Verheissung
und ihrer Gefährdung.
Ungewöhnlich für ein dünnes Bändchen ist der Serviceeteil mit
Bibelstellenregister und einem kleinen, aber feinen Anhang mit Wort- und
Sacherklärungen.
Ein Buch für die Praxis mit viel Hintergrund auf engstem Raum.
Peter Zürn
Januar 2005
Otmar Keel / Silvia Schroer, Eva – Mutter alles Lebendigen. Frauen- und Göttinnenidole aus dem Alten Orient, Academic Press Fribourg 2004, 288 S., zahlr. vierfarbig illustriert, 36,00 € [D] / 55,00 sFr; ISBN 3-7278-1460-8
Kennen Sie das auch? Sie stehen im Museum vor einer Vitrine, in der Figürchen ausgestellt sind, die offensichtlich weiblich sind. Auf der zugehörigen Beschriftung heisst es dann „Weibliche Figur“. Das hatten Sie sich eigentlich selbst auch schon gedacht.
Wer wissen möchte, warum das gar nicht so einfach ist mit der Bezeichnung von Frauen- und Göttinnenfigürchen, Amuletten, weiblichen Motiven auf Roll- und Stempelsiegeln oder Münzen, der muss zum vorliegenden Buch greifen.
In „Eva – Mutter alles Lebendigen“ haben Otmar Keel und Silvia Schroer in akribischer Kleinarbeit 240 solcher Objekte aus dem Alten Orient – überwiegend aus der Sammlung des Museums „Bibel+Orient“ in Fribourg – vorgestellt und beschrieben. Zwei umfangreiche Prologe von Silvia Schroer informieren über die Entwicklung der Frauen- und Göttinnenidole aus dem Alten Orient innerhalb eines Zeitraums von der Jungsteinzeit bis in die frühbyzantinische Zeit, also über 10 Jahrtausende. Man sieht aber auch, wie die Archäologie über viele Jahrhunderte – zeitgeschichtlich bedingt – ihre liebe Mühe hatte mit der Einordnung weiblicher Nacktheit: Waren das nun Göttinnen, Priesterinnen oder ganz normale Frauen, die dargestellt wurden? Und es wird nicht verschwiegen, dass auch die feministische Forschung manchmal ihre Mühe hat: Geht es hier um Powerfrauen, oder ist es schlichte Pornographie? Sind dies göttliche Vorbilder für starke Frauen oder Projektionen des männlichen Blicks? Die Übergänge scheinen oft fliessend. Und nimmt man religiöse und poetische Sprache wirklich ernst, dann sind sie es heute noch: profane Frauen begegnen noch heute als „Göttinnen (des Films)“ etwa oder als Idole.
Interessant ist auch, wie sich über die Jahrtausende eine gewisse Kontinuität in den Darstellungstypen und Konstellationen zeigen lässt. Und doch gibt es – bedingt durch zeitgeschichtliche Entwicklungen – „Ausfälle“ bestimmter Typen oder Schwerpunktsetzungen, etwa des kämpferischen Aspekts in Kriegszeiten. Dass sich das Thema nicht nur in der Ikonographie des Alten Orients aufzeigen lässt, sondern durchaus auch an der Entwicklung des Marienbildes im christlichen Kontext, zeigt Otmar Keel in seinem Epilog.
Das
aufwändig gestaltete und reich bebilderte Werk ist eine Fundgrube für
jeden an Bibel und Altem Orient Interessierten. Den Forschenden ist eine
wichtige Dokumentation an die Hand gegeben. Aber das schöne Buch lädt
auch einfach ein zum Schmökern und Geniessen.
Dieter Bauer
Dezember 2004
Ein spannendes Buch zur Gottesfrage

Felix Senn (Hg.), Welcher Gott? Eine Disputation mit Thomas Ruster. Jubiläumsschrift 50 Jahre „Theologie für Laien“ in der Schweiz, Edition Exodus Luzern 2004, ISBN 3-905577-69-0
Herzlichen Glückwunsch auch an dieser Stelle an alle, die die 50jährige erfolgreiche Geschichte von Theologie für Laien“ mitgeprägt haben, herzlichen Glückwunsch an das aktuelle Team von theologiekurse.ch für die Gestaltung des Jubiläumsjahres 2004! Es war ein Jahr intensiver theologischer Auseinandersetzung um die zentrale Frage jeder Theologie, die Frage nach Gott. Ausgangspunkt war das Buch „Der verwechselbare Gott“ von Thomas Ruster (Freiburg i.Br. 2000). Seine Grundthese: Die alles bestimmende Wirklichkeit - wie früher Gott zu fassen versucht wurde - sei heute nicht mehr Gott, sondern das Kapital. Diesem vertrauten Götzen sei der fremde Gott der Bibel entgegenzustellen und neu kennen zu lernen.
Die grösste Wirkung hatte die These von Thomas
Ruster zunächst in der Religionspädagogik. Kein Wunder, formulierte er
doch als Konsequenz seiner Ausrichtung auf den „fremden Gott der
Bibel“ eine Absage an erfahrungsorientierte Verkündigung und
Katechese. Im Buch „Welcher Gott?“ nehmen jetzt die Dozentinnen und
Dozenten des Studiengangs Theologie Stellung und setzen sich damit aus
den Blickwinkeln ihrer jeweiligen theologischen Fachgebiete mit Rusters
Thesen auseinander: Dieter Bauer und Sabine Bieberstein aus biblischer
Perspektive, Albert Gasser aus Sicht der Kirchengeschichte, Ursula Port
Beeler als Religionsphilosophin, Odilo Noti aus
systematisch-theologischer und Urs Eigenmann aus praktisch-theologischer
Sicht. Dass die Bibelpastorale Arbeitsstelle mit ihrem Leiter, Dieter
Bauer, und ihrer früheren Mitarbeiterin, Sabine Bieberstein, so stark
vertreten ist, zeigt nicht nur die gute und enge Zusammenarbeit zwischen
BPA und theologiekurse auf. Die beiden Beiträge aus biblischer
Perspektive machen deutlich, wie stark Rusters Anfragen an die Theologie
mit Anfragen an die Bibel zu tun haben. Dieter Bauer zeigt aus Sicht des
Ersten Testamentes, dass der von Ruster beschriebene „fremde Gott“
tatsächlich im Hauptstrom biblischer Überlieferung ist. Bauer macht
dies in einem Gang durch drei wesentliche Etappen der Entstehung des
Esten Testamentes deutlich, in denen mit dem Glauben an den biblischen
Gott Widerstand gegen die herrschenden Mächte formuliert wurde: die
apokalyptische Bewegung, die Exilszeit und die Exodusüberlieferung. Er
weist aber auch darauf hin, dass es neben dem fremden Gott im Ersten
Testament eine Fülle von Gottesvorstellungen gibt, die sich in anderen
Religionen und Kulturen wiedererkennen lassen. Sowohl die Theologie des
fremden als auch die des
wiedererkennbaren Gottes sind hilfreich und fruchtbar. Sabine
Bieberstein zeigt anhand der neutestamentlichen Rede von Gott, wie sehr
diese an Erfahrungen ihrer Leserinnen und Hörer anknüpft und
gleichzeitig die Macht Gottes von der menschlich, gesellschaftlich und
politisch erfahrbaren Herrschaft abgrenzt, die Opfer produziert. Die
Macht Gottes zeigt sich gerade da, wo lebensfeindliche Herrschaftsverhältnisse
durchbrochen werden. Der biblische Gott ist also nicht einfach an sich
der Fremde und Unverwechselbare. Beide Beiträge aus biblischer Sicht münden
in einen wesentlichen Unterscheidungsbedarf bei aller Arbeit mit der
Bibel: Wer sich auf den biblischen Gott bezieht, muss offen legen, von
welchem Gott er/sie spricht, welche Geschichten er/sie heranzieht und
warum. Es braucht eine kritische Bibelhermeneutik, mit der sich auch ein
biblischer Text mit Hilfe eines anderen kritisieren lässt. Es braucht
vor allem den Bezug auf konkrete Geschichten mit dem Leben konkreter
Menschen. So wird der biblische Gott unverwechselbar. Ein abstrakter
Gott, auch der abstrakte Gott der Bibel ist missbrauchbar.
Peter Zürn
November 2004
Annemarie Ohler, dtv-Atlas Bibel (dtv Sachbuch 3326), Deutscher Taschenbuch Verlag München 2004, Kt., 288 S. m. 115 farb. Abb., 19,50 € [D] / 20,10 € [A] / 33,00 sFr, ISBN 3-423-03326-6
Man merkt diesem Buch einfach an, dass sich die Autorin ein Leben lang nicht nur theoretisch mit dem Buch der Bücher auseinandergesetzt hat, sondern stets auch in der pädagogischen Vermittlung tätig war. So haben die Leserinnen und Leser hier ein Kompendium vor sich, dass auf sehr anregende und leserfreundliche Art und Weise in die Bibel und die mit ihr zusammenhängenden Themen einführt: In Inhalt und Entstehung des Alten und des Neuen Testaments, die verschiedenen literarischen Gattungen und Erzählwerke, die Geschichte Israels und der frühen Kirche wie auch die Entstehung des biblischen Kanons der Juden und Christen.
Das Werk ist auf dem aktuellen Stand heutiger Exegese und wird durch ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Bibelstellen- sowie ein Personen- und Sachregister abgerundet.
Von Anfang bis zum Schluss sind dem Text des Buches
jeweils ganzseitige Abbildungen beigegeben, die das dort Gesagte ins
Bild bringen. Das kann naturgemäss nicht immer gleich gut gelingen.
Aber es finden sich geradezu geniale Umsetzungen, denen man die Herkunft
aus der Erwachsenenbildung und die jahrzehntelange Erfahrung der Autorin
in der Vermittlung ansieht. Dabei handelt es sich nicht nur um die
gewohnten Karten, Geschichtstafeln und Tabellen, sondern es wird
durchgehend versucht, auch theologische Inhalte und biblische Spannungsbögen
zu visualisieren. Inspiriert sind diese eigens für das Buch
angefertigten Zeichnungen meist von der zeitgenössischen Bildkunst, was
auch die damaligen Sehgewohnheiten ernst nimmt. Wer weiss, dass Verlage
heute gerade bei den Abbildungen sparen, zum Schaden aller eher visuell
veranlagten Menschen, kann dem Deutschen Taschenbuch Verlag zu diesem
Werk nur gratulieren. Ich meine, dass dieses Buch in die Hand eines
jeden in der biblischen Vermittlung Tätigen gehört, als
Nachschlagewerk und Inspirationsquelle für die eigene (visuelle)
Vermittlung biblischer Sachverhalte.
Dieter Bauer
Oktober 2004
Othmar Keel / Ernst A. Knauf / Thomas Staubli, Salomons Tempel, Academic Press Fribourg 2004, 64 S., Br., € 8,30 / Fr 12,50,ISBN 3-7278-1459-4

Seit
kurzem verleiht das BIBEL+ORIENT MUSEUM Fribourg (CH) ein Modell des
Salomonischen Tempels für Ausstellungen (vgl. BiKi 3/2004, S.179). Nun
ist als Begleitbuch dieses Büchlein erschienen, um die Welt des
Jerusalemer Heiligtums interessierten Laien in ihren Grundzügen
anschaulich zu erschließen.
Wie könnte
es anders sein: Die Autoren bürgen für Qualität. Was sie auf diesem
engen Raum von 64 Seiten an erhellenden Informationen in Text und Bild
untergebracht haben, ist schon erstaunlich:
Ein
erstes Kapitel informiert über die „Geschichte des Tempels von
Jerusalem“. Diese allerdings beschränkt sich nicht auf den
salomonischen Tempel selbst, sondern informiert gleichzeitig darüber,
was ein „Tempel“ überhaupt ist, über die vorisraelitischen (Sonnen-)Heiligtümer
auf dem Tempelberg, über die „Palastanlage Salomos mit Tempel“,
Zerstörung, Wiederaufbau nach dem Exil, den herodianischen Tempel der
Zeit Jesu und schließlich den Felsendom.
Ein
zweites Kapitel erklärt die Elemente des Jerusalemer Tempels und deren
Symbolik. Gerade hier zeigt sich die Stärke der Forschungen Othmar
Keels und seiner Schule. In einer wahren Fülle werden vergleichbare
Elemente aus der Umwelt Israels zur Erklärung beigetragen und ins Bild
gebracht. Diese religionsgeschichtliche Vertiefung der Symbolik führt
immer wieder zu „Aha-Erlebnissen“ und ist besonders auch für
diejenigen interessant, die auf Orientreisen immer wieder mit anderen
Tempeln und Religionen in Berührung gekommen sind. Schritt für Schritt
dringt man vor durch die Vorhöfe des Tempels bis hin zum
Allerheiligsten und der Frage, was denn nun genau darin zu sehen war (JHWH
und seine Aschera?).
In
einem dritten Kapitel wird auf das Leben im Tempel eingegangen: Priester
und Leviten, Opfer, Musik, Gesänge und Wallfahrten. Wer z. B. konnte
bisher spontan sagen, was ein Brand-, Speise-, Heils-, Reinigungs- oder
Schuldopfer denn nun genau sei? Darüber wird kurz informiert und auch
die Frage „Welchen Sinn haben Opfer?“ nicht ausgeklammert.
Ein
viertes Kapitel schließlich zeigt das reiche Nachleben des Tempels in
Judentum, Christentum, Islam und schließlich der Freimaurerei auf.
Das Büchlein
ist eine wahre Fundgrube an Informationen zu allen Fragen um den Tempel
von Jerusalem und gehört in den Bücherschrank nicht nur der Theologen,
sondern aller Bibelinteressierten. Es ist im übrigen auch eine gute Ergänzung
zu „Welt und Umwelt der Bibel 13: Der Tempel von Jerusalem“.
Dieter Bauer
Bibel heute 165 1/2006

“Judas” heisst die neue Ausgabe der Zeitschrift “Bibel heute”, die im Katholischen Bibelwerk erschienen ist.
Seit jeher hat er die Menschen in ganz besonderer Weise fasziniert: Judas, der Jünger, der Jesus verriet. Während es für die einen klar war, dass dieser Mensch die schlimmste Schuld auf sich geladen hatte, die ein Mensch nur auf sich laden kann, stellten sich für andere eher Fragen: Was soll Judas denn nun verraten haben? Und wenn das Sterben Jesu wirklich notwendig für das Heil der Menschen gewesen sein soll, war dann Judas nicht eher ein „göttliches Werkzeug“? Ja: Müsste man ihn nicht eher heiligsprechen?
Angesichts solcher Fragen wirft „Bibel heute“ einen Blick in die ältesten Quellen der Judasüberlieferung, die Evangelien, und fragt: Was können wir wirklich von Judas wissen? Und es zeigt sich, dass schon die Evangelisten sich ein sehr unterschiedliches Bild von Judas gemacht haben. Und dieses Bild scheint sich im Lauf der Geschichte immer mehr verdunkelt zu haben bis Judas dann tatsächlich zum Inbegriff des „ewigen Juden“ geworden war – mit den bekannten katastrophalen Folgen.
Dass es auch anders geht, zeigt ein alternativer Blick in die Wirkungsgeschichte dieser Judasbilder vom Kirchenvater Origenes bis zur modernen Literatur. Die Auseinandersetzung mit der Figur des Judas lohnt sich allemal.
Übersichtlich und materialreich gestaltet, bietet „Bibel heute“ gute Anregungen für die Beschäftigung mit „Judas“ in Schule, Gemeinde, Bibelarbeit und privater Lektüre.
„Bibel heute” ist erhältlich bei:
Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Tel.
044-2059960, Fax 044-2014307, info@bibelwerk.ch (Fr. 10.- zzgl. Versand)
Bibel und Kirche 51 1/2006

„ Jenseitsvorstellungen im Alten Testament “ heisst die neue Ausgabe der Zeitschrift „Bibel und Kirche“ im Katholischen Bibelwerk.
Der Tod ist in der Bibel kein Tabu-Thema. In nüchterner – oft geradezu erschreckender – Realitätssicht sprechen die Texte davon, dass jeder Mensch sterben und in die Unterwelt hinab muss.
Ursprünglich bestand nach dem Glauben Israels eine tiefe Kluft zwischen Gott und der Unterwelt. Der Gott Israels konnte als ein Gott des Lebens mit der Unterwelt nichts zu tun haben.
Und doch: Die Frage, ob die Verbundenheit eines Menschen mit Gott an der Grenze des Todes zerbricht, wurde immer drängender. War Gott wirklich nur ein Gott der Lebenden und nicht auch der Toten?
Die Beiträge dieser Ausgabe von „Bibel und Kirche“ führen in die Auseinandersetzung Israels mit dem Lebensthema Tod, von unterschiedlichen Vorstellungen und Bildern über archäologische Grabfunde, Totenbeschwörungen und der Entrückung des Propheten Elija bis zur beginnenden Jenseitshoffnung in den späten Schriften des Alten Testaments.
„Bibel und Kirche“ ist erhältlich bei:
Bibelpastorale Arbeitsstelle, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Tel. 044-2059960, Fax 044-2014307, mail: info@bibelwerk.ch (Fr. 10.00 + Versand).
Welt und Umwelt der Bibel 39 1/2006

Die neueste Ausgabe der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel” erschien im Katholischen Bibelwerk unter dem Titel „ Athen – Von Sokrates zu Paulus “.
Athen, die Stadt mit faszinierend mythischer Vergangenheit, war in der Antike das Zentrum von Wissen und Denken, von Kunst und Kult. Bis heute fördern Ausgrabungen neue Spuren zutage. Zugleich steht Athen für die Auseinandersetzung des Christentums mit der heidnischen Welt. Der Evangelist Lukas lässt den Apostel Paulus in Athen wie einen antiken Philosophen auftreten. Er nimmt griechische Vorstellungen auf und führt sie christlich weiter. Auch die Briefe des Paulus zeigen solches Denken. Doch stehen sich nicht einfach jüdisch-christlicher „Monotheismus" und heidnische Götterwelt gegenüber. Im griechischen Denken gab es bereits seit dem 5. Jh. v. Chr. monotheistische Gottesvorstellungen, und in den ersten christlichen Jahrhunderten verbreitet sich der Glaube an einen Gott auch unter Nichtchristen!
Diese Ausgabe von „Welt und Umwelt der Bibel“ zeigt in einer Vielzahl von Artikeln das Leben im antiken Athen und die Verbreitung des Monotheismus durch Paulus.
Aktuelle archäologische Meldungen kommentieren u. a. kritisch den Fund der angeblich ältesten christlichen Kirche bei Megiddo. Ausstellungshinweise, Buchtipps und Internetlinks runden das Heft ab.
„Welt und Umwelt der Bibel” ist erhältlich bei:
Schweizerisches
Katholisches Bibelwerk, Bederstrasse 76, 8002 Zürich,
Tel. 044-205 99 60, Fax 044-201 43 07, mail: info@bibelwerk.ch.
Unsere Ernte des Lesens in einer Woche; manchmal verbunden mit aktuellen Arbeitsprojekten, manchmal Entdeckungen, die sich unvermutet auf unverzweckten Lesespaziergängen ergeben ... Eine (kursiv gedruckte) Bemerkung zu Beginn soll unseren Zugang zum Text erkennbar machen.
Peter Zürn und Dieter Bauer
17/2006
Ich bin im Zusammenhang mit unserem neuen Kurs „Glaubenssache. 7 christliche Updates“ auf das Buch von Anselm Grün gestossen. Der Kursabend, der sich mit dem historischen Jesus, seiner Botschaft und Praxis beschäftigt, setzt sich auch mit Jesusbildern auseinander. Unter dem Titel „Zum Wohl – Anstossen auf das Reich Gottes“ wird das Bild von Jesus als „Fresser und Säufer“ zum Anlass genommen, nach dem zu fragen, was Jesus feiert: das Reich Gottes. Das ungewohnte Bild von Jesus als Fresser und Säufer entdeckte ich auch unter den 50 Bildern von Jesus, die Anselm Grün zeichnet. Und daneben noch 49 andere, ebenso ungewohnte und ganz bekannte.
"Bilder legen nicht fest. Sie sind wie ein Fenster, durch das wir in die Weite hinausschauen. Jedes Fenster bietet eine andere Aussicht. Bilder laden jeden ein, sich sein eigenes Bild zu machen. Bilder öffnen die Augen. Aber sie lassen uns auch die Freiheit, über ein Bild hinwegzusehen, wenn es uns nicht anspricht. Bilder wollenein Fenster öffnen, damit wir Jesus auf neue Weise sehen. Bilder zeigen etwas von Jesus, was eine begriffliche Theologie nicht veranschaulichen kann... Bilder sind wie Fahrzeuge. Sie bringen uns in Bewegung. Aber manchmal bleiben Fahrzeuge auch stehen … Dann müssen wir in ein anderes Fahrzeug umsteigen, dann müssen wir andere Bilder suchen, die uns Neues an Jesus entdecken lassen"
Anselm Grün, Bilder von Jesus, Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach 2001, S. 10.
15/2006
Fulbert Steffenski macht immer wieder darauf aufmerksam, dass die biblischen Überlieferungen überlebensnotwenig sind wie das tägliche Brot. Unter der Überschrift "Das Brot, das uns die Toten gebacken haben" plädiert er gegen eine "Hermeneutik des Verdachts" für die Wahrheitsvermutung gegenüber den alten Traditionen:
"Wer
Tote hat und ihr Gottesgespräch in den Traditionen, steht auf den
Schultern dieser Toten, und er rechnet damit, dass man ihnen vergeben
muss, wie auch unsere Kinder uns einmal vergeben müssen. Der Verdacht
gegen die Traditionen kann nie ganz ausgeschlossen werden. Aber wo der
Verdacht der vorrangige Auslegungshorizont ist, da kann der Geist der
Toten nicht verstanden werden. Sich zu einer Tradition zu verhalten,
heisst, ihr hauptsächlich mit der Wahrheitsvermutung gegenüberzutreten.
Es wird Zeit, dass wir unser pubertäres Misstrauen gegen die alten
Texte aufgeben. Wir wissen, was sie manchmal angerichtet haben. Aber wir
haben keine Zeit mehr, das Brot zu verachten, dass uns die Toten
gebacken haben."
14/2006
Thomas Ruster schafft es immer wieder, die Themen der traditionellen Theologie (die ich für mich oft schon ad acta gelegt hatte) mit Blick auf die heutige Welt zu denken, so dass es mich persönlich und theologisch umtreibt. Hier die Erbsündenlehre.
"Noch jede an sich unschuldige Handlung unserer Selbsterhaltung und Lebensführung ist derart mit ungerechten und schädlichen Strukturen verknüpft, dass sie zur Ausbreitung des Bösen beiträgt. Die harmlose Tasse Kaffee hängt mit den Hungerlöhnen der Plantagenarbeiter zusammen, das Gemüse mit den umweltschädlichen und arbeitsplatzvernichtenden Verfahren der Agro-Industrie, der Elektroherd lässt die Atomkraftwerke anspringen, der preisgünstige Einkauf lässt den Einzelhandel sterben und die Städte veröden, der Hausbau treibt die Bodenversiegelung voran, das Autofahren belastet vielfältig die Umwelt bis hin zur Klimakatastrophe, bis hin zum Krieg um Öl usw. Hier geht es nicht einfach um umweltgerechtes Verhalten, das etwa noch gelernt werden müsste. Das Problem liegt vielmehr in der Kopplung der elementaren Lebensinteressen der einzelnen mit dem Überlebensinteresse des ökonomischen Systems. Es ist unsere Art von Rationalität, unser Verständnis von vernünftigen, wirtschaftlich sinnvollen Entscheidungen, das uns narrt und uns an die Macht des Bösen, das so keiner will, ausliefert. Es geschieht,, was alle wollen, aber das Ergebnis ist überhaupt nicht das, was alle gut finden. So hat es dieses System, gekoppelt mit den Lebensinteressen der Menschen, dazu gebracht, die theologische Lehre von der Erbsünde wieder in strahlendes Recht zu setzen: Ein jeder und eine jede wiederholt aus freiem Willen die Sünde der Väter und Mütter und verstärkt sie und kann nicht anders."
Thomas Ruster, Wandlung. ein Traktat über Eucharistie und Ökonomie, Grünewald Verlag 2006, S. 15f.
13/2006
Gedanken zu Tod und Auferstehung
"Der Tod ist ... wie die Geburt. Wenn das Kind
geboren wird, verlässt es en bis dahin nährenden Mutterschoss. Dieser
ist nun zu eng geworden. Die Lebensmöglichkeiten im Uterus, in der
Gebärmutter, sind erschöpft. So gerät das Kind in eine gewaltige
Krise, wird von allen Seiten gedrückt und gepresst und schliesslich in
die Welt geworfen. Zu diesem Zeitpunkt weiss es noch nicht, dass ihm
durch diesen Vorgang eine Welt eröffnet wurde, die weiter ist, als der
Mutterschoss es war, eine Welt mit ausgedehnten Horizonten und
grenzenlosen Möglichkeiten der Kommunikation.
Im Tod muss der Mensch durch eine ähnliche Krise. Er wird schwächer,
das Atmen fällt ihm schwerer, der Todeskampf überkommt ihn und
schliesslich wird er aus der Welt gerissen. So wie knapp vor der Geburt,
weiss er auch in dieser Situation des Sterbens noch wenig davon, dass
ihn eine wesentlich weitere Welt erwartet. Hier kennt die volle
Entwicklung des inneren Menschen ... keine Grenzen mehr. Wie ein Keim
hatte er begonnen und konnte Knospen bilden, jetzt aber blüht er in
einem Frühling auf, den kein Kälteeinbruch mehr beendet."
Leonardo Boff, zitiert nach Linzer Bibelsaat 95, März 2006, S. 8.
10/06
"Das Wissen über Religionen gehört zur Allgemeinbildung."
Regine Aeppli, Bildungsdirektorin ZH, als Begründung für das neue obligatorische Schulfach "Religion und Kultur" an Zürcher Schulen, zitiert nach dem Tagesanzeiger vom 8.3.2006, S. 15.
09/06
Die Verfilmung des Bestsellers "Sakrileg" / "The Da Vinci Code" - zu der auch die BPA mit besonderen Angeboten aktiv wird (siehe Aktuelles) - wirft ihre Schatten voraus. Ist Dan Browns Buch ein Plagiat oder nicht? Ein Gericht wird in 2 Wochen entscheiden. Dem kommerziellen Erfolg von Buch und vermutlich auch Film wirds nicht schaden. Beinahe zwei Jahre ist das folgende Zitat alt, als die Aufregung um das Buch noch neuer war, aber es beschreibt immer noch treffend die merkwürdige Gespaltenheit im Umgang mit diesem Buch, die ich auch bei mir kenne.
""The Da Vinci Code" ist ein Thriller, den selbst amtliche Literaturkritiker verschlingen, die sich hinterher wie bussfertige Sünder aufführen. Ziemlich verklemmt und literaturbetriebsverflossen sitzen sie dann zu Gericht und exorzieren in den Rezensionen ihr Vergnügen - als seien die Leser zu dumm, um zu merken, dass sich da einer kasteit, weil er seinen Spass gehabt hat. Moderne Flagellanten, die sich für die Lust am sogenannten Trivialen geisseln."
Peter Körte, Wo, bitte, geht's zum Gral? Ein Whopper-Plot: Dan Browns Thriller "Sakrileg" flirtet mit dem Untergang des Abendlandes und knackt den Da-Vinci-Code in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 20.3.2004
08/06
2006 wird ein Jahr neuer Bibelübersetzungen. Die "Bibel in gerechter Sprache" und die überarbeitete "Zürcher-Übersetzung" kommen heraus. In der Zeitschrift "Texte und Kontexte" 2-2/2005 hat Ton Veerkamp das Johannesevangelium neu übersetzt. Er macht dazu "Einige notwendige Vorbemerkungen". Unter anderem diese:
"Der Text ist durch seine Deutungs- und Wirkungsgeschichte ein Wesenselement meiner Vergangenheit. Das Sein der Vergangenheit ist kein blosses Nicht-mehr-Sein. Es ist aktuell und da als meine Vergangenheit. Seine Aktualität und sein Dasein sind auch von dem geprägt, was der Text bewirkt hat und wie er mich in einen Zusammenhang mit einem Verbrechen stellt, ein Verbrechen, das sich bis heute dem Licht des rationalen Denkens entzieht. Der Text ist seine Wirkungsgeschichte; er ist wirklich für mich. Aber der Text hat das Moment der Transzendenz. Er ist seine Wirkungsgeschichte, indem er sich seiner Wirkungsgeschichte entgegenstellt. Wenn wir übersetzen: "Ihr (Juden) stammt vom Teufel als eurem Vater und wollt die Gelüste eures Vaters tun" (8,44; Zürcher Bibel), dann aktualisieren wir die antijüdische Wirklichkeit des Textes. Auschwitz ist so eine Wirklichkeit des Textes, denn Auschwitz ist reale Möglichkeit der Menschheit. Die Menschheit hat - nicht hatte - Auschwitz als ihre Möglichkeit und ihre Wirklichkeit. Der Text transzendiert diese menschliche Möglichkeit und Wirklichkeit, weil er seine eigene Wirkungsgeschichte transzendiert. In seiner Wirkungsgeschichte ist er Element unserer Vergangenheit, aber der Text gehört unserer Vergangenheit nicht an. Indem wir den Text aus dem Gefängnis unserer Vergangenheit entlassen, kann er uns seine eigene Aktualität entfalten. Der Diabolos des Textes ist etwas ganz anderes als der christliche Teufel. Wenn wir den Diabolos zurückführen auf seine schriftmässige Wurzel Satan und somit auf den - übermächtigen - politischen Gegner, dann wird den Gegnern Jeschuas vom Text vorgeworfen, sie täten das, was das Römische Reich (Diabolos, Satan) will, sie seien Kollaborateure. Ob diese Behauptung dem Gebot der historischen Fairness Genüge tut, mag man bezweifeln, aber das tut nichts zur Sache. Jedenfalls sind die "Juden" für das Johannesevangelium andere, als die, die Juden für das Christentum waren - und mancherorts immer noch sind ... Das rechte Übersetzen bedeutet also, dem Text zu seinem eigenen Recht zu verhelfen."
Ton Veerkamp, Das Johannesevangelium in kolometrischer Übersetzung. Einige notwendige Vorbemerkungen, in: Texte und Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 106/107, 2-3/2005, S. 9 (Hervorhebungen vom Autor)
07/06
Zum 100. Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer am 4. Februar 1906 und zugleich eine Selbstverpflichtung für unsere Arbeit:
"Bonhoeffer beginnt das Neue Testament vom Alten Testament her zu lesen und nicht umgekehrt ... "Ich habe in den vergangenen Monaten auch viel mehr Altes Testament als Neues Testament gelesen. Nur wenn man die Unaussprechlichkeit des Namens Gottes kennt, darf man auch einmal den Namen Jesus Christus aussprechen; nur wenn man das Leben und die Erde so liebt, dass mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint, darf man an die Auferstehung der Toten und an eine neue Welt glauben; nur wenn man das Gesetz Gottes über sich gelten lässt, darf man wohl auch einmal von der Gnade sprechen..." "Wir leben im Vorletzten und glauben an das Letzte", aber man darf das letzte Wort nicht vor dem vorletzten Wort sprechen."
Jürgen Moltmann, Dietrich Bonhoeffer und die politische Theologie. Eine persönliche Würdigung, in: Orientierung 2/2006, S. 14-18, hier: S. 16 (Zitate von Bonhoeffer nach diesem Text)
06/06
Zum Verhältnis des Alten Testamentes zur ägyptischen und kanaanäischen Kultur seiner Umwelt. Ein Beitrag zur "vertikalen Ökumene"
"Das Judentum setzte sich doch sehr bewusst von den damaligen Göttern ab. - So beschreibt es das Alte Testament. Die wirklichkeit war vermutlich anders. Ich verstehe die Abgrenzung des Judentums, wie sie im Alten Testament beschrieben wird, als Reaktion, die dem Verhalten von pubertierenden Jugendlichen gleicht. Diese sagen ja auch, wo immer sie nur können: "Bloss nicht so wie meine Eltern!" Und wenn sie dann 40 sind oder älter, stellen sie plötzlich fest, dass sie viel mehr von ihren Eltern übernommen haben, als sie eigentlich dachten. So ähnlich geht es auch in der Menschheitsgeschichte. Mein Anliegen ist es, dass wir uns des Erbes, das wir mittragen, wieder bewusst werden."
Othmar Keel in einem Interview mit dem Kirchenboten (2/2006, S. 13)
05/2006
Zum Jahr der Berufungen, auch Ausdruck unserer Kooperation mit der Informationsstelle Kirchliche Berufe, die sich z.B. in einer gemeinsamen Tagung zu Bibliodrama im Herbst 2007 zeigen wird.
Sich getragen wissen
Religiöse Menschen glauben,
dass das Leben einen Grund hat;
dass der Mensch
sich nicht selbst verdankt,
sondern Geschöpf ist.
Geschaffen aus einem
noch immer geheimnisvollen Ursprung.
Wer sich geschaffen
und getragen weiss,
braucht sich vor seinem Schatten
nicht zu fürchten.
Denn selbst im Scheitern,
im Zugrundegehen ist
der Fall nicht bodenlos.
Es gibt einen Grund,
der Halt gibt und Anlass zu hoffen.
Wer im Scheitern Grund erfährt,
dem wird geschenkt,
was die christliche Tradition
Gnade nennt.
Andrea Langenbacher
(aus "Inneres Feuer - Leben aus Berufung", Fundgrube 11/2005, Information Kirchliche Berufe, Luzern)
04/2006
Ein Gedanke dazu, wie Begegnungen mit Gott vielleicht möglich sind: nicht planbar, ohne genauen Termin, unverfügbar.
"Ich habe eine Verabredung mit Gott. Und weil wir beide so wenig Zeit haben, haben wir gesagt: Lass uns mal nichts festmachen. Wer kommt, der kommt."
Hanns Dieter Hüsch, aus einem Nachruf in der Zeitschrift chrismon 1/2006, S. 60
03/2006
Entdeckt bei der Vorbereitung auf die Levinas-Tagung dieser Woche
"Alle grossen Bücher sind heilige
Bücher"
Emanuel Levinas
02/2006
"Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr in sehen, wie er es euch gesagt hat (Mk 16,7)... Man kann sich wirklich fragen, ob die Brücke von Galiläa zur Welt der Adressatinnen - und auch zu unserer Welt! - so schwer zu schlagen ist. könnte denn mit Galiläa auch nicht auch unsere Zeit und unsere Welt gemeint sein? Unser Alltag auch mit all seinen Widersprüchen und Widerwärtigkeiten. Unser tägliches Leben und Arbeiten, von dem wir auch nichts mehr erwarten. Die Leere in uns und um uns, aus der ach nichts Prophetisches entstehen wird. Galiläa: Das könnte auch unsere Hartherzigkeit sein und unsere Abgebrühtheit, die das Leben erticken lässt. Galiläa: Es könnte auch für unsere Resignation und Ausweglosigkeit stehen, für unsere Vorurteile, für unsere kleinen ausflüchte, für unsere mageren Hoffnungen, für unsere billigen Kompromisse, für unsere gegenseitigen Blockierungen, für unsere Börsen und unsere Arbeitslosigkeit, für die Atomlobby, für die EU, für Inter Mailand und für den Basler Zoo, für den Kolpingverein und für den Tante-Emma-Laden.+
Hermann-Josef Venetz, Er geht euch voraus nach Galiläa. Mit dem Markusevangelium auf dem Weg. Paulusverlag 2005, S. 227.
01/2006
Das Jahr 2006 ist nicht nur das Jahr der
Fussball-Weltmeisterschaft, es ist auch das Jahr des Ersten
Schweizerischen Bibliodrama-Symposions
Dort wird der Nutzen von Bibliodrama für Seelsorge und Pastoral
erfahrbar werden. Hier ein kleiner Vorgeschmack:
"Das Bibliodrama erinnert auf diese Weise an eine Kernthese
theologischer Anthropologie, die die unverzichtbare Voraussetzung aller
pastoralen Bemühungen sein sollte, nämlich, dass der Einzelne in einer
einmaligen, unvertretbaren und unwiederholbaren Weise von Gott gewollt
und bejaht und in sein einmaliges Leben berufen ist. "Ich bin hier
gemeint und sonst niemand. Das es andere als mich gibt, ist wahr, aber
nur in einem gewissen Sinne. Denn jeder Mensch sucht das Grossartige und
Erschreckende, das ihn vereinsamt vor Gott Stellende, nämlich, das es
ihn nur einmal gibt" (Karl Rahner)."
Claudia Mennen, Bibliodrama - Religiöse Erfahrungen im Kontext der Lebensgeschichte, Acaemic Press Fribourg 2004, S. 326.
51/2005
Ich bin Gedanken bereits über Weihnachten hinaus am Jahresende angekommen. Hier ein Text für alle, die wie ich zu vielen guten Vorsätzen fürs neue Jahr neigen:
gestern machte ich mir einen tagesplan für heute
heute stehe ich auf und schaue lange nicht darauf
es steht darauf was noch nicht getan ist
und noch heute soll das alles getan werden
und wer soll es sein der das tut
diese frage ist nicht gut
und die antwort darauf auch nicht
Ernst Jandl, Der Tagesplan, aus: ders., der gelbe Hund
50/2005
Überraschendes zum näherkommenden Fest der Liebe und der Geistesgegenwart
""Liebe" im biblischen Sinne bedeutet demnach, die Weisheit der Älteren geistesgegenwärtig in einer noch nie da gewesenen Gegenwart lebendig werden zu lassen."
Ina Prätorius, Handeln aus der Fülle, Gütersloh 2005, S. 51
49/2005
Zum Tod von Hanns Dieter Hüsch am 6.12.2005
"Ich sehe ein Land mit neuen Bäumen.
Ich sehe ein Haus aus grünem Strauch.
Und einen Fluss mit flinken Fischen und einen
Himmel aus Hortensien sehe ich auch.
Ich sehe ein Licht von Unschuld weiss.
Und einen Berg, der unberührt.
Im Tal des Friedens geht ein junger Schäfer,
der alle Tiere in die Freiheit führt.
Ich hör ein Herz, das tapfer schlägt - in einem
Menschen, den es noch nicht gibt,
doch dessen Ankunft mich schon jetzt bewegt,
weil er erscheint und seine Feinde liebt.
Das ist die Zeit, die ich nicht mehr erlebe.
Das ist die Welt, die nicht von unserer Welt.
Sie ist aus feinstgesponnenem Gewebe
und Freunde, seht und glaubt: Sie hält.
Das ist das Land, nach dem ich mich so sehne,
das mir durch Kopf und Körper schwimmt.
Mein Sterbenswort und meine Lebenskantilene,
dass jeder jeden in die Arme nimmt."
Hanns Dieter Hüsch, Meine Bibel, in: ders., Das Schwere leicht gesagt,
Herder 13. Auflage 1994, S. 140.
48/2005
Zwei Zitate der Woche in dieser Woche. Zuerst das Motto der Adventszeit im Kantonsspital Baden AG:
"Dann und jetzt"
Und dann eine Konkretion des "Dann und jetzt" von Ina Prätorius. Zum Abschluss Ihres Buches "Handeln aus der Fülle" (siehe Zitat der Woche 45-46/2005 und Buch des Monats Dezember 2005) vergegenwärtigt sie sich eine Gemeinschaft von "nativen" Menschen, d.h. von Menschen, die nicht vergessen haben, dass sie wie alle Menschen Geborene sind, hineingeboren in die geschenkte Fülle des Lebens:
"Auf dem Rücken liegend in einem Andachtsraum
lebe ich manchmal schon in der Welt, die von nativen Menschen bewohnt
ist: von Frauen und Männern, die nicht vergessen haben, dass sie Söhne
und Töchter von Töchtern und Söhnen sind, Kinder Gottes aus
lebendigem Leib: Unternehmer, die weinen, und Erwerbsarbeitslose, die
lachen. Eines Tages werden sie gemeinsam lachen und weinen. Man wird sie
nicht verspotten und man wird sie nicht kreuzigen, sondern sie werden um
einen Tisch sitzen, essen und trinken, sie werden staunen über den
Himmel und die erde und alles, was dazwischen ist, und sie werden
einander von der Fülle austeilen, die sie als Geschöpfe Gottes sind
und geschenkt bekommen haben. Frauen und Männer, die wie Kinder jeden
Morgen die Welt neu entdecken und abends mit einem guten Gefühl
einschlafen wollen. Leute, die dem SINN DES GANZEN begegnet sind, dem
INBEGRIFF DER BEZOGENHEIT, die sich den Tieren ebenso nahe fühlen wie
ihren Mitmenschen, die toben, lieben, spielen, erfinden und vegetieren,
ankommen, sich einweisen lassen, weiter geben und weggehen, sich
hinlegen und aufstehen, ohne sich zu schämen.
Solche Leute hat Jesus von Nazareth in die Mitte gestellt.
Wenn ich wieder aufstehe, dann wünsche ich mir eine Gemeinschaft, in
der ich zusammen mit anderen die Fähigkeit einüben kann, täglich neu
geboren da zu sein und gut zu handeln. Das könnte die Kirche sein und
manchmal ist sie es schon."
Ina Praetorius, Handeln aus der Fülle.
Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition, Gütersloh 2005, S. 205.
47/2005
"Der jüdische Schriftsteller Elie Wiesel wunderte sich als Kind, dass Gott in den Zehn Geboten von so profanen und einfachen Dingen wie Nicht-Lügen und Nicht-Stehlen sprach. Er hätte bei dessen gewaltiger Erscheinung auf dem Sinai eher die Offenbarung tiefer theologischer Geheimnisse erwartet. Sein Lehrer antwortete ihm: Ich glaube, Gott wollte uns damit sagen: Ich kann mich um meine eigenen Gedanken, Bilder und Träume kümmern. Kümmere du dich um meine Schöpfung."
Fulbert Steffensky, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit. Echter 2003, S. 10f.
45-46/2005
Ina Praetorius stellt die Frage nach ethischer Orientierung auf Grundlage der postmodernen Erkenntnis, dass es keine einheitliche und objektive Instanz dafür gibt.
"Ich meine, dass in dieser geistigen Atmosphäre die Suche nach einer guten Auslegung überlieferter Weisungen, theologisch gesprochen: göttlicher Gebote, neue Qualität gewinnen kann: Könnten wir jenseits des feudalen Anspruchs der mittelalterlichen Kirche, die Welt nach dem Einen Wahren Willen des Einen Wahren Herrgotts einheitlich zu organisieren, auf alte heilige Texte zurückkommen? Könnten wir sie, wenn sich der gesetzgebende Eine Herrgott ebenso als Illusion erweist wie die Eine gesetzgebende Vernunft, neu verstehen als Vermächtnis unserer Vorfahrinnen und Vorfahren, die uns de Weg zu moralischer Weisheit in dieser komplexen Gegenwart weisen wollen? Könnten wir Gott selbst kennen lernen als Inbegriff all dessen, das uns voraus und das zwischen uns liegt, das wir nicht uns selbst verdanken und von dem wir hoffen, dass es, jenseits von Überschaubarkeit, einen Sinn ergibt - und das weiter und grösser ist als all dies?"
Ina Praetorius, Handeln aus der Fülle. Postpatriarchale Ethik in biblischer Tradition, Gütersloh 2005, S. 10.
44/2005
Wann ist ein Mann ein Mann? (Herbert Grönemeyer) oder Wie wird aus dem Restmensch ein Mann? (Gen 2-4) Aus der vorläufigen Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache:
"21 Da liess 'Adonaj', also Gott, einen Tiefschlaf auf das Menschenwesen fallen, und es schlief ein. 'Adonaj' nahm eine von seinen Seiten und verschloss hinter ihr mit Fleisch. 22 Dann baute 'Adonaj', also Gott, die Seite, die sie dem Menschenwesen entnommen hatte, um zu einer Frau und brachte sie zu Adam, dem Restmenschen. 23 Da sagte der Restmensch: "Dieses Mal ist es Knochen von meinen Knochen, und Fleisch von meinem Fleisch! Die soll Ischscha, Frau, genannt werden, denn vom Isch, vom Mann, wurde die genommen. 24 Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden. Sie werden ein Fleisch sein. 25 Und obwohl die beiden nichts an hatten, der Restmensch und seine Frau, schämten sie sich nicht."
Frank Crüsemann, Vorläufige Übersetzung von Gen 1-4 (hier 2, 21-25) für die Bibel in gerechter Sprache, in: Helga Kuhlmann (Hg.), Die Bibel - übersetzt in gerechte Sprache? Grundlagen einer neuen Übersetzung, Gütersloher Verlagshaus 2005, S. 162.
43/2005
Gedanken zum Bibellesen, zu Nähe und Fremdheit mancher Texte, zur Bibel als vielstimmiges und kontextuelles Buch
"Prinzipiell sind also Fremdheit und auswählendes Lesen zunächst etwas "Natürliches", insofern sie die Distanz zwischen Bibeltexten und den Lesenden ernst nehmen und nicht vorschnell Nähe suggerieren, wo keine vorhanden ist und eigentlich auch nicht sein kann. Der Abstand zwischen den Texten und den Lesenden bleibt gewahrt. Die Distanzierung ist aber auch etwas, das der Struktur der Bibel selbst entspricht, ja in der Bibel selbst strukturell angelegt ist. Die Bibel als Ganzes ist ja bekanntlich nicht an einem Tag entstanden, sondern verdankt sich einem komplizierten Entstehungsprozess über mehrere Jahrhunderte hinweg und spiegelt deshalb Erfahrungen unterschiedlichster Lebenssituationen wieder. Dabei waren es auch schon zu biblischer Zeit immer nur bestimmte Erfahrungen oder bestimmte Theologien, die prägend wurden, ja nach dem Kontext der Entstehung von Bieltexten. Exegetisch gesprochen: Die Priesterschrift hatte an ganz anderen Erfahrungen, Texten und Theologien Interesse, als dies etwa beim Deuteronomistischen Geschichtswerk der Fall war. Und das zeigt sich auch im Neuen Testament: Jedes Evangelium setzt theologisch einen eigenen Akzent, greift auf jeweils bestimmte Texte des AT und mitnichten auf alle zurück. Und auch Paulus setzt einen eigenen Akzent, wenn er sich auf das "Alte Testament", das damals natürlich noch nicht so hiess, sondern einfach die Heilige Schrift war, bezieht. Viele biblische Traditionen, die es daneben auch gibt und die er wohl auch kennt, interessieren ihn überhaupt nicht. Die Bibel enthält also kontextuelle Theologien. So verlängert das Teilinteresse der kirchlichen Rezeptionsgeschichte nur diesen Entstehungs- und Rezeptionsprozess, der schon der Bibel selbst beginnt."
Ulrike Bechmann, Bibel und Gewalt. Auf der Suche nach neuen Wegen im Umgang mit der Heiligen Schrift, in: Joachim Kügler, Werner H. Ritter (Hg.), Auf Tod und Leben oder völlig egal. Kritisches und Nachdenkliches zur Bedeutung der Bibel, LIT Verlag Münster 2005, S. 106f.
siehe auch Buch des Monats September
42/2005
Einige Gedanken zum Beten.
"Gott ist meine Hilfe
nicht
der Glaube."
"Ich bin der Tempel
des in mir Betenden."
"Der Betende
sucht das Angesicht Gottes
und mit jedem Gebet fügt er ihm
neue Züge hinzu."
"Beten -
der Einfall
aller Einfälle"
Elazar Benyoetz, Finden macht das Suchen leichter, München - Wien 2004, zitiert nach Hoff, Auf Erkundung, Mainz 2005, S. 242f.
41/2005
Einen wunderbaren Schatz von Gedichten und
Aphorismen zur Frage nach Gott, besser der Suche nach Gott und zur Bibel
habe ich entdeckt in dem Buch "Auf Erkundung. Theologische
Lesereisen durch fremde Bücherwelten, herausgegeben von Gregor Maria
Hoff (siehe Buch des Monats Oktober).
Sie stammen vom israelischen, auf deutsch schreibenden Autor Elazar
Benyoetz. Hier ein erstes Beispiel zu Gen 2 . Ich würde mich nicht
wundern, wenn sie mich und Sie durch weitere Wochen begleiten.
"Für die erste Frage
wollte Gott
ein ganzes Paradies
Der säumende Mensch -
seine ausbleibende Frage
Ein Garten
ein Eden
ein Paradies -
und nur der eine Baum
darin
der Rede wert"
Elazar Benyoetz, Finden macht das Suchen leichter, München - Wien 2004, zitiert nach Hoff, Auf Erkundung, Mainz 2005, S. 245.
40/2005
Anlässlich des Jubiläums der Offenbarungskonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils "40 Jahre Dei Verbum" und als klares Bekenntnis zum historisch-kritischen Zugang zur Bibel, hinter den es kein Zurück gibt.
"Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muss der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte. U die Aussageabsicht der Hagiographen zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und ausgedrückt in Texten von verschiedennm Sinn geschichtlicher, prophetischer oder dichterischer Art, oder in anderen Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograph den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend - mit Hilfe der damals üblichen literarischen Gattungen- hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat. Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muss man schliesslich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren."
Dei Verbum 12 zitiert nach Kurszeitung theologiekurse.ch Nr. 1, Oktober 2005, S. 5f.
37-39/2005
Sie haben jetzt längere Zeit kein aktuelles Zitat der Woche gefunden, weil ich in den Ferien war. Dafür jetzt aber einige wunderbare Zitate aus meiner Ferienlektüre. Sie stammen aus dem gerade neu erschienenen "Evangelium nach Pilatus" von Eric-Emmanuel Schmitt. Darin erzählt Jesus in Ich-Form von seinem Leben und seiner Wette auf Gott und das Leben und Pilatus berichtet von den Aufregungen um die verschwundene Leiche und die Erscheinungen eines Totgeglaubten. Eine sehr lesenswerte Variante der Geschichte, bei der Claudia, die Frau des Pilatus eine besondere Rolle spielt. Ein Kritikpunkt: Jesus wird weitgehend ohne Verbindung zur Tora, der Bibel (die für uns heute als Altes Testament Teil der christlichen Bibel ist) dargestellt.
"Ich habe begriffen, das das Unbegreifliche
existiert. Das hat mich ein bisschen weniger arrogant gemacht, ein
bisschen weniger ignorant. Ich habe ein paar Gewissheiten eingebüsst:
die Gewissheit, mein Leben zu meistern, die Gewissheit, die Menschen zu
kennen. Aber was habe ich gewonnen? Darüber beklage ich mich oft bei
Claudia: Vorher war ich ein wissender Römer, jetzt bin ich ein
zweifelnder Römer. Dann lacht sie und klatscht in die Hände, als
hätte ich vor ihr die Nummer eines Jongleurs abgezogen.
"Zweifel und Glauben sind dasselbe, Pilatus. Nur Gleichgültigkeit
ist gottlos."" (S. 250)
"Ich werde nie ein Christ sein, Claudia",
sagte ich. "Denn ich habe nichts gesehen, ich habe versagt, ich bin
zu spät gekommen. wenn ich glauben wollte, müsste ich zuerst den
Zeugnissen der anderen glauben."
Und weisst du, was sie mir darauf geantwortet hat?
"Dann bist du vielleicht der erste Christ."" (285)
"Die Verschiedenheit der Evangelien, ihre unterschiedliche Qualität und ihre Widersprüche störten und entzückten mich gleichermassen. In einem Prozess beweist die Tatsache, dass die Zeugen in ihren Aussagen voneinander abweichen, im allgemeinen deren Glaubwürdigkeit; nur falsche Zeugen erzählen exakt dieselbe Geschichte. Und aus der Psychiatrie weiss man, dass ein traumatisiertes Subjekt, das Opfer einer Gewalttat wurde, den Vorfall jedesmal ein bisschen anders schildert, während der Lügner seine Darstellung Wort für Wort wiederholt. Schliesslich trieb mich gerade die Gegensätzlichkeit der Texte dazu, ihnen Glauben zu schenken." (aus dem Nachwort des Autors 296)
Eric-Emmanuel Schmitt, Das Evangelium nach Pilatus, Meridiane Ammann 2005.
36/2005
Wenn sie sich für Bibliodrama interessieren, merken Sie sich das Erste Schweizer Bibliodrama-Symposion (11.-13. Mai 2006) vor.
"Im Bibliodrama erleben wir, dass der Mensch nicht allein glauben kann. Wir brauchen Mitmenschen, die uns befragen, unterstützen, herausfordern, die uns brauchen, die mit uns tanzen, die mit uns kämpfen."
Andries Govaart, Vorwort, in: Nico Derksen, Bibliodrama. Impulse für ein neues Glaubensgespräch. Ein Praxisbuch, Patmosverlag 2005, S. 11.
35/2005
Eine reiche Ernte diese Woche mit drei Zitaten. Das erste aus dem Tagesanzeiger listet drei grosse Schweizer Theologen des 20. Jahrhunderts auf. Ich würde andere und mehr nennen, aber faszinierend finde ich es darauf zu achten, dass Theologie an ganz verschiedenen gesellschaftlichen Orten getrieben wird. Wie würde ihre Liste aussehen?
"Ich sehe in der Schweiz eigentlich drei grosse Stimmen in der Theologie des 20. Jahrhunderts: Karl Barth, Emil Brunner und eben Le Corbusier, der mit der Kapelle in Ronchamps einen Wallfahrtsort des Glaubens, der Architektur und der Kunst schuf. Das erreichte nach ihm niemand."
Der Zürcher Kunsthistoriker Adolf Max Vogt über den Architekten e Corbusier, Tagesanzeiger vom 26.8.2005, S. 59
Das zweite Zitat ist vielleicht etwas gegen den Strich gelesen, aber wer weiss. So jedenfalls ist es ein Hoffnungszeichen für mich, wenn auch die Schweizer Bischöfe manchmal darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre, aus der Kirche auszutreten. Wen auch die Bischöfe das offen miteinander diskutieren, dann steigt meine Hochachtung vor ihrer Entscheidung, in der Kirche zu bleiben.
"Vieles in der Kirche ist nicht so, wie wir es uns wünschen. Und doch bleiben wir bewusst in der Kirche."
Hirtenbrief der Schweizer Bischofkonferenz zum eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag 2005, S. 6
Und schliesslich klare und deutliche Worte zum neuen Papst, die ich schätze und hilfreich finde, auch durch den Vergleich der katholischen Kirche mit der Sowjetunion; Ich möchte aber auch klar sagen, auch dass ich zum Beispiel die Feier der Vigil am Weltjugendtag sehr berührend und gelungen fand und die Präsenz von Papst Bendikt dabei authentisch und überzeugend.
"Joseph Ratzinger ist eine Übergangslösung. Er ist kein grosser Theologe; allenfalls ein solider Handwerker, ohne wirklich eigene und neue Gedanken. Aber er ist ein sehr kluger Mann. Er weiss, dass das, was in der Sowjetunion geschah, auch in der katholischen Kirche geschehen könnte. In einer Reihe von Gebieten führten die Reformen (nach dem Zweiten Vatikanum PZ) tatsächlich zum Auseinanderfallen der Kirche, etwa in den Niederlanden. Die Angst vor einer Implosion der Weltkirche regiert den Vatikan. Ratzinger scheint nicht der Man zu sein, der die wirklich heissen Eisen anfassen wird. Er kann den Gedanken an einen pluralen Katholizismus nicht zulassen, an die eigene Gestaltungsmacht der Kirchenprovinzen in ganz unterschiedlichen Regionen, an eine wirkliche Kollegialität des Weltepiskopats. Wenn ein neuer Reformpapst nicht die Rolle Gorbatschovs spielen soll, die eines Totengräbers, dann müsste er über wirklich neue theologische Visionen verfügen. Ratzinger hat sie nicht. Beim Zustand der christlichen Theologie - in allen Konfessionen - ist das auch bei anderen "Hochwürden" nicht zu erwarten. Man müsste schon an den Heiligen Geist glauben."
Ton Veerkamp, Wir sind Papst in: Texte und Kontexte. Exegetische Zeitschrift Nr. 105 1/2005, S.49-53 hier S. 52
34/2005
Ich bin immer noch beim gleichen Buch wie letzte Woche. Die Lektüre lohnt sich zunehmend.
"Am Anfang des MkEv lesen wir eine Zusammenfassung der Botschaft Jesu: "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Mk 1,15) Wo liegt hier ie verborgene Weisheit der Bibel? ... Sie wird einem klar, wenn man die Wissenschaft vor Augen hat - also jene Form von Vernunft, die bis heute (trotz aller Skepsis) mit Recht die grösste Reputation hat. Wissenschaft bedeutet nichts anderes, als ständig Gedanken und Aussagen mit den Daten der Wirklichkeit zu konfrontieren und zu korrigieren. Wissenschaft ist fortlaufende Umkehr im Denken. Die Wahrheit ist ihr nur in Form der Korrektur von Irrtümern gegeben. Sie ist eine Methode, vorwärts zu irren."
Gerd Theissen, Zur Bibel motivieren. Aufgaben, Inhalte und Methoden einer offenen Bibeldidaktik, Gütersloh 2003, S. 67.
33/2005
"Die Gedankenwelt Jerusalems und Athens entfernt sich langsamer von der Gegenwart als die neuesten Ideen aus New York."
Gerd Theissen, Zur Bibel motivieren. Aufgaben, Inhalte und Methoden einer offenen Bibeldidaktik, Gütersloh 2003, S. 18.
32/2005
Ich dachte, ich hätte vom Teufel endgültig
Abschied genommen.
Jetzt bringt mich ein Buch dazu, mir noch einmal ernsthafte
Gedanken über den Sinn der symbolischen Rede vom Bösen zu
machen.
"Die Bibel ist geprägt durch zwei
grundverschiedene Bilder der Wirklichkeit: ein einheitliches Weltbild
einerseits, ein dualistisches andererseits.
Ein einheitliches Weltbild zeichnet der Schöpfungsglaube, besonders des
alten Testamentes: ein Gott und eine Welt. Zwar gibt es in dieser Welt
durchaus auch unerfreuliche Dinge: Neben Wohlfahrt findet sich Not,
neben Glück auch Leid, neben Rechtschaffenheit Schuld. Alles aber in
seiner Ambivalenz garantiert durch Gottes Macht und geregelt durch seine
Weisheit: unverfügbar und dabei doch verlässlich. Zwar spricht auch
das Alte Testament gelegentlich von Gott als rlöser aus Not oder
Bedrängnis. Aber es ist kein Raum für einen Widersacher, der ihm die
Dinge aus der Hand nehmen könnte.
Dualistische Züge trägt der Erlösungsglaube des Neuen Testamentes:
Christus muss die Werke des Teufels zerstören (1 Joh 3,8).
Hier finden sich Elemente aus anderen orientalischen Religionen, die dem
Alten Testament noch fremd waren. Andere Religionen beschreiben das
ganze Weltgeschehen konsequent dualistisch als Krieg kreativer und
destruktiver, fesselnder und befreiender Mächte, als Kampf zwischen Gut
und Böse. Anders als diese, hält das Neue Testament am
Schöpfungsglauben fest, und es kennt zugleich das absolut Böse.
Genauer: den Bösen. Denn wo Gott als Person symbolisiert wird, muss
auch der Widersacher personenhafte Züge tragen. Und der Teufel ist
nicht nur ein untergeordneter und letztlich harmloser Störenfried. Er
ist wirklich mächtig und gefährlich: Christus als Erlöser muss
sterben. Macht über den Teufel gewinnt er erst mit der Auferstehung zu
neuem Leben.
Das Neue Testament hält die Spannung der beiden Weltbilder aus.
Umgekehrt gesagt: Es kennt die beiden Gesichter der Welt ...
Die dualistische Symbolik von Gut und Böe, von Gefangenschaft und
Erlösung, macht darauf aufmerksam, dass es Dinge und Entwicklungen
gibt, die eine tatsächlich böse Eigendynamik entfalten und die
verharmlost würden, wollten wir an ihnen auch etwas Gutes erkennen und
sie den Ambivalenzen der Schöpfung zuordnen. In der Bibel ist dieser
Dualismus aber letztlich eingebettet in den Schöpfungsglauben mit
seinem einheitlichen Weltbild. Dieser Glaube traut Gott Verlässlichkeit
und Liebe zu, auch wo der sich rätselhaft oder zornig zeigt. Er
betrachtet die Licht- und Schattenseiten der Wirklichkeit als
Bestandteile der Schöpfung. Nicht nur, dass zum Leben auch das Sterben
gehört, das Sterben widerlegt auch nicht den Wert und die Kostbarkeit
des Lebens. Nicht nur, dass sich bei den Menschen neben
Rechtschaffenheit auch Schuld findet, Schuld nimmt ihnen nicht die
Würde als Gottes Kinder.
Da die Schriften des Neuen Testamentes von verschiedenen Verfassern
stammen und diese durch unterschiedliche religiöse Kulturen geprägt
sind, sind dualistische Züge in einigen Schriften stärker, in anderen
weniger stark ausgeprägt."
Gert Hartmann, Schöngefärbt und schwarzgemalt. Wege zum Gottvertrauen in Krisenzeiten, EVA 2003, S. 28-30.
31/2005
Ersetzen Sie in diesem Abschnitt aus dem Märchenroman "STein und Flöte" doch einmal "Arnis Leute" mit "Jesu Leute":
"Belarni nickte zustimmend. "Erzähle mir
davon, wie Arnis Leute jetzt leben." "Ich bin erst in diesem
Frühjahr zu ihnen gekommen", sagte Lauscher, "und seither war
ich auch noch einige Zeit im Gebirge unterwegs. ein paar ihrer Händler
habe ich allerdings schon früher getroffen und mit ihnen gesprochen.
Was ich von ihnen erfahren und dann später selbst gesehen habe, will
ich dir gern erzählen", und er schilderte die Höflichkeit von
Arnis Leuten, berichtete von den Fahrten der Händler, zeigte Belarni
das Silbergeld mit Arnis und Urlas Bild und sprach davon, wie Arnis
Leute alles verehrten,. was auf irgendeine Weise mit Arni in
Zusammenhang stand. "Arnis Hütte ist der Mittelpunkt ihrer
Ansiedlung", sagte er, "dort bewahren sie alle Gegenstände
aus Arnis Besitz auf, und in seiner Stube halten sie auch ihre
Beratungen ab. Jedes Wort Arnis gilt ihnen als Gesetz, und jede seiner
Taten erscheint ihnen nachahmenswert."
Belarni schien von solchen Auskünften befremdet. er schüttelte den
Kopf und sagte: "Mag sein, dass du noch nicht lange genug bei Arnis
Leuten gelebt hast, um sie richtig zu verstehen. Doch wenn es sich
wirklich so verhält, wie du sagst, dann hat keiner dieser Männer Arni
richtig verstanden. Ich war noch ein kleiner Junge, als er getötet
wurde, aber so viel hatte ich schon begriffen, dass er nicht darauf aus
war, Gesetze zu verkünden oder feste Lebensregeln aufzustellen; denn er
war selbst noch auf der Suche. "Merk dir eins, mein Junge",
hat er einmal zu mir gesagt, "wenn du einmal meinen solltest, das
Ziel deines Lebens deutlich vor dir zu sehen, dann hast du dich
vermutlich im Weg geirrt." Diese Leute Arnis wissen mir zu genau,
was Arni im Sinn gehabt haben soll. Sie scheinen aus ihm einen
Verkünder nützlicher gemacht zu haben, auf den sie sich notfalls
berufen können, wenn sie ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen.
Offenbar sind sie nichts weiter als tüchtige Geschäftsleute."
Hans Bemmann, Stein und Flöte und das ist noch nicht alles: ein Märchen-Roman, Weitbrecht Verlag 1983, S. 392.
30/2005
Zur Abwertung der Maria von Magdala: Es hat mit gut getan, das einmal so klar ausgesprochen zu hören!
"Das halte ich für den grössten Skandal der
Kirchengeschichte, weil wir alle unser Christentum eigentlich geschenkt
bekommen haben, weil Maria von Magdala die Osterbotschaft mit den
anderen Frauen zusammen oder allein empfangen und weitergeben hat und
die Kirchengeschichte hat sich sehr früh - es sind schon Anzeichen in
den biblischen Texten zu entdecken - für die Autorität des Petrus
entschieden und auf dieser Basis weitergemacht und die Maria wurde eben
immer mehr an den Rand gedrängt und in den Hintergrund geschoben oder
sogar in dieser unverständlichen Weise angeschwärzt als Hure und das
halte ich für einen riesigen Schaden, den die Kirche sich selber
zugefügt hat, indem sie diese wichtige Zeugin ausgeschaltet hat. Das
ist einfach unvorstellbar und für mich nicht nachvollziehbar, wie eine
so wichtige Figur aus der frühsten Zeit, also aus der Urzeit
ausgetrickst worden ist durch die Entwicklung der späteren
Jahrhunderte.
...
Ja die Maria von Madgala steht wirklich auf einer Ebene mit Petrus. r
war eine sehr ambivalente Figur ... und Maria von Magdala ist eigentlich
die viel intaktere Figur und ich denke es ist wirklich eine Folge des
Patriarchalismus, dass sie nicht in der Position ist, die ihr zustehen
würde als Gründerin, als Fels der Kirche."
Silvia Schroer, Maria Magdalena, Radiosendung DRS 2, Juli 2005
29/2005
Eine Entdeckung während der Arbeit am Psalm 23 für einen neuen Bibelkurs: "Bibel einfach lesen. Ein Kurs für Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger in die Bibel"
"Es ist eine Illusion, dass der Mensch fähig ist, seine Erfahrungen, Nöte und Sehnsüchte immer adäquat und gleich intensiv auszudrücken oder kreativ zu verarbeiten. Es gibt Augenblicke der Ratlosigkeit und der Resignation, des Leids und der Angst, aber auch der Freude und des Glücks, in denen vorgegebene Texte aus der Sprachlosigkeit herausführen und der Situation eine Erlebnistiefe geben können, die "aus eigener Kraft" nicht erbracht werden könnte. Am Sterbebett zum Beispiel "originell" und "kreativ" sein zu wollen, wäre anthropologisch und theologisch verstiegen! Ja, vorgegebene Texte wie die Psalmen, mit denen über Jahrhunderte hinweg Menschen das Leben und den Tod bestanden haben, können leichter zur Segensquelle werden als die zahlreichen Produkte jener kurzlebigen "Gebetsliteratur", die so modern und originell ist, dass sie schon am Tag ihrer "Veröffentlichung" keinen Lebensbezug mehr hat."
Erich Zenger, Mit meinem Gott überspringe ich Mauern, Psalmen. Auslegungen Band 1, Herder 2003, S. 13-14.
28/2005
Anregt durch Richard Rohrs neues Buch über biblische Männer - siehe Buch des Monats Juli - las ich wieder in seinen "alten", aber in diesem Fall leider keineswegs veralteten Texten.
"Und doch stehen wir in der Versuchung, das Neue Testament wie eine vom Himmel gefallene Gebrauchsanweisung zum Thema "Wie man selig wird" zu verstehen - anstatt es als die reiche, bunte und konkrete Beschreibung eines versöhnten Lebens in der Familie Gottes zu sehen."
Richard Rohr, Der nackte Gott. Plädoyers für ein Christentum aus Fleisch und Blut, Claudius Verlag 2. Aufl. 1988, S. 15
27/2005
Bin ich auserwählt? Es fällt mir schwer, mich so zu sehen. Dazu brauche ich Ermutigung. Richard Rohr trägt dazu bei.
"Auserwählte Menschen zeigen ihr wahres Auserwähltsein dadurch, dass sie diese Erfahrung der Erwählung anderen zugute kommen lassen. Ich würde dies sogar als Beweis für wahres Auserwähltsein betrachten. Wenn bestimmte Konfessionen bzw. Gruppierungen "Erlösung" ausserhalb ihrer eigenen Gruppe nicht für möglich halten, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass sie selbst nicht durch irgendeine Erlösung, die diesen Namen verdient, erlöst sind."
Richard Rohr, Der Evangelist Johannes - Der Schmerz und die Armut des Auserwähltseins, in: Ders., Der befreite Mann. Biblische Ermutigungen, Verlag Katholisches Bibelwerk 2005, S. 60
26/2005
Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen von theologiekurse.ch ist ein wesentliches Standbein unserer Arbeit. Sie ist produktiv, anregend und bereichernd und das persönlich und fachlich. Und hoffentlich entsteht daraus "gute Theologie". Was gute Theologie ist, untersucht die neueste Ausgabe der Kurszeitung von theologiekurse.ch anhand von 7 Kriterien. Hier ein Auszug. Der vollständige Text ist zugänglich unter www.theologiekurse.ch
"Gute Theologie ist biblisch fundiert. Als christliche nimmt sie stets Mass an der biblischen Botschaft.
An den biblischen Texten lässt sich in hervorragender Weise lernen, was gute Theologie ausmacht. Denn die Bibel, Grundlage des jüdisch-christlichen Glaubens, ist ein Buch voller Lebenserfahrungen. Sie zeugt vom Ringen unzähliger Menschen über viele Jahrhunderte hinweg mit ihren existentiellen Erfahrungen und Fragen. Und allein schon deshalb tut die Theologie gut daran, an der Bibel Mass zu nehmen (1. Kriterium). Die Bibel ringt fast auf jeder Seite mit dem Graben zwischen Ideal und Wirklichkeit, und führt damit vor, was Glauben heisst (2. Kriterium). Die Bibel arbeitet sich stets an ganz konkreten Situationen und Kontexten ab. Ihre Antworten sind deshalb immer kontextuell (3. Kriterium). Und damit eben geht die Bibel deutlich induktiv vor (4. Kriterium). an allen grossen Erzähltraditionen der Bibel lässt sich dies ablesen. Mitte und Brennpunkt für eine christliche Theologie ist dabei Jesus von Nazaret, dessen Wirken und dessen Verhältnis zu Gott. letztlich von ihm her gewinnt gute Theologie klare Konturen und ihr spezifisches Profil."
Felix Senn, Was ist gute Theologie?, in: theologiekurse.ch, Kurszeitung 5 vom Juni 2005, S. 4-8, Zitat S. 7
25/2005
Zur Papstwahl vom April, zur Frage nach der Notwendigkeit und den Grenzen von Kritik und Widerstand in der römisch-katholischen Kirche, die mich seitdem noch mehr beschäftigt...
"Matthew Fox beschreibt 1988 die katholische Kirche als eine "dysfunktionale Familie". Sie ist nicht böse, aber krank. Man wagt in ihr, das dysfunktionale Verhalten etwa des Vaters nicht zu kritisieren und hegt die illusionäre Hoffnung, dass ihm mit diesem Schweigen geholfen wird. Das Gegenteil ist der Fall. Die ganze Familie verhärtet die Missstände, wodurch sie schliesslich zerstört wird. Wer mit Alkoholismus in einer Familie Erfahrung hat, wird die Problematik unmittelbar begreifen."
Hermann Häring, Der Glaube der Kirchenväter. Zu den Grundlagen von J. Ratzingers Theologie, erscheint demnächst in der Zeitschrift Offene Kirche.
24/2005
Als Einstimmung zur Sitzung des Zentralvorstands des SKB am 15.6.2005 ausgewählt von Andrea Zipper
"Meine Mutter sagt:
du bist zu klein.
Der Lehrer meint:
Du bist schwer von Begriff
Der Pfarrer schimpft:
Du bist verdorben.
Meine Kameraden lachen:
Du hast verloren.
Der Berufsberater meint:
Du bist nicht geeignet.
Der Meister bestimmt:
Der andere ist besser.
Der Leutnant brüllt:
Du hast keine Haltung!
Gott sagt:
Du bist mir ähnlich.
Gott sei Dank!"
Urs Boller, Ja! und: Das Hilfsmittel zum Grundsatz Glauben - hrsg. von Blauring & Jungwacht
23/2005
"Eine echte Begegnung fordert aber ebensoviel
Respekt vor dem anderen wie vor sich selber. Sie erfordert die eigene
Relativierung. E. Zenger spricht im Hinblick auf die jüdische Bibel (Tanach)
und der vorm Christentum übernommenen und auf Jesus Christus hin
ausgelegten Bibel vom relationalen Eigenwert der beiden ... Etwas
deutlicher formuliert - 50 Jahre nach der Schoa - ein deutscher
katholischer Arbeitskreis, der alle einschlägigen lehramtlichen
Dokumente zitiert: "Ein künftiges Verhältnis zwischen Christen
und Juden wird nicht zuletzt davon abhängen, ob die Christen die
Traditionen des Judentums in ihrer Eigenständigkeit und in ihrer je
besonderen theologischen Würde anerkennen, ob sie also in der Spur der
Bibel (vgl. Röm 11,17-24) den Anspruch auf die Absolutheit des
Christentums gegenüber dem Judentum aufgeben."
Das tut - ohne es offen zu sagen - inzwischen auch ein Kardinal wie
Walter Kasper, wenn er das Verhältnis mit einem Ausdruck von Franz
Rosenzweig als "gegenseitige Ergänzung" bezeichnet."
Othmar Keel, Die Heilung des Bruchs zwischen Judentum und Christentum,
in: Vertikale Ökumene. Erinnerungsarbeit im Dienst des interreligiösen
Dialogs, hrsg. von Thomas Staubli, Academic Press Fribourg Schweiz 2005,
S. 33.
22/2005
Ein Nachtrag zu Pfingsten
"Ich denke an eine alte Dame - Sie mögen im
Laufe meiner Predigt erraten, wer sie ist! Es ist ihr manchmal so
schrecklich nachdenklich zumute. Dann zieht sie ihr Schwarzseidenes an
und kramt gerührt über sich selbst in alten Briefen, Papieren und
Urkunden. Dabei stösst sie auf ihre Geburtsurkunde. an Pfingsten hat
sie Geburtstag. Sie liest, wie sie angefangen hat und wie sie gedacht
war. Es ist in jener Urkunde von wilden Sachen die Rede: vom Sturm des
Geistes, vom Feuer des Anfangs und vom Mut der ersten Zeugen. Und sie
erschrickt, wenn sie noch des Erschreckens fähig ist. Denn in dieser
Geburtsurkunde liest sie von einer alten und lange vergangenen
Schönheit. Betulich und langsam, wie sie geworden ist, liest sie, dass
sie einmal als junger, wilder Wein gedacht war. Sie liest, dass sie
einmal so voll des Geistes war, dass man sie für betrunken gehalten hat
- schon um neun Uhr morgens. Jetzt hält sie niemand mehr für
betrunken. Sie genehmigt sich nur noch selten ein Gläschen
Geisteslikör. Sie ist ehrbar geworden. ...
So also war ich gemeint, denkt die alte Dame Kirche. Das war der Anfang
und der grosse Traum: Jeder sollte die Sprache des anderen verstehen;
jeder sollte Gesichter haben und der Wahrheit näher sein, nicht nur die
Profis oben; alle sollten miteinander das Gebet, das Brot und das Geld
teilen. Sie sieht sich und wird traurig. Was ist noch da von der
Schönheit des Anfang? Ist wirklich nicht mehr geblieben als das
Gehäuse, die Ordnungen, die Theologien ...?
(Meine Einladung an Sie: Machen Sie hier eine
Pause, bevor Sie im Zitat der Woche weiterlesen und suchen Sie nach
Ihren eigenen Antworten auf die Frage, was noch da ist von der
Schönheit...)
Es ist mehr da. Einmal sind die Urkunden da, die Träume des Anfangs und
die Geschichte vom Gelingen. Die Kirche ist nicht so sehr ein Haus, das
aus Steinen gebaut ist als aus Geschichten von der Würde des Menschen
und von dem Reichtum, der uns zugedacht ist. Wir haben Urkunden, wir
haben alte Texte. Die Texte lehren uns wünschen. ein Mensch wird nicht
nur schön durch alles, was ihm gelingt. Es machen ihn auch seine
Wünsche schön. Es macht ihn auch ein Durst nach dem ganzen eben und
nach dem Geist schön - nach dem Geist in geistlosen Zeiten. Und es
macht uns auch die Trauer schön, die kommt, wenn wir uns vergleichen
mit en Träumen, die Gott für uns hat. Es ist schöner im Zwiespalt mit
sich selber zu sein als in hartleibiger Vergessenheit alle Träume
hinter sich zu haben und nicht mehr zu kennen als die betörende
Gegenwart, die sich als einzigartig gibt. Wir haben die Träume der
Toten, wir haben die Träume des Geistes. Darum ist die Kirche eine
schöne Frau. Und vielleicht wird der Geist sie ja noch einmal
erwischen, dass die draussen denken: Die Alte ist schon wieder
besoffen."
Fulbert Steffensky, Die alte Dame und ihre Geburtsurkunde, in: Dorothee Sölle, Fulbert Steffensky, Löse die Fesseln der Ungerechtigkeit. predigten, Kreuz Verlag Stuttgart 2004, S. 172-176.
Die Weisheit der Bibel kann nur gemeinsam erlangt werden
"Wir tendieren gewöhnlich dazu, Lesen und Interpretieren als passives Empfangen und persönliche Meditation zu verstehen und nicht als Wege der Kommunikation und Gemeinschaftsbildung. Nach Barry Holtz war für die Rabbiner das Lesen jedoch "eine leidenschaftliche und aktive Auseinandersetzung mit Gottes lebendigem Wort. Im Lesen lag die Herausforderung, geheime Bedeutungen, niemals gehörte Erklärungen, Einsichten von grossem Gewicht und tiefer Bedeutung aufzudecken. Ein aktives, genauer: interaktives Lesen war ihr methodischer Zugang zum heiligen Text, der Tora. Durch diesen Leseprozess konnten sie etwas ganz Neues und gleichzeitig sehr Altes finden." Die Chavruta, das traditionelle jüdische Torastudium, setzt einen sozialen Zusammenhang voraus. Der Talmud verlangt: "Findet euch zum Torastudium in Gruppen zusammen, da die Weisheit der Tora ausschliesslich gemeinsam erlangt werden kann." (Berakhot 63b)"
Elisabeth Schüssler-Fiorenza, WeisheitsWege. Eine Einführung in feministische Bibelinterpretation, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2005, S. 23.
19/2005
Etwas verspätet zum Tag der Arbeit am 1.Mai,
aber ganz und gar nicht veraltet:
"Sabbat - Widerstandstag
Erich Fromm hat eine schöne Definition im Sinne der
biblisch-rabbinischen Tradition formuliert: Der sabbat ist ein Tag, an
dem der Mensch lebt, "als hätte er nichts, als verfolge er kein
Ziel ausser zu sein, d.h. seine wesentlichen Kräfte auszuüben - beten,
studieren, essen, trinken, singen, lieben" Fromm zeichnet Konturen
eines Sechsecks der Freiheit und Humanität. Weder Knecht noch Magd
sollen darunter leiden, keine Zeit zum Beten, Studieren, Essen, Trinken,
Singen und Lieben zu haben. Der Sabbat ist also der Tag, an dem der
Mensch nichts anderes zu tun hat, als Mensch zu sein. Der Sabbat
enthält eine ökonomische wie auch kulturelle bedeutsame Funktion. Er
verhindert, dass Ökonomie einen zentralen und dominierenden Platz in
der Gesellschaft bekommt und räumt der Lebenswelt den ihr gebührenden
Vorrang gegenüber den Ansprüchen und Interessen der Ökonomie ein. der
wöchentlich wiederkehrende Sabbat ist nichts weniger als der
wöchentlich wiederkehrende Einspruch gegen die Ökonomisierung aller
Lebensbereiche.
Sabbat - Zeitwohlstand für alle
Jede Gesellschaft muss sich die Frage stellen, wie sie mit dem
erwirtschafteten Sozialprodukt umgehen will ... Für welche Zwecke wird
das Sozialprodukt verwendet? Für Paläste, Kriege? Das alte Israel hat
mit der Institution des Sabbat eine klare Entscheidung getroffen: Der
erwirtschaftete Gewinn dient nicht in erster Linie der Akkumulation von
Reichtum, sondern wird gesamtgesellschaftlich umverteilt und zwar in
freie Zeit für alle."
Franz Segbers, Biblische Erinnerungen an eine andere Zukunft der Arbeit, in: Wege zum Menschen 2/2005, S. 91-104, Zitat S. 99.
17/18/2005
Widersprüche in der Bibel? Ein Problem für gläubige Menschen? Die Antwort eines orthodoxen Rabbiners mit einem überraschenden Blick auf die Widersprüche zwischen den beiden Schöpfungsberichten der Genesis
"Unter den Problemen, die das Verhältnis der
Religion zur Wissenschaft betreffen, ist die Frage der Herausforderung
des Glaubens durch die Bibelwissenschaft vielleicht am schwersten und
schmerzhaftesten. ... Die naive Schrifterklärung, die die Tora als
kontinuierliches Gebilde ohne Widersprüche und Stilunterschiede gesehen
hat, ist ein für alle Mal widerlegt und verabschiedet worden. Die
Unterteilung der Tora in unterschiedliche Quellen, zu denen noch
Erklärungen und redaktionelle Zusätze hinzukommen, ist eine Tatsache,
die jedem Studenten ins Auge springt. ... Wer hingegen festgegründet im
Glauben Israels steht, sieht hinter der Revolution der Bibelkritik die
göttliche Vorsehung, die uns die Augen öffnen will, indem sie uns neue
Wege zeigt, die Wunder in der Tora zu sehen. ... Denn siehe: Diese Tora,
die uns aus den Händen des Schöpfers zugekommen ist, als Zierde des
Weltalls, als Pracht der ganzen Schöpfung, besteht aus
unterschiedlichen Schichten und ist in unterschiedlichen literarischen
Stilen verfasst, deren Widersprüche der menschliche Verstand nicht
miteinander vereinen kann. Und siehe: Diese Schichten fügen sich immer
weiter zusammen zu einem Flechtwerk, manchmal im Durcheinander eines
einzigen Verses, manchmal fein säuberlich geordnet und unterscheidbar.
... Wenn die ganze Tora nun vor uns liegt, wie ein Kleid, kreuz und quer
gewebt, der Textus eines kunstfertigen Handwerkers, mit bunten Fäden
und Garn aus Gold und Silber, dann halten wir erstaunt inne und fragen
nach der glaubensmässigen Bedeutung unserer Lehre. ... Wen kann es da
wundern, dass die Schichen der Tora mit Widersprüchen aneinander
stossen, die der menschliche Verstand nicht lösen kann? Ist denn nicht
auch die göttliche Vorsehung in der Welt, der augenscheinliche Ausdruck
seiner heiligen Eigenschaften und Namen, mit inneren Widersprüchen
behaftet - jedenfalls soweit es Sterbliche mit ihrem menschlichen
Verstand wahrnehmen können? Wenn der Heilige, gelobt sei Er!, sowohl
Gerechtigkeit als auch Erbarmen verkörpert, Gnade und Gunst wie Kraft
und Stärke, wenn er sich dem Volk Israel als Weiser im himmlischen
Lehrhaus wie als jugendlicher Kriegsheld offenbart, wenn er sowohl
gnädig und barmherzig als auch eifersüchtig und zornig, wie kann dann
jemand auf den Gedanken kommen, dass seine Tora, deren Buchstaben sich
zu seinem heiligen Namen fügen, ruhig und still dahin fliessen müsse,
dass sie einen kontinuierlichen, in sich widerspruchsfreien Text bilden
müsse ...? Die Welt ist voller Widersprüche wie ein Granatapfel voller
Kerne, nur die Tora, der Bauplan der Welt, soll harmonisch und
einheitlich sein, so wie es der Vorstellungskraft von kleinen Kindern
entspricht?
...
Bevor wir uns über die göttlichen Eigenschaften wundern, wie sie durch
die wissenschaftlich-exegetischen Resultate zutage treten, gilt es
daher, sich in die Eigenschaften selbst zu vertiefen und sie
anzuschauen. ... Eine Schöpfung, die von der göttlichen Eigenschaft
der Gerechtigkeit zehrt - wie ist sie auf eine einfache Weise in
Einklang zu bringen mit einer Schöpfung in den Dimensionen der
Barmherzigkeit? ... Was hat der Mensch, der in die natürliche Welt
gesetzt ist, um sie sich untertan zu machen und zu beherrschen, mit
demjenigen zu tun, der im Garten Eden lebt, angesichts des Glanzes der
göttlichen Einwohnung? Ist es dann ein Wunder, dass die göttliche
Gerechtigkeit die Pflanze dem Menschen voranstellt, während nach der
göttlichen Barmherzigkeit zuerst der Mensch und dann die Pflanze
geschaffen wird?"
Mordechai Breuer, Glaube und wissenschaftliche Bibelauslegung, in: Judaica. Beiträge zum Verstehen des Judentums, 1/2005, S. 1-19.
16/2005
Kein neuer Text, aber wieder wichtig geworden bei der Arbeit an den Materialien zum Bibelsonntag 2005 mit dem Thema "Verheissung im Plural" zu Genesis 21.
Das gesellige Buch
1
Ein Buch?
Mehr noch: eine Bücherei!
66 verschiedene Bücher
von nicht nur 66 verschiedenen Autoren,
denn manch eines enthält
(nach Art der hölzernen Babuschkas)
in sich wiederum
drei, vier kleinere Bücher verschiedener Autoren.
2
Nicht zu vergessen
die namenlosen Scharen
späterer Bearbeiter, Ergänzer, Verknüpfer,
der fromme Fleiss
ihrer minutiösen Text-Finissage
während rund eines Jahrtausends
jüdisch-urchristlicher Geschichte.
3
Allmählich entstand so: ein Bücherbuch vieler
Stimmen,
die nacheinander,
nebeneinander,
durcheinander,
gegeneinander,
miteinander
reden, singen, murmeln, beten.
Dissonanzen? Jede Menge.
Widersprüche? Noch und noch.
Kein ausgeklügelt Buch.
Hundert-Stimmen-Strom
(selbst Schriftgelehrte ermessen ihn nicht) -
wohin will er tragen?
Über Schwellen, Klippen, Katarakte
heimzu, heilzu (hoff ich).
4
Merklich oder unmerklich nämlich
strömen die verscheidenartigen
die verschiedenzeitlichen Stimmen
denn doch
und stets wieder
zu EINER stimme zusammen:
"Das Wunder dieses Zusammenfliessens
ist grösser als das Wunder
eines einzigen Autors."
(Emmanuel Levinas)
5
Viel-Stimmen-Buch also,
geselliges Buch
(geselligstes der Weltliteratur):
in ihm wird
die EINE,
die verlässliche Stimme
der geselligen Gottheit laut."
Kurt Marti, Die gesellige Gottheit. Ein Diskurs, Radiusverlag 1989, S. 10-12.
14/15/2005
Ein Traum von einem Lehrer
"Gott ist ein Mathematiklehrer, der seinen Schülern eine schwierige Aufgabe stellt und dann den Klassenraum verlässt. Alle rechnen und rechnen. Die Aufgabe scheint sich nicht lösen zu lassen. einige werden misstrauisch und sagen: Die Aufgabe ist unlösbar. Der Mathematiklehrer war boshaft. Anderen dämmert es, dass sie mit den bekannten Formeln nicht auskommen. Sie müssen neue Formeln entwickeln. Zu ihnen gehören auch die Schüler, die sich nicht vorstellen können, dass es einen boshaften Lehrer geben könne. Sie halten an dem Glauben fest: der Lehrer hat uns eine Aufgabe gegeben und uns zugetraut, sie zu lösen. Er hat uns mehr zugetraut, als wir uns selbst zutrauen. Er wil, dass wir neue Wege gehen. So sollen wir auch sagen: Gott ist kompliziert, aber nicht boshaft. Er hat uns eine schwere Aufgabe gestellt, aber sie ist nicht prinzipiell unlösbar. Wir müssen auf neuen Wegen die Lösung suchen und neu bestimmen, was überhaupt eine Lösung ist."
Gerd Theissen, Vom wiedergefundenen Paradies. Meditative Texte, Kreuzverlag 2005, S. 30. Siehe auch Buch des Monats April
12/13/2005
Entdeckt bei der Zeitungslektüre vor Ostern.
"Sie hat sich ja nicht von Anfang an entschieden, ein Opfer für die Menschheit zu bringen. Je mehr sie aber mitbekam, dass Menschen an der Front fielen und Deutschland keine Chance hatte, umso mehr wuchs sie in ihren Gedanken. Durch die Verhaftung war sie gezwungen, sich ihre Position klarer zu machen. Das hat sie Kraft und Überwindung gekostet, und das wollte ich zeigen. Damit sie nicht so weghebt. Sondern dass mans auf sich beziehen und Fragen stellen kann."
Julia Jentsch über ihre Rolle als Sophie Scholl im gleichnamigen Kinofilm, Tagesanzeiger vom 16.3.2005, S. 61.
"Dann ist Mandela gekommen und für uns ins Gefängnis gegangen."
Neliswa, genannt Sonja, schwarze Hausangestellte in Kapstadt, zitiert nach Christine D'anna-Hubr, Ganz bescheidene Träume aus Backstein, Tagesanzeiger vom 16.3.2005, S. 9.
11/2005
Nicht ganz tot werden, um wiederzukommen. Kindergedanken zu Ostern.
"Gespräch
Der Hund hatte ein Meerschweinchen gejagt und totgebissen. Festgehalten auf Papier vom Vater von Alwin (sechseinhalb) und Almuth (viereinhalb), Reinhard Falter
Alwin: Das müssen wir in die Erde tun.
Vater: Sollen wir es nun nicht gleich dem Hund zum Fressen geben?
Alwin: Nein, im Bauch vom Hund ist kein schöner Platz für das
Meerschweinchen. Es muss in die Erde getan werden.
Vater: Warum?
Damit wieder ein Meerschweinchen daraus wird.
Vater: Und was wird sonst daraus?
Alwin: Ja, sonst wird ein Hund daraus.
Almuth: Ja genau, weil wenn man von einem Auto überfahren wird, dann
muss man auch ein Auto werden.
Vater: Also tun wir das Meerschweinchen begraben.
Almuth: Ja, weil im Bauch vom Hund ist kein schöner Platz, da werden
sie ja ganz tot, so dass sie nicht wiederkommen können."
zitiert nach: Sich dem Leben in die Arme werfen. Auferstehungserfahrungen, hrsg. von Luzia Sutter Rehmann, Sabine Bieberstein und Ulrike Metternich Gütersloh 2002, S. 73.
10/2005
"Pilgerwege sind offen für alle Menschen und geben dem Wunder eine Chance ... Gläubige aller Zeiten, Gottsucher und Zweifler haben erfahren, dass das Unterwegssein zur Gotteserfahrung werden kann., überwältigend und aufregend oder still und unspektakulär .. Es ist wunderbar, dass die heiligen Wege jeden einladen, ohne ein religiöses Motiv vorauszusetzen. Robert Ward stellt sich trotzdem die Frage, wie er als Atheist sein Pilgerverhalten rechtfertigen soll, und schreibt dazu: "Ich kann nur sagen, dass ich, solange ich mich erinnern kann, immer meine Nase an das Fenster des Glaubens gedrückt und versucht habe, einen Blick darauf zu erhaschen, was da drinnen vor sich geht. Ich bin von der Religion fasziniert, wie man von etwas fasziniert ist, was man nicht hat." Auch der gläubige Mensch drückt seine Nase manchmal sehnsuchtsvoll gegen die Fenster des Glaubens. Besitzen und Festhalten kann auch er nichts. Es ist ein Suchen, ein neues Aufbrechen, ein Fragen. Religion ist eben kein unverlierbarer Besitz, sondern eine Geschichte des Menschen mit Gott und der Menschen untereinander. Vermutlich kommen wir dieser bewegten Geschichte beim Pilgern besonders nahe."
Angelika Daiker, Die Nase am Fenster des Glaubens, in: Bibel heute 161 1/2005, S. 16.
09/2005
In dieser Woche muss das Zitat der Woche leider entfallen.
08/2005
"Aus unserer Sicht ist Bibliodrama eine Form gemeinsamen pastoralen Handelns. Warum? Hier begeben sich Menschen gemeinsam in eine Spielsituation, die vom Geheimnis Gottes durchdrungen ist. Das Spezielle am Bibliodrama besteht darin, dass diejenigen, die daran teilnehmen, anhand des Textes als Glaubende miteinander in Beziehung kommen sollen. Sinn dieser Beziehung ist es, die verschiedenen Situationen unseres Alltagslebens im Licht des Geheimnisses miteinander zu verbinden."
Hermann Andriessen /Nicolaas Derksen / Maria Nolet, Ist Gott wirklich in unserer Mitte? Erfahrungen im Bibliodrama, zitiert nach Claudia Mennen, Bibliodrama und Seelsorge in: Schweizerische Katholische Kirchenzeitung SKZ 5/2005, S. 88.
07/2005
"Lernt Kinder, habt keine Angst,
jeder Anfang ist schwer.
Glücklich ist, wer Thora gelernt hat.
Ob der Mensch noch mehr zum Leben braucht?
Wenn ihr, Kinder, älter werdet,
erst dann werdet ihr verstehen,
wie viel Tränen in diesen Buchstaben aufgehoben sind
und wie viel Weinen."
Aus dem Lied "Oifn Pripetschick brent a Fajerl" von Mark Warschawsky (1848-1907), einem jüdischen Dichter und Komponisten aus Minsk über das Lernen der hebräischen Buchstaben, mit denen die Tora geschrieben ist. Zitiert nach Thomas Bruinier, Heilige Schrift und jüdische Frömmigkeit. Medienbeitrag in: forum religion 4/2000, S. 8.
06/2005
Bemerkungen zum Thema Berufung
"Wie kommt nun also in der Ruterzählung das Thema Berufung vor? ...Wenn man von einer Berufung der Rut sprechen will, so muss man sich sich die erste Szene der Erzählung ansehen. Da sehen wir Noomi und die beiden moabitischen Schwiegertöchter auf dem Weg von Moab nach Judäa. Noomi fordert die Schwiegertöchter auf, umzukehren und zurückzugehen ...In dieser Situation entscheidet sich die eine Schweigertochter für die Rückkehr in die Heimat, die andere für den Aufbruch ins Ungewisse, in ein fremdes Land. Die Entscheidung der einen Schwiegertochter, Orpa, für die Rückkehr, wird dabei in der Erzählung nicht negativ gewertet. Es ist kein Fehler und keine Versagen von ihr, dass sie in ihre Heimat Moab zurückgeht. Das ist ganz wichtig. Denn die Entscheidung der Rut, bei Noomi zu bleiben, ist nicht eine Frage einer moralisch richtigen oder falschen Entscheidung, keine Frage von gut oder böse. Sondern es ist eine Frage der persönlichen Lebensentscheidung ... Wir erfahren nicht darüber, was Rut dabei denkt und fühlt. Wir erfahren nicht, was sie dazu bewegt. Die Erzählung verliert darüber kein Wort. wir erhalten aber im Nachhinein eine Deutung dieser Entscheidung. Als Rut Boas auf de Feld trifft, unterhalten sich die beiden. Boas sagt, dass er gehört hat, was Rut getan hat. Er sagt: Du hast deinen Vater und deine Muter und dein Geburtsland verlassen und bist zu deinem Volk gegangen, das du zuvor nicht kanntest (Rut 2,11). Er hat also von der freiwilligen Bindung der Rut an Noomi gehört und sieht die Entscheidung positiv. In seiner Formulierung klingt zugleich eine andere biblische Geschichte an, und das muss bibelkundigen Leserinnen und Lesern eigentlich den Atem verschlagen. Boas parallelisiert das Verhalten der Rut mit der Erzählung über Abraham im Buch Genesis. Von Abraham wird in Genesis 12 erzählt, dass Gott ihn aus seinem Land, aus seiner Verwandtschaft und aus seinem Vaterhaus herausruft und in ein Land schickt, das er ihm zeigen wird. Abraham wird gesegnet sein und ein Segen für die Völker werden. Abraham ist ein Urbild für Berufung, in seinem Gehorsam gegenüber dem Ruf Gottes gründet die ganze Geschichte Israels. In der Rede des Boas wird nun das Verhalten der Rut ohne weiteres mit diesem Modell in Verbindung gebracht. Diese einfach Frau, eine arme, ausländische Witwe, hat sich verhalten wie Abraham. Sie hat sich von dem Gott Israels aus ihren Bindungen an Heimat und Familie rufen lassen auf einen Weg ins Ungewisse. Wie Gott durch Abraham Segen für die Völker wirken will, so wirkt er durch die Ausländerin Rut Segen für Israel. Rut wird zur Ahnfrau Davids, so erzählt das Rutbuch. In ihrer Nachkommenschaft wird Segen für Israel und die Völker gewirkt."
Ruth Scoralick, Aufbrechen ins Ungewisse in: Schweizerische Kirchenzeitung SKZ, 6/2005, S. 113-121.
05/2005
Worte
Worte sind reife Granatäpfel,
sie fallen zur Erde
und öffnen sich.
Es wird alles Innre nach aussen gekehrt,
die Frucht stellt ihr Geheimnis bloss
und zeigt ihren Samen,
ein neues Geheimnis
Hilde Domin
zitiert nach einer TKL-Arbeit vom Januar 2005 zu Genesis 16: Hagar und El-Roi, der Gott, der nach mir schaut. Die Bedeutung Hagars und ihre Verheissung.
4/2005
Mich beschäftigt der merkwürdige Widerspruch, dass wir zur gleichen Zeit Rekordsummen für die Flutopfer in Südasien spenden und Flüchtlinge in der Schweiz aus ihren Unterkünften vertreiben. Eine Erklärung dafür liefert der deutsche Autor Christoph Hein unter vielleicht schockierender Verwendung der Bibel... (Peter Zürn)
"Nein, wir sind nicht ausländerfeindlich. Wir haben keine Angst
vor eurer Hautfarbe oder Religion, und eure fremde Kultur achten wir und
interessieren uns sehr für sie. Aber wir hassen die Armut. Und es ist
leider wahr, dass viele von euch besonders arm sind. Wir fürchten uns
vor eurer Armut, weil sie uns ängstigt. Wir fürchten den Bazillus
eurer Armut, wir fürchten, uns anzustecken. Wir haben eine panische
Angst davor zu verarmen ... Es ist keine Ausländerfeindlichkeit die uns
zur Gewalt gegen euch treibt, es ist unser Hass gegen die Armut. Wir
wollen unseren durchaus bescheidenen Wohlstand behalten und müssen ihn
gegen euch verteidigen. Ihr habt - ohne es zu wissen - den Krieg
begonnen ... Wir haben Mitleid mit eurer Armut. Die Bilder aus euren
Ländern erschrecken uns zutiefst, und es zerreisst uns das Herz, euer
entsetzliches Elend sehen zu müssen. Nennt uns nicht zynisch. Wir sind
voller Mitleid, aber wir müssen unsere Welt verteidigen. Wir müssen
unsere Wohnungen, die euch wie Paläste erscheinen, gegen euch
verbarrikadieren. Denn wenn wir diesen Kampf, diesen Krieg, den ihr
begonnen habt, verlieren, werden unsere Städte zu Slums. Unsere Welt
wird, wenn sie sich mit eurer Welt vermischt, untergehen. Unser Reichtum
wird wie ein Eimer Wasser in dem Ozean eures Elends spurlos verschwinden
...
Wer in einem Viehstall zur Welt kommt und statt in eine Wiege in eine
Futterkrippe gelegt wird, den kreuzigen wir nur deshalb, weil wir uns
davor fürchten, unsere Kinder in einem Viehstall zur Welt bringen zu
müssen ... Denn unser Gott sagt uns: Was immer ihr einem dieser meiner
geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Und so werden wir
seinem Gebot folgen und, was wir unserem Gott antaten, auch euch antun.
Denn die Geringsten sind in unserer Welt und nach unserer Moral und nach
unserem Glauben jene, die kein Geld haben."
Christoph Hein, Eure Freiheit ist unser Auftrag. Ein Brief an (fast alle) Ausländer - wider das Gerde vom Fremdenhass der Deutschen, in: ders., Aber der Narr will nicht. Essais. Suhrkamp 2004.
3/2005
"In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen."
Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen zitiert nach: Klara Butting, Die Buchstaben werden sich noch wundern. Innerbiblische Kritik als Wegweisung feministischer Hermeneutik, Erev-Rav 2003, S. 176
02/2005
"Das Bild, das der Koran von Jesus entwarf, war zweifellos für manche Christen attraktiv: Die koranische Vorstellung von Jesus war deutlich und leicht verständlich - und viele konnten den Eindruck erhalten, das die Christologie durch Muhammad wieder auf die ursprüngliche, einfache Form zurückgeführt wurde, was Muhammad ja für die Religion insgesamt beanspruchte. Zudem traf diese Verkündigung auf eine Christenheit, die wegen christologischer und anderer Fragen tief zerstritten war ... Dies alles führte dazu, dass die islamischen Eroberer in manchen Regionen der Bevölkerung ... durchaus willkommen waren ... Diejenigen, die den Schritt zum Islam vollzogen, konnten ich darauf berufen, dass die koranische Deutung Jesu an Lehren anknüpfte, die im Christentum vor ihrer Ablehnung zumindest diskutiert worden waren. Sie konnten ausserdem feststellen, dass der Islam Jesus ähnlich zum Vorläufer der eigenen Religion machten, wie es das Christentum mit dem Täufer Johannes gemacht hatte."
Georg Röwekamp, "Für wen aber haltet ihr mich?" Die
christologischen Streitigkeiten der frühen Kirchen und ihr Einfluss auf
die Begegnung von Islam und Christentum, in Welt und Umwelt der Bibel
2/2005, Von Jesus zu Muhammad. Die Ausbreitung des arabisch-islamischen
Reiches, S. 17.
Die Zeitschrift erscheint im März und kann bei der BPA bestellt werden:
info@bibelwerk.ch
01/2005
Anlässlich der palästinensischen Präsidentschaftswahlen am 9.1.2005
"Es gibt schon in der Bibel Stimmen, die neben Israel in Kanaan/Palästina Platz für andere Nachkommen Abrahams lassen, und die sich ein friedliches Miteinander seiner verschiedenen Nachkommenschaft vorstellen können. Vielleicht ist es an der Zeit, dass diese Stimmen einmal gehört werden?"
Dr. Ernst Axel Knauf, Der Umfang des verheissenen Landes nach dem Ersten Testament, in: Bibel und Kirche 3/2000, S. 155.
52/2004
endlich Weihnacht
"Den neuen Tag begrüssen
mit lautem Schall
Gegen die Nacht anblasen
mit aller Kraft
Hoffentlich erstickt er nicht
der Schall der Hörner
im höllischen Lärm
des schnaubenden Tiers aus dem Meer
Hoffentlich bricht sie nicht
die Kraft der Menschen
im eisigen Gegenwind
der alles bestimmenden Mächte auf Erden
Wo Menschen es schaffen
der Nacht zu trotzen
da strahlt auf das Licht
und der Tag setzt sich durch
Oh göttliches Wunder
wenn solches gelänge
wen schwände das Dunkel
und schmölze das Eis
Die Musik wär gerettet
die Mächte entthront
der Himmel taghell
die Menschen erlöst
- und die Nacht endlich Weihnacht"
Felix Senn in: Kurszeitung theologiekurse.ch Nr. 2, Dezember 2004, s.
16
nach dem Bild Der neue Tag von Ernst Bärlach
siehe auch Buchtipp des Monats Dezember
51/2004
Die Bedeutung von LeserInnen für die Bibel(wissenschaft)
"Seit den Anfängen historisch-kritischer Forschung bezog sich die Exegese allein auf die Bibel als Sammlung antiker Texte und klammerte damit einen wesentlichen Teil der Realität ihres Forschungsgegenstands - die Bibel als zu jeder Zeit jeweils aktuelles Glaubensbuch - aus ihrem Forschungsinteresse aus. Mit auf die heutigen LeserInnen biblischer Texte bezogenen empirischen Untersuchungen käme nun die Existenzweise der Bibel als heutiges Glaubens- und Lebensbuch ins Blickfeld exegetischer Forschung ... Damit verändert sich das Verhältnis zwischen exegetischer Forschung und bibellesender Praxis: Nicht als Vermittlung und Anwendung von Resultaten exegetischer Forschung kommt die Praxis in den Blick, sondern umgekehrt wird das "Glaubensbuch" in Gestalt der von ihm angestossenen Praxen Teil der zu erforschenden Realität der Bibel. Der Gedanke, die Bibel somit nicht mehr allein als eine zuhandene Schriftensammlung zu erforschen, nicht mehr nur ihren Text schwarz auf weiss als ein zu untersuchendes Gegenüber vor sich zu haben, sondern stattdessen etwa Menschen über ihr Verständnis eines biblischen Textes zu befragen und darin gar eine Realität eben dieses Textes zu sehen, it für die Exegese höchst gewöhnungsbedürftig. Denkbar wird er aber im Zusammenhang der Einsicht, dass ein Gutteil eines Textes und seines "Sinns" wesentlich erst im Leseprozess und damit im Leser, in der Leserin selbst entsteht."
Sonja A. Strube, Den "garstig breiten Graben überwinden. Plädoyer für ein erweitertes Selbstverständnis der Exegese - ein Diskussionsanstoss, in: Orientierung 68 2004, S. 244.
50/2004
Die Vorbereitungsgruppe für die Werkstatt Bibel Band 10 hat am 2.12. eine Bibelarbeit unter dem Thema „Das ewige Wort“ erprobt. Die biblischen Texte stammten aus Ex 32 und 34 (Weisungen Gottes auf den steinernen Tafeln) und aus Jes 40 („Tröstet, tröstet mein Volk...). Zum Abschluss verfassten die TeilnehmerInnen Haikus (japanische Dreizeiler mit 5,7,5 Silben pro Zeile) über das, was ihnen wichtig geworden war. Hier sind einige davon:
Die Tafeln aus Stein
Zerbrochen liegen sie da
Die Worte leben
In Stein gemeiselt
Findet keinen Weg zu dir
Lies das Wort Freiheit
Zehn Worte,
nicht elf
Begrenzung im
Raum des Worts
Daraus wächst
Freiheit
Geheimnis im
Wort
Überliefert
von Menschen
Kann
vergessen gehen
Das ewige
Wort
Durch
Schrift, Musik, durch Menschen
Wird mich
begleiten
Ein Wort wie
Berge
Mit klarem
Profil, auch schroff
Kein Gut auf
dem Markt
Was heisst
schon ewig?
Auch hier und
jetzt ist doch gut!
Also Ohren
auf!
Gott: ich
liebe dich
Gott: Du,
Mensch, bist mir ähnlich
Gott sei Dank. Amen.
49/2004
Biblisch gut begründet
"Weihnachten - Da kommst du auf die Welt"
Leitmotiv der Advents- und Weihnachtsgottesdienste 2004 im Kantonsspital Baden AG
48/2004
Meditation zu 1Thess 5,1-11: "wie ein Dieb in der Nacht"
Jemand muss zu Hause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt.
Jemand muss nach dir Ausschau halten
Tag und Naht.
Wer weiss denn, wann du kommst?
Herr, jemand muss dich kommen sehen
durch die Gitter seines Hauses
durch die Gitter -
durch die Gitter deiner Worte, deiner Werke
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute in der Welt.
Jemand muss wachen unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden, Herr,
du kommst ja doch in der Nacht wie ein Dieb.
Wachen ist unser Dienst. Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draussen herum,
und nachts ist sie auch nicht zu Hause.
Denkt sie daran, dass du kommst?
Dass du ihr Herr bist und sicher kommst?
Herr,
jemand muss dich aushalten,
dich ertragen, ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten
und trotzdem singen.
Dein Leiden, deinen Tod mit aushalten
und daraus leben.
Das muss immer jemand tun mit allen anderen
und für sie...
aus: Silja Walter, Das Kloster am Rande der Stadt, gefunden in der Bibelarbeit im November 2004, einem monatlichen Angebot des Bistums Münster in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Bibelwerk unter: http://www.kirchensite.de/index.php?menuid=290&cat_id=8168
47/2004
Ein Märchen?
Es war einmal ein König. Alle sagten, er sei ein guter König, und er selbst wollte auch ein guter König sein. Keine Handbreit wich ab er von seinem Weg, nicht nach rechts und nicht nach links. Weil er ein guter König war, kümmerte er sich wirklich auch um alles. Und so konnte es ihm nicht verborgen bleiben, dass der Tempel seines Landes schon etwas heruntergekommen aussah. Das machte ihn traurig und er überlegte, was zu tun sei. Geld hatte er nämlich keines.
Er wusste aber, dass die Priester welches hatten, viel Geld sogar, welches das Volk dem Tempel gespendet hatte. Also befahl er den Priestern, das Geld für die Renovierung des Tempels zu verwenden. Und so geschah es.
Eines Tages kam sein Staatssekretär ganz aufgeregt zu ihm mit einem Buch in der Hand. Die Priester hätten es bei der Renovierung entdeckt. Und der König lies sich das Buch vorlesen, von der ersten bis zur letzten Seite. Und er erbleichte immer mehr. Als das Buch fertig gelesen war, rief er aus: „Wir haben alles falsch gemacht! So kann es nicht weitergehen! Ganz bestimmt rächt sich das!“
Und um sicher zu gehen, dass er das Buch nicht missverstanden habe, liess er zu einer Frau schicken, einer Prophetin. Es war, wie er befürchtet hatte. Die Prophetin sprach vom Untergang seines Reiches, wenn auch nicht zu seinen Lebzeiten.
Der König liess sich trotzdem nicht beirren. Er warf das Ruder herum, und kümmerte sich nicht mehr nur um das prächtige Aussehen seines Tempels, sondern auch darum, was im Tempel gelehrt wurde, woran die Leute glauben konnten und was ihnen wirklich Zukunft und Hoffnung gäbe. Die Leute hatten nämlich inzwischen an alles mögliche geglaubt, nur nicht mehr an Gott.
Diese Geschichte ist kein Märchen, sondern erinnert an eine wahre Begebenheit. Wir wissen davon, weil sie uns – Sie haben es sich bestimmt schon gedacht – in der Bibel überliefert ist. Es ist eine Geschichte, die aufgeschrieben wurde, damit Spätere etwas daraus lernen sollten. Sie ist ziemlich schlecht ausgegangen. Wer nämlich zu spät kommt, den bestraft bekanntlich die Geschichte.
Aber diese Geschichte erzählt gleichzeitig davon, wie es im Idealfall gelingen könnte. Es war nämlich nicht irgendein Buch, das dort im Tempel gefunden wurde, sondern eine Vorform der Bibel. Und das bringt mich zu einer Vision:
· Ich träume von Menschen in der Führung, die sensibel dafür sind, wenn ein Gebäude brüchig geworden ist.
· Ich träume von Priestern, die die Gaben des Volkes ernst nehmen und dafür einsetzen, wofür sie eigentlich gedacht sind; die noch Neuentdeckungen machen können, auch wenn diese schon ziemlich alt scheinen. Mitten in der Restauration kann sich das Wort Gottes Bahn brechen, wenn es gehört wird.
· Und ich träume von Männern, die nicht alles gleich besser wissen, auch wenn sie Könige oder Priester sind, sondern auf die prophetische Stimme der Frauen hören.
· So könnte sich etwas ändern.
P.S. Wenn Sie die Geschichte in Ihrer Bibel nachlesen wollen: 2 Könige 22 – ganz einfach zu merken 2. Buch der Könige, Kapitel 22 – 3mal die 2.
Grussadresse von Dieter Bauer, Leiter der BPA anlässlich des Jubiläumsfestes „50 Jahre Theologie für Laien“ am 06. November 200446/2004
Die aufgeschlagene Bibel/zum Bibelsonntag 2005
Die Bibel wurde und wird immer wieder gelesen, allein oder in Gemeinschaft. Man würde dem Sinn der biblischen Texte nicht gerecht, wenn man den Kontext und die Epoche ausser acht lassen würde. Auch wenn es heisst, dass der Glaube "Berge versetzt", ruft uns die Bibel doch eher dazu auf, uns persönlich zu engagieren, als ein Wunder des Himmels zu erflehen ...Beim gemeinsamen Lesen unter Gläubigen kann es immer wieder zur Vertiefung der Texte und zur unverhofften Entdeckung ihres Reichtums kommen ... Nebst der Tradition, die uns den Glauben von zwanzig Jahrhunderten gelebten Christentums übermittelt, kommt die Christin/der Christ und kommen die christlichen Gemeinschaften immer wieder auf die allererste Quelle, die Bibel, zurück. Die biblische Botschaft bildet die Grundlage; ihr Reichtum ist nicht auszuschöpfen, und sie verlangt nach einer immer wieder neuen Lektüre im verschiedenen Kontext der Kulturen und der Zeiten. "Das Wort Gottes ist nicht in der Bibel, es ist zwischen der Bibel und der Leserin/dem Leser" (Christian Bernard Amphoux).
Jacques Gaillot, Alice Gombault, Pierre de Locht, Ein Katechismus der Freiheit atmet, Edition K. Haller, Küsnacht Schweiz 2004, s. 97f.
45/2004
Bibelarbeit in der Schule
"Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ein ganzer Text eine Klasse zum Schweigen bringt, ein einzelner Satz aber zum Reden. Ein längerer Text schafft offenbar erst einmal Distanz, ein einfacher Satz dagegen eine Nähe, der ich mich gar nicht entziehen kann."
Ingo Baldermann, Kinder entdecken sich selbst in den Psalmen, Bibel und Liturgie 3/2004, S. 195.
44/2004
wie die Bibel entstanden ist...
Ich verstehe Tora sowohl im engeren Sinn als die fünf Bücher Mose als auch im weiteren Sinn als jüdische Lehre, als teilweise Aufzeichnung des Ringens um Gott eines Teils des jüdischen Volkes. Immer wieder fühlte sich das jüdische Volk im Laufe seiner Existenz von einer Macht gerufen und ihr gegenüber verantwortlich, die es nicht selbst gemacht hat, die sein Schicksal zu lenken und seinem Leben Sinn zu geben schien. Sowohl in gewöhnlichen wie in aussergewöhnlichen Augenblicken sah es sich von einer Wirklichkeit geführt, die es vorwärtstrieb und trug und der gegenüber Dankbarkeit und Gehorsam die einzigen passenden Antworten zu sein schienen. Der Ausdruck "Ringen um Gott" scheint mir passend, um die schriftlichen Überbleibsel dieser Erfahrungen zu beschreiben, denn ich stelle sie mir nicht à la Cecil B. de Mille als das Dröhnen einer klaren (männlichen) Stimme vor oder als das Aufblitzen von Feuerzungen, öffentlich sichtbar, öffentlich nachprüfbar - Erfahrungen, die nur niedergeschrieben zu werden brauchten. Ich stelle sie mir vor als Augenblicke tiefer Erfahrung, manchmal Augenblicke der Erleuchtung, aber auch des Geheimnisses; Augenblicken, in denen jene, die Augen hatten zu sehen, die Bedeutung von Ereignissen verstanden, die alle erlebt hatten. Solche Augenblicke können schwer errungene sein oder sie können plötzliche Erfahrungen von Klarheit oder Gegenwärtigkeit sein, die unerwartet als wertvolle Geschenke kommen. Aber sie mussten interpretiert und angewendet werden, es musste mit ihnen gerungen und über sie gerätselt werden, sie mussten weitergegeben und gelebt werden, bevor sie uns Tora Gottes werden konnten."
Judith Plaskow, Und wieder stehen wir am Sinai. Eine jüdisch-feministische Theologie, Edition Exodus Luzern 1992, S. 59f. (Hervorhebung von PZ)
43/2004
Wenn der Grossrabbi Israel Baalschemtow sah, dass dem
jüdischen Volk Unheil drohte, zog er sich für gewöhnlich an einen
bestimmten Ort im Walde zurück; dort zündete er ein Feuer an, sprach
ein bestimmtes Gebet und das Wunder geschah: Das Unheil war
gebannt.
Später, als sein Schüler, der berühmte Maggid von Mesritsch, aus den
gleichen Gründen im Himmel vorstellig werden sollte, begab er sich an
denselben Ort im Wald und sagte: Herr des Weltalls, leih mir dein Ohr.
Ich weiss zwar nicht, wie man ein Feuer entzündet, doch ich bin noch
imstande, das Gebet zu sprechen. Und das Wunder geschah.
Später ging auch der Rabbi Mosche-Leib von Sasow, um sein Volk zu
retten, in den Wald und sagte: Ich weiss nicht, wie man Feuer
entzündet, ich kenne auch das Gebet nicht, ich finde aber wenigstens
den Ort und das sollte genügen. Und es genügte: wiederum geschah das
Wunder.
Dann kam der Rabbi Israel von Riszin an die Reihe, um die Bedrohung zu
vereiteln. Er sass im Sessel, legte seinen Kopf in beide Hände und
sagte zu Gott: Ich bin unfähig, das Feuer zu entzünden, ich kenne
nicht das Gebet, ich vermag nicht einmal den Ort im Wald wiederzufinden.
Alles was ich tun kann, ist diese Geschichte zu erzählen. Das sollte
genügen ... und es genügte."
Elie Wiesel, Die Pforten des Waldes, München 1965, S. 5
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